Autorenseite René Bote

Pfiff!

Aus dem Tagebuch einer Jungschiedsrichterin

Cover des Buchs Pfiff!
13. Februar 2015
124
978-3734760358
Books on Demand

Eileen hat sich nie besonders für Fußball interessiert, doch als ihr Freund sie mit zum SC Union nimmt, ist sie plötzlich nicht nur „Spielerfrau“, sondern auch Co-Trainerin bei den ganz Kleinen. Der größten Herausforderung stellt sie sich jedoch, als sie auch Schiedsrichterin wird: Das Pfeifen machte Laune, aber Eileen muss auch lernen, Protest auszuhalten und mit Rückschlägen umzugehen. Kann sie durchhalten, auch wenn es mal richtig knallt?

Zum diesem Buch gibt es zwei kosten­lose Kurzge­schichten. In der ersten, Auf der Stelle hin und weg!, die als E-Book erhältlich ist, erzählt Eileen, wie sie ihren Freund Julian kennen­lernt. Die zweite, Das Sil­vester-Turnier, spielt ein knappes Jahr nach der Hand­lung im Buch und dreht sich um ein hoch­klassig besetz­tes Sil­vester-Turnier im Sauer­land, für das Eileen als Schieds­rich­terin einge­laden wird.

E-Book €2,99
Taschenbuch €5,99

Manchmal ist es echt merkwürdig, auf welche Wege das Leben einen führt, und wenn man zurückschaut, wundert man sich, wie leicht man in ewas reinrutscht, mit dem man nie gerechnet hätte. Früher hatte ich mit Fußball nichts am Hut, gerade dass ich gelegentlich mal im Fernsehen ein Spiel geguckt hab, wenn WM oder EM war. Eigentlich ist es heute auch nicht anders, zumindest, was die Profis betrifft, und trotzdem verbringe ich seit Monaten einen gehörigen Teil meiner Freizeit auf dem Fußballplatz.

Angefangen hat alles, als ich Julian kennengelernt habe. Er ist ein Dreivierteljahr älter als ich, also sechzehneinhalb, und es war Liebe auf den ersten Blick. Er wohnt gar nicht so weit weg von mir, vielleicht eine Viertelstunde zu Fuß, aber trotzdem sind wir uns nie über den Weg gelaufen, bis meine beste Freundin ihn letzten Sommer zu meiner Geburtstagsparty mitgebracht hat. Nora kennt Julian schon länger, weil ihr kleiner Bruder mit seinem befreundet ist, und hat ihn vorgeschlagen, als wir überlegt haben, wen ich einladen könnte, um wenigstens ein paar Jungs dabei zu haben. Weil ich am achtundzwanzigsten Juli Geburtstag habe, fällt meine Party so gut wie jedes Jahr in die Sommerferien, fast immer fehlt dadurch der eine oder andere, den ich sonst auf jeden Fall einladen würde, und letztes Jahr wäre der einzige Junge mein Cousin Daniel gewesen. Der ist fast genauso alt wie ich, und wir kommen prima miteinander aus, aber auch wenn er sich als Hahn im Korb bestimmt gefallen hätte, wäre ein Junge für zwölf Mädchen etwas wenig gewesen. Weil Mädchen auf Partys nun mal tanzen und bei passender Gelegenheit auch ein bisschen flirten wollen, mussten also Jungs her, und da ist Nora eben Julian eingefallen. Sie ist schon ganz lange meine beste Freundin, schon seit wir uns im Kindergarten kennengelernt haben, und ich kann mich blind darauf verlassen, dass sie niemanden zu meiner Party anschleppen würde, der mir nicht gefällt.

Ich glaube, eigentlich war ich schon hin und weg von ihm, bevor ich ihn zum ersten Mal gesehen habe. Auch Nora war total begeistert von seiner Reaktion auf die unerwartete Einladung, denn er hat sich nicht nur dafür bedankt, sondern auch gefragt, ob er irgendwas mitbringen soll, einen Salat oder was zu trinken oder so, und sich sogar bei ihr erkundigt, was ich so für Hobbys habe und so. Er wollte nämlich nicht ohne was in der Hand bei mir aufschlagen, wenigstens ein kleines, aber passendes Dankeschön wollte er mitbringen. Er hat sich wirklich Mühe gegeben, und das, ohne mich zu kennen, das genaue Gegenteil von Typen, die kommen, ohne vorher zu fragen, ob sie genehm sind, vorher schon vorgeglüht haben und einem zum Dank für die kostenlose Bewirtung auch noch die Bude verwüsten.

