Besorgt schaute Henrys Vater zum Himmel, der sich mehr und mehr zuzog. „Verflixt“, meinte er, „da kommt gleich was runter!“ „Du meinst, es schneit?“, vergewisserte Henry sich. „Ist doch super! Und wir haben doch Winterreifen, oder?“
Es war der Morgen des 24. Dezember, und sie waren dabei, die letzten Kleinigkeiten ins Wohnmobil zu packen. In ein oder zwei Stunden wollten sie losfahren in den Winterurlaub: Erst zu einer Tante, die in Thüringen wohnte, und am nächsten Tag weiter nach Oberbayern, wo es ebenfalls Verwandte gab. An Silvester würden sie zurückfahren, Henrys Eltern mussten nach Neujahr direkt wieder arbeiten.
„Wir schon“, bestätigte Henrys Vater die Vermutung wegen der Reifen. „Aber es sind bestimmt wieder genug Leute mit Sommerreifen oder total abgenudelten Schluffen unterwegs. Schätzte, wenn’s wirklich anfängt zu schneien, dann wird’s Abend, bis wir bei Tante Cornelia sind.“ Eigentlich wollten sie am Nachmittag schon da sein, um noch bei den Vorbereitungen für die gemeinsame Weihnachtsfeier zu helfen. Henry freute sich darauf, vor allem, weil er seinen Cousin Julius, der wie er zehn Jahre alt war, sowieso so selten sah. Er war nicht so besorgt wie sein Vater, Winterreifen waren doch vorgeschrieben, oder?
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Als Henry mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Adriana losfuhr, hatte es tatsächlich zu schneien begonnen. Es schneite sogar recht ordentlich, und auf dem Boden hatte sich schon eine zwei oder drei Zentimeter dicke Schneeschicht angesammelt. Dem Wohnmobil konnte das nichts anhaben, und Henrys Eltern, die sich am Steuer ablösen würden, waren gute Autofahrer.
Doch schon in der Stadt merkte man, dass nicht alle so gut vorbereitet waren. An einer Ampel kam der Wagen vor ihnen beim Anfahren kräftig ins Rutschen, und als sie an einer Einmündung vorbeifuhren, sah Henry einen Lieferwagen, der offenbar in die am Straßenrand geparkten Fahrzeuge geschlittert war.
Auch auf der Autobahn war es zäh, schon als sie auffuhren, rollten die Autos dicht an dicht mit geringer Geschwindigkeit. „Hoffentlich sind die alle nur unterwegs, um noch Geschenke zu kaufen!“, sagte Henrys Mutter. An der übernächsten Ausfahrt lag ein Einkaufszentrum, wenn es die Mehrheit der Menschen in den anderen Autos dorthin zog, würden sie also bald wieder zügiger vorankommen.
Tatsächlich fuhren an der betreffenden Ausfahrt viele Autos von der Autobahn ab, und auf der Abfahrtsspur staute es sich zurück. Aber auch als Henry und seine Familie daran vorbei waren, ging es nur unwesentlich schneller voran. Henrys Vater vermutete, dass einfach zu viele dieselbe Idee gehabt hatten wie er und Henrys Mutter: Sie hatten am Vortag noch gearbeitet und nur für die Tage zwischen Weihnachten und Silvester Urlaub genommen.
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Durch den zähen Verkehr waren Henry und seine Familie nach einer halben Stunde schon deutlich hinter dem Plan. Das war nicht nur die Masse an Autos, auch der Schnee schien daran mehr Anteil zu haben, als Henry gedacht hätte. Gestreut worden war offenbar noch nicht, und Henry fragte sich, wie jetzt überhaupt noch ein Streufahrzeug durchkommen sollte.
