25. April 2026
96
978-3565426676
epubli
Ein E-Fußball-Turnier an ihrer Schule? Da brauchen Madhu und Henri nicht lange zu überlegen: Auf jeden Fall machen sie da mit! Lasse, der mit ihnen die 8c besucht, ist strikt dagegen, Anfänger und Gelegenheitsspieler würden das Turnier nur verwässern und hätten ohnehin keine Chance. Klar, dass Madhu und Henri sich nun erst recht anmelden! Und vielleicht geht sogar tatsächlich etwas für sie – dank Hilfe von unerwarteter Seite.
„Hast du schon gehört?“, konnte man in der Woche nach den Osterferien am Gymnasium am Markt immer wieder hören. Die Gefragten nickten, natürlich hatten sie es gehört, und die Plakate, die überall aushingen, waren nicht zu übersehen.
In drei Wochen würde es ein großes E-Sport-Turnier an der Schule geben, Zweier-Teams würden in der neuesten Version von Genius Soccer Pro gegeneinander antreten. Organisiert wurde das Turnier von der Schülervertretung, die das Ganze richtig groß aufziehen wollte. Jemand, der technisch versiert war, wollte eine Übertragung einrichten, sodass interessierte Zuschauer die Spiele unter anderem in der Aula verfolgen konnten. Ein Sponsor, den die Schülervertretung gewonnen hatte, lobte attraktive Preise aus, Gamepads, Spiele für Computer und Konsole und Gutscheine. Leer ausgehen würde niemand, selbst für die Teams, die als Erste ausschieden, lagen Coupons bereit, Gutscheincodes, mit denen sie sich jeder Spieler aus einer Auswahl günstiger Spiele eines herunterladen konnte.
Als Hauptpreis winkte ein Treffen mit einem echten E-Sport-Profi. Die beiden Spieler des Siegerteams würden ihn zum Training begleiten dürfen und sicherlich eine Menge Tipps bekommen. Wer es war, wollte die Schülervertretung nicht verraten, auf den Plakaten war ein symbolischer Kopf mit einem Fragezeichen anstelle des Gesichts abgedruckt. Einige Namen wurden unter den Schülern diskutiert, aber das war mehr Wunschdenken. Es war nicht einmal gesagt, dass es jemand aus der Genius-Soccer-Pro-Welt war, auch andere Spiele wurden professionell gespielt, aber das blendeten die meisten aus. Freuen würden sie sich trotzdem, wenn sie gewannen und den Hauptpreis einlösten.
Teilnehmen konnten alle, die das Gymnasium am Markt besuchten. Es gab keine Altersbeschränkung, und es wurde auch nicht zwingend Erfahrung mit Genius Soccer Pro oder gar ein bestimmtes Spielniveau gefordert. Es gab einige Jungen und Mädchen an der Schule, die viel und gut spielten, Neulinge und Gelegenheitsspieler würden es also wahrscheinlich schwer haben, auf die vorderen Ränge zu kommen. Aber jeder durfte sein Glück versuchen.
Der Modus der Austragung stand noch nicht fest. Darüber wollte die Schülervertretung erst entscheiden, wenn sie wusste, wie viele Teilnehmer es gab. Es hieß, dass die Mehrheit der Schülervertreter eine erste Runde mit Gruppenspielen bevorzugte; damit wären für jedes Team wenigstens zwei oder drei Spiele garantiert gewesen, ehe die ersten ausscheiden mussten. Das ging aber nur, wenn das Teilnehmerfeld nicht zu groß wurde; der Zeitrahmen war ebenso begrenzt wie die Anzahl der Spiele, die parallel ausgetragen werden konnten.
***
Wenn in allen Klassen so viele teilnehmen wollten wie in der 8c, dann würde es wohl von der ersten Runde an K.-o.-Spiele geben müssen. Die Klasse würde, so sah es aus, mindestens zweieinhalb Teams stellen, und die Anmeldefrist lief ja noch eine Weile. Wenn man das erst auf die fünf Klassen des Jahrgangs und dann auf alle Jahrgänge hochrechnete, würden es über 100 Teams werden.
In der 8c hatten als Erste Mustafa und Chris verkündet, dass sie am Turnier teilnehmen wollten. Sie waren eng befreundet und spielten auch im selben Fußballverein. Auch Madhu und Henri hatten nicht lange überlegt, auch wenn sie sicherlich nicht zu den Favoriten zählen würden. Mit einer Handvoll Partien, die sie ein- oder zweimal die Woche spielten, würden sie die echten Cracks nicht schlagen können. Madhu schätzte, dass sie es in die zweite, vielleicht auch in die dritte Runde schaffen konnten, wenn sie einen guten Tag erwischten und das Losglück auf ihrer Seite hatten. Er würde sich natürlich nicht wehren gegen einen Platz auf dem Treppchen, wollte aber realistisch bleiben.
Außer Frage gestanden hatte von Anfang an, dass Lasse sich zum Turnier anmelden würde. Er war in der 8c mit Abstand der erfahrenste Genius-Soccer-Pro-Spieler und schätzte sich selbst als ziemlich gut ein. Er würde ganz sicher mit der Erwartung antreten, um die vordersten Plätze mitzuspielen.
Offen war nur noch, mit wem er ein Team zu bilden gedachte. In der Klasse wäre Madhu zuerst Björn eingefallen; der und Lasse waren befreundet und zockten wohl auch hin und wieder zusammen. Allerdings war es für Björn tatsächlich nur ein gelegentlicher Zeitvertreib, er hatte zwar Spaß daran, war aber nicht so ehrgeizig wie Lasse. Dementsprechend war er vermutlich auch längst nicht so gut wie der; das mochte Lasse nicht stören, wenn sie privat vor dem Computer saßen, aber wenn er das Turnier gewinnen wollte, brauchte er einen stärkeren Partner.
