Autorenseite René Bote

Der Auftrag der Flüsterstimme

Cover des Buchs Der Auftrag der Flüsterstimme
10. Dezember 2023
54
978-3756567492
Neobooks

Was als geruh­same Segel­tour beginnt, wird zum Aben­teuer: Ein schwe­res Unwet­ter zwingt Marcel und seine Freun­din Anna, die Nacht in einer verlas­senen Hütte direkt hinter dem Deich zu ver­bringen. Doch sie sind nicht allein, eine geheim­nis­volle Flüster­stimme weckt sie auf und erzählt ihnen von einem viele Jahre zurück­liegen­den Schiffs­unglück. Für Marcel und Anna beginnt eine Jagd in zwei Rich­tungen: Was hat es mit dem Unter­gang der „Phi­lipp Ries­meier“ auf sich? Und wer steckt hinter der Flüster­stimme, die mehr darüber weiß, als nach mensch­lichem Ermes­sen möglich sein dürfte?

E-Book €2,49

Ein leichter Wind kräuselte das Wasser der Flussmündung, und die Sonne ließ die kleinen Wellen funkeln. Es war warm, aber nicht brüllend heiß, und es sollte auch später, wenn die Sonne höher stand, erträglich bleiben. Perfektes Segelwetter, und entsprechend viel los war auf der Marina.

Marcel hatte sein Boot schon seeklar gemacht. Die Gesa war ein offenes Segelboot, eine sechs Meter lange Jolle, die seine Eltern vor zwei Jahren gekauft hatten. Sie waren im Segelclub, solange Marcel denken konnte, sie hatten sich sogar dort kennengelernt, und Marcel hatte sich auch früh fürs Segeln begeistern. Er war nicht nur ein sehr guter Segler, sondern gemessen an seinen 15 Jahren auch schon ein sehr erfahrener. Das Kajütboot seiner Eltern konnte er trotzdem nicht segeln, nicht allein; die Marie Schenk, benannt nach seiner leider viel zu früh verstorbenen Großmutter, brauchte eine zweiköpfige Besatzung, um sie sicher zu segeln. Marcels Eltern fuhren gern zusammen mit Marcel raus, kamen aber wegen ihrer Arbeit zu ihrem Leidwesen längst nicht so oft dazu, wie sie es sich gewünscht hätten. Daher hatten sie, sobald Marcel gut genug hatte segeln können, nach einem Boot gesucht, das er allein handhaben konnte. Dass sie auf die Gesa gestoßen waren, war ein Glücksfall: Das Boot war fast doppelt so alt wie Marcel, aber sehr gut gepflegt und regelmäßig modernisiert worden, sodass es technisch auf dem neusten Stand war. Marcel hatte schon viele Touren mit ihr gemacht und kannte sie längst in- und auswendig.

Heute würde er zum ersten Mal seine Freundin mitnehmen. Er hatte Anna kurz nach Weihnachten kennengelernt, bei einer Jugendfreizeit mit Skilanglaufkurs in Bayern. Sie kam aus der Nachbarstadt, aber ihre Mutter arbeitete in der Stadt und hatte von einer Kollegin von der Fahrt erfahren. Sie und Marcel hatten sich auf Anhieb verstanden, und schon am ersten Abend hatte Marcels bester Freund Abe, dessen Eltern aus Ghana stammten, etwas gewittert. „Läuft da was?“, hatte er unter vier Augen gefragt, noch ehe Marcel sich selbst Gedanken darüber gemacht hatte. Er hatte recht behalten, drei Tage später waren Marcel und Anna ein Paar gewesen.

Nach einem letzten prüfenden Blick, ob die Gesa wirklich bereit und auch der Picknickkorb an seinem Platz war, schlenderte Marcel den Steg entlang bis zum Ufer. Ein Blick auf die Uhr, zehn Minuten noch, bis Anna kommen würde. Sie war immer pünktlich, wahrscheinlich würde sie sogar ein paar Minuten eher da sein. Sie hatte angekündigt, dass sie mit dem Zug und das letzte Stück vom Bahnhof zum Hafen mit dem Fahrrad fahren würde. Das machte sie gern so, auch wenn sie Marcel zu Hause besuchte, denn damit war sie unabhängig von den Busfahrplänen.

Wenig später und tatsächlich deutlich vor der verabredeten Zeit kam sie auch schon. Sie war noch ein gutes Stück entfernt, trotzdem wusste Marcel, dass sie es war; ihr rotbraunes Haar stach hervor, und er kannte ihre Art, sich zu bewegen. Sie näherte sich zügig, ihre Kondition ließ nichts zu wünschen übrig. Anna schwamm im Verein, und das durchaus erfolgreich.

Bald darauf hatte sie ihn erreicht, sie stieg vom Rad und begrüßte ihn mit einem Kuss. „Ich freue mich schon!“, sagte sie, während sie das Fahrrad in Ermangelung eines Fahrradständers an einen Zaun kettete. Sie steckte den Schlüssel ein und folgte Marcel den Steg entlang bis zur Gesa. „Das ist deins?“, vergewisserte sie sich, als sie die Jolle erreichten, und Marcel nickte.

Er hatte Anna schon Fotos der Gesa gezeigt, aber in Natura sah sie das Boot zum ersten Mal. Sie wirkte nicht enttäuscht, im Gegenteil, die Jolle schien ihr zu gefallen. Klar, es gab ein paar größere Boote an den Stegen, wenn auch keine Luxusyachten, die hier schon wegen ihres Tiefgangs nicht ankern konnten. Doch Anna legte keinen Wert auf Statussymbole, sie freute sich einfach auf die gemeinsame Unternehmung, einen Hauch von Abenteuer und eine entspannte Zeit zu zweit.