Und dann ging plötzlich gar nichts mehr. Der Verkehr stockte, und keines der vielen Rücklichter, die Henry vor ihnen sehen konnte, rührte sich. „Da ist irgendwas passiert“, vermutete Henrys Vater seufzend. „Unfall oder so. Das kann dauern.“
Henrys Mutter holte ihr Handy aus der Handtasche, um im Internet die Verkehrsmeldungen abzurufen. „Hier steht noch nichts“, stellte sie fest. „Stockender Verkehr auf drei Kilometern, aber nichts mit Stau.“ „Kommt vielleicht noch“, meinte Henrys Vater. „Die sind ja auch drauf angewiesen, dass es einer meldet, und vielleicht veröffentlichen sie das dann auch gar nicht direkt, sondern erst, wenn sie genug Meldungen haben, dass sie sicher sind, dass da keiner Blödsinn meldet. Kommt ja bestimmt auch vor.“
Die Antwort gab es fünf Minuten später, denn da wurde aus der vergleichsweise harmlosen Meldung eine, die Potenzial hatte, es in die Nachrichten zu schaffen. Die Autobahn war dicht, und zwar gründlich, und es war nicht abzusehen, wie lange. Gleich mehrere LKW waren an einem Anstieg liegengeblieben, niemand wagte eine Prognose, wann die Strecke wieder frei sein würde.
Schnell würde es auf jeden Fall nicht gehen, das war klar, und die Nachrichten, die zur vollen Stunde im Radio kamen, bestätigten es: Die LKW hatten sich kreuz und quer ineinander verkeilt, und noch wusste niemand, wie man dieses Knäuel wieder entwirren sollte. Selbst wenn man bereit war, ein paar Kratzer und verbogene Bleche hinzunehmen, zusätzlich zu den Blechschäden, die schon passiert waren, musste man erst mal einen LKW finden, den man als Ersten rausziehen konnte. Es durfte ja auch nicht passieren, dass ein Laster dadurch ins Rutschen kam und womöglich die wartenden Autos rammte, die nicht zurückweichen konnten. Auch die Tanks durften nicht aufgerissen werden, und vielleicht hatte auch einer der LKW eine gefährliche Ladung. Nicht auszudenken, wenn ein Tanklaster explodierte oder eine Ladung aus schweren Metallrollen oder Kabeltrommeln den Berg hinunterrollte!
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Die Wartezeit zog sich. Inzwischen standen sie seit zwei Stunden an derselben Stelle, und nichts deutete darauf hin, dass es demnächst weitergehen würde. Trotzdem fand Henry die Situation ganz erträglich, das war der Vorteil des Wohnmobils. Essen und Getränke würden ihnen so schnell nicht ausgehen, es gab eine Heizung, die unabhängig war vom Motor, eine kleine Küche und ein Klo. In einem der Fächer über dem Tisch lagen Bücher, Karten- und Brettspiele, es würde also auch nicht langweilig werden. Adriana hockte auf dem Boden und spielte mit ihren Puppen, die die Reise natürlich mitmachten.
Andere hatten es nicht so gut, sie saßen deutlich beengter in ihren PKW und mussten sich überlegen, wie oft und wie lange sie den Motor laufen lassen konnten, um zu heizen. Viele, die keine so lange Strecke hatten fahren und am gleichen Tag wieder hatten zu Hause sein wollen, hatten sicherlich auch kaum oder gar nichts zu essen und zu trinken dabei.
Um zu verhindern, dass jemand in seinem Auto erfror, rückten Feuerwehr, Rettungsdienste und THW mit kleinen Trupps aus, die die Menschen mit heißem Tee und warmen Wolldecken versorgten. Die Sachen zogen sie auf Schlitten hinter sich her, während sie sich von Auto zu Auto vorarbeiteten. Auch bei Henry und seiner Familie hatten sie angeklopft, aber die fühlten sich gut versorgt. Trotzdem waren sie dankbar, dass es Menschen gab, die sich dieser Mühe unterzogen, um anderen zu helfen. Die Helfer hatten sich ihren Heiligabend doch bestimmt auch anders vorgestellt, als mit dem Schlitten die Autobahn entlangzulaufen und Tee auszuschenken!