Als ich dann die Tür aufgemacht habe und er vor mir stand, da war es gleich um mich geschehen. Das lag nicht mal so sehr an seinem Aussehen, obwohl ich schon finde, dass er gut aussieht, er hat einfach so was an sich – ich kann es nicht beschreiben, aber es schlägt einen einfach sofort in Bann, mich zumindest. Es kommt mir heute immer noch wie ein Traum vor, die freundliche Begrüßung, wie er sich für die Einladung bedankt hat, wie er mir sein Geschenk überreicht hat, eine kleine, geschnitzte Eselsfigur, weil Nora ihm verraten hat, dass ich solche Figuren sammle, und wie wir ganz leicht ins Reden gekommen sind. Es war irgendwie, als hätten wir uns schon ewig gekannt, und ich glaube, die anderen haben ziemlich schnell geahnt, was daraus werden würde. So war es dann auch, und als er gehen musste und ich ihn gefragt habe, ob wir uns bald mal wiedersehen, da hat er mich zur Antwort einfach geküsst. Nora hat später, als sie mir beim Aufräumen geholfen hat, gemeint, sie hätte nicht gedacht, dass er so rangehen würde, aber ich glaube, ich habe Julian den Abend über deutlich genug spüren lassen, dass ich es will.

Seitdem gelten wir bei allen, die uns kennen, als das Traumpaar schlechthin, und es war mein Einstieg in die Welt des Fußballs. Julian spielt schon seit zwölf Jahren beim SC Union, und hat schon mit vierzehn gelegentlich beim Training für die Kleinen ausgeholfen. Seit Beginn dieser Saison ist er für die Minikicker verantwortlich, das sind die ganz Kurzen, zur Zeit acht Jungs und vier Mädchen, von denen die ältesten in diesem Jahr sieben geworden sind oder noch werden und uns im Sommer in Richtung der nächsthöheren Altersstufe verlassen, und die jüngsten gerade mal vier. Ich finde, er macht das gut, er hat wirklich ein Händchen für die Kinder, und sie lernen echt was bei ihm.

Mein eigener Einstieg war schleichend. Anfangs hab ich mich gar nicht weiter dafür interessiert, dann haben wir uns irgendwann mal am Sportplatz verabredet, wenn er Training hatte, um von da aus irgendwohin zu gehen, und weil ich natürlich auf keinen Fall zu spät kommen wollte, war ich bei solchen Gelegenheiten regelmäßig zu früh dran und konnte noch eine Weile beim Training zuschauen. Ohne es recht mitgekriegt zu haben, war ich also auf einmal eine „Spielerfrau“, und es hat mir immer mehr gefallen, vor allem, wenn er nicht selbst als Spieler Training hatte, sondern mit den Minikickern. Es sieht irgendwie witzig aus, wenn die Kleinen hinter dem Ball herrennen – von Taktik kann da natürlich noch keine Rede sein, auch wenn Julian schon versucht, ihnen beizubringen, dass sie nicht alle auf den Ball losstürmen sollen wie morgens um acht beim Discounter auf die neusten Sonderangebote. Sie sind stolz auf die kleinsten Erfolge, und Julian lobt sie immer und immer wieder und muntert sie auf, damit sie den Spaß nicht verlieren, wenn mal was schiefgeht.

Drei- oder viermal hab ich wirklich nur zugeschaut, und ich hätte auch nicht gedacht, dass sich das mal ändern würde, aber dann ist’s irgendwie doch passiert. Marie, die damals noch nicht ganz fünf war, hatte versucht, sich den Schuh zuzubinden, und es irgendwie geschafft, den Schnürsenkel so zu verknoten, dass er kaum noch aufzukriegen war, ohne dass der Schuh deswegen auch nur ein Stück besser gehalten hätte. Ich hab gesehen, wie sie immer wieder stehenbleiben und den Schuh richtig anziehen musste, und irgendwann hab ich sie dann an die Seite genommen, den Senkel aufgedröselt, was gar nicht so leicht war, und die Kleine richtig mit ihrem Schuhwerk verbunden. Julian hatte auch gesehen, dass sie Probleme mit dem Schuh hatte, aber er muss sich ja auch um die anderen kümmern und kann nicht immer sofort springen, wenn sowas ist.

Wenn man so will, dann war das für mich der Anfang vom Ende. Einmal drin, immer drin! Seitdem bin ich eigentlich bei jedem Training dabei, helfe mit widerspenst