13. September 2026
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978-3565739424
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Auf den ersten Blick sieht alles nach einem Irrtum aus, auch die Eltern sehen keinen Grund zur Beunruhigung. Trotzdem sind Aurelia und Ida überzeugt, dass irgendjemand auf dem Campingplatz herumschleicht und auf eine Gelegenheit wartet, einen Wohnwagen auszuplündern. Aber sie wissen nicht, wer, und vor allem haben sie keine Beweise. Notgedrungen ermitteln sie auf eigene Faust, doch die Gegenseite ist nicht zu unterschätzen …
Es war der Freitag der ersten Ferienwoche, und die Uhr am Armaturenbrett des Wohnmobils zeigte kurz vor neun abends. Aurelia konnte von ihrem Platz am Tisch auch das Navi sehen, nur noch ein paar Kilometer bis zum Campingplatz an der Ostsee. Alles ziemlich genau so, wie sie es vorher geplant hatten: Die Eltern hatten im Lauf der Woche vorgearbeitet, um an diesem Tag etwas früher Feierabend machen zu können, das Wohnmobil war so weit wie möglich schon am Vortag beladen worden.
„Noch zehn Minuten“, sagte Aurelia zu ihrem kleinen Bruder, der neben ihr saß. Weil er den Fensterplatz hatte, war ihm der Blick aufs Navi versperrt, aber er hätte es ohnehin nicht lesen können. Julius war noch nicht ganz sechs und würde nach den Ferien in die Grundschule kommen. Ein paar Buchstaben kannte er schon, aber nicht genug, um die Orts- und Straßennamen auf dem Display zu entziffern, zumal sich die Anzeige ja ständig änderte. Aurelia würde während der Zeit an der Ostsee zwölf werden; sie hatte gerade das zweite Jahr am Gymnasium hinter sich.
Sie hatten die Autobahn hinter sich gelassen und näherten sich auf Landstraßen dem Ort, zu dem der Campingplatz gehörte. Aurelia hatte den Namen schon auf Wegweisern am Straßenrand entdeckt, der Campingplatz war aber noch außerhalb des Kartenausschnitts, den das Navi gerade anzeigte.
Es wurde Zeit, dass sie ankamen, Aurelia merkte, dass Julius unruhig zu werden begann. Das war zum Teil natürlich Aufregung, aber wahrscheinlich musste er auch. Sie hatten Pausen gemacht unterwegs, das verstand sich von selbst, aber die letzte lag schon wieder eine Weile zurück.
An einem Rastplatz würden sie jetzt nicht mehr vorbeikommen. Aurelias Mutter, die die letzte Etappe am Steuer übernommen hatte, hätte höchstens am Straßenrand halten können, damit Julius die Toilette im Wohnmobil hätte benutzen können. Das würde sie aber wenn irgend möglich vermeiden, weil die Reinigung des Abwasserbehälters ziemlich aufwändig war. Aurelia fand die Nasszelle auch nicht sehr bequem, einfach viel zu eng.
***
Julius hielt durch, aber als sie den Campingplatz erreichten, machte seine Mutter sich mit ihm als Erstes auf den Weg zur Toilette. Der Vater kümmerte sich um die Anmeldung an der Rezeption, und Aurelia nutzte die Gelegenheit, sich ein erstes Bild davon zu machen, was wo war. Sie war schon einmal hier gewesen, aber das war lange her; damals war sie so alt gewesen wie Julius jetzt, und an allzu viel konnte sie sich nicht mehr erinnern. Außerdem konnte sich in der Zwischenzeit ja auch das eine oder andere verändert haben.
Alles, was wichtig war, befand sich direkt an der Hauptzufahrt: die Rezeption natürlich, ein Restaurant mit Terrasse, ein Automatenkiosk, an dem man rund um die Uhr Lebensmittel, Getränke, Zahnpasta, Duschgel, Sonnenmilch und ein paar andere Dinge kaufen konnte, ein Fahrradverleih, der aber um diese Uhrzeit schon geschlossen war, und ein Flachbau mit Toiletten und Duschen, aber auch Spülbecken und Waschmaschinen.
Etwas abseits entdeckte Aurelia auch einen Spielplatz. Schaukeln und Rutschen waren für sie nicht mehr interessant, aber es gab dort auch Tischtennisplatten. Vielleicht würde sie ja andere Kinder in ihrem Alter finden, die Lust hatten, eine Runde zu spielen. Das war natürlich eher etwas für abends, tagsüber würde sie wahrscheinlich meistens am Strand sein, solange das Wetter mitspielte.