***

Marcel steuerte die Gesa aus der Flussmündung hinaus und dann auf einen Kurs parallel zur Küste. Für Anna bedeutete das eine völlig neue Perspektive auf ihre Heimat, denn obwohl sie am Meer wohnte, war sie noch nie mit einem Schiff hinausgefahren. Nur eine Hafenrundfahrt auf einem Ausflugsschiff hatte sie gemacht, noch mit ihrer Grundschulklasse, aber das war kein Vergleich.

Ruhig glitt die Gesa durchs Wasser. Marcel steuerte immer eine Winzigkeit seewärts, so glich er die Flut aus, die anlief und das Boot auf die Küste zuschob. Er kannte die Gewässer und wusste, wie viel Abstand er halten musste, damit die Jolle nicht auf Grund lief.

Unterwegs erklärte er Anna die Grundbegriffe des Segelns und ließ sie auch eine Weile die Pinne übernehmen. Für sie war das völliges Neuland, aber sie war neugierig und bereit, sich auszuprobieren. Marcel freute sich über ihr Interesse, auch wenn es für ihn genauso okay gewesen wäre, wenn sie einfach die Fahrt genossen und ihm den Rest überlassen hätte. Natürlich riskierte er nichts, er hielt sich immer bereit, zu übernehmen, und Anna war klug genug, nicht eigenmächtig irgendetwas zu machen.

So hatten beide ihre Freude daran und genossen das Zusammensein. Es wurde wärmer, doch der Fahrtwind sorgte für Abkühlung, und immer wieder auch das Seewasser, das vor dem Bug hochspritzte.

Am späten Vormittag änderte Marcel den Kurs und hielt auf die Küste zu. Hier musste er etwas aufpassen, die Einfahrt in die kleine Bucht, die er als Ziel ausgesucht hatte, war nicht direkt gefährlich, aber die Fahrrinne war ziemlich schmal.

Anna wusste nicht genau, was sie erwartete. Marcel kannte die Küste besser als sie, deshalb hatte sie es ihm überlassen, einen schönen Picknickplatz auszusuchen. Da konnte sie ihm voll und ganz vertrauen, und sie hatte auch nicht versucht, anhand der Fahrtzeit, die er vorher angekündigt hatte, das Ziel einzukreisen. Wahrscheinlich hätte es ohnehin nicht geklappt, weil sie nicht wusste, wie schnell die Gesa fuhr. Auch jetzt wusste sie nicht genau, wie weit weg von zu Hause sie waren, schätzte aber, dass es schon ein ordentliches Stück war, und damit hatte sie recht.

Die Bucht bildete einen natürlichen Hafen und war früher auch tatsächlich als Ankerplatz genutzt worden. Ein Steg zeugte noch davon, der aber seine besten Zeiten lange hinter sich hatte. Die Pfosten waren noch stabil, die Planken aber vermodert, und Marcel musste die Gesa ganz am äußeren Ende festmachen, weil sie sonst auf dem Schlick aufgesetzt hätte. Bestimmt war die Fahrrinne früher regelmäßig ausgebaggert worden, sonst wäre der ganze Steg unnütz gewesen, aber das Watt hatte sich zurückgeholt, was ihm gehörte. Ob hier früher ein Fischerboot gelegen hatte oder ein Schiff der Seenotrettung, wusste er nicht, jetzt war die Bucht auf jeden Fall ideal für einen Ausflug mit einem kleinen Segelboot.

***

Besorgt betrachtete Marcel den Himmel. Er hatte morgens die Wettervorhersage studiert, eine von einem Anbieter, der gemeinhin präzise und zuverlässige Angaben machte. Da war kein schlechtes Wetter angekündigt worden, und Marcel war sich sicher, dass er sich auch nicht im Tag oder in der Gegend vertan hatte. Wer segelte, setzte sich ungeschützt der Witterung aus, entsprechend sorgfältig bereitete er seine Fahrten vor. Aber jetzt zog der Himmel sich zusehends zu, und der Wind frischte merklich auf.

„Sieht nicht so gut aus!“ Anna trat neben ihn. „Meinst du, wir sollten besser sofort zurück?“ „Ich weiß nicht“, antwortete Marcel vorsichtig. Er holte sein Handy aus dem Rucksack, in dem er es verstaut hatte, und rief den Wetterbericht auf. „Schlecht“, fasste er das Ergebnis zusammen. „Was ist?“, wollte Anna wissen. Sie spürte seine Besorgnis, konnte aber nicht einschätzen, wie ernst die Lage wirklich war.

„Wir schaffen es nicht mehr zurück“, erklärte Marcel. „Ein Sturmtief, eigentlich hätte es weit im Norden vorbeiziehen sollen, aber es hat gedreht und hält voll auf die Küste zu. Wenn wir jetzt lossegeln, dann geraten wir mitten rein.“ „Und über Land?“, fragte Anna. „Meine Eltern könnten uns morgen herbringen, damit wir das Boot holen können.“ Ihr war klar, dass Marcel sich nicht wohlfühlte bei dem Gedanken, die Gesa zurückzulassen, aber selbst wenn er blieb, würde er doch nichts tun können, wenn sie vom Sturm gepackt wurde.