
Nervös schaute Insa auf das Display im Türbereich der S-Bahn. Die Bahn war schon bei der Einfahrt ein oder zwei Minuten zu spät gewesen, und nun stand sie seit fünf Minuten im Bahnhof. Noch war das nicht kritisch für Insa, aber es schien so gar nicht weitergehen zu wollen. Die Türen waren nach wie vor freigegeben.
Als Insa eben geschaut hatte, waren vier Minuten Verspätung angezeigt worden, jetzt sieben, aber die Abfahrtszeit, die sich daraus ergab, war auch schon wieder verstrichen. Wenig später sprang die Anzeige abermals um, nun sollten es zehn Minuten sein. Eine Begründung gab es nicht, dafür war in der Übersicht über den weiteren Fahrtverlauf kein Platz vorgesehen.
Weil sie seit der 5. Klasse regelmäßig mit der Bahn fuhr, hatte Insa eine Fahrplan-App auf dem Handy. Dort war die Chance größer, eine Begründung zu finden, aus der sich vielleicht ersehen ließ, wie lange es wirklich noch dauern würde.
Aber auch dort war zwar die Verspätung als solche angegeben, aber kein Grund dafür. Seufzend ließ Insa den Kopf gegen die hohe Rückenlehne sinken. Verflixt, wenn es nicht bald weiterging, würde sie zu spät kommen, und das würde eine Menge Ärger geben.
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Ein paar Augenblicke später knackte es im Lautsprecher. „Verehrte Fahrgäste“, sagte eine männliche Stimme, „wir haben vor uns an der Strecke einen Feuerwehreinsatz, es brennt wohl an der Böschung. Im Moment ist die Strecke komplett gesperrt, und ich kann Ihnen leider nicht sagen, wie lange. Sobald ich Näheres erfahre, werde ich Sie informieren.“
Die Durchsage wurde noch mal wiederholt, aber da hörte Insa nicht mehr zu. Einmal reichte ihr, jetzt war sie wirklich in Schwierigkeiten. Sie durfte auf keinen Fall zu spät kommen!
Hastig holte sie das Handy wieder aus der Tasche, das sie gerade erst weggesteckt hatte. Sie musste schauen, ob es eine Alternative gab, eine andere Verbindung, mit der sie noch pünktlich kommen würde. Aber sie hatte wenig Hoffnung, nicht umsonst nahm sie morgens und mittags fast immer die S-Bahn. Die war einfach schneller als Busse und Straßenbahnen, die Umwege fuhren und häufiger hielten.
Wie sich zeigte, fuhr an dem Bahnhof, in dem die S-Bahn nun stand, kaum etwas. Es gab nur eine Buslinie im Halb-Stunden-Takt; der nächste Bus würde in zwanzig Minuten kommen, da würde es in der Schule gerade zur ersten Stunde klingeln. Also keine Chance, pünktlich zu kommen, wenn die S-Bahn nicht bald weiterfahren konnte, und dafür sprach so gut wie nichts. Mist, Mist, Mist!
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Dass sie Verwünschungen vor sich hingemurmelt hatte, wurde Insa erst bewusst, als sich ein Junge zu ihr hinüberbeugte, der ihr schräg gegenüber saß, mit dem Rücken zur Fahrrichtung am Fenster auf der dem Bahnsteig abgewandten Seite. Sie kannte Linus, weil er nicht weit von ihr entfernt wohnte und im selben Kindergarten gewesen war. Allerdings war er etwas älter als sie und deshalb schon in der Siebten, während sie selbst in die Sechste ging.
