Autorenseite René Bote

Herrchens Botschaft

Cover der Kurzgeschichte Herrchens Botschaft

Anette warf einen besorgten Blick zum Himmel. „Hoffentlich hält das noch!“, sagte sie. „Wir sind ja gleich da“, beruhigte ihre Cousine und beste Freundin Felicitas sie. „Zur Not rennen wir das letzte Stück, und umziehen müssen wir uns sowieso, wenn wir bei Tante Julia sind.“

 

Ihre Tante erwartete ein Baby, und die beiden Mädchen hatten versprochen, beim Streichen des Kinderzimmers zu helfen. Eigentlich hatten die werdenden Eltern das allein machen wollen, doch Onkel Justus, der bei einer Zeitung arbeitete, musste für einen erkrankten Kollegen einspringen und dessen Wochenenddienst übernehmen. Allein, fürchtete Tante Julia, würde sie es nicht an einem Tag schaffen, mit dem dicken Bauch fühlte sie sich nicht mehr beweglich genug.

 

Anette und Felicitas bogen in die Straße ein, in der ihre Tante und ihr Onkel wohnten. Es war eine recht ruhige Straße, auf beiden Seiten gesäumt von freistehenden Zwei- und Dreifamilienhäusern. Auf der rechten Seite, wo Tante Julia und Onkel Justus wohnten, gab es einen Parkstreifen, auch Tante Julias Wagen stand dort. Es war kein seltenes Modell, aber Anette, die den besseren Blickwinkel hatte als ihre Cousine, entdeckte den Hunde-Aufkleber am Heck. Ihre Tante war im Tierschutzverein aktiv, solange Anette und Felicitas denken konnten, und mittlerweile Teil des Leitungsgremiums. Sie hatte selbst einen Hund, einen strubbeligen Mischling, bei dem sich nur erahnen ließ, welche Rassen an seinem Stammbaum beteiligt waren. Gelegentlich nahm sie auch Hunde für ein paar Tage oder Wochen auf, die aus unterschiedlichsten Gründen kurzfristig ein neues Zuhause brauchten.

 

Als sie und Felicitas das Haus, in dem Onkel und Tante wohnten, fast erreicht hatten, blieb Anette wie angewurzelt stehen. „Ach du Scheiße!“, entfuhr es ihr. „Was ist das!?“

 

Sie starrte auf das Auto ihrer Tante, und als Felicitas dem Blick ihrer Cousine folgte, sah sie große, krakelige Buchstaben, die auf der Beifahrerseite in den schwarzen Lack gekratzt worden waren. „Scheiß Hundefängerin!“, las sie murmelnd. „Hoffentlich zerfleischt dich bald einer!“ Alles in Großbuchstaben, jede Linie bestand aus vier einzelnen, die parallel zueinander liefen. Wahrscheinlich hatte der Täter einen Schlüssel dafür benutzt, vielleicht auch eine Gabel.

 

Anette riss sich von dem Anblick los. „Ich sag Tante Julia Bescheid!“, sagte sie. „Bleib du hier!“

 

Felicitas nickte. Sie würde aufpassen, dass niemand den Tatort veränderte, und schauen, ob der Täter Spuren hinterlassen hatte. Spuren außer den Kratzern im Lack.

 

Die Autos, an denen sie zuvor vorbeigekommen waren, waren unbeschädigt. Felicitas trat dicht an die Hecke heran, die den schmalen Vorgarten vom Bürgersteig trennte, sodass sie die Beifahrerseiten der nächsten Autos in der Reihe sehen konnte – auch hier keine Spur von Vandalismus. Das überraschte sie nicht, die Botschaft auf Tante Julias Auto bezog sich eindeutig auf ihre Tätigkeit im Tierschutzverein. Das war eine persönliche Sache, kein Werk von Randalierern, die durch die Straße gezogen waren und wahllos die Autos angegriffen hatten.

 

Anette erreichte unterdessen die Haustür und klingelte. Sie versuchte, sich zurechtzulegen, wie sie ihrer Tante sagen konnte, was passiert war, ohne sie zu sehr zu erschrecken. Etwas in ihr hoffte, dass Tante Julia es schon wusste, dass der Schaden vielleicht sogar schon ein paar Tage alt war und die erste Aufregung sich inzwischen gelegt hatte. Doch sie hatte das sichere Gefühl, dass es nicht so war, dass Tante Julia noch nichts von dem Schaden ahnte.

