Autorenseite René Bote

Bruder? Schwester? Bruder! Schwester!

Cover des Buchs Bruder? Schwester? Bruder! Schwester!
16. Februar 2021
46
978-3753425108
Books on Demand

Einen Bruder hatte Lisa nicht auf der Wunsch­liste stehen. Nils braucht keine Schwes­ter. Aber sie haben es nicht in der Hand, und als sie sich kennen­lernen, ist die Ent­schei­dung längst gefal­len. Notge­drungen müssen sie sich von jetzt auf gleich mitein­ander arran­gieren, und es ist gar nicht so leicht, die Balance zwischen gutem Willen und Wider­willen zu halten …

E-Book €0,99

Autorenplauderei: Idee geshoppt

Diese Ge­schichte ist mal wieder ein Bei­spiel für eine Idee, die sich aus einer winzigen alltäg­lichen Beob­achtung ergeben hat: Ich bin beim Ein­kaufen an einem Laden vorbei­gekommen, bei dem man alle mög­lichen Dinge indivi­duell bedrucken oder besticken lassen konnte, Kleidung und andere Tex­tilien, Tassen, Maus­pads, und, und und … Im Schau­fenster waren eine Menge Bei­spiele zu sehen, darunter auch ein Artikel, der nun in meinem Buch eine nicht ganz unbe­deutende Rolle spielt. Wie aus der bei­läufigen Wahr­nehmung die Idee geworden ist, weiß ich selbst nicht, ich hatte einfach plötz­lich die eine Szene im Kopf, um die herum sich dann die Ge­schichte ent­wickelt hat.

Lisa, Sonntag, 18. Oktober

Im Nachhinein frage ich mich, ob ich es nicht längst hätte merken müssen: Mama hat einen Neuen. Ihre Stimmung, die Tönung in den Haaren und die vielen kleinen Anzeichen sonst, das hätte mir ruhig früher auffallen dürfen.

Eigentlich ist die Situation nicht neu für mich, und bisher konnte ich gut damit leben. Mama und mein Vater haben sich getrennt, als ich noch ganz klein war. Ich weiß, dass er damals in seiner Firma befördert worden ist, das bedeutete spannende Aufgaben für ihn und mehr Geld, aber leider auch Einsätze in aller Herren Länder. Mama sagt, er fand das toll, er wollte immer was sehen von der Welt, und sie hat ihm das auch gegönnt. Mitmachen wollte sie die ständigen Umzüge aber nicht, sie war selbst nicht so wild darauf, aber vor allem wollte sie mir die ständigen Ortswechsel nicht antun. Sie meinte, ich bräuchte ein stabiles Umfeld, wo ich meine Freunde hab und mich nicht ständig umgewöhnen muss.

Die Ehe hat das nicht überlebt, obwohl ich Mama glaube, dass sie sich beide Mühe gegeben haben. Sie meint, sie wäre nicht für eine Fernbeziehung geschaffen, und mein Vater auch nicht, deshalb hätte es einfach nicht funktioniert. Sie haben sich auch nicht im Streit getrennt, aber Kontakt haben sie nicht mehr. Deshalb kenne ich meinen Vater auch kaum, ich war noch zu klein, um mich an ihn zu erinnern. Alles, was ich über ihn weiß, hat Mama mir erzählt, und sie hat mir auch Fotos gezeigt. Ich glaube, er ist in Ordnung, und ich habe eindeutig seine Augen geerbt. Manchmal denke ich, dass ich ihn gern kennenlernen würde, aber ich hab noch nie mit Mama darüber gesprochen. Ich glaube, hindern würde sie mich nicht, aber ich weiß nicht, ob sie überhaupt weiß, wo er jetzt wohnt und wie ich ihn erreichen kann. Außerdem wäre es für ihn wahrscheinlich auch ein Schock, wenn seine inzwischen zwölfjährige Tochter plötzlich bei ihm aufkreuzt.

