Autorenseite René Bote

Ein Traum von Weihnachten

Cover der Kurzgeschichte Ein Traum von Weihnachten

Die Bahn hatte sich wirklich Mühe gegeben, die Bahnhofshalle weihnachtlich zu schmücken. Ein künstlicher Christbaum, grüne Girlanden, Tannengrün nachempfunden, unter der Decke, alles da. Aber weihnachtliche Stimmung konnte schon deshalb nicht aufkommen, weil niemand Zeit hatte für Besinnlichkeit: Nicht die Pendler, die über verspätete Züge fluchten und von Bahnsteig zu Bahnsteig oder zu den U-Bahnen hasteten, und nicht die Verkäufer in den Läden und Imbissen, die zu Weihnachtsmusik in Endlosschleifen auf viel zu engem Raum viel zu viele Leute auf einmal bedienen mussten.

 

Nike wusste eigentlich gar nicht, warum sie sich das antat. Sie hatte einfach nichts Besseres zu tun, und ob sie jetzt hier abhing oder woanders, kam am Ende aufs Gleiche raus. Es war der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien, allerdings schon früher Abend. Denise, Nikes beste Freundin, war gleich nach Schulschluss abgedampft in den Weihnachtsurlaub, ihre Eltern hatten sie extra von der Schule abgeholt, um Zeit zu sparen. Auch von den daheim Gebliebenen hatte niemand Zeit, Weihnachtsstress, wohin Nike auch schaute. Fiel denn Weihnachten jedes Jahr vom Himmel, dass die Leute alle Besorgungen auf den letzten Drücker machen mussten? Gut, Nike hatte es da leichter, sie beschenkte nur ihre Mutter und Denise; ihren Vater hatte sie nie kennengelernt, und zu ihren Großeltern hatte sie keinen Kontakt, weil ihre Mutter sich mit denen schon vor ihrer Geburt verkracht hatte.

 

Nike hockte auf einem länglichen Poller auf dem Bahnhofsvorplatz. Mäßig interessiert beobachtete sie die Leute, die vom Bahnhof zum Königswall hetzten und weiter die Treppen zwischen Bibliothek und Fußballmuseum hoch zur Kampstraße und zur Einkaufsmeile am Westenhellweg. Sie langweilte sich, hatte aber auch keine Lust, nach Hause zu gehen. Da war es auch nicht besser, denn die Praxis für medizinische Massagen ihrer Mutter war direkt nebenan und nur halb von der Wohnung getrennt. Wenn das Wartezimmer voll war und dann auch noch eine bestimmte, immer gestresste Sprechstundenhilfe Dienst tat, zog Nike es vor, nicht zu Hause zu sein.

 

„Alles okay bei dir?“ Die Stimme übertönte kaum den allgemeinen Lärm auf dem Bahnhofsvorplatz, und im ersten Moment fühlte Nike sich auch nicht angesprochen. Dann schaute sie doch auf – vielleicht passierte in der Nähe etwas, das ihre Langeweile unterbrach?

 

Direkt vor ihr stand ein Junge, sie schätzte ihn auf 14 oder 15, also ein oder zwei Jahre älter als sie selbst. Auf den ersten Blick war nichts Ungewöhnliches an ihm, er war durchschnittlich groß, hatte eine normale Figur und braune Haare, die kurz, aber nicht raspelkurz geschnitten waren. Bekleidet war er mit Jeans, Anorak und Turnschuhen. Das einzig Auffällige an ihm war die Tatsache, dass er Nike gerade angesprochen hatte.

 

Für einen Moment war Nike verwirrt. Machte sie so einen verlorenen und hilfsbedürftigen Eindruck? Gut, sie hockte auf dem Bahnhofsvorplatz wie bestellt und nicht abgeholt, aber sie sah doch ordentlich aus. Ihre Klamotten waren sauber, die langen, blonden Haare ordentlich gekämmt, sie war nicht betrunken, und sie hatte auch nicht dagesessen, als käme sie aus eigener Kraft nicht mehr hoch. Wie also kam der Typ darauf, dass sie Hilfe brauchte?

 

Sie hätte ihm versichern können, dass alles in Ordnung war. Sie hätte ihm auch sagen können, dass er sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern sollte. Aber sie hatte Zeit und war dankbar für jedes Ereignis, das sie für einen Moment ablenkte. Wenn sich herausstellte, dass die Frage nur der Beginn einer blöden Anmache war, dann konnte sie der Sache immer noch ein Ende machen.

