Autorenseite René Bote

Diebstahl im Schulkiosk

Cover des Buchs Diebstahl im Schulkiosk
7. Januar 2023
99
978-3756879892
Books on Demand

Kaum hat Ida zum ersten Mal den Verkauf im Schul­kiosk über­nommen, fehlt Geld in der Kasse. Für Kaya aus der Elften, die den Kiosk leitet, liegt der Zu­sammen­hang auf der Hand. Davon will sie sich nicht abbrin­gen lassen, und was immer Ida ver­sucht, um ihre Un­schuld zu bewei­sen, Kaya scheint am länge­ren Hebel zu sitzen. Ohne ihre Freun­dinnen würde Ida ernst­haft über­legen, ob sie nicht lieber bezah­len soll, damit Kaya sie endlich in Ruhe lässt …

E-Book €2,49

Autorenplauderei: Schrift­arten

Wenn ich anfange, irgend­was am Compu­ter zu schrei­ben, habe ich meine Stan­dard­schrift­art, die mich seit vielen Jahren beglei­tet – so lange, dass ich mir darum gar keine Gedan­ken mehr mache. Aber in dem Moment, wo ich ein Buch für den Handel vorbe­reite, ist es natür­lich nicht mehr so einfach, die Schrift muss zum Buch passen.

Was den Text­block be­trifft, ist das noch recht einfach zu haben: Da gibt es im Inter­net genug und satt Seiten und Foren, wo darüber disku­tiert wird, und einige Namen fallen dabei immer wieder, sodass sich da recht schnell ein klares Bild heraus­kristal­lisiert.

Inter­essant wird es, wenn es um die Cover geht. Hier muss die Schrift nicht nur zum Inhalt der Ge­schichte passen, also zum Bei­spiel keine ver­spielte Schrift zu einer Horror­story, sondern auch zum Cover­motiv, und sie muss sich vom Hinter­grund ausrei­chend abheben. Bei manchen Covern ist daher die Suche nach der passen­den Schrift und ihrer Gestal­tung mit Größe, Farbe und Schatten der größte Zeit­fresser.

Dass der Pausengong Herzen höher schlagen ließ, war in der Schule nichts Ungewöhnliches. Selbst diejenigen, die ein Fach mochten, mochten meist noch mehr die 10 oder 15 Minuten zwischen den Stunden, in denen sie tun und lassen konnten, was sie wollten.

Ida, vor einer Woche in die 7. Klasse gekommen, bildete da keine Ausnahme. Außerdem war Englisch nicht gerade ihr Lieblingsfach, zumindest nicht bei Frau Silligmann, deren Spitzname „Sillyman“ nicht von ungefähr kam. Das englische Wort „silly“ hieß ja „blöd“ oder „albern“, und Ida fand die Lehrerin tatsächlich blöd. Aber an diesem Tag bedeutete der Pausengong für sie etwas Wichtigeres als das Ende der Englischstunde: Sie würde zum ersten Mal an der Pausentheke verkaufen.

Die Pausentheke war eine Einrichtung, die es erst seit einem Jahr wieder gab an der Schule. In Eigenregie verkauften die Kinder und Jugendlichen dort in den großen Pausen Getränke und Kleinigkeiten zu essen. Als Ida vor zwei Jahren ans Gymnasium gekommen war, hatte es stattdessen noch eine Art Café gegeben, das von ein paar Eltern betrieben worden war. Das war aber nicht besonders gut angekommen, weil Angebot und Verlässlichkeit nicht gestimmt hatten. Aus alten Schülerzeitungen, die sie gelesen hatte, wusste Ida, dass es einige Jahre zuvor einen heftigen Streit darum gegeben hatte, was in der Schule verkauft werden sollte und was nicht. Einigen Eltern war ein Dorn im Auge gewesen, dass an der Pausentheke auch Süßigkeiten verkauft worden waren, und zeitweise hatten sie sich damit durchsetzen können. Die Pausentheke war geschlossen und dafür das Café eingerichtet worden. Doch falls die Eltern einen Run auf die belegten Brote, Obst, Gemüse und Naturjoghurt erwartet hatten, waren sie enttäuscht worden. Die allermeisten brachten sich etwas zu essen von zu Hause mit und wollten dann nur noch was zum Naschen dazu, und mittags gab es ja auch noch das Essen in der Mensa. Außerdem brauchte es eine ausreichende Zahl zuverlässiger Helfer, um den Betrieb aufrechtzuerhalten, und auch daran hatte es gefehlt. Ida hatte mitbekommen, dass das Café oft ohne Vorankündigung geschlossen geblieben war, und zum Schluss hatten wohl nur noch zwei oder drei Mütter versucht, es irgendwie am Laufen zu halten. Selbst hatte sie sich nur einmal ein Frühstück geholt; normalerweise brachte sie sich Brote mit, aber an dem Tag war ihr kleiner Bruder krank gewesen, und die Eltern waren froh gewesen um alles, worum sie sich nicht zu kümmern brauchten.