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Henry wusste, dass es eigentlich verboten war, auszusteigen, wenn man mit dem Auto im Stau stand. Aber in dieser Situation, wo es noch Stunden dauern konnte, bis sich etwas rührte, hielten sich viele nicht daran, und es war wohl auch unvermeidlich, irgendwann mal auszusteigen. Wer so lange saß, brauchte zwischendurch ein paar Minuten Bewegung, und irgendwann auch ein Klo; da waren die PKW natürlich nicht so gut ausgestattet wie ein Wohnmobil.
Eher zufällig beobachtete Henry, wie an einem Auto hinter ihnen, vielleicht zwanzig Meter entfernt, die hintere rechte Tür geöffnet wurde. Ein Mädchen stieg aus, wobei es sorgfältig schaute, ob kein Einsatzfahrzeug den Seitenstreifen entlanggeprescht kam, oder ein Auto, dessen Fahrer glaubte, so schneller wegzukommen. Es huschte über den Seitenstreifen, kletterte über die Leitplanke und ging dahinter in die Hocke. Für den Moment sah Henry nur den blonden Haarschopf, während ihm kurz durch den Kopf ging, dass es für das Mädchen ziemlich kalt sein musste hintenrum.
Erst als das Mädchen fertig war und wieder über die Leitplanke stieg, sah er, dass er es kannte. Davon ab, dass er es bis dahin nur von der Seite und von hinten gesehen hatte, lag es wohl daran, dass er nicht damit gerechnet hatte, hier im Stau ein bekanntes Gesicht zu sehen.
Inga ging seit Beginn des Schuljahres mit ihm in eine Klasse. Viel wusste er nicht über sie, und sie hatte ihn auch nicht nennenswert interessiert. Die Jungen gaben sich insgesamt nicht viel mit den Mädchen ab und umgekehrt; außerdem war Inga oft mit Freda und Marisa zusammen, und die konnte Henry nicht leiden. Er fand die beiden zickig, und sie hatten nur irgendwelche TikTok-Stars im Kopf. Natürlich hatten beide auch selbst einen Account, obwohl sie das noch gar nicht durften. Ob Inga da aktiv mitmachte, wusste Henry nicht, aber zumindest hielt es sie nicht davon ab, die Pausen mit Freda und Marisa zu verbringen.
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Inga hatte es offensichtlich eilig, zurück ins Auto zu kommen, und bemerkte Henry nicht, der nur den Kopf aus dem Seitenfenster des Wohnmobils gestreckt hatte. Einerseits war Henry erleichtert deswegen, er wusste nicht, was passiert wäre, wenn sie ihn erkannt hätte. Andererseits fühlte er etwas, von dem er erst mit Verzögerung begriff, dass es so etwas wie Enttäuschung sein musste. Auch wenn er lesen konnte, irgendwie war es doch langweilig, es wäre schön gewesen, jemanden zu haben, mit dem er sich die Zeit vertreiben konnte. Er war nicht mit Inga verfeindet, und sie waren in der gleichen Lage; da hätten sie sich schon für eine Weile zusammenraufen können.
Fünf oder zehn Minuten rang er mit sich. „Hinter uns ist Inga aus meiner Klasse“, erzählte er dann. „Nicht direkt, so sieben oder acht Autos sind noch dazwischen. Ich hab sie gesehen, weil sie mal raus musste. Darf ich hingehen und sie fragen, ob sie rüberkommt? Dauert doch bestimmt noch lange, bis wir weiterfahren können, da können wir was spielen oder so.“
Seine Eltern überlegten nicht lange. Sie kannten Inga nicht, aber sein Vater kannte Ingas Mutter von den Elternabenden. Da war sie ihm zumindest nicht unsympathisch aufgefallen, und was die Tochter betraf, verließ er sich auf Henrys Urteil. Wenn der meinte, dass er sich die Langeweile mit Inga zusammen vertreiben wollte, dann war das okay.