 

Das Haus verfügte über eine Gegensprechanlage, Tante Julia fragte nach, wer vor der Tür war, und Anette gab sich mit ihrem Namen zu erkennen. Der Summer wurde gedrückt, Anette betrat das Haus und sprintete die Treppe hinauf in den ersten Stock.

 

Tante Julia erwartete sie an der Wohnungstür. Sie lächelte, doch als sie Anettes Gesicht sah, wurde ihre Miene ernst. Offenbar sah sie Anette an, dass es etwas nicht in Ordnung war, und wunderte sich sicherlich auch, wo Felicitas war. „Dein Auto!“, sagte Anette anstelle einer Begrüßung. „Jemand hat es zerkratzt!“

 

Tante Julia zuckte zusammen. „Was?“, entfuhr es ihr. „Aber …“ Sie atmete tief durch, um sich zu fangen. „Bist du sicher?“

 

Natürlich war Anette sich sicher, aber die Nachricht hatte Tante Julia völlig unvorbereitet getroffen. Kein Wunder, dass ihr Verstand sich weigerte, das Gehörte zu akzeptieren.

 

Anette machte kehrt, um zu Felicitas zurückzukehren, und ihre Tante folgte ihr. Sie erreichten die Haustür und eilten durch den Vorgarten. Für einen Moment versperrte noch die Hecke den Blick auf den Wagen, der nicht genau vor der Haustür stand. Dann sah Tante Julia den Schaden und wurde bleich.

 

„Hast du eine Idee, wer das gemacht haben könnte?“, fragte Felicitas nach ein paar Sekunden behutsam. Sie hatte nichts entdeckt, was einen Hinweis auf den Täter gab. Sie hatte unters Auto geschaut und in die Hecke gespäht, in der Hoffnung, das Tatwerkzeug zu finden, aber das hatte der Täter offenbar wieder mitgenommen. Auch sonst hatte er nichts zurückgelassen, höchstens Fingerabdrücke und DNA-Spuren, aber das konnte nur die Polizei überprüfen.

 

Tante Julia überlegte und zuckte dann mit den Schultern. „Weiß nicht“, sagte sie unsicher. „Wir sind ein Verein, nicht das Ordnungsamt. Wir haben keine Befugnisse, irgendjemandem ein Tier wegzunehmen. Wenn wir mitbekommen, dass ein Tier nicht artgerecht gehalten oder misshandelt wird, dann sprechen wir die Leute meist erst einmal selbst an. Wir machen ihnen klar, dass es so nicht geht, und bieten Unterstützung an, wenn die Leute überfordert sind. Wir sammeln Futterspenden, vermitteln Hundetrainer, all solche Sachen. Aber wenn es nicht anders geht, schalten wir natürlich das Ordnungsamt ein.“ „Und das nimmt die Tiere dann und bringt sie ins Tierheim“, folgerte Anette, und Tante Julia nickte. „Meistens“, schränkte sie ein. „Die prüfen natürlich jeden Fall noch mal selbst, aber sie wissen auch, dass wir nicht grundlos jemanden melden.“ „Machst du das?“, wollte Felicitas wissen. „Und bist du dabei, wenn die Tiere abgeholt werden?“

 

Tante Julia schüttelte den Kopf. „Ganz selten kommt es vor, dass wir das Ordnungsamt rufen und warten, bis jemand kommt, weil die Tiere sonst vielleicht totgeschlagen werden“, erklärte sie. „Sonst sind wir meistens nicht mehr da, wenn das Ordnungsamt kommt.“

 

Aber die Betreffenden wussten natürlich, dass der Tierschutzverein das Ordnungsamt gerufen hatte, oder konnten es sich zumindest zusammenreimen. Die Folgerung lag auf der Hand, die Schuld am Verlust der Tiere wurde dem Verein gegeben. Und weil die meisten Mitglieder des Vereins schwer ausfindig zu machen waren, hielten die auf Rache sinnenden Tierhalter sich an die, die in der Öffentlichkeit standen; Tante Julia gehörte als Vorstandsmitglied dazu.

