Autorenseite René Bote

Schnee ist okay

Cover der Kurzgeschichte Schnee ist okay

Unvermittelt riss das Handy Chrissy aus dem Schlaf. Sehr tief konnte sie aber nicht mehr geschlafen haben, denn das Gerät war auf lautlos gestellt. Nur die Weckfunktion durfte sich melden, und den Vibrationsalarm hätte Chrissy überhört, wenn sie noch richtig geschlafen hätte.

 

Im ersten Augenblick wollte sie gar nicht nachsehen, etwas Wichtiges konnte es eigentlich nicht sein. Ihre Freundinnen wussten, wann sie aufstand, und würden nicht davor schon schreiben. Vermutlich Werbung vom Provider, der haute seinen Spam bevorzugt nachts raus, wenn sonst nicht so viel verschickt wurde.

 

Dann fiel ihr ein, dass vielleicht irgendwas vorgefallen war, was keinen Aufschub duldete, irgendwas, wo eine Freundin sofort jemanden zum Reden brauchte. Schlaftrunken angelte sie das Handy vom Regal über dem Bett, um nachzusehen.

 

Eine neue Nachricht, wurde ihr angezeigt, also hatte sie noch nichts verpasst. Absender war ihre Freundin Tiana. „Was ist das?“, schrieb sie. „Draußen ist alles weiß!“

 

Das sollte im Winter schon mal vorkommen. Am Abend war von Schnee noch nichts zu sehen gewesen, aber kalt genug war es gewesen, und der Himmel wolkenverhangen. Gut möglich also, dass es in der Nacht geschneit hatte, und Chrissy griff nach der Gardine, um nachzuschauen. Vom Bett aus konnte sie gerade so die unterste Ecke des Vorhangs erreichen und durch einen Spalt nach draußen spähen. Im Liegen sah sie nur den Himmel und ein Stück vom Dach des Nachbarhauses, aber das reichte ihr. Das Dach war unter einer Schneedecke verborgen, und die war dick genug, dass man darunter keine Konturen der Dachziegel mehr sah.

 

Das zu sehen machte Chrissy Beine, denn sie war gern im Schnee unterwegs und hatte viel zu selten Gelegenheit dazu. Im Ruhrgebiet schneite es einfach kaum mal, wenn, dann nur wenig, und der Schnee blieb nicht lange liegen. Man musste schon rausfahren ins Sauerland, aber das klappte nur selten. Chrissys Mutter war stellvertretende Filialleiterin in einem Supermarkt und musste oft samstags arbeiten, und Chrissys Eltern waren auch nicht so wild auf Schnee.

 

Grund zur Sorge war der Schnee nicht, auch wenn es hier und da Schwierigkeiten geben würde. Es gab immer welche, die mit dem Auto stecken blieben, weil sie noch Sommerreifen drauf hatten, und Radfahren war bei diesem Wetter auch keine gute Idee. So viel Schnee, dass man Lawinen befürchten musste, Bäume, die abknickten, oder Dächer, die unter dem Gewicht nachgaben, war aber längst nicht gefallen.

 

Andere hätten vielleicht gelacht, dass Tiana trotzdem so besorgt, richtig ängstlich wirkte, aber Chrissy wusste, warum. Tiana lebte noch nicht lange in Deutschland, erst im Frühjahr war sie mit ihren Eltern und zwei jüngeren Brüdern aus Eritrea gekommen. Es war bestimmt das erste Mal im Leben, dass sie Schnee sah, und vielleicht hatte sie noch nie gehört, dass es so etwas überhaupt gab. Oder sie hatte davon gehört, aber aus Berichten aus Regionen, wo die Schneemassen zur Bedrohung geworden waren, und hatte deshalb Angst.

 

„Keine Angst!“, textete Chrissy zurück. „Komm runter, ich erklär’s dir!“ Sie war zwar noch im Schlafanzug, aber das war nichts Neues. Sie und Tiana machten oft abends noch was zusammen, bis sie wirklich ins Bett mussten, und die Nachbarn hatten sich daran gewöhnt, eine von beiden im Schlafanzug durchs Treppenhaus laufen zu sehen.

