Autorenseite René Bote

Weihnachten für zwei

Cover der Kurzgeschichte Weihnachten für zwei

Das Altstadt-Lichtspielhaus war das älteste und auch das kleinste Kino der Stadt. Es lag da, wo der Name vermuten ließ, nämlich am Rand der Altstadt, und war in einem ehemaligen Bürgerhaus untergebracht. Es verfügte über drei Säle, einer davon in einem Anbau, aber keiner davon fasste mehr als 70 Personen.

 

Trotz der Konkurrenz durch das große Multiplex-Kino am Stadtrand mit seinen 15 Sälen erfreute sich das Altstadt-Lichtspielhaus großer Beliebtheit. Klar konnte bei drei Sälen nicht jeder aktuelle Film fünfmal am Tag gezeigt werden, aber sie wurden doch alle gezeigt, und dazwischen tauchten immer wieder Filme auf, die man sonst kaum irgendwo zu sehen bekam. Bei Familien war der Kinderfilm am Sonntagnachmittag beliebt, immer um 14 Uhr in Saal 2 – manche von den Filmen, die da gezeigt wurden, liefen in ganz Deutschland nicht mal in einem Dutzend Kinos. Dazu kam, dass ein Familiennachmittag im Kino im Altstadt-Lichtspielhaus deutlich günstiger kam als bei der Konkurrenz, der Eintritt kostete weniger, und auch Getränke und Süßigkeiten waren billiger.

 

Das Altstadt-Lichtspielhaus war Familienbesitz, inzwischen stand bereits die dritte Generation am Ruder, und die vierte wirkte hinter den Kulissen auch schon mit. Die Inhaber hatten zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, und beide arbeiteten neben der Schule im Kino mit. Bei Sophia, der Tochter, war es noch recht wenig, einfach, weil sie noch nicht so viel machen durfte mit ihren zwölf Jahren. Ihr Bruder dagegen, Till, war schon 16 und jobbte regelmäßig am Einlass, am Kiosk und an den Projektoren. Außerdem betreute er die Website des Kinos und hatte es geschafft, ein Shopsystem einzurichten, sodass Kunden die Karten jetzt auch online kaufen konnten.

 

Außer den Familienmitgliedern gab es noch zwei Aushilfen, die regelmäßig im Kino mitarbeiteten. Die eine war eine Hausfrau, die wegen ihrer Kinder den Job aufgegeben hatte und hinterher nicht wieder reingekommen war. Die andere war Nelly, die mit einer Klassenkameradin von Till befreundet war. Besagte Freundin hatte auch den Kontakt vermittelt, als Nelly auf der Suche nach einem Job gewesen war, mit dem sie sich ihr Taschengeld aufbessern konnte. Sie liebte Filme, deshalb war das Altstadt-Lichtspielhaus ihre erste Anlaufstelle gewesen, und sie hatte Glück gehabt. Der Rentner, der sich bis vor einem Vierteljahr mit dem Job etwas zu seiner schmalen Rente dazuverdient hatte, war gesundheitlich nicht mehr gut zurecht und konnte nur noch sporadisch kommen. Tills Eltern hatten also einen Ersatz benötigt, und Nelly hatte den Job bekommen.

 

Till freute sich, denn Nelly war echt nett, und es war immer lustig, wenn sie zusammen Schicht hatten. Selbst wenn sie an der Kasse und am Kiosk beschäftigt war und er mit der Vorführtechnik, Zeit, miteinander zu quatschen, fanden sie zwischendurch immer mal. Wenn in allen drei Sälen der Hauptfilm lief, dann musste Till nicht die ganze Zeit daneben stehen, und an der Kasse und am Kiosk war dann auch nicht viel los, bis die Leute kamen, die in den nächsten Film wollten.

 

***

 

An Heiligabend war das Kino ab nachmittags geschlossen, denn Tills Eltern wollten mit ihren Kindern in Ruhe Weihnachten feiern. Am ersten und zweiten Weihnachtstag war dagegen ganz normal geöffnet, und gerade am 26. war oft ganz schön was los. Offenbar waren die Leute dankbar, wenn sie nach Familienfeiern, Liedern unterm Weihnachtsbaum und Völlerei mal wieder rauskamen, und da viele andere Ausflugsