Autorenseite René Bote

Gina 3D

Cover des Buchs Gina 3D
29. August 2020
72
978-3751982054
Books on Demand

Eigent­lich wollte Bastian das neue Com­puter­spiel nur ein biss­chen auf die Probe stellen. Kann man Gina, die Player-Figur, auch außer­halb der vorge­sehenen Pfade durch die Spiel­welt führen? Dass plötz­lich der Compu­ter ab­stürzt und ein sech­zehn­jähriges Mädchen in seiner Studen­ten­bude liegt, das behaup­tet, aus dem Spiel in die „Außen­welt“ gesprun­gen zu sein, war jeden­falls kein Bestand­teil seines Plans.

Von einem Moment auf den anderen hat Bastian zwei riesige Pro­bleme am Hals. Da ist der Her­steller des Spiels, der fieber­haft nach dem Hacker sucht, der den Code für Gina aus allen Kopien des Spiels, sogar aus den Back-ups, ge­löscht hat. Und da ist das Mädchen, dessen Her­kunft er nicht erklä­ren kann, ohne in die Psychia­trie ge­steckt zu werden. Dass Gina keine Ahnung hat, wie die Welt funk­tioniert, in der sie gelan­det ist, macht es auch nicht ein­facher …

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Taschenbuch €4,90

Autorenplauderei: Men­schen, die plötz­lich auf­tauchen

In diesem Buch wird an einer Stelle der Somer­ton-Mann erwähnt. Er ist eines der wohl berühm­testen Bei­spiele eines Men­schen, der schein­bar aus dem Nichts auf­taucht und nicht identi­fiziert werden kann. Er wurde an einem Abend im Novem­ber 1948 erstmals an einem Strand in Ade­laide im Süden Austra­liens gesehen und am nächsten Morgen etwa an der gleichen Stelle tot aufge­funden. Seine Iden­tität konnte nie geklärt werden. Wer mehr dazu lesen möchte, findet hier den Wiki­pedia-Artikel dazu (Ach­tung: Auf der Seite ist ein Bild des Toten zu sehen. Er ist zwar nicht irgend­wie ent­stellt, trotz­dem solltest Du dem Link nicht folgen, wenn Du Dir nicht sicher bist, ob Du das sehen kannst und willst.).

Möglich, dass es mit moder­nen Metho­den möglich gewesen wäre, heraus­zu­finden, wer der Mann war. Möglich, dass es in Zeiten zuneh­mender Daten­erhebung nur eine kurze Abfrage dafür ge­braucht hätte. Dennoch gibt es auch heute noch Fälle, in denen Men­schen plötz­lich auf der Bild­fläche erschei­nen und erst nach wochen­langen Ermitt­lungen identi­fiziert werden können. Ginas Bei­spiel zeigt ein biss­chen auf, welche Möglich­keiten die Polizei heute hat, aber es zeigt auch, dass es manch­mal trotz Allem noch Grenzen gibt.

Wochenende! Es war Freitagabend, und Bastian kam gerade vom Handball-Training. Jetzt hatte er bis zum Spiel am Sonntagnachmittag keine Verpflichtungen mehr, jedenfalls keine, bei denen er sich an eine bestimmte Uhrzeit halten musste. Das bedeutete: viel Zeit, um das neue Computerspiel anzuspielen, das er schon am Anfang der Woche runtergeladen hatte.

Das Spiel hieß Black Mountain – Black Wizard und spielte in einer Fantasy-Umgebung. Eine junge Heldin musste vom Spieler durch eine Bergwelt geführt werden, Kämpfe bestehen und Fähigkeiten lernen, um am Ende einen bösen Zauberer aufzuhalten, der wie die meisten Fieslinge seiner Art nicht weniger wollte, als die Welt zu beherrschen.

Bastian machte sich etwas fertig, um nebenbei zu Abend zu essen, fuhr den Computer hoch und startete das Spiel. Das Startvideo übersprang er, er war eher der Typ Spieler, der sich direkt ins Geschehen stürzte. Was er wissen musste, um die Aufgaben zu meistern, erfuhr er so oder so, und die Intros waren doch alle irgendwie gleich, fand er.