„Nicht so schlimm!“, versuchte er sie zu beruhigen. „Du kannst ja nichts dafür, wenn die Bahn nicht weiterkommt. Das steht bestimmt auch gleich in der Bahn-App, und ich schätze, das kommt auch in die Zeitung. Es kann also keiner behaupten, du hättest dir das ausgedacht.“
„Du hast ja keine Ahnung!“, antwortete Insa niedergeschlagen. „Ich schreibe gleich Deutsch!“ „Dann schreibst du eben nach“, meinte Linus. „Ist doch kein Problem!“ „Ist es doch!“, widersprach Insa. „Das ist ja schon das Nachschreiben heute. Eigentlich haben wir letzte Woche geschrieben, aber da war ich krank. Und der Falk hat mich sowieso auf dem Kieker.“
„Der?“, wunderte sich Linus. „Bei dem kann ich mir das echt nicht vorstellen.“ Insa verstand das durchaus, denn sie bekam ja auch mit, welcher Lehrer an der Schule welchen Ruf hatte, und Herr Falk galt eigentlich als verträglich. Aber ihre eigenen Erfahrungen mit ihm standen im krassen Gegensatz dazu. Sie hatte noch keine Standpauke von ihm bekommen, geschweige denn einen Eintrag ins Klassenbuch oder einen Tadel, aber wie er sie musterte, wenn sie wieder einmal krank gewesen war … Leider kam das ziemlich oft vor in letzter Zeit, ihr Bruder war im Sommer in den Kindergarten gekommen und schleppte ständig neue Erreger an. Dass sie sich ansteckte, war kaum zu vermeiden, und auch wenn sie das meiste gut wegsteckte, hatte sie doch seit den Sommerferien schon viermal ein oder zwei Tage in der Schule gefehlt. Zweimal war sie außerdem früher nach Hause gegangen, da hatte sie sich morgens noch fit genug gefühlt, im Lauf des Vormittags aber so abgebaut, dass sie nicht mehr in der Lage gewesen, im Klassenzimmer zu sitzen.
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Linus stand auf und setzte sich neben sie. Unsicher legte er ihr einen Arm um die Schultern. Das tat irgendwie gut, auch wenn es Insas drängendstes Problem nicht löste. Wenn sie den Nachschreibetermin auch noch verpasste, dann würde der Falk ihr doch garantiert eine Sechs geben!
„Ich glaube nicht, dass er das so einfach darf“, versuchte Linus ihr diese Sorge zu nehmen. „Ich meine, du kannst nichts dafür. Letzte Woche hast du doch bestimmt ein Attest gehabt, oder?“ Das war die Regel an der Schule, wer krankheitsbedingt eine Klassenarbeit verpasste, musste ein ärztliches Attest einreichen.
Insa nickte. Natürlich war sie an dem Tag zum Arzt gegangen, und das Attest hatte sie der Klassenlehrerin gegeben, als sie wieder gesund gewesen war. „Und heute?“, fragte sie unsicher. „Da hab ich gar nichts.“ „Das stimmt“, musste Linus zugeben. „Wenn der Falk später guckt, findet er das nicht mehr in der Bahn-App. Dann müsstest du wahrscheinlich bei der Bahn nachfragen, dass sie dir so einen Zettel schreibt.“
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Die Feststellung, dass die Verspätung im Nachhinein nicht mehr so leicht nachzuweisen sein würde, brachte Insa auf eine Idee. Vielleicht war es gut, wenigstens Bescheid zu sagen? Die Telefonnummer der Schule konnte sie online herausfinden, das war kein Problem, und das Sekretariat war ab halb acht besetzt, das wusste sie.
„Ich würde deine Eltern anrufen lassen“, schlug Linus vor, als sie den Gedanken äußerte. „Wenn du anrufst, denken sie vielleicht, du lügst.“ „Sie könnten das doch direkt nachgucken“, wandte Insa ein. „Schon“, gab Linus zu. „Aber wer sagt denn, dass du wirklich in der S-Bahn sitzt? Du könntest das auch am Bahnhof mitbekommen haben und einfach ausnutzen, um zu schwänzen.“
Da war etwas dran. Ihren Eltern würde man hoffentlich zutrauen, so etwas zu durchschauen, und ihnen nicht unterstellen, dass sie sie auch noch beim Blaumachen unterstützten. Ja, so würde sie es machen.
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Insas Mutter war schon auf der Arbeit, aber übers Handy erreichbar. Sie hatte keinen Grund, zu argwöhnen, Insa würde sich vor der Deutsch-Arbeit drücken wollen. Insa war nicht schlecht in Deutsch, und die Arbeiten, die Herr Falk stellte, waren in der Regel fair. Davor brauchte sie sich nicht zu fürchten, auch wenn sie gelegentlich schon ein mulmiges Gefühl hatte, wenn sie ihn sah.
Nach fünf Minuten meldete ihre Mutter sich noch einmal und berichtete, dass sie mit einer der Sekretärinnen der Schule gesprochen hatte. „Schau mal, ob irgendwo ein Schaffner ist!“, forderte sie Insa auf. „Die haben zwar online geguckt und gesehen, dass die Verspätung eingetragen ist, aber für den Fall der Fälle kann was Schriftliches nicht schaden.“ „Mache ich“, versprach Insa. Sie befürchtete zwar immer noch, dass der Falk ihr eine Sechs für die Arbeit geben würde, aber zumindest würde er ihr nicht vorhalten können, dass sie sich nicht so früh wie möglich gemeldet hatte.