 

Während Felicitas versuchte, mögliche Verdächtige einzukreisen, ließ Anette unbewusst den Blick über die Häuser gegenüber streifen. Alle hatten Fenster zur Straße, und den Lack zu verkratzen, ging bestimmt auch nicht lautlos vonstatten. Ganz schön gefährlich für den Täter!

 

Plötzlich nahm sie eine kleine Bewegung hinter einem der Fenster wahr, im ersten Stock des Hauses schräg gegenüber. Unauffällig schaute sie genauer hin, und nach ein paar Augenblicken war sie sich ihrer Sache sicher. „Schaut nicht hin!“, sagte sie leise. „Da beobachtet uns einer!“

 

In wenigen Worten erklärte sie, wo sie den Beobachter entdeckt hatte. Genauer beschreiben konnte sie ihn nicht, nur dass es ein Mann war, glaubte sie ziemlich sicher.

 

Zu ihrer Überraschung seufzte ihre Tante. „Ich hätte es mir denken können!“, sagte sie leise, leise genug, dass es auch niemand hören konnte, der unbemerkt das Fenster öffnete. „Das ist Sascha Klemm“, fuhr sie fort. „Er hasst mich.“ „Hast du dafür gesorgt, dass ihm ein Tier weggenommen wurde?“, folgerte Felicitas, und ihre Tante nickte. „Zweimal“, bestätigte sie. „Erst hatte er einen Dobermann. Im Zwinger hinten im Hof. Als Wachhund, hat er gesagt, damit keiner wagt, bei ihm einzubrechen. Er hat ihn geschlagen und … Kurz gesagt war da überhaupt nichts artgerecht, und er ist bei jedem Versuch, mit ihm darüber zu reden, sofort auf die Palme gegangen. Irgendwann hab ich das Ordnungsamt eingeschaltet.“ „Und das hat ihm den Hund weggenommen“, ergänzte Anette den logischen Schluss. Ihre Tante nickte. „Erst hat er dagegen Beschwerde eingelegt, aber er durfte den Hund nicht zurücknehmen. Er hat sich dann heimlich einen anderen geholt, das lief dann über seine Freundin. Sehr glaubwürdig, wenn der Hund ständig hier ist, die Freundin aber nur gelegentlich!“ „Und natürlich hat er den zweiten Hund genauso mies behandelt wie den ersten“, warf Felicitas ein. Es lag auf der Hand, und genauso logisch war, dass Tante Julia den Nachbarn abermals angezeigt hatte.

 

Jetzt war er mit einem Verbot belegt, irgendein Haustier zu halten, und seine Freundin ebenso. Klar, dass er nun einen Hass auf Tante Julia hatte, wenn er sie dafür verantwortlich machte, statt darüber nachzudenken, was er seinen Hunden angetan hatte.

 

Das passte nahtlos zusammen, er hatte ein Motiv, und er brauchte nur aus dem Fenster zu schauen, um herauszufinden, wann die Gelegenheit günstig war. Das Problem: Wie sollte man ihm das beweisen?

 

„Fragen wir ihn, ob er was gesehen hat!“, schlug Tante Julia vor, als hätte sie die Gedanken ihrer Nichten gelesen. „Mal schauen, wie er reagiert.“ Dann biss sie sich auf die Lippen. „Aber ihr bleibt besser hier“, sagte sie. „Vielleicht tickt er aus.“

 

„Wir kommen mit!“, beharrte Felicitas und sprach damit auch für ihre Cousine. „Gerade wenn er vielleicht austickt. Wenn wir zu dritt sind, traut er sich nicht.“

 

Tante Julia schaute sie etwas zweifelnd an. Ganz Unrecht hatte sie nicht, Anette und Felicitas waren elf und weder überdurchschnittlich groß noch stark für ihr Alter. Kaum anzunehmen, dass sie Klemm würden zurückhalten können, wenn er gewalttätig wurde, und beeindrucken würden sie ihn schon gar nicht.