Auch die Einführung sparte er sich, ein Level, das nur dazu diente, unerfahrene Spieler mit dem Spielprinzip und der Steuerung vertraut zu machen. Er hing zwar nicht Tag und Nacht vor dem Computer, spielte aber mehrfach die Woche für ein oder zwei Stunden, und das seit sechs oder sieben Jahren. Da er ziemlich auf das Genre festgelegt war, kannte er die Mechanismen, nach denen die Charaktere im Lauf des Spiels besser wurden, und die Steuerung hatte er sowieso für sich angepasst. Für ihn bestand die erste Herausforderung darin, die Fähigkeiten seiner Figur richtig einsetzen zu lernen; mit welcher Taktik man die besten Wirkungstreffer erzielte und selbst möglichst wenig einsteckte, das variierte von Spiel zu Spiel.

***

„Nach rechts!“, rief Gina in Gedanken. „Geh nach rechts!“ Sie stand in einem Tal, das von hohen Bergen mit schroffen Wänden eingerahmt wurde. Durch die Talsohle schlängelte sich ein Fluss, begleitet von Wiesengelände und Büschen. Geradeaus schien es endlos weiterzugehen, und nichts deutete darauf hin, dass dort irgendwo eine Gefahr lauern könnte. Wer sollte also auf die Idee kommen, stattdessen nach einem Durchschlupf zwischen den Felsen zu suchen?

Gina kannte jeden einzelnen Punkt in diesem Tal, und sie wusste, was passieren würde, wenn sie geradeaus weiterging. Aber sie hatte nicht das Sagen, und der, der bestimmte, wo es langging, war zum allerersten Mal hier. Sie wusste, dass er den versteckten Abzweig übersehen würde, weil er nicht danach suchte, weil er nicht einmal ahnte, dass hier schon ein Abzweig sein könnte. Ein paar Augenblicke später trabte sie an der Stelle vorbei, an der sie hätte abbiegen müssen, und sie wusste, dass sie nicht umkehren würde, ehe es zu spät war.

Eigentlich durfte sie das alles gar nicht wissen, und sie hätte nicht einmal wissen dürfen, dass sie es nicht wissen durfte. Aber das stand auf einem anderen Blatt, und niemand ahnte, dass in ihr mehr vorging, als vielleicht gut für sie war.

***

Auf dem zweiten Bildschirm hatte Bastian eine Konsole laufen, in die er ab und an Befehle eintippte. Er war nämlich nicht nur ein passabler Spieler, auch wenn er mit den Vollprofis wohl doch nicht mithalten konnte, sondern auch ein begabter Hacker. Bei jedem Spiel, das er spielte, suchte er nach Lecks, nach Möglichkeiten, sich die Spielewelt noch weiter zu erschließen, als ihre Entwickler vorgesehen hatten.

Er wusste, dass das nicht ganz legal war, sagte sich aber, dass er keinen Schaden anrichtete. Er knackte den Code nicht, um ihn meistbietend zu verkaufen oder um damit selbst ein Spiel auf den Markt zu bringen, und er verschaffte sich nicht mal einen unsportlichen Vorteil, indem er seine Figuren schneller auflevelte, als das im normalen Spielgeschehen möglich gewesen wäre. Ihn reizte es einfach, die Möglichkeiten auszuloten, aber egal, was er herausfand, er behielt es immer für sich.

***

Gina hatte die Stelle, an der sie die Abzweigung wusste, schon ein gutes Stück hinter sich gelassen, als sie schräg vor sich ein Loch im Boden entdeckte. Wie konnte das sein? Wie oft war sie diesen Weg schon gegangen, und nie hatte er sich auch nur um ein Jota verändert. Und doch war da jetzt dieses Loch, das da eigentlich nicht sein durfte.

Sie konnte nicht einfach stehenbleiben oder gar den Weg ändern, aber aus den Augenwinkeln konnte sie hinschauen. Seltsam, offenbar war da nicht nur ein Loch in der Erde, irgendwas schien dahinter zu sein. Gina sah Licht, und als sie näher kam die Ecken von Möbeln. Ein Raum unter der Erde?