 

Chrissy ging zur Tür, denn sie war sich nicht sicher, ob ihre Eltern noch schliefen, und wollte ihre Freundin deshalb abfangen, ehe sie klingelte. Ihre Geduld wurde auf keine harte Probe gestellt, als sie die Tür öffnete, hörte sie schon die Schritte im Treppenhaus, und gleich darauf stand Tiana vor ihr.

 

Die beiden Mädchen umarmten sich zur Begrüßung, und Chrissy nahm Tiana mit in ihr Zimmer. Sie hörte Geräusche aus dem Bad, Mutter oder Vater war offenbar gerade aufgestanden und machte sich fertig. Anzumelden brauchte Chrissy ihre Freundin nicht, die Eltern kannten Tiana und wussten, dass sie manchmal zu eher ungewöhnlichen Zeiten zu Besuch kam.

 

„Hast du schon rausgeguckt?“, wollte Tiana wissen. Sie sprach mit deutlichem Akzent, aber dafür, dass sie vor weniger als einem Jahr angefangen hatte, die Sprache zu lernen, war ihr Deutsch schon erstaunlich gut. „So halb“, antwortete Chrissy. „Nachdem ich deine Nachricht gesehen hab, hab ich mal kurz rausgeguckt. Es hat geschneit.“

 

Mit dem Wort konnte Tiana nichts anfangen. In Eritrea herrschte heißes, trockenes Klima, hatte sie Chrissy erzählt, selbst Regen fiel dort nur selten. Chrissy erklärte ihr, dass der Schnee im Grunde Regen war, der nur aufgrund der niedrigen Temperatur anders aussah. „Davor musst du keine Angst haben“, versicherte sie. „Nicht vor dem Bisschen, das hier runterkommt.“ In wenigen Sätzen erklärte sie Tiana, wie Regen bei Kälte zu Schnee wurde, und holte eine Lupe, damit Tiana sich die feinen Kristalle auf dem Fensterbrett ansehen konnte.

 

„Hast du Lust, rauszugehen?“, schlug Chrissy schließlich vor. „Im Schnee kann man richtig viel Spaß haben, wir könnten rodeln, eine Schneeballschlacht machen, und, und, und.“

 

Tiana hatte keine Vorstellung davon, was das genau bedeutete, aber sie vertraute Chrissy. Sie wusste, dass auf ihre Freundin Verlass war, und offen für Neues war sie immer. Auch daran war Chrissy nicht unschuldig, weil sie ihr viel gezeigt hatte, aber auch einschätzen konnte, was ihr, Tiana, nicht gefallen würde. Natürlich gab es Dinge, denen Tiana sich stellen musste, auch wenn sie unerfreulich waren, das konnte Chrissy nicht verhindern, aber dann warnte sie sie wenigstens vor und half ihr, damit umzugehen.

 

Die beiden Mädchen hatten sich sofort angefreundet, als Tiana mit ihren Eltern und den beiden Brüdern über Chrissy eingezogen war. Dass sie zuerst unsicher gewesen waren, war klar, aber die Neugier war größer gewesen, und die Feststellung, dass sie fast den gleichen Namen trugen, hatte das Eis endgültig gebrochen. Chrissy hieß mit Taufnamen Christina, und Tianas Rufname war von Christiana abgeleitet.

 

Chrissy hätte sich gefreut, wenn Tiana mit ihr in die gleiche Klasse gekommen wäre, aber das hatte nicht geklappt. Bis zum Sommer, als Chrissy noch in der Grundschule gewesen war, hatte Tiana eine Klasse für Kinder besucht, die noch nicht genug Deutsch konnten für eine reguläre Schule. Jetzt war Chrissy auf dem Gymnasium, dafür fehlte Tiana noch zu viel Stoff, der dort vorausgesetzt wurde.

 

Chrissy machte sich fertig und erzählte Tiana unterdessen, was sie draußen im Schnee erwartete. Als sie den Schneeanzug aus dem Schrank holte, verzog Tiana plötzlich das Gesicht. „Braucht man das?“, fragte sie entgeistert. „Ich hab so etwas nicht.“

 

Chrissy stutzte kurz, dann winkte sie lächelnd ab. Dass Tiana keinen Schneeanzug hatte, hätte sie sich eigentlich denken können, wie hätte sie auf die Idee kommen sollen, sich so etwas zu besorgen? Außerdem waren Schneeanzüge auch nicht so ganz billig, und für Tianas Eltern hatten anderen Sachen sicherlich Vorrang. Chrissy wusste, dass Tianas Vater als Linienbusfahrer arbeitete, er hatte Glück gehabt, dass er in Eritrea schon LKW gefahren hatte und den Busschein rasch noch dazu hatten machen können. Von ihren Eltern hatte sie aber aufgeschnappt, dass der Job nicht gut bezahlt wurde, und Tianas Eltern hatten ja auch die ganze Einrichtung für die Wohnung, Schulzeug und anderen Kram kaufen müssen.