 

„Du sitzt hier schon eine halbe Ewigkeit“, erklärte der Junge, als sie ihn fragte, wie er darauf kam, dass bei ihr irgendwas nicht stimmen könnte. „Viel länger, als die Meisten auf irgendjemanden warten würden, der nicht pünktlich zu einer Verabredung kommt, jedenfalls. Und ich hab auch nichts gehört, dass sich ein Zug zwei oder drei Stunden verspätet.“ „Ich könnte ja auf jemanden warten, der umsteigen muss“, gab Nike zurück, obwohl sie die Erklärung des Jungen durchaus einleuchtend fand. „Also so, dass er woanders den Anschluss verpasst hat und deshalb hier mit einem späteren Zug ankommt.“ „Wäre natürlich möglich“, musste der Junge zugeben. „Aber so sieht es nicht aus. Du telefonierst nicht, schreibst keine WhatsApp, gehst auch nicht rein, um zu gucken, ob sich bei den Zügen was ändert, wie es jemand machen würde, der auf einen anderen wartet. Du hockst einfach nur hier und starrst Löcher in die Luft.“

 

Scharf beobachtet! Aber das bedeutete auch… „Stalkst du mich?“ „Ich würd’s nicht so nennen“, verwahrte sich der Junge. „Aber ich beobachte dich schon eine ganze Weile.“ „Auch nichts Besseres zu tun, wie?“, folgerte Nike. „Ich find’s einfach schade, dass die Leute so wenig Zeit haben“, antwortete der Junge. „Schau sie dir an, alle am Rennen, kein Blick nach rechts und links, und Gesichter wie sieben Monate Regenwetter.“ „Ist doch immer so vor Weihnachten.“ Nike zuckte mit den Schultern. „Ich bin froh, dass ich das nicht mitmachen muss.“ „Na ja“, auch der Junge zuckte mit den Schultern. „ich geh dann wohl mal besser. Bei dir ist ja alles o. k.“

 

Damit wandte er sich ab, und Nike schaute ihm verwirrt hinterher. Komische Type, ging es ihr durch den Kopf. Sie konnte sein Auftreten absolut nicht einordnen, aber ein unsympathischer Zeitgenosse schien er nicht zu sein. Vielleicht wäre es doch ganz schön gewesen, wenn er noch ein bisschen geblieben wäre zum Quatschen – willkommen zurück, Langeweile!

 

Aber der unbekannte Junge beschäftigte sie weiter, auch wenn er nicht mehr da war. Immer wieder überlegte sie, was er wirklich von ihr gewollt hatte, ob sie tatsächlich irgendwie hilfsbedürftig ausgesehen oder ob er schlicht Gesellschaft gesucht hatte. Wenn er mitbekommen hatte, wie lange sie schon auf dem Poller saß, und auch wusste, dass sie offenbar auf niemanden wartete, dann musste er viel Zeit damit verbracht haben, sie zu beobachten. Sie wunderte sich selbst, dass ihr der Gedanke nicht unangenehm war, und ein bisschen ärgerte sie sich sogar, dass sie ihm offenbar das Gefühl gegeben hatte, zu stören.

 

Selbst im Schlaf ließ er sie nicht los, denn als sie in ihrem Traum auf einem wunderschönen Pferd an einen einsamen Strand mit goldenem Sand ritt, in den Ausläufern der Wellen abstieg und in ein kristallklares Meer eintauchte, da saß er ein kleines Stück entfernt unter einer Palme und beobachtete sie. Als sie auftauchte, lächelte er ihr zu, und sie winkte.

 

Der Traum war toll, so schön hatte Nike schon lange nicht mehr geträumt, und er hielt die ganze Nacht an. Aber er verwirrte sie auch, und nach dem Aufwachen fragte sie sich, warum der Junge vom Bahnhof sie die ganze Zeit begleitet hatte. Sie hatte gelesen, wie das mit den Träumen funktionierte: Das Unterbewusstsein verarbeitete damit Erfahrungen, Erinnerungen und Gefühle, auch manche, an die der Träumende sich gar nicht bewusst entsinnen konnte. Aber welche Gefühle hatte es noch mal hochgeholt, dass der Junge in ihrem Traum aufgetaucht war? Es war doch nur eine flüchtige Begegnung gewesen, wie jeder sie ungezählte Male erlebte! Eine Begegnung, die sie bestimmt in ein paar Tagen völlig vergessen haben würde!