Zum Ende des vorletzten Schuljahres war das Café dann endgültig geschlossen worden. Ganz ohne eine Möglichkeit, sich etwas zu essen und zu trinken zu kaufen, hatte die Direktorin die Schülerinnen und Schüler aber auch nicht lassen wollen. Es gab zwar Geschäfte in der Umgebung der Schule, aber die Jungen und Mädchen aus der Unter- und Mittelstufe durften das Schulgelände in den Pausen nur in Ausnahmefällen verlassen. Deshalb hatte die Schulleitung sich bemüht, die Pausentheke wieder aufleben zu lassen, und zwei Mädchen aus der Oberstufe dafür gewonnen, die vor dem großen Streit schon dabei gewesen waren. Um diese beiden war eine Gruppe entstanden, die seitdem jeden Tag in den ersten beiden großen Pausen die Theke öffnete. Das Sortiment war mit Schulleitung und Elternvertretung abgestimmt und umfasste sowohl Naschkram, als auch gesunde Snacks.

Ida hatte sich direkt gemeldet, als sie zu Beginn des letzten Schuljahres den Aushang gesehen hatte, doch Kaya und Yvonne hatten abgelehnt. Das war nichts Persönliches, die Vorgabe, nur Jungen und Mädchen ab der Siebten aufwärts zu nehmen, kam von der Schulleitung. Jetzt war Ida alt genug, sie hatte sich mit Kaya getroffen, die inzwischen in der Elften war und die Gruppe allein leitete, nachdem Yvonne Abitur gemacht hatte. Kaya hatte kurz mit ihr zusammen geschaut, welche Pausen vielleicht nicht so günstig waren für Ida, und sie dann direkt in den Dienstplan eingetragen: immer dienstags in der ersten großen Pause.

Sie musste sich beeilen, denn natürlich sollte die Theke so schnell wie möglich nach dem Klingeln geöffnet werden. Frau Silligmann wusste Bescheid und sagte nichts, als Ida aufstand, ohne zu warten, bis die Lehrerin sich verabschiedet hatte. Ida rannte den Flur entlang, die Treppe hinunter und weiter in den Raum neben dem Haupteingang, der vor ewigen Jahren einmal Hausmeisterbüro und Empfang gewesen war.

Trotz der Eile war sie nicht die Erste, aber das machte nichts. Sie wäre ohnehin nicht reingekommen, weil sie keinen Schlüssel hatte. Hinter dem Tresen war ein schmales Mädchen mit hüftlangen, schwarzen Haaren schon dabei, die Pausentheke zu öffnen. Das musste Ricarda aus der Neunten sein, Kaya hatte Ida gesagt, mit wem sie sie einteilen würde. Ida erinnerte sich, das Mädchen schon das eine oder andere Mal auf dem Schulhof gesehen zu haben, direkt miteinander zu tun gehabt hatten sie aber noch nicht.

„Hi“, sagte sie über die Theke hinweg, hinter der früher eine Sekretärin gesessen und neben der eigentlichen Arbeit ein Auge auf den Eingang gehabt hatte. „Ich bin Ida, die Neue. Lässt du mich rein?“ Sie versuchte, sich ihre Aufregung nicht anmerken zu lassen, war sich aber nicht sicher, ob Ricarda es nicht doch merkte.

„Hi“, antwortete Ricarda. Sie schien nicht überrascht, klar, Kaya hatte sie sicherlich vorgewarnt, dass sie eine Neue einarbeiten sollte. Sie schob die Scheibe weiter hoch, bis sie einrastete, und kam dann an die Tür. „Ich bin Ricarda“, stellte sie sich vor. Sie machte Platz, damit Ida an ihr vorbeigehen konnte, und drückte dann die Tür wieder ins Schloss. „Die muss immer zu sein“, erklärte sie. „Wenn hier Betrieb ist, merkst du nicht, ob da einer heimlich was abgreift.“ Das wagte Ida zu bezweifeln, denn der gesamte Raum lag voll im Blickfeld aller, die an der Theke standen und darauf warteten, bedient zu werden. Da den Arm durch die Tür zu stecken, um zu klauen, wäre Selbstmord gewesen. Aber sie sagte nichts, Ricarda gab vermutlich auch nur weiter, was andere an Regeln aufgestellt hatten.