Als warf Henry sich die Jacke über und machte sich auf den Weg. Ganz wohl war ihm nicht – was, wenn Inga nicht wollte, wenn sie ihn auslachte? Oder, noch schlimmer, wenn er sich geirrt hatte, und sie war es gar nicht, sondern nur ein Mädchen, das ihr zufällig ähnlich sah?
Aber um umzukehren, war es zu spät. Wie hätte er das seinen Eltern erklären sollen? Also ging er weiter und näherte sich dem dunklen Kombi, in dem Inga saß. Auf der Autobahn herumzulaufen fühlte sich merkwürdig an, und er hatte das Gefühl, dass er aus jedem Fahrzeug angestarrt wurde. Allerdings war er nicht der Einzige, Inga war ja auch gerade kurz draußen gewesen, und an der Mittelleitplanke lehnte ein Mann und rauchte.
Er erreichte das Auto und sah, dass Inga auf der Rückbank lag, die Füße in Socken gegen die Scheibe auf der anderen Seite gestemmt, und auf ihrem Handy schrieb. Was, konnte er nicht lesen, weil die Scheibe leicht beschlagen war, und wenn er es hätte sehen können, hätte er versucht, nicht hinzuschauen. Er hätte auch nicht gewollt, dass sie ihm über die Schultern schaute, während er mit einem seiner Freunde schrieb, obwohl er keine Nachrichten verschickte, für die er sich hätte schämen müssen.
Ingas Eltern sahen ihn, maßen dem aber keine Bedeutung bei. Sie kannten Henry nicht, konnten sich also allenfalls wundern, dass dessen Eltern ihm erlaubten, offensichtlich ohne Not das Auto zu verlassen. Da der Verkehr aber stand und Henry nicht auf dem freien Seitenstreifen lief, sahen sie keinen Grund, einzugreifen.
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Inga zuckte zusammen, als er an die hintere Seitenscheibe klopfte; sie hatte ihn offenbar nicht kommen sehen. Sie setzte sich auf, drehte sich um und riss die Augen auf, als sie Henry sah. Wahrscheinlich hatte sie damit gerechnet, dass es noch mal die Leute vom Sanitätsdienst waren, die nachfragen wollten, ob alles okay war.
„Du?“, wunderte sie sich, nachdem sie die Scheibe heruntergelassen hatte. „Was machst du hier?“ „Wir stehen auch im Stau“, erklärte Henry. „Ich hab dich eben gesehen, als du kurz draußen warst.“ Inga wurde leicht rot, anscheinend war es ihr peinlich, dass er ihren Ausflug ins Grüne mitbekommen hatte, obwohl es doch natürlich war, dass sie irgendwann mal musste. „Ich wollte fragen, ob du mit deinen Eltern zu uns rüberkommen willst“, fuhr Henry fort. „Wir fahren mit dem Wohnmobil, da ist’s wärmer und bequemer.“
Mit dieser Einladung überraschte er sowohl seine Klassenkameradin als auch deren Eltern. Irgendwo konnte Henry verstehen, dass Inga nicht sicher war, ob sie ja sagen sollte, sie wusste von ihm bestimmt nicht mehr als er umgekehrt von ihr. Wie sie ihn einschätzte, hätte er nicht sagen können; er selbst hätte von sich gesagt, dass er in keine Richtung herausragend war, keiner der Jungen, die eher negativ auffielen, noch einer von denen, um deren Freundschaft sich alle rissen. Er hatte Freunde und kam mit den meisten Klassenkameraden gut aus, aber es gab andere, die mehr im Mittelpunkt standen. Aber es konnte natürlich sein, dass Inga einen völlig anderen Eindruck von ihm gewonnen hatte, er wusste ja auch nicht, worauf sie achtete.
Schließlich nickte sie und lächelte. Sie schien sich zu freuen, offensichtlich hatte sie keinen so schlechten Eindruck von ihm, zumindest nicht so, dass sie es vorgezogen hätte, weiter im eigenen Auto zu bleiben. „Darf ich?“, fragte sie ihre Eltern.