Ohne es recht zu merken, änderte Gina ihren Laufweg. Sie dachte nicht einmal daran, dass sie das eigentlich gar nicht konnte, wenn sie nicht ausdrücklich den Befehl dazu bekam. Sie hätte ja nicht einmal darüber nachdenken dürfen, wohin sie laufen wollte.

Ungläubig starrte sie in das Loch im Boden. Sie sah einen Tisch, an dem ein Junge saß, oder ein junger Mann, das konnte sie schwer einschätzen. Auf jeden Fall war er keine Armlänge entfernt, aber er schien sie nicht zu bemerken. Hinter ihm hing etwas an der Decke des Raumes, es schien eine Lampe zu sein, aber anders als die Talglichter, die sie kannte. Auch die Möbel an der Wand im Hintergrund wirkten anders, glatter, glänzender.

Plötzlich wusste sie, was sie vor sich hatte: die Außenwelt! Die Welt, von der sie nichts hätte ahnen dürfen. Die Welt, von der sie wusste, dass sie jenseits ihrer Welt existierte. Die Welt, in der ihr nicht jeder Schritt vorgegeben werden würde? Ohne weiter darüber nachzudenken, machte sie einen Schritt nach vorn und sprang in das Loch. Es ging abwärts, sie spürte einen heftigen Schlag gegen den Kopf, und dann wusste sie nichts mehr.

***

Irgendwas war passiert, aber Bastian wusste noch nicht genau, was. Er war in einem Forum, in dem Spiele-Hacker sich austauschten, auf einen Beitrag gestoßen, in dem ein anderer Hacker seinen vergeblichen Versuch beschrieb, die festgelegte Pfade in Black Mountain – Black Wizard zu verändern. Als Informatik-Student war er zwar erst im zweiten Semester, aber er programmierte schon seit der 5. Klasse, und er hatte sofort gesehen, was der Hacker aus dem Forum falsch gemacht hatte. Er hatte die Befehle in die Konsole kopiert, korrigiert und die Enter-Taste gedrückt, und jetzt schien das Spiel komplett aus dem Ruder zu laufen. Das Mädchen, das er durch die Gebirgswelt des Spiels steuerte, reagierte nicht mehr auf die Tastatureingaben, und in der Konsole ratterten kryptische Befehle und Statusnachrichten durch, viel zu schnell, als dass er sie hätte mitlesen können.

Wenige Augenblicke später begann der Lüfter auf Hochtouren zu drehen, ein Zeichen, dass der Computer komplett ausgelastet war. Dabei war der PC eine moderne und überaus gut ausgestattete Maschine, Bastian konnte sich das leisten, weil er neben dem Studium im Auftrag von Firmen spezielle Software entwickelte und gut dafür bezahlt wurde. Er wollte die Auslastung prüfen, schauen, welche Vorgänge den Rechner so ins Schwitzen brachten, aber jetzt reagierte nicht nur das Spiel nicht mehr, sondern das gesamte System.

Sorgen machte er sich deswegen nicht. Dass ein Spiel, das von Profis eines bekannten Herstellers entwickelt worden war, einen Fehler hatte, der gleich den ganzen Rechner lahmlegte, war zwar ungewöhnlich, kam aber ab und an vor, weil die Hersteller nicht jede denkbare Computer-Konfiguration testen konnten. Außerdem hatte er ja auch noch eingegriffen mit seinem Hack, vielleicht verkraftete die Engine das nicht. Aber davon würde der Rechner weder anfangen zu brennen, noch in die Luft fliegen; entweder bekrabbelte er sich wieder, oder er bekam einen harten Reset.

Bastian beschloss, ein paar Minuten zu warten, ob sich das System wieder fing. Er wollte aufstehen, um in der Zwischenzeit schnell aufs Klo zu gehen, aber er war noch nicht ganz auf den Füßen, als es neben ihm einen lauten Schlag tat. Gleichzeitig wurde der Monitor schwarz, und die kleine Lampe in der Ecke ging aus.