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Es dauerte noch mehr als eine halbe Stunde, bis die S-Bahn weiterfahren konnte, und dann auch nur langsam. In der Zeit hatte sich natürlich einiges angestaut an Zügen, und es waren wohl auch noch nicht alle Gleise wieder freigegeben; die S-Bahn nutzte auf jeden Fall bis zum nächsten Bahnhof das Gegengleis.
„Okay, da konnten sie keinen Zug durchschicken“, stellte Linus fest, als er die Rauchsäule sah, die neben der Strecke aufstieg. Was genau brannte, war nicht zu sehen, weil eine Mauer den Blick versperrte. Die Böschung brannte auf jeden Fall nicht und war auch nicht geschwärzt, da waren die Informationen des Zugführers falsch gewesen. Aber der Rauch konnte trotzdem die Sicht beeinträchtigt haben, und natürlich hatte sichergestellt sein müssen, dass das Feuer sich nicht bis an die Schienen ausbreitete. Möglicherweise hatte die Feuerwehr auch die Gleise betreten müssen, um von allen Seiten löschen zu können, oder andere Menschen auf der Flucht vor den Flammen. Insa war klar, dass es fahrlässig gewesen wäre, die Züge einfach fahren zu lassen.
Zwischenzeitlich hatte sie überlegt, ob Herr Falk sich wohl darauf einlassen würde, sie die Arbeit noch mitschreiben zu lassen und zu bewerten, was sie in der verbliebenen Zeit noch schaffte. Das wäre besser gewesen als gar nichts, vielleicht hätte sie noch genug geschafft, dass es wenigstens für eine Vier reichte. Ob Herr Falk das akzeptiert hätte, ob er es überhaupt hätte erlauben dürfen, konnte sie nicht sagen, aber die Frage hatte sich ohnehin erledigt. Als sie endlich die Schule erreichte, war die erste Stunde fast um, etwas mehr als fünf Minuten blieben bis zum Klingeln. Bis sie Herrn Falk erklärt hatte, warum sie so spät dran war, und ihm ihre Idee auseinandergesetzt hatte, würde die Stunde vorbei sein.
So gesehen hätte sie statt zum Klassenraum gleich in den Naturwissenschaftstrakt gehen können, wo die Klasse in der zweiten Stunde Bio haben würde. Aber es war wohl besser, guten Willen zu zeigen und Herrn Falk persönlich zu sagen, warum sie nicht pünktlich gewesen war. Vielleicht würde ihn das milder stimmen, auch wenn sie nicht glaubte, dass er ihr noch eine Chance geben würde, die Arbeit nachzuschreiben. Immerhin, sie hatte eine Zugbegleiterin gefunden und eine schriftliche Bestätigung der Verspätung bekommen. Sie konnte also beweisen, dass sie in dieser S-Bahn gesessen und keine Chance gehabt hatte, pünktlich in der Schule zu sein. Man konnte ihr auch nicht vorwerfen, keinen Puffer eingeplant zu haben, auch mit der nächsten S-Bahn wäre sie noch ganz knapp pünktlich gewesen. Die Streckensperrung war beim besten Willen nicht abzusehen gewesen.
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In der Eingangshalle wollte Insa sich von Linus verabschieden. „Warte kurz!“, sagte er zu ihrer Überraschung, als sie sich schon zur Treppe hin abgewandt hatte. „Soll ich mitkommen?“, bot er ihr an. „Ich meine, ich kann bestätigen, dass du keine andere Chance hattest, früher hier zu sein. Dann traut er sich vielleicht nicht, dich runterzumachen. Wundert mich sowieso, dass er dich so auf dem Kieker hat, so hätte ich ihn nicht eingeschätzt, und du bist auch keine, die ständig Ärger macht.“ „Außer, dass ich so oft krank bin“, schränkte Insa ein. „Vielleicht denkt er, ich tue nur so, oder dass ich so eine Mimose bin, die sich bei jeder Kleinigkeit im Bett verkriecht.“
Das konnte Linus nicht von der Hand weisen, auch wenn er nicht daran zweifelte, dass Insa wirklich krank gewesen war, zu krank, um in die Schule zu gehen.