Bis ihr Vater die Formalitäten erledigt hatte, waren ihre Mutter und Julius auch von der Toilette zurück. Julius sah den Spielplatz und wollte sofort hin, obwohl es schon dämmerte. Es war ein gutes Stück nach dem Sandmännchen für ihn, aber noch hielten Aufregung und Neugier die Müdigkeit in Schach. Die Eltern wechselten einen Blick und entschieden, dass eine Viertelstunde oder zwanzig Minuten Toben nicht schaden konnten. Vermutlich würde er dann besser schlafen, als wenn sie ihn so schnell wie möglich ins Bett schickten. Außerdem würden sie ohnehin etwas Zeit brauchen, um das Wohnmobil auf den Stellplatz zu manövrieren, den Strom anzuschließen und was sonst eben so anfiel nach der Ankunft. Auch das würde einfacher gehen, wenn Julius aufgeräumt war.
Aurelia ahnte, was kommen würde, und tatsächlich bat ihre Mutter sie, mit Julius zum Spielplatz zu gehen. „Okay“, sagte sie. „Aber nicht zu lange, ich muss ja mein Zelt aufbauen.“
***
Um ihr Zelt hatte Aurelia eine Weile gekämpft. Sie liebte die Urlaube mit dem Wohnmobil und das Leben auf dem Campingplatz, aber auf den wenigen Quadratmetern war es eben auch schwer, für eine Weile seine Ruhe zu haben. Nicht dass sie sich schlecht verstanden hätte mit den Eltern, und auch mit Julius gab es nicht mehr Zoff als unter Geschwistern allgemein üblich. Doch manchmal brauchte sie eine Auszeit, das war einfach so. Im Wohnmobil gab es zwei Betten übereinander im Heck und ein Doppelbett im Alkoven über Fahrer- und Beifahrersitz. Alle ließen sich nur mit einem Vorhang vom Rest des Innenraums trennen, der Licht und Geräusche kaum nennenswert filterte. Das bedeutete auch, dass Aurelia sich ruhig verhalten musste, wenn für Julius Schlafenszeit war, und dass sie umgekehrt kaum weiterschlafen konnte, wenn Julius morgens wach wurde. Sie war keine ausgemachte Langschläferin, aber wie viele Kinder in diesem Alter war Julius oft schon um sechs oder halb sieben wach. Das war ihr dann doch zu früh.
Schon vor dem Sommerurlaub im Vorjahr – da waren sie in der Normandie gewesen – hatte sie ihre Eltern gefragt, ob sie statt im Wohnmobil im Zelt schlafen durfte. Es war nicht so, dass ihre Eltern kein Verständnis dafür gehabt hätten, sie sahen die Einschränkungen und gestanden ihr zu, dass sie ein Recht auf Privatsphäre hatte. Auch die Kosten für den Kauf eines Zeltes und zusätzliche Gebühren, die auf einigen Zeltplätzen angefallen wären, wären kein Hindernis gewesen. Allerdings hatte ihre Mutter sich nicht so recht mit dem Gedanken anfreunden können, dass Aurelia außerhalb des Wohnmobils schlief. Sie hatte ihre Sorgen selbst nicht so genau in Worte fassen können, trotzdem hatte das ungute Bauchgefühl im letzten Jahr den Ausschlag gegeben.
Doch Aurelia hatte nicht aufgegeben, und ihr Vater hatte sie unterstützt. Dass ihre Mutter kein Risiko eingehen wollte, war verständlich, doch er hatte ihr Mut gemacht, und in diesem Jahr durfte Aurelia im Zelt schlafen. Im Frühjahr hatten sie gemeinsam geschaut, welche Art von Zelt infrage kam, und es früh genug gekauft, dass Aurelia das Aufbauen schon im Garten hatte üben können. Sie hatte sogar schon darin geschlafen, am letzten Wochenende vor den Sommerferien hatte sie ihre beiden besten Freundinnen zu einer kleinen Übernachtungsparty eingeladen.
***
Aurelias Vater hatte das Wohnmobil vorwärts auf die Parzelle gefahren, die ihnen zugewiesen war. Während Aurelia mit Julius am Spielplatz gewesen war, hatte er sich auch schon überlegt, wo das Zelt stehen könnte. Aurelia wusste, dass er sich nicht lange gesträubt hätte, wenn sie sich einen anderen Platz ausgesucht hätte, aber seine Idee war gut. Nur kurz überlegte sie, ob sie das Zelt lieber am Weg aufbauen sollte, mit ein paar Metern mehr Abstand zum Wohnmobil, verwarf die Idee aber wieder. Dort hätte es die meiste Zeit voll in der Sonne gestanden, und jeder wäre direkt daran vorbeigetrampelt. An der Stelle, die ihr Vater ausgesucht hatte, im Winkel zwischen der Schnauze des Wohnmobils und der Hecke, würde es ruhiger und schattiger sein.
Zur Not hätte sie das Zelt allein aufbauen können, das war auch ein Kriterium für die Auswahl gewesen, obwohl nicht zu erwarten war, dass Aurelia bald allein zelten gehen würde. Aber zu zweit ging es schneller, und da es inzwischen fast dunkel war, war Aurelia dankbar, dass ihr Vater half. Mit seiner Unterstützung dauerte es nur ein paar Minuten, bis das Zelt stand.