 

Doch so einfach war die Sachlage nicht. Ein bisschen war Nike selbst schuld, sie hätte schließlich nicht am ersten Ferientag wieder am Bahnhof abhängen müssen. Aber irgendwie hatte sie es magisch dorthin gezogen – hatte sie insgeheim gehofft, den Jungen wiederzutreffen? Wenn ja, dann wurde ihr Wunsch prompt erfüllt, denn sie saß erst seit ein paar Minuten auf dem gleichen Poller wie am Vortag, als er wieder vor ihr stand. Sie freute sich darüber, also musste sie wohl tatsächlich darauf gehofft haben, warum auch immer.

 

„Hi“, begrüßte er sie. Die Frage, ob alles okay war, sparte er sich. Jetzt wusste er ja, dass sie einfach nur abhing. „Hi“, antwortete Nike. „Wird das jetzt zu einer regelmäßigen Einrichtung?“ „An mir soll’s nicht scheitern“, antwortete der Junge. „Übrigens, ich bin Bene. Eigentlich Benedikt, aber da kommt man zu sehr aus der Puste.“ „Nike“, stellte auch Nike sich vor. „Na ja, im Moment ist bei mir mal so rein gar nichts los, meine beste Freundin ist in Urlaub… Aber was machst du eigentlich jeden Tag hier?“ „Wenn ich dir das erzähle, glaubst du mir eh nicht“, behauptete Bene. „Erzähl’s mir trotzdem!“, bat Nike. Das hörte sich so geheimnisvoll an, und wenn er sie auf den Arm nahm, dann bekam sie vielleicht wenigstens eine unterhaltsame Geschichte zu hören.

 

Bene zuckte mit den Schultern. „Also gut“, entschied er. „Sei ganz ehrlich: Du hast heute Nacht von einem Pferd geträumt, vom Strand und vom Meer, stimmt’s?“

 

Nike hätte es nicht leugnen können. Die Frage kam zu unerwartet, und sie war zu verblüfft, dass er erraten hatte, was sie geträumt hatte. Ihr Gesicht verriet sie, ehe sie sich überlegen konnte, ob sie flunkern oder die Antwort verweigern sollte. „Woher weißt du…?“ Sie hatte von Traumdeutern gehört, Leuten, die aus Träumen Rückschlüsse auf das Leben eines Menschen ziehen konnten oder zumindest behaupteten, dass sie es konnten, aber die konnten nur das deuten, was der Träumende ihnen erzählte. Aber Nike hatte ihm nicht erzählt, wovon sie in der letzten Nacht geträumt hätte, es nicht einmal angedeutet! Trotzdem wusste er es, viel zu genau, als dass er es einfach erraten haben konnte.

 

„Ich hab es dir eingegeben“, erklärte Bene schlicht. „Nicht bis ins Detail, das wäre auf jeden Fall zu aufwendig, und vielleicht kann ich es auch gar nicht, aber zumindest die Richtung.“

 

Nike glotzte ihn an. Hatte sie eben gedacht, noch besser könnte es nicht mehr kommen? Tja, da hatte sie sich wohl gründlich geirrt!

 

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie ihre Stimme wiederfand, und das auch nur so halb. „Wie…?“ Bene zuckte mit den Schultern. „Ich schaue den Leuten in die Augen und stelle mir dabei vor, wie sie etwas Bestimmtes träumen, und das träumen sie dann tatsächlich. Ich weiß weder, warum ich das kann, noch wie es genau funktioniert. Es ist einfach da.“ „Krass!“, meinte Nike. Es hörte sich völlig unglaublich an, aber zu ihrer eigenen Überraschung hatte sie keinen Moment lang das Gefühl, dass er log und sie mit irgendwelchen Taschenspielertricks betrog. „Machst du das oft?“

 