Insa überlegte kurz, vielleicht würde sie erst recht als Memme dastehen, wenn sie Unterstützung mitbrachte. Aber ihre Klassenkameraden sahen ja auch, was mit ihr und dem Falk war, und würden verstehen, dass sie sich absicherte. „Okay“, sagte sie schließlich. „Aber nur, wenn du dann keinen Ärger kriegst!“
Das befürchtete Linus nicht. Er hätte in der ersten Stunde Englisch gehabt, und die Lehrerin hatte Verständnis, vorausgesetzt, es kam nicht zu oft vor, weil jemand regelmäßig gar zu knapp losfuhr.
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Als Insa und Linus vor dem Klassenzimmer ankamen, waren es noch drei Minuten bis zum Ende der Stunde. „Besser, wir warten“, meinte Insa nach einem Blick auf die Uhr. „Wenn wir jetzt reinplatzen, wird er wahrscheinlich erst recht sauer. Außerdem stören wir die anderen. Wäre blöd, wenn sie deswegen einen Rechtschreibfehler übersehen oder so.“ Sie war nicht die Einzige gewesen, die an diesem Tag Deutsch nachschreiben sollte, zwei andere aus der Klasse hatten den ursprünglichen Termin ebenfalls krank verpasst. Wenn Insa sich richtig erinnerte, hatte Herr Falk auch eine Siebtklässlerin dazusetzen wollen, die ebenfalls die letzte Deutsch-Arbeit bei ihm verpasst hatte. Der Rest von Insas Klasse sollte eine Aufgabe in stiller Einzelarbeit bearbeiten, die in der nächsten Stunde aufgegriffen werden würde.
Nervös wartete Insa, bis sich kurz nach dem Klingeln die Tür öffnete. Die ersten Klassenkameraden kamen heraus und wunderten sich, als sie sie vor der Tür stehen sahen. Aber Insa hatte keinen Nerv, ihnen zu erklären, warum sie erst zur zweiten Stunde da war.
Nur ihrer besten Freundin in der Klasse, Alina, raunte sie im Vorbeigehen zu, dass ihre S-Bahn Verspätung gehabt hatte. „Hat er was gesagt?“, fragte sie leise. Alina schüttelte den Kopf. „Hat natürlich gefragt, ob einer weiß, was mit dir ist“, antwortete sie. „Wusste aber keiner, logisch.“ „Mist, ich hätte dir schreiben sollen“, fiel Insa ein. „Hab ich echt nicht dran gedacht. Ich hab die ganze Zeit nur überlegt, was ich mache wegen dem Falk.“
Alina nahm ihr das Versäumnis nicht übel, sie verstand, dass Insa in dem Moment nur den Lehrer als größtes Problem im Kopf gehabt hatte. Allerdings hätte sie natürlich Bescheid sagen können, wenn Insa ihr eine Nachricht geschickt hätte; dass die Sekretärin ihn über den Anruf von Insas Mutter informiert hatte, wagte Insa zu bezweifeln.
Herr Falk verstaute gerade den dünnen Stapel Klassenarbeitshefte in seiner Tasche, als Insa ans Lehrerpult trat. „Insa?“, wunderte er sich, als er sie sah. „Was ist los?“
Das klang mehr besorgt als wütend. Trotzdem war Insa unsicher und wusste nicht recht, wie sie anfangen sollte. „Die Bahn …“, brachte sie schließlich hervor. „Es hat gebrannt.“ „In der Bahn?“, fragte Herr Falk nach. Insa schüttelte den Kopf. „Irgendein Haus oder so direkt an den Schienen“, sprang Linus ihr bei. „Die Bahn musste warten.“ „Du warst auch in der Bahn?“, vergewisserte Herr Falk sich. Linus nickte und stellte sich mit Namen und Klasse vor, weil er bislang noch nicht persönlich mit ihm zu tun gehabt hatte. „Bist du mit Felicitas verwandt?“, erkundigte der Lehrer sich. Wieder bejahte Linus, das war seine ältere Schwester. Sie war jetzt in der Zehnten und hatte früher bei Herrn Falk Geschichte gehabt.
