Autorenseite René Bote

Vergifteter Applaus

Cover des Buches [Title]
11. März 2026
41
978-3819003844
Neobooks

Für Nat erfüllt sich ein Traum, als er eine neue Spielshow fürs Fernsehen moderieren darf. Doch der Regisseur ist gar nicht begeistert, als gleich zu Beginn der Aufzeichnungen einige Jugendliche auftauchen, Plakate mit Nats Namen hochhalten und mit lautstarkem Jubel die Dreharbeiten stören. Der Zeitplan ist eng, und eigentlich ist alles rund um die Show noch geheim. Nat ahnt, dass die scheinbar freundliche Unterstützung wohlberechnet ist, aber ihm fehlt der Beweis dafür. Beim Fernsehen hat er keinen Rückhalt, er muss die Jugendlichen selbst finden und überführen.

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Kennst du dich aus? war das jüngste Projekt des Kinder- und Jugendsenders, kurz KJS, der wie alle Fernsehsender ständig auf der Suche nach neuen, spannenden Formaten war. Hinter dem Arbeitstitel verbarg sich eine Outdoor-Spielshow, die in den Sommerferien aufgezeichnet und zu Beginn des neuen Jahres ausgestrahlt werden sollte.

Neu daran war, dass die Teilnehmer, insgesamt acht Vierer-Teams, nicht an einem zentralen Ort versammelt werden sollten. Stattdessen würde es Duelle in den jeweiligen Heimatstädten der Teams geben, wie beim Fußball mit Hin- und Rückspiel. Die vier Sieger-Teams würden im selben Modus das Halbfinale bestreiten, einzig das Finale würde in nur einem Duell entschieden werden. Dafür stand der Austragungsort schon fest, Düsseldorf, wo der KJS seinen Hauptsitz hatte. Jede Show würde die Teams kreuz und quer durch die jeweilige Stadt führen, mit vielen Rätseln, die oft Bezug auf lokale Gegebenheiten nahmen.

Für die Moderation hatte der KJS ein Duo gecastet, das im selben Alter war wie die Kandidaten und Kandidatinnen. Die Idee war nicht mehr völlig neu, aber doch noch frisch und passte ins Konzept der Show. Durchgesetzt hatten sich Chiara, eine Vierzehnjährige aus Aachen, und Nathan, Nat genannt, ein Jahr älter als Chiara und in Wuppertal zu Hause.

Gekannt hatten die beiden Jugendlichen sich vorher nicht. Sie waren sich aber schon beim Casting begegnet, denn die Verantwortlichen hatten nicht nur die Fähigkeiten der Einzelnen sehen wollen, sondern auch, wie die Jugendlichen miteinander harmonierten.

Nat mochte seine Partnerin, Chiara war immer gut gelaunt, schien gleichzeitig aber auch sehr einfühlsam zu sein. Nicht zuletzt konnte sie ein ganz schöner Wirbelwind sein, das unterschied sie von Nat, der eher der etwas bedächtigere Typ war. Nat schätzte, dass die Macher der Show genauso eine Kombination beabsichtigt hatten, und glaubte schon, dass Chiara und er sich vor der Kamera gut ergänzen würden.

Chiara hatte bereits Kamera-Erfahrung. In der Kinderserie 2. Stock links, die ebenfalls der KJS produzierte, hatte sie mehrfach als Komparsin mitgewirkt und schließlich eine Episodenhauptrolle gespielt. Als sie noch in der Grundschule gewesen war, hatte sie außerdem in einem Lehrvideo über den Umgang mit Mobbing mitgewirkt.

Nat dagegen betrat Neuland, vor der Kamera gestanden hatte er – abgesehen von privaten Handy-Videos – noch nie. Dafür nahm er in seiner Schule seit zwei Jahren an der Podcast-AG teil und hatte dabei gelernt, Themen aufzubereiten und zu präsentieren.

***

Die Dreharbeiten begannen für Nat mit einem Heimspiel. Gastgeberinnen des allerersten Duells waren vier Mädchen aus seiner Heimatstadt; drei davon kannten sich vom Volleyball, die Vierte war eine Schulfreundin von einer der anderen. Die Gegner, Cousin und Cousine mit seinem besten Freund und ihrer besten Freundin, kamen aus Detmold, hatten also eine weite Anfahrt hinter sich. Damit sie trotzdem ausgeruht ins Duell gehen konnten, waren sie bereits am Vortag angereist und hatten im Hotel übernachtet. Auch Chiara war schon am Vortag gekommen, bei Nat hatten die Verantwortlichen eine Ausnahme gemacht, eben weil der erste Dreh in seiner Heimatstadt stattfand.