 

„Er kann uns ja unmöglich alle drei gleichzeitig packen“, schob Anette nach, der klar war, was ihrer Tante durch den Kopf ging. „Egal, wen er angreift, mindestens eine kann immer wegrennen und die Polizei holen. Dann ist er erst recht dran.“

 

Ihre Tante seufzte. Ihr wäre es immer noch lieber gewesen, wenn die Mädchen nicht mitgekommen wären, das war nicht zu übersehen, aber ihr gingen die Argumente aus. Ein Machtwort sprechen wollte sie nicht.

 

Zu dritt überquerten sie die Straße und erreichten das Haus gegenüber. Dass der Nachbar sie kommen sah, war nicht zu ändern, aber wenn er nicht völlig dumm war, musste ihm sowieso klar sein, dass der Verdacht früher oder später auf ihn fallen würde.

 

Tante Julia presste den Daumen auf den Klingelknopf. „Wahrscheinlich macht er gar nicht auf“, vermutete sie. Vielleicht hoffte sie darauf, weil es der sicherste Weg war, Anette und Felicitas nicht in eine Konfrontation hineinzuziehen.

 

Doch der Nachbar ließ sich zwar Zeit, drückte dann aber doch auf den Summer. Er fragte nicht einmal über die Gegensprechanlage nach, wer vor der Tür stand, das sprach dafür, dass er sie tatsächlich die Straße hatte überqueren sehen.

 

Schweigend stiegen sie hoch in den ersten Stock. „Morgen, Herr Klemm“, begrüßte Tante Julia den Nachbarn mit einem Mindestmaß an Höflichkeit. Er erwiderte den Gruß nur mit einem Nicken. Das Tischtuch war unwiderruflich zerschnitten, und niemand machte sich die Mühe, das zu verbergen.

 

„Was passiert?“, fragte der Nachbar schließlich knapp. „Ich hab Sie unten stehen sehen …“ „Ja, es ist was passiert“, antwortete Tante Julia. „Mein Auto wurde zerkratzt. Scheiß Hundefängerin! Es hat also mit einer Tätigkeit beim Tierschutz zu tun.“

 

„Wundert Sie das?“, gab der Nachbar zurück. „Ihnen hätte klar sein müssen, dass das irgendwann kommen würde. Sie tun immer so, als wären Sie die Einzige, die Ahnung hat, dabei wissen Sie gar nichts. Und wenn einer nicht nach Ihrer Pfeife tanzt, weil er im Gegensatz zu Ihnen wirklich was von Tieren versteht, hetzen Sie ihm sofort die Idioten vom Ordnungsamt auf den Hals.“

 

„Haben Sie was gesehen?“, unterbrach Felicitas die Beschimpfung. Nachbar Klemm drehte den Kopf, so, als hätte er sie bis jetzt gar nicht wahrgenommen. „Meine Nichten“, stellte Julia die Mädchen knapp vor. „Sie haben den Schaden eben entdeckt.“

 

Der Nachbar zuckte mit den Schultern. „Nein“, behauptete er. „Ich war heute noch nicht draußen.“ „Kann das jemand bestätigen?“, hakte Anette nach.

 

„Was soll das werden?“, fuhr der Nachbar sie an. „Ein Verhör?“ „Sie hätten ein Motiv“, versetzte Anette. „Weil Ihnen zweimal ein Hund weggenommen wurde und Sie jetzt keinen mehr halten dürfen.“

 

„Und?“, schnappte der Nachbar. „Natürlich bin ich sauer, wegen ihr hab ich nichts als Ärger. Aber deswegen braucht sie keiner zu zerfleischen, mein Anwalt regelt das und sorgt dafür, dass sie sich nicht mehr in anderer Leute Angelegenheiten einmischt.“ „Sie waren es“, sagte Felicitas ihm auf den Kopf zu. „Wahrscheinlich wissen Sie ganz genau, dass Ihr Anwalt nichts ausrichten kann. Und selbst wenn, es würde Ihnen nicht reichen, Sie hassen Tante Julia und wollen sie selbst fertigmachen.“

 

Der Nachbar kniff die Augen zusammen. „Du spinnst doch!“, behauptete er. „Woher willst du das wissen?“

 

Wieso kann Felicitas so sicher sein, dass Nachbar Klemm das Auto zerkratzt hat?

 

Auflösung