Insa hatte unterdessen die Bescheinigung über die Verspätung aus der Tasche geholt und hielt sie dem Lehrer hin. Der warf einen kurzen Blick darauf und reichte den Zettel zurück. „Gut“, sagte er. „Wirf das sicherheitshalber noch nicht weg, auch wenn ich nicht glaube, dass du’s noch mal brauchst.“ „Was wird denn jetzt mit der Arbeit?“, fragte Insa vorsichtig. „Kriege ich eine Sechs, weil ich wieder nicht mitschreiben konnte?“ „Wie kommst du darauf?“, wunderte Herr Falk sich. Er schien wirklich überrascht zu sein, was wiederum Insa nicht nachvollziehen konnte.
„Na ja, weil es schon das zweite Mal ist“, versuchte sie zu erklären. „Dass ich die Arbeit verpasse, meine ich.“ „Das ist natürlich unglücklich“, räumte Herr Falk ein. „Aber nichts, wofür sich keine Lösung finden ließe.“
Ein kurzes Schweigen entstand. Insa wusste nicht, was sie sagen sollte, sie wartete auf eine Entscheidung des Lehrers. Der wiederum schien aber auch noch nicht sicher zu sein, wie man mit der Situation verfahren sollte. Dass jemand Arbeit und Nachschreibetermin verpasste, war sicherlich nicht alltäglich, auch wenn es gelegentlich vorkam. Wenn jemand zwei, drei Wochen krank war, konnte man anderen, die ebenfalls nachschreiben mussten, irgendwann nicht mehr zumuten, so lange zu warten.
„Ich glaube, wir müssen mal reden“, sagte Herr Falk schließlich. Insa rutschte das Herz in die Hose. Was denn noch? Schriftlicher Tadel? Schulkonferenz? Wollte er dafür sorgen, dass sie von der Schule flog?
„Geh schon mal runter und warte beim Lehrerzimmer auf mich!“, forderte der Lehrer sie auf. „Bei wem habt ihr die nächste Stunde?“ „Frau Eckel“, antwortete Insa leise. „Gut“, meinte Herr Falk.
Er hielt Bea an, die gerade das Klassenzimmer verlassen wollte. „Sag bitte Frau Eckel, dass Insa etwas später kommt“, forderte er sie auf. „Dann haben wir keine Eile“, sagte er zu Insa, als Bea weitergegangen war.
Offensichtlich entging ihm nicht, wie Insa unsicher zu Linus schaute. „Du brauchst dir keine Sorgen um sie zu machen“, versuchte er beide zu beruhigen. „Aber es ehrt dich, dass du sie begleitet hast. Wirklich.“
Insa wäre es lieber gewesen, wenn Linus dabei gewesen wäre, wenn sie mit dem Lehrer sprach. Auch wenn sie ihn gar nicht so gut kannte, hätte es ihr etwas Sicherheit gegeben, nicht allein zu sein. Aber es schien Herrn Falk nicht recht zu sein, und sie konnte auch nicht von Linus verlangen, dass er ihretwegen auch noch zu spät zur nächsten Stunde kam.
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Zwei Minuten später stand Insa vor dem Lehrerzimmer im Erdgeschoss. Hier herrschte Kommen und Gehen, anscheinend kamen die meisten Lehrer kurz her, ehe sie zur nächsten Klasse gingen. Eigentlich logisch, die wollten auch nicht alles, was sie im Lauf des Schultags brauchten, die ganze Zeit mit sich herumschleppen. Vielleicht schlossen sie auch Klassenarbeitshefte weg oder tranken rasch einen Kaffee.
Insa wurde bewusst, dass sie sich den Kopf zerbrach über Dinge, die ihr völlig egal sein konnten, um möglichst nicht an das vor ihr liegende Gespräch denken zu müssen. Auf der einen Seite wünschte sie sich, dass Herr Falk sich Zeit lassen würde, wollte das Unausweichliche von sich schieben; gleichzeitig sagte ihr der Verstand, dass sie sich in der Zeit sowieso nur verrückt machen würde.
Sie merkte, dass sie unmittelbar an der Tür im Weg stand, und ging ein paar Schritte zur Seite. Ihr Blick fiel auf die Sitzgruppe, die ein paar Meter entfernt auf derselben Seite des Ganges stand. Wenn sie sich dort hinsetzte, würde niemand über sie stolpern, und vielleicht würde sie auch niemand ansprechen, auf wen sie wartete. Aber wenn sie den Stuhl direkt an der Ecke nahm, würde sie den Gang im Blick haben und sehen, wenn Herr Falk kam.