Nach dem Frühstück wurde Nat von einem Fahrer zu Hause abgeholt und zum Set gebracht. Der KJS hatte einen Teil eines Firmenparkplatzes angemietet und dort mehrere Wohnwagen aufgestellt, die als Garderoben, Maske und Büro dienten. Auch ein Caterer hatte seinen Stand aufgebaut, im Moment schien vor allem Kaffee gefragt zu sein.

Chiara kam ziemlich genau zur selben Zeit wie Nat. Viel Zeit, einander zu begrüßen, hatten sie jedoch nicht, die Vorbereitungen auf die Show waren streng durchgetaktet. Eine Mitarbeiterin des KJS nahm sie in Empfang und brachte sie direkt zur Maske. Anschließend ging es sofort weiter zur Vorbesprechung, in der der Regisseur den Ablauf noch einmal durchging, soweit er sich überhaupt planen ließ.

Sobald die Teams ihre ersten Aufgaben bekommen hatten, würde ohnehin alles von ihnen abhängen. Der Rahmen war gesteckt durch die einzelnen Stationen, die die Leute vom KJS festgelegt hatten, aber niemand konnte vorhersagen, wie die Teams sich schlagen würden. Die Jungen und Mädchen mussten selbst entscheiden, wie sie zur nächsten Station kamen, sie durften auch öffentliche Verkehrsmittel benutzen, um die Strecken zurückzulegen. Für den Fall, dass sich ein Team komplett verrannte, gab es natürlich immer einen Plan B, einen Hinweis, der das betreffende Quartett wieder auf die richtige Spur bringen würde. Damit es fair blieb, würde im Gegenzug eine Strafe auf die Zielzeit aufgeschlagen werden.

Nat und Chiara sollten das hautnah begleiten. Das bedeutete, immer im Blick zu haben, wo die Teams gerade waren und wie sie sich schlugen, und darauf zu reagieren. Ein großes Team stand bereit, um das möglich zu machen; es würde Kontakt halten mit den Kameraleuten, die die Kandidaten begleiteten, entscheiden, von wo Nat und Chiara als Nächstes berichten sollten, und den Transport des Moderatoren-Duos organisieren. Dass Nat und Chiara sich aufteilten, war eingepreist, nur an Start und Ziel würden sie auf jeden Fall gemeinsam auftreten. Wahrscheinlich würden sie nachträglich noch zusätzliche Kommentare einsprechen, die dann in das aufgenommene Material eingefügt werden würden.

***

Der Start fand vor dem alten Elberfelder Rathaus statt. Vor der Kulisse der über 100 Jahre alten Fassade begrüßten Nat und Chiara die Fernsehzuschauer, die das erst in einem halben Jahr sehen würden. Vor ihnen passierte der ganz normale Alltag, Menschen liefen über den Platz, kauften ein oder gingen anderen Erledigungen nach. Manche blieben einen Moment stehen und schauten zu, andere wollten wohl auf keinen Fall ins Bild geraten und beschleunigten ihre Schritte. Nur ein kleiner Teil des Platzes war abgesperrt für die Dreharbeiten, gerade so, dass Nat und Chiara geschützt waren und die Kameracrew genug Bewegungsfreiheit hatte.

Nat versuchte, das Drumherum auszublenden, die Kameras und auch die Leute vor den Absperrungen. Im Wechsel mit Chiara erläuterte er die Regeln und rief dann die Teams dazu. Natürlich hatten sie ein paar Fakten zu den Jungen und Mädchen aufgeschrieben bekommen, die sie einflechten konnten, und Fragen, die sie stellen sollten.

Wenn sie das alles abarbeiteten und die Jugendlichen nicht zu einsilbig antworteten, würde das vermutlich reichen, um mehr als eine Folge zu füllen. Aber der Regisseur hatte kein Interesse daran, Nat und Chiara unter Zeitdruck zu setzen, er wusste genau, dass das Material davon nicht besser werden würde. Schneiden musste man hinterher sowieso.

Anfangs war Nat hypernervös. Doch die ersten Sätze, die Erklärung der Regeln, die noch relativ fest vorgegeben war, halfen ihm, sich in die Situation einzufinden. Außerdem merkte er, dass er die Erfahrungen aus der Podcast-AG nutzen konnte; dort hatte er gelernt, sich auf Gesprächspartner einzustellen und das Gespräch unmerklich zu lenken.