„Kaum noch“, gab Bene zu. „Im Kindergarten hab ich es häufiger gemacht, und in der Grundschule auch noch, aber irgendwie will ich nicht allen, die ich kenne, immer wieder in den Träumen rumfummeln. Eigentlich ist das ja was ganz Privates, und vielleicht schadet es auch, wenn man es zu oft macht. Ich weiß nicht, ob du weißt, dass Träume die Art des Unterbewusstseins sind, Erlebnisse zu verarbeiten?“ Nike nickte, zum Zeichen, dass ihr das zumindest in groben Zügen bekannt war. „Vielleicht passiert irgendwas, wenn das Unterbewusstsein zu lange nichts mehr frei verarbeiten kann, weil ich zu oft eingreife.“

 

Das leuchtete Nike ein, aber einen Versuch wollte sie trotzdem noch wagen. „Gib mir einen Traum ein und schreib auf, was es ist“, bat sie. „Ich merke mir ganz genau, was ich heute Nacht träume, und morgen Mittag treffen wir uns wieder hier und vergleichen.“

 

Bene war einverstanden, und Nike gab ihm Gelegenheit, ihr ausführlich in die Augen zu schauen. Seine waren tiefblau, das fiel ihr jetzt erst auf, und sein Blick hatte nichts Stechendes; ein stechender Blick war in Büchern, die sie gelesen hatte, das Merkmal von Bösewichten gewesen, die in der Lage waren, andere Menschen zu manipulieren.

 

Sie fühlte sich nicht manipuliert, obwohl sie wusste, dass Bene genau das tat. Es kam ihr selbst merkwürdig vor, dass sie sich nicht wehrte, und obwohl sie ihn kaum – eigentlich überhaupt nicht – kannte, hatte sie das Gefühl, dass sie ihm vertrauen konnte.

 

Diesmal schickte er sie in ihrem – wirklich ihrem? – Traum in eine Berghütte. Draußen dämmerte es, gerade noch war die dicke Schneeschicht draußen auf den Fensterbrettern zu erkennen. Im Kamin flackerte ein Feuer, es war kuschelig warm, leise Weihnachtsmusik war zu hören. Ihre Mutter war da und Denise, sie aßen zusammen und sangen Lieder, im Hintergrund schimmerten bunte Kugeln am Weihnachtsbaum.

 

Mitten in diese Gemütlichkeit hinein klopfte es, und als Nike öffnete, stand Bene vor ihr. Sie stutzte, dann fiel sie ihm um den Hals und zog ihn in die Hütte. Sie drückte ihn auf die Couch, setzte sich neben ihn und stellte ihn ihrer Mutter und Denise vor. Der bedeutungsvolle Blick der besten Freundin entging ihr nicht, aber sie war viel zu guter Stimmung, um sich mit einer Widerrede aufzuhalten.

 

Sie hätte ewig so in der Hütte sitzen und Weihnachten feiern mögen, doch irgendwann war die Nacht um. Nike wachte auf aus ihrem schönen Traum, blieb mit geschlossenen Augen liegen, um sich alles ganz fest einzuprägen, und ärgerte sich dann, dass sie sich erst für mittags mit Bene verabredet hatte. In der Hoffnung, dass er genauso gespannt war wie sie, ging sie trotzdem direkt nach dem Frühstück zum Bahnhof und setzte sich auf ihren angestammten Platz.

 

Sie musste sich gedulden, aber zum Glück nicht so lange, wie sie befürchtet hatte. Bene kam um kurz vor elf und entdeckte sie auf den ersten Blick. „Hi!“, begrüßte er sie. „Und, was hast du Schönes geträumt?“

 

Zum Glück sprach er leise genug, dass niemand mithören konnte, denn sonst hätten wohl einige Leute ziemlich blöd aus der Wäsche geguckt. „Ich weiß nicht, wie du das hinkriegst“, antwortete Nike, „aber es war super.“ Sie erzählte, und Bene öffnete parallel eine Datei mit Notizen, die er am Vortag auf seinem Handy angelegt hatte. Nike las die Stichpunkte und stutzte. „Dein Auftauchen hast du vergessen“, stellte sie fest.

 

Zu ihrer Überraschung schüttelte Bene den Kopf. „Das war nicht von mir“, versicherte er. „Das muss dein Unterbewusstsein von sich aus eingebaut haben.“ Nike wurde rot, denn sie wusste, was das bedeutete. Aber sie würde sich nicht wehren, und eins war sicher: Dieses Weihnachten würde in jeder Hinsicht ein Traum werden.