 

Zum Glück hatte Chrissy einen zweiten Schneeanzug, den sie Tiana leihen konnte. Tiana war etwas größer als sie selbst, aber nicht so viel, dass der Anzug ihr nicht gepasst hätte. Auch Handschuhe bekam sie von Chrissy, sie besaß zwar ein Paar, aber die waren aus Wolle und wären schnell durchweicht gewesen.

 

Nach dem Frühstück, zu dem Chrissys Eltern Tiana spontan einluden, holte Chrissy ihren Schlitten aus dem Keller. Sie besaß einen Rodel aus Holz, was in dem Fall wirklich ein Vorteil gegenüber den Schalen aus Plastik war: Sie konnten problemlos auch zu zweit darauf sitzen.

 

Staunend betrachtete Tiana draußen die weiße Pracht. Das Haus, in dem sie und Chrissy wohnten, stand an einer Seitenstraße, hier war der Schnee noch nicht zu grauem Matsch zerfahren worden. Weil Samstag war, mussten auch viele Anwohner nicht zur Arbeit, und die meisten Autos am Straßenrand trugen noch eine dicke Mütze aus Schnee.

 

Chrissy ließ den Schlitten neben der Haustür stehen und klaubte mit beiden Händen den Schnee vom Fensterbrett der Erdgeschosswohnung. Ohne Vorwarnung warf sie den Schneeball nach Tiana, aber mit einem sanften Lupfer, um sie nicht zu sehr zu erschrecken. Bei der kurzen Distanz hatte Tiana keine Chance, auszuweichen, sie wurde an der Schulter getroffen. Sie zuckte zusammen und riss verwundert die Augen auf. Wieso warf ihre Freundin plötzlich etwas nach ihr?

 

Dann merkte sie, dass der Treffer nicht wehtat, und begriff, dass es ein Spiel war, ähnlich wie das Hase-und-Igel-Spiel, das sie aus der Schule kannte. Sie wischte den Schnee vom Fenstersims am Nachbarhaus, doch als sie damit werfen wollte, entstand nur eine Wolke, die hauptsächlich sie selbst puderte.

 

Chrissy lachte, und auch Tiana konnte über ihr eigenes Missgeschick lachen. Chrissy zeigte ihr, wie man einen Schneeball presste, und bekam zum Dank den ersten, der ihrer Freundin gelang, voll ins Gesicht.

 

Das war der Auftakt zu einer wilden Schneeballschlacht. Chrissy und Tiana wischten den Schnee von Fensterbrettern und Autos, und Passanten taten gut daran, einen großen Bogen zu machen. Zum Glück war um diese Zeit kaum jemand unterwegs, und Herr Brede, der immer früh mit seinem Hund rausging, freute sich, dass der toberige Vierbeiner auch zwei oder drei Schneebälle zugeworfen bekam.

 

Bald waren Chrissy und Tiana völlig außer Atem. Sie gönnten sich eine kurze Verschnaufpause, dann schlug Chrissy vor, sich auf den Weg in den Park zu machen. Dort gab es ein paar Abhänge, nicht sehr steil und auch nicht riesig lang, aber doch genug, um ein bisschen rodeln zu können. Für eine Anfängerin wie Tiana, die zum ersten Mal Schnee erlebte, war es aber sicher auch gar nicht so schlecht, wenn es nicht gleich richtig schnell wurde. Auch dass sie so früh unterwegs waren, war gut, denn so konnte sie üben, bevor es voll wurde im Park. Den kannten auch andere Kinder, und sonst gab es nicht viele Möglichkeiten zum Rodeln in der Umgebung.

 

Chrissy wählte einen Hang aus, der breit genug war und unten viel Auslauffläche hatte, sodass Tiana nichts passieren konnte, selbst wenn sie es am Anfang mit dem Lenken und Bremsen nicht hinbekam.

