Autorenseite René Bote

Ein Geist ist kein Gespenst

Cover des Buchs Ein Geist ist kein Gespenst
17. Oktober 2022
35
978-3756835065
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Geister gibt es doch, Punkt! Doch damit steht Ludwig in der Klasse allein da, und die anderen Jungen nutzen jede Gelegen­heit, darüber zu spotten. Camille findet das nicht in Ordnung, aber sie weiߟ auch nicht, wie sie es ver­hindern kann. Eigent­lich gibt es nur einen Weg: Sie muss Ludwig be­weisen, dass es keine Gespens­ter gibt. Bloߟ wie? Vor allem, wenn nichts so läuft, wie sie sich das vor­stellt?

E-Book €0,99

Autorenplauderei: Anders

Camilles Ge­danken­gänge in der Ge­schichte sind logisch: Ludwig hat seine eigene Ansicht, eine Ansicht, die mit der seiner Klassen­kamera­den nicht zu­sammen­passt. Solange er dabei bleibt, werden die anderen nicht auf­hören, ihn zu ver­spotten. Trotz­dem darf man sich meiner Meinung nach die Frage stellen, ob Camille den rich­tigen Weg gewählt hat. Dass Ludwig an die Exis­tenz von Geis­tern glaubt, tut nieman­dem weh – wäre es nicht auch eine Option gewesen, die anderen dazu zu bringen, seine Ansicht zu akzep­tieren?

Es war nur eine kleine Szene in dem Buch, das die 5a gerade im Deutschunterricht las, eigentlich nicht mehr als eine Erwähnung: Der Protagonist des Buches hatte in der Nacht ein Geräusch gehört und hatte für einen kurzen Moment Angst, es würde spuken. Das Ganze kündigte bloß einen unerwarteten, aber durchaus irdischen Besuch an und wurde nicht wieder aufgegriffen.

Trotzdem blieb die Klasse an dieser Stelle hängen, und es entspann sich eine lebhafte Diskussion über das Wesen von Geistern. Schuld daran war Daniel, er konnte es nicht lassen, Ludwig aufzuzwicken, der tatsächlich noch an Gespenster glaubte. „Schade, was?“, sagte er in Richtung seines Klassenkameraden. „Doch nur ein Marder, kein Gespenst, das kommt, um ihn zu holen.“

„Geister holen niemanden!“, fuhr Ludwig auch prompt auf. Schräg hinter ihm unterdrückte Camille ein Seufzen. Auch dieses Lied kannte sie – und jeder andere in der Klasse – auswendig, von der ersten bis zur letzten Strophe. „Sie schlurfen auch nicht um Mitternacht durch alte Gemäuer, das ist Gewäsch aus irgendwelchen blöden Büchern.“

Ludwig glaubte daran, dass Geister mitten unter den Menschen waren, völlig unbemerkt und ohne ihnen Böses zu wollen. Sie gingen nicht um, weil ihnen irgendetwas, was sie zu Lebzeiten nicht erledigt hatten, keine Ruhe ließ; seiner Meinung nach verweilten sie bei Menschen oder an Orten, zu denen sie eine starke Zuneigung verspürten. Sie fielen nicht auf, weil sie völlig normal wirkten, nicht abgerissen oder durchscheinend, wie sie oft beschrieben wurden.

Als Beispiel führte Ludwig gern einen Pfarrer aus dem 18. Jahrhundert an, von dem es hieß, er hätte noch Wochen nach seinem Tod jeden Sonntag in seiner Kirche den Gottesdienst gehalten. Erst als der örtliche Richter wegen einer Familiensache jemanden geschickt hatte, im Pfarrhaus die Kirchenbücher einzusehen, war der Leichnam des Pfarrers gefunden worden.

Camille hielt das für Unsinn. Sie hatte noch nie an Gespenster geglaubt, nicht mal als kleines Kind, und der Geschichte, die Ludwig schon mehrfach erzählt hatte, maß sie keine Bedeutung bei. Wenn sie nicht ohnehin ausgedacht war, dann gab es garantiert eine natürliche Erklärung, die vielleicht nur mit den damaligen Mitteln nicht zu erkennen gewesen war. Das Ganze war ja über 200 Jahre her, wie genau hatte man damals denn schon feststellen können, wie lange jemand tot war? Ein moderner Pathologe hätte da etliche kleine Anhaltspunkte zusammenführen können, aber viele Untersuchungsmethoden waren erst sehr viel später erfunden worden. Wahrscheinlich war damals nicht mal ein Experte hinzugezogen worden, der wenigstens auf dem Stand der Wissenschaft dieser Zeit gewesen war, sondern nur ein lokaler Leichenbeschauer ohne tiefergehende Kenntnisse. Die einfachste Erklärung war für Camille, dass der Pfarrer irgendwann zwischen seinem letzten Gottesdienst und dem Besuch des Gerichtsboten gestorben war; die Leute, die geschätzt hatten, er wäre seit Wochen tot, hatten sich einfach geirrt.