***
Während Lasse sich nicht in die Karten schauen ließ, was sein Team betraf, hatte er eine klare Vorstellung davon, wie das Turnier abzulaufen hatte. „Sie sollten eine Qualifikation machen“, forderte er, als einige aus der Klasse in der großen Pause über das Turnier sprachen. „Das werden viel zu viele sonst, die ganzen Leute, die nur ab und zu mal zocken, blähen das nur auf, und eine Chance haben sie sowieso nicht.“ Dass sein Blick dabei Henri und Madhu traf, war bestimmt kein Zufall.
„Und wie stellst du dir das vor?“, wollte Chris wissen. Er und Mustafa wären nach Lasses Idee wohl auch erst mal in der Qualifikation gelandet. „Die wissen doch gar nicht, wie gut die Leute sind, die sich da anmelden.“
„Das müssen sie eben abfragen“, sagte Lasse. „Es reichen ja drei, vier Punkte: Auf welchem Level sie spielen, wie oft in der Woche, und wie oft sie schon online gewonnen haben. Wer mindestens seit zwei Jahren auf Level 7 spielt“, dem höchsten, das es gab, „jede Woche mindestens 20 Spiele macht und mindestens 50 Online-Spiele gegen echte Gegner gewonnen hat, ist qualifiziert. Wenn dann noch ein paar Plätze frei sind, dann können sie die an die Besten von den anderen vergeben, oder sie machen eben eine Quali. Da brauchen sie auch nicht den ganzen Aufwand mit Übertragung und so zu machen.“
„Ach?“, versetzte eines der Mädchen bissig, Patrizia, die sich gelinde gesagt nicht zu Lasses Freunden zählte. „Für dich dürfen sie den Aufwand also bitteschön machen, aber bei anderen ist es egal? Und wenn du so gerne zockst, dann müsstest du dich doch freuen über ein paar Spiele mehr. Oder hast du Angst, dass du gegen einen Underdog ausscheidest?“
„Quatsch!“, schnappte Lasse. „Als ob ich gegen Noobs verlieren würde!“ „Dann kannst du sie ja auch unbesorgt mitspielen lassen“, entgegnete Patrizia. „Und was haben sie davon, wenn sie in der ersten Runde mit 20:0 untergehen?“, beharrte Lasse. „Das macht doch keinem Spaß!“
„Dir vielleicht nicht“, warf Madhu ein. Ihm war klar, dass es tatsächlich die eine oder andere Klatsche geben würde, das konnte auch ihn und Henri erwischen. Aber für ihn war das kein Grund, gar nicht erst mitzumachen. „Wir versuchen’s trotzdem.“
***
In einem Punkt, mussten Madhu und Henri sich eingestehen, hatte Lasse in gewisser Weise recht: Gegen echte Gegner zu spielen, war eine andere Hausnummer als gegeneinander oder zusammen gegen den Computer. Untereinander kannten sie ihre Stärken und Schwächen, und sie hatten auch ihre Strategien, den vom Computer gesteuerten Mannschaften beizukommen. Die Software brachte zwar eine Vielzahl von Spielzügen mit, aber letztlich blieb es berechenbar, wie sie auf bestimmte Situationen reagierte.
Sie würden im Hinblick auf das Turnier nicht Tag und Nacht trainieren, aber sie waren sich einig, dass gezielte Vorbereitung nicht schaden konnte. Also würden sie sich für die nächsten Spiele online Gegner suchen, um zu lernen, sich flexibel auf unterschiedliche Strategien einzustellen.
Ihr erster Gedanke war, sich mit Mustafa und Chris zu verabreden. Henri äußerte allerdings Bedenken, er schätzte, dass vor allem Chris sich nicht darauf einlassen würde. Der war nicht so ehrgeizig wie Lasse, würde es aber trotzdem vermeiden, einen potenziellen Turniergegner zu unterstützen.
Madhu war sich nicht so sicher, aber möglich war’s. Also würden sie sich auf der Genius-Soccer-Pro-Plattform umtun und schauen, wer gerade Gegner für ein Online-Spiel suchte.
Wenn man wusste, gegen wen man spielen wollte, konnte man nach dem Benutzernamen suchen. Ansonsten hatte man die Möglichkeit, die Liste nach Einzelspielen oder Turnieren zu filtern, nach der Spielstärke und nach dem Land. Immer vorausgesetzt, diejenigen, die Gegner suchten, hatten das auch alles angegeben.
Noch ehe Madhu und Henri sich überlegen konnten, wo sie anfangen sollten, ploppte eine private Nachricht im Portal auf. „Hast du Lust auf ein Freundschaftsspiel?“, fragte jemand, der sich im Portal „Hinterhof-Torschützenkönig“ nannte. Er schrieb auf Deutsch, fehlerfrei, und auch der Nickname sah nicht so aus, als hätte eine KI den erdenken können für jemanden, der seine eigentliche Herkunft tarnen wollte.
Madhu und Henri wechselten einen Blick und zuckten dann einmütig mit den Schultern. Warum nicht? Sie konnten ihre Stärke im Vergleich zu anderen Spielern schwer einschätzen, also war eigentlich jeder Gegner so gut wie der andere. Dass sie – genauer eigentlich Madhu, an dessen Computer sie saßen – direkt angeschrieben wurden, überraschte sie, aber es verpflichtete sie ja zu nichts, wenn sie ein Spiel gegen den Hinterhof-Torschützenkönig spielten. Falls er ihnen irgendwie komisch kam, würden sie die Partie abbrechen.