Autorenseite René Bote

Feuerwerk nur für dich

Eine kleine und völlig spontan entstandene Geschichte zu Silvester. Ich habe die Story während eines Spaziergangs am Silvestermorgen entwickelt und anschließend nur eine Stunde gebraucht, um aus der Idee die vollständige Geschichte entstehen zu lassen.

Im Lauf der Zeit sind zwei Titelbilder zu dieser Geschichte entstanden, die ich euch beide nicht vorenthalten möchte. Daher gibt es hier die Möglichkeit, mit einem Klick auf die Miniaturen zwischen den beiden Bildern umzuschalten.

Cover der Kurzgeschichte Feuerwerk nur für dich

„Mama, ich möchte mir mit Paula das Feuerwerk vom Ehrenmal aus ansehen“, verkündete Lukas, von allen, die ihn kannten, Lux genannt, als die Silvesterfeier gerade richtig in Gang kam. Wie jedes Jahr feierten seine Eltern mit mehreren befreundeten Familien zusammen, und das bedeutete automatisch, dass auch Paula dabei war, Lux‘ Klassenkameradin und zugleich die Tochter der besten Freunde seiner Eltern.

 

Seine Mutter war zunächst nicht sehr begeistert und murmelte etwas von „alle zusammen feiern!“ „und dunkel und einsam da draußen“, aber Lux‘ Vater sprang seinem Sohn bei. „Lass sie!“, bat er seine Frau. „Die beiden sind keine Kleinkinder mehr, ihnen wird schon nichts passieren, und wenn sie mal für sich sein wollen, dann ist das doch völlig okay.“ Dabei zwinkerte er Lux zu, und der hatte sofort das Gefühl, dass sein Vater eine ziemlich genaue Vorstellung davon hatte, warum sein einziger Ableger sich dem Feuerwerk-Gucken im Familienkreis entziehen wollte.

 

***

 

Sein Vater lag mit seiner Ahnung nicht ganz so falsch. Unter ihren Freunden galten Lux und Paula als das zukünftige Traumpaar. Dass sie einander sehr mochten, war kein Geheimnis, und manche behaupteten, eigentlich wären Lux und Paula schon ein richtiges Paar.

 

Offiziell waren sie allerdings nur gute Freunde. Es hatte sich einfach noch nicht die passende Gelegenheit ergeben, um zusammenzukommen. Vielleicht hätte einfach nur einer von beiden den Anfang machen und eine solche Situation schaffen müssen, doch das hatte sich bis jetzt weder Lux, noch Paula getraut.

 

Dabei wusste Lux, dass Paula nicht nein sagen würde. Er kannte sie ja schon, seit sie Babys gewesen waren, und konnte in ihrem Gesicht lesen wie in einem Buch. Außerdem hatte sein bester Freund ihm verraten, dass Paula nur darauf wartete, gefragt zu werden, und der hatte es von Paulas bester Freundin. So gesehen war die Sache also eigentlich wasserdicht, und für heute hatte Lux sich vorgenommen, Paula endlich wirklich zu fragen.

 

***

 

Als sie eine halbe Stunde vor Mitternacht ihre Jacken anzogen und losgingen, da musste Lux sich anstrengen, um sich seine Aufregung nicht anmerken zu lassen. Dabei schien auch Paula aufgeregt zu sein – ahnte sie trotzdem etwas? Oder war das nur wegen des nächtlichen Spaziergangs?

 

Nach wenigen hundert Metern lagen die letzten Häuser hinter ihnen, und der Rest des Wegs führte an Feldern vorbei und durch Waldfetzen hindurch. Die Straße endete, und ein Fußweg führte weiter, mit leichter Steigung den Hügel hinauf zum Ehrenmal.

 

Im Dunklen war vom Ehrenmal selbst nicht viel zu sehen, denn die Reiterstatue mit den Namen der Gefallenen des Ortes aus beiden Weltkriegen am Sockel wurde nicht illuminiert, und mit der Straße hörten auch die Laternen auf. Nichts regte sich, denn obwohl es kaum einen besseren Aussichtspunkt in der Umgebung gab, kamen nur selten Leute her. Ob es wohl daran lag, dass man mit dem Auto nicht näher als bis auf einen halben Kilometer herankam?