„Hast du so was schon mal gemacht?“, erkundigte Ricarda sich. Ida schüttelte den Kopf. „Na ja, ich hab mal mit einer Freundin zusammen ein paar Sachen auf dem Flohmarkt verkauft“, schränkte sie ein. „Kein Vergleich“, meinte Ricarda. „Da kommt ab und zu mal einer vorbei, und wenn einer wirklich was kauft, kannst du in Ruhe den Preis aushandeln und alles. Hier muss es fix gehen, schließlich wollen alle was haben, ehe die Pause rum ist.“

Das war nicht zu verkennen, denn vor dem Tresen hatten sich in kurzer Zeit etliche Kinder und Jugendliche versammelt, und einige davon wurden schon ungeduldig. „He, einen Kakao!“, rief ein Junge laut und lehnte sich dabei weit über den Tresen. „Ja, gleich“, gab Ricarda zurück. Sie schien daran gewöhnt zu sein, dass manche sich nicht gedulden wollten. „Also, die Kasse steht hier unter dem Tresen“, erklärte sie Ida. „Die Preise stehen überall dran. Achte drauf, dass keiner abhaut, ehe du sicher bist, dass er genug Geld gegeben hat! Und für alles, was du verkaufst, musst du einen Strich auf der Strichliste machen.“

Mehr Einführung bekam Ida nicht. Ricarda nahm einen Kakao aus dem Kühlschrank, stellte ihn dem Jungen hin, der so ungeduldig war, kassierte und war schon beim Nächsten. Also blieb Ida nichts anderes übrig, als sich ebenfalls in ihre neue Aufgabe zu stürzen, obwohl sie sich längst nicht sicher war, ob sie dafür schon bereit war.

Das größte Problem war die Wand von Menschen vor dem Tresen. Ida hatte absolut keine Ahnung, wer zuerst da gewesen und damit fairerweise an der Reihe war. Mit brav hinten anstellen war da nichts, alle riefen ihre Wünsche in den Raum, schoben sich gegenseitig weg, und jeder versuchte, alle anderen zu übertönen. Hilfe, war das laut!

Mehr aus dem Bauch heraus wandte Ida sich einem Mädchen zu, das selbst für eine Fünftklässlerin ziemlich klein war und von zwei älteren Jungen, die nach vorn drängten, gegen den Tresen gedrückt wurde. „Was möchtest du?“, fragte sie. Das Mädchen verlangte einen Joghurt und noch etwas, aber da musste Ida nachfragen, weil einer der Jungen dahinter das Mädchen übertönte. Ein Müsliriegel war der zweite Wunsch, Ida holte den Joghurt aus dem Kühlschrank, den Riegel aus dem Regal und rechnete aus, was das Mädchen bezahlen musste. Eigentlich war sie gut im Kopfrechnen, aber in der Aufregung und mit dem ganzen Geschrei im Ohr fiel es ihr schwer, 80 Cent und 70 Cent zu 1,50 Euro zusammenzurechnen. Sie nahm das Zwei-Euro-Stück, das das Mädchen ihr hinhielt, legte es in die Kasse, gab 50 Cent raus und machte die beiden Striche auf der Liste. Das Mädchen zwängte sich zwischen den beiden Jungen durch, die keinen Millimeter Platz machten und Ida sofort ihre eigenen Wünsche zuriefen. Am liebsten hätte Ida sie warten lassen und erst mal andere bedient, aber sie merkte schon, dass sie nicht ständig die Schülerinnen und Schüler nach Gut und Böse sortieren konnte. Dann würde sie überhaupt nicht mehr nachkommen, sie war ohnehin viel zu langsam. Ricarda hatte mindestens drei Leute abgefertigt, während Ida mit der Fünftklässlerin beschäftigt gewesen war. Die Neuntklässlerin hatte natürlich auch Übung, wahrscheinlich war sie dabei, seit die Pausentheke vor einem Jahr wieder eingeführt worden war, aber trotzdem.

Ricarda machte zum Glück nicht den Eindruck, als wäre sie ihr böse. Sie warf Ida einen kurzen Blick zu, um sich zu vergewissern, dass sie zurechtkam, und kümmerte sich dann wieder um die Wünsche der Jungen und Mädchen vor dem Tresen. Auch Ida machte weiter, gab Getränke, Obst, Joghurt und Snacks heraus, rechnete zusammen und kassierte.

Der Andrang schien kaum weniger zu werden, und die Ungeduld war deutlich spürbar. Trotzdem hatte Ida nach ein paar Minuten das Gefühl, dass sie eigentlich schon ganz gut zurechtkam, dafür, dass sie es zum ersten Mal machte. Nach und nach verinnerlichte sie, was wo stand, und von ein paar Sachen, die sehr gefragt waren, hatte sie sogar schon die Preise im Kopf. So fit wie Ricarda, die fast immer sofort sagen konnte, was jeder zu bezahlen hatte, war sie natürlich noch nicht, aber mit etwas Übung würde sie es vielleicht auch schaffen.

Am Ende der Pause war Ida ziemlich geschafft. An der Pausentheke zu verkaufen, war kein Spaziergang, das waren zehn Minuten Hochleistungssport. Ständig unterwegs, keine Sekunde Zeit zum Luftholen, und eine ganze Horde von Einpeitschern, von denen sich ein Ausbilder bei den Navy Seals noch was abschauen konnte.