Sie musste sich eine Weile gedulden, die Pause war schon seit zwei oder drei Minuten vorbei, als ihr Deutschlehrer kam. „Tut mir leid“, entschuldigte er sich, „schneller ging’s nicht.“ Er hatte der 8b, die jetzt Unterricht bei ihm gehabt hätte, eine Aufgabe gegeben, die sie bearbeiten sollte, und die Kollegin nebenan gebeten, mit einem Ohr hinzuhören, ob es ruhig blieb. „Wir haben also alle Zeit, die wir brauchen“, schloss er.
Die kleine Sitzgruppe schien ihm auch nicht der falsche Ort zu sein für dieses Gespräch. Jetzt, wo die Pause zu Ende war, war der Flur weitestgehend verwaist. Nur Frau Schellenberg hetzte gerade noch aus dem Lehrerzimmer und eilte über den Gang zu den Klassentrakten; die Englisch- und Philosophielehrerin war bekannt dafür, immer erst deutlich nach dem Klingeln zu kommen.
„Du machst dir Sorgen“, hob Herr Falk an, nachdem er sich Insa gegenübergesetzt hatte. „Und ich glaube, meinetwegen, oder?“
Insa schwieg. Er hatte ja recht, aber konnte sie ihm das ins Gesicht sagen? Dann würde sie doch gleich noch ein paar Minuspunkte extra sammeln bei ihm! Aber lügen wollte sie auch nicht, und sie befürchtete, dass er das sowieso durchschauen würde. Sie war keine gute Lügnerin, und er hatte bestimmt schon zwanzig Jahre Erfahrung als Lehrer.
Ihr Schweigen war Herrn Falk Antwort genug. „Also ja“, folgerte er. „Ich glaube, das muss ich mir ankreiden.“ Das war bestimmt nicht das, was Insa erwartet hatte.
„Ich bin nicht sauer auf dich, falls du das denkst“, fuhr Herr Falk nach einer kurzen Pause fort. „Nicht?“, entfuhr es Insa. „Aber …“ „Tut mir leid“, sagte Herr Falk, als sie sich unterbrach. „Da habe ich wohl einen völlig falschen Eindruck entstehen lassen. Wenn ich nachfrage, warum du gefehlt hast und wann du den Stoff nachholst, dann bestimmt nicht, weil ich dich für eine Blaumacherin halte. Ich weiß, dass du einen Bruder hast, der in den Kindergarten gekommen ist, es ist keine Überraschung, dass er immer wieder Viren mitbringt. Das war bei meinen Töchtern nicht anders damals. Als die in dem Alter waren, war auch dauernd irgendetwas. Dass du dich regelmäßig bei ihm ansteckst, ist nicht deine Schuld, das passiert einfach in einer Familie, die zusammenlebt.“
Insa wusste immer noch nicht, was sie sagen sollte, aber Herr Falk erwartete auch keine Antwort. „Ich möchte einfach sicher sein, dass du trotzdem mitkommst“, fuhr er fort. „Das ist der Grund, warum ich nachfrage. Ich möchte wissen, ob du es schaffst, den Stoff nachzuholen. Und ich möchte bestimmt nicht, dass du dich halb krank in die Schule schleppst, weil du Angst hast, bestraft zu werden. Damit ist dir nicht gedient, und auch sonst niemandem.“
Er unterbrach sich kurz, um Insa Zeit zu geben, das Gesagte zu verarbeiten. „Für den verpassten Nachschreibetermin finden wir eine Lösung“, versprach er dann. „Und wenn du sonst Schwierigkeiten hast mit dem Lernen, dann sag Bescheid. Versprichst du mir das?“
Insa nickte. „Versprochen“, antwortete sie. Sie fühlte sich unglaublich erleichtert: Der Lehrer, den sie für einen Gegner gehalten hatte, stand auf ihrer Seite. Er verstand nicht nur, warum sie so oft fehlte, er wollte ihr wirklich helfen, trotzdem Schritt zu halten mit dem Rest der Klasse. Natürlich war die Deutsch-Arbeit noch nicht geschrieben, und Herr Falk würde ihr die Aufgaben nicht extra leicht machen. Aber er würde dafür sorgen, dass die Fehltage, für die sie nichts konnte, ihr nicht zum Nachteil gereichten. Allein das Wissen, dass sie Hilfe bekommen würde, wenn sie sie brauchte, war ein unheimlich gutes Gefühl. Wenn es dafür den verpassten Nachschreibetermin gebraucht hatte, dann war die Bahn genau zu richtigen Zeit zu spät gekommen.