 

Lux hatte vorgesorgt. Er hatte extra die Jacke mit den großen Taschen an, und unter Paulas erstaunten Blicken holte er nicht nur zwei kleine Gläser und ein Flasche Cola heraus, damit sie gleich was zum Anstoßen hatten, sondern auch eine dünne, eng zusammengerollte Decke, die er auf einem kleinen Mäuerchen ausbreitete. Die Mauer war hüfthoch und umgab das Ehrenmal wie eine Festungsmauer.

 

„Geht deine Uhr genau?“, erkundigte Paula sich. Lux nickte. „Ist eine Funkuhr. Eine Minute noch.“

 

Schweigend warteten sie. Unten in der Stadt ging schon der eine oder andere Böller los, das waren die Leute, die es nicht erwarten konnten. Noch eine halbe Minute, noch zwanzig Sekunden. Lux hatte die Gläser gefüllt und reichte eines an Paula weiter, die es lächelnd entgegennahm.

 

Der Countdown begann, Lux und Paula zählten laut mit. „…drei …zwei … eins … Frohes neues Jahr!“ Sie sagten es gleichzeitig und ließen die Gläser mit einem leisen Klingen aneinanderstoßen. „Prost!“, fügte Lux noch hinzu.

 

Paula trank einen Schluck und stellte dann das Glas weg. Sie umarmte Lux und drückte ihn ganz fest an sich. „Alles Gute im neuen Jahr!“, flüsterte sie und schmiegte für einen Moment den Kopf an seine Schulter.

 

***

 

Unten in der Stadt stiegen die ersten Raketen auf, und Paula entfernte sich ein paar Schritte, um einen noch besseren Überblick zu bekommen. Lux ließ sie vorgehen und achtete sorgfältig darauf, dass sie nicht nach hinten schaute, während er noch ein paar Dinge aus den Taschen holte, die Paula nicht hatte sehen sollen. Wenige Handgriffe genügten, und die unvermeidlichen Geräusche wurden vom Feuerwerk übertönt, das inzwischen in vollem Gange war.

 

Zuletzt schaltete er noch den Lautsprecher seines Handys ein und ließ Musik laufen, eine Playlist mit romantischen Stücken, von denen er wusste, dass Paula sie mochte. Jetzt war alles bereit, und er musste es nur noch tun.

 

Mit wenigen Schritten war er bei Paula. Sie warf ihm einen Blick zu und lächelte. „Schön hier“, meinte sie. „Danke, dass du mich hergeführt hast.“

 

Lux wartete einen Moment, in der Hoffnung, sein Herzschlag würde sich etwas beruhigen. Dann stellte er sich vor Paula und griff nach ihren Händen. „Ich muss dir was sagen“, begann er, aber bevor er tatsächlich etwas sagen konnte, las Paula es schon in seinen Augen. „Ich weiß, was du mich fragen willst“, sagte sie zärtlich. „Und die Antwort ist: Ja, das will ich.“ Sie beugte sich vor, und Lux spürte ihre Lippen ganz vorsichtig seine berühren.

 

***

 

Ein paar Augenblicke später, als Paula gerade die Arme um Lux geschlungen hatte, stieg vom Sockel des Ehrenmals eine einzelne Rakete in den Himmel und hüllte den Hügel für einen kurzen Augenblick in rotgoldenes Licht. „Die ist ganz allein für dich“, flüsterte Lux. Er hatte eigens die Lunte verlängert, und es hatte genau so funktioniert, wie er es sich erhofft hatte. Aber selbst wenn die Rakete zu früh oder zu spät gestartet wäre, das hätte dem Moment nichts anhaben können, dem Moment, der nur ihm und Paula gehörte. Sie hielten einander immer noch in den Armen, und er spürte die Bewegungen ihrer Lippen am Ohr, als sie ihm zuflüsterte, was sie schon so lange mit sich herumgetragen hatte: „Ich hab dich lieb.“