 

Tiana vertraute Chrissy, aber etwas Angst hatte sie trotzdem. Sie hatte schon gemerkt, dass der Schnee glatt war, dass man leicht ausrutschen konnte, und Chrissy hatte ihr auch erzählt, dass das Autofahren bei Schnee gefährlicher war als sonst. „Mach du erst alleine!“, bat sie, als sie zusammen oben am Hang standen. Wie sollten sie da wieder zum Stehen kommen, wenn diese merkwürdige Holzbank, die Chrissy „Schlitten“ nannte, erst mal ins Rutschen gekommen war?

 

Zum Glück verstand Chrissy sie. So war es immer, und Tiana war dankbar, dass Chrissy sie so gut verstand. Vor ihr musste sie sich nicht verstecken, wenn sie Angst vor etwas hatte, und sie lachte sie nicht aus, wenn sie etwas nicht kannte.

 

Chrissy machte die erste Abfahrt allein, sodass Tiana sich mit eigenen Augen davon überzeugen konnte, dass nichts passierte. „Siehst du?“, sagte sie, als sie sich auf halber Höhe des Hangs wieder trafen. Tiana war ihr entgegengelaufen, um ihr beim Ziehen des Schlittens zu helfen. „Ich hab gar nicht gebremst, und trotzdem bin ich nicht in die Büsche geflogen.“

 

Tiana war immer noch unsicher, beschloss aber, es zu wagen. Chrissy rückte auf dem Schlitten ganz nach vorne, und Tiana setzte sich vorsichtig hinter sie. „Halt dich an mir fest!“, forderte Chrissy sie auf, dann stieß sie sich mit beiden Füßen ab.

 

Der Schlitten nahm Fahrt auf, der Wind zerzauste den Mädchen die Haare, und plötzlich war Tianas Angst weg. Die sausende Fahrt machte Spaß, es war ganz anders als Rad zu fahren oder bei offenem Fenster im Auto.

 

Dann gab es einen Ruck, der Schlitten stellte sich quer, und der eigene Schwung ließ die beiden Pilotinnen im hohen Bogen absteigen. Tiana schrie vor Schreck auf und kniff die Augen zusammen, doch der erwartete Aufprall blieb aus. Sie klatschte in den Schnee, es war kalt, tat aber nicht weh. Die dicke Schneeschicht hatte die Landung abgefedert, und als sie sich aufrappelte, konnte Tiana schon wieder lachen. Auch Chrissy grinste, also gehörten solche Überschläge wohl irgendwie dazu. Tiana wusste nicht, ob sie irgendwas falsch gemacht hatte, aber wenn, dann war es nicht schlimm.

 

„Du bist mit dem Fuß an den Boden gekommen“, erklärte Chrissy ihr. „Macht aber nichts, wir sind ja weich gelandet. Noch mal?“ Tiana grinste. „Klar!“, sagte sie sofort.

 

Gemeinsam zogen sie den Schlitten wieder nach oben und starteten die nächste Rutschpartie. Diesmal gelang die Fahrt, sie kamen sicher unten an, und Tiana spürte, dass sie sich immer mehr entspannte. Nach ein paar Fahrten mit Chrissy traute sie sich auch zum ersten Mal allein, und es klappte. Natürlich saß sie noch das eine oder andere Mal unfreiwillig ab, aber das machte ihr nichts mehr aus. Sie wusste ja jetzt, dass sie im Schnee weich landen würde, und ihre Sorge, sie könnte Chrissys Schlitten kaputtmachen, hatte sich auch in Wohlgefallen aufgelöst.

 

Trotzdem fuhr sie nach ein paar Versuchen lieber wieder mit Chrissy zusammen, denn zu zweit auf dem Schlitten machte es noch mehr Spaß, und es brauchte nicht immer eine zu pausieren.

 

„Und, macht doch Spaß, oder?“, meinte Chrissy, als sie am Nachmittag nach Hause gingen. Das Mittagessen hatten sie ausfallen lassen, aber jetzt war es ohnehin zu dunkel, um weiter zu rodeln. „Und es ist nichts passiert.“ Tiana nickte und lächelte. „Ja“, bestätigte sie, „Schnee ist okay.“