Seitdem hatte Mama immer wieder mal einen Freund. Ein paar Sachen waren recht schnell wieder vorbei, andere Beziehungen haben länger gehalten, eine fast drei Jahre, von meinem letzten Kindergartenjahr bis weit in die Grundschulzeit hinein. Der letzte Freund, Bastian, ist ein knappes Jahr her, vier oder fünf Monate war Mama mit ihm zusammen.

Bisher hat’s mich nie gestört, wenn Mama einen Freund hatte. Der eine hat sich gar nicht für mich interessiert, der andere etwas mehr, aber keiner wollte unbedingt mein Ersatzpapa sein. Mama hat auch nicht mit Gewalt versucht, Familienfeeling hinzukriegen, und für mich war das voll okay. Es war jetzt auch nicht so, dass sie es vermieden hat, den Freund mit nach Hause zu bringen, aber wenn er da war, dann war er eben ein Gast. Er war ihretwegen da, keiner hat von mir erwartet, dass ich die Vorzeigetochter spiele, es reichte, wenn ich mich einigermaßen normal benommen hab, also nicht rumschreien, nicht mit den Türen knallen, alles so Sachen, die Mama auch auf die Palme bringen würden, wenn kein Besuch da ist.

Aber diesmal ist es ernster, und es trifft mich aus heiterem Himmel. Beim Abendessen hat Mama ihr Handy rausgeholt, obwohl sie sonst immer sagt, wenigstens beim Essen sollte man das Ding mal weglegen. Sie hat mir Fotos gezeigt, Fotos von einer Wohnung – unserer neuen Wohnung! Und dann noch Fotos von dem Grund für die neue Wohnung. Der heißt Jan, seit einem halben Jahr ist sie mit ihm zusammen, und vor ein paar Tagen haben sie hoppla hopp beschlossen, zusammenzuziehen.

Mama sagt, mit dem Gedanken hätten sie schon seit ein paar Wochen gespielt, aber eigentlich hätten sie sich damit mehr Zeit lassen wollen. Dass jetzt alles so schnell geht, liegt daran, dass dieser Jan über ein paar Ecken jemanden kennt, der jemanden kennt, der ihm diese Wohnung verschaffen kann. Da nein zu sagen, wäre idiotisch gewesen, selbst ich hab mitgekriegt, dass man kaum noch an eine Bude kommt, die was taugt und nicht gleich ein halbes Königreich kostet. Dass erst mal nur Jan einzieht, geht aber auch nicht, die Wohnung ist doch teurer als die, wo er jetzt wohnt, das kann er nur bezahlen, wenn Mama einen Teil dabei tut.

Das alles würde mich vielleicht gar nicht so sehr stören. Es ist nicht so, dass wir weit wegziehen würden, gerade mal ein paar Straßen weiter. Ich muss also nicht die Schule wechseln und kann auch bei meinem Bahngolf-Club bleiben. Der Weg zum Bus wird sogar kürzer, und ich bekomme ein größeres Zimmer, das ist ja auch nicht schlecht. Mit diesem Jan würde ich schon zurechtkommen, schätze ich, bisher hat Mama mit ihren Freunden jedenfalls nicht ins Klo gegriffen.

Aber wenn es um eine Patchwork-Familie geht, dann ist Jan nicht allein zu haben, Nils heißt mein zukünftiger Stiefbruder oder wie auch immer man das nennt, wenn die Eltern nicht heiraten. Bisher hab ich nur ein paar Fotos von ihm gesehen, die sein Vater Mama extra dafür geschickt hat, und Mama hat mir gesagt, dass er 13 ist. Mehr wollte sie nicht verraten, sie hat ihn selbst noch nicht getroffen, und was sie von seinem Vater über ihn weiß, das soll er mir selbst erzählen. Das Kennenlerntreffen ist schon geplant, nächsten Samstag beim vorgezogenen Halloween-Grusel im Phantasialand.

Ich hab keine Ahnung, wie das werden soll mit einem Bruder. Auch wenn wir nicht in echt verwandt sind, leben wir ja dann doch unter einem Dach und können uns kaum ständig aus dem Weg gehen. Ich befürchte, das gibt Zoff, denn die Jungs, die ich kenne, sind alle zum Vergessen: große Klappe, aber wenig dahinter, laut und unordentlich.