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Ingas Eltern hatten nichts dagegen, dass Inga mit Henry ging. Selbst wollten sie zunächst bleiben, sie waren nicht sicher, ob sie das Auto einfach stehen lassen konnten. Natürlich war das eigentlich nicht erlaubt, aber dieser Stau war nicht mit normalen Maßstäben zu messen. Henrys – und sicherlich auch Ingas – Eltern verfolgten die Meldungen, hier würde sich noch über Stunden nichts rühren. Um die LKW wieder auseinanderzuziehen, wurde schweres Gerät gebraucht, und selbst wenn das endlich eintraf, würde es noch ein Akt sein, bis die Fahrbahn wieder frei war. Hinten hatte die Polizei begonnen, die Autos drehen und gegen die eigentliche Fahrtrichtung zur Ausfahrt zurückfahren zu lassen, aber auch das würden sich ziehen. Damit es dabei keine Unfälle gab, durften immer nur wenige Autos gleichzeitig wenden, und es waren tausende, die sich angesammelt hatten. Henry und seine Familie waren im vordersten Viertel des Staus, würden also mit am längsten ausharren müssen.
Vor diesem Hintergrund rangen sich schließlich auch Ingas Eltern durch, die Einladung anzunehmen. „Ein Auto weniger, wo sie Tee verteilen müssen“, meinte Ingas Vater trocken. „Und wir sind ja nicht weit weg. Wenn sich der Stau auflöst, sehen wir das, lange bevor wir dran sind.“ „Zur Sicherheit können wir ja einen Zettel hinter die Scheibe legen“, schlug Ingas Mutter vor. „Damit sich keiner wundert. Habt ihr was zu schreiben im Wohnmobil?“
Das war wirklich das kleinste Problem, Inga malte die Nachricht mit Kugelschreiber auf ein Blatt von Adrianas Zeichenblock. Henry begleitete sie, als sie kurz zum Auto zurücklief, um den Zettel hinter die Windschutzschreibe zu legen. Da war er schwer zu übersehen, auch bei Dunkelheit würden die Helferinnen und Helfer ihn entdecken. Die hatten sicherlich Taschenlampen dabei und würden ins Auto hineinleuchten, wenn sich dort nichts rührte.
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Zurück im Wohnmobil streckten Henry und Inga sich bäuchlings auf der breiten Matratze im Alkoven über dem Führerhaus aus. Normalerweise schliefen hier Henrys Eltern, aber auf Henrys Bett im Heck des Fahrzeugs hätten die Kinder sich schon sehr zusammenquetschen müssen.
Die Erwachsenen saßen zusammen am Tisch und unterhielten sich. Sie tauschten sich darüber aus, wohin sie eigentlich unterwegs waren, und kamen dann auf die Schule zu sprechen. Das drängte sich einfach auf, weil man sich nur darüber flüchtig kannte. Genauer gesagt waren Henrys Vater und Ingas Mutter sich bei zwei Elternabenden begegnet, aber Henrys Mutter und Ingas Vater wussten auch, was da besprochen worden war. Unter anderem unterhielten sie sich über die Klassenfahrt, die es zum Ende des Schuljahres geben sollte, und Henry hörte heraus, dass Ingas Mutter deswegen unsicher war. Es hatte wohl in der Grundschule eine Klassenfahrt gegeben, die zumindest der Ansicht von Ingas Mutter nach nicht gut gelaufen war.
Inga schien das Thema peinlich zu sein, und Henry war sich nicht sicher, wie er damit umgehen sollte. „War’s wirklich so schlimm?“, flüsterte er schließlich. Er war mit seiner Grundschulklasse auch weg gewesen, aber das war zwar aufregend gewesen, weil es die erste Fahrt ohne Eltern gewesen war, aber nicht wild. Ihm fiel nichts ein, worüber die Eltern sich Sorgen hätten machen müssen.
Inga verdrehte die Augen. Leise, sodass die Eltern es nicht verstehen konnten, erzählte sie ihm, dass sie sich bei einer Nachtwanderung verirrt hatten und erst eine Stunde später als geplant wieder in der Jugendherberge gewesen waren. Keine große Sache, versicherte sie, ein Spaziergang mit der ganzen Klasse und den Lehrerinnen direkt nach Einbruch der Dunkelheit, bei dem sie einmal falsch abgebogen waren. Dadurch hatten sie einen großen Umweg gemacht, aber es war nie gefährlich gewesen, und geschlafen hatten sie anschließend auch noch genug. Trotzdem war ihre Mutter besorgt gewesen, als sie davon gehört hatte, und sah der nächsten Klassenfahrt mit einem mulmigen Gefühl entgegen.
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Für Henry und Inga war das Thema „Klassenfahrt“ ein Glücksfall. Auf diese Weise brauchten sie nicht krampfhaft zu überlegen, was sie reden sollten, es ergab sich einfach. Ausgehend von Ingas Erzählung kamen sie zu den beiden Klassenfahrten, die Henry mit seiner Grundschulklasse gemacht hatte, und der ersten, die sie in ein paar Monaten gemeinsam machen würden. Sie waren sich einig, dass es eine tolle Sache werden würde, und freuten sich darauf.
Mit der Frage, was man auf der Klassenfahrt alles unternehmen konnte, waren sie auch ganz schnell bei ihren Hobbys im Allgemeinen, und Henry erfuhr in der kurzen Zeit viel, viel mehr über Inga als in den Monaten seit Beginn des Schuljahrs. Umgekehrt erzählte er ganz offen von sich, und er hatte keine Sekunde lang das Gefühl, dass sie ihn für irgendwas auslachen würde.
Er merkte, dass er sich gründlich in Inga getäuscht hatte, sie war echt in Ordnung. Er hatte von Freda und Marisa auf sie geschlossen, aber das war ein Irrtum: Dass sie die Pausen mit ihnen verbrachte, ergab sich nur daraus, dass sie schon in der Grundschule in derselben Klasse gewesen waren, und dass die anderen Mädchen auch ihre Cliquen hatten, die sich von früher kannten. Ihre Mutter meinte, dass sich das im Lauf der Zeit neu ordnen würde, aber noch hatte sich in der Hinsicht kaum etwas getan. Inga fand das schade, konnte aber damit leben, weil sie ihre besten Freundinnen ohnehin im Tischtennisverein hatte.
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Allmählich wurde es dunkel, und noch immer gab es kein Zeichen dafür, dass der Stau sich bald auflösen würde. Adriana wurde unruhig, der Stau war nach mehreren Stunden kein Abenteuer mehr, dafür bekam sie Angst, dass Weihnachten ausfallen würde.
Völlig unberechtigt war das nicht. Selbst wenn der Stau sich jetzt sofort aufgelöst hätte, wären sie erst zu einer Zeit bei Henrys Tante gewesen, die weit nach Adrianas Sandmännchen war. Sie hätten höchstens nach Hause fahren können, um dort zu viert zu feiern, aber das wäre irgendwie traurig gewesen. Auch Henry fand es schade, aber er war älter und konnte besser damit umgehen.
Trotzdem freute er sich, als Inga vorschlug, zusammen ein paar Weihnachtslieder zu singen. Warum denn nicht? Dass sie nicht mehr rechtzeitig bei Henrys Tante sein würden, um mit ihr zu feiern, dass Inga und ihre Eltern nicht rechtzeitig am Ziel sein würden, hieß doch nicht, dass sie gar nicht feiern konnten! Immerhin hatten sie es nicht ungemütlich, die Eltern saßen am Tisch, Adriana bei ihrer Mutter auf dem Schoß, Henry und Inga lagen nach wie vor im Alkoven. Ihnen war nicht kalt, sie hatten Spaß, und zu essen und zu trinken war auch da.
Die Eltern überlegten nicht lange. Ein paar Weihnachtslieder kannten alle auswendig, und die Begleitmusik konnten sie sich, wenn sie welche brauchten, aus dem Internet holen. Von den Weihnachtplätzchen, die Henrys Mutter am Morgen noch gebacken und schon lange auf den Tisch gestellt hatte, waren auch noch welche da, und Henrys Vater zauberte ein schnelles Abendessen. Eigentlich hätten sie ja bei Henrys Tante gegessen, aber ein paar Vorräte hatten sie trotzdem eingekauft. Nudeln, Pilze, Gemüse, Sahne und ein paar Gewürze ergaben vielleicht kein traditionelles Weihnachtsgericht, aber es schmeckte trotzdem gut.
Henry und Inga aßen im Liegen. Sie waren gar nicht böse, dass am Tisch nur für vier Personen Platz war, es war urgemütlich im Alkoven. Auf seinem Handy ließ Henry leise Weihnachtsmusik laufen, unten erzählten die Eltern, wie in den jeweiligen Familien sonst Weihnachten gefeiert wurde.
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Nach dem Abendessen wurde beschert. Auch Inga und ihre Eltern waren unterwegs, um die Weihnachtsfeiertage auswärts zu verbringen, und hatten deshalb die Geschenke mitgenommen. Ingas Vater ging rasch zurück zum Auto, er brachte auch Ingas Rucksack mit, in dem sie ihre Geschenke für ihre Eltern verwahrt hatte.
Zum Glück war unter den Geschenken nichts, was Strom benötigt hätte. Das Wohnmobil hatte zwar Steckdosen, aber die Kapazität der Batterie war begrenzt. Adriana, die schon ein ganz kleines bisschen lesen konnte, obwohl sie noch nicht in der Schule war, bekam eine Tafel mit magnetischen Buchstaben und begann sofort, alle möglichen Wörter zu legen.
Inga betrachtete ihr Geschenk nur, packte es aber nicht aus. Sie puzzelte gerne, auch etwas, was Henry bis zu diesem Tag nicht gewusst hatte, und ihre Eltern hatten extra ein Foto als Puzzle drucken lassen. Dass es im Wohnmobil an einem Platz zum Puzzeln fehlte, nahm sie gefasst, sie würde in den nächsten Tagen noch genug Zeit dafür haben. Umso begeisterte baute sie mit Henry an seinem Geschenk, das in gewisser Weise auch ein Puzzle war: ein Bausatz von Lego Technik. Henry hatte sich erst ziemlich verlegen gefühlt, als er das Päckchen ausgepackt hatte, er hatte gedacht, Inga würde ihn für kindisch halten, wenn sie sah, dass er sich noch dafür interessierte. Aber sie fand das offensichtlich ganz und gar nicht lächerlich, und ihr Spaß daran, gemeinsam mit ihm das Modell zusammenzubauen, war nicht gespielt.
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Irgendwann wurde es Schlafenszeit, Henry und Inga packten den Bausatz weg, um zu schlafen, bis die Strecke wieder frei war. Die Polizei hatte es geschafft, einen Teil der Autos von der Autobahn zu leiten, und die Arbeiten, die verkeilten LKW zu befreien, waren im Gange, aber es konnte trotzdem noch bis weit in die Nacht dauern, ehe für sie weiterging. Was das betraf, hatten es die beiden Familien schlecht getroffen, die Ersten, die hatten umdrehen und zur letzten Ausfahrt hatten zurückfahren dürfen, waren wahrscheinlich längst zu Hause.
Doch Henry fand das gar nicht schlimm, denn ohne den Stau hätte er nicht gemerkt, dass Inga ganz anders war, als er sie eingeschätzt hatte. Gemeinsam hatten sie die wohl merkwürdigsten Weihnachten ihres Lebens verbracht, aber trotz allem waren es fröhliche Weihnachten.
Er wechselte einen Blick mit Inga und sah, dass sie dasselbe dachte wie er: Sie waren Freunde, und sie würden es auch bleiben, wenn diese denkwürdige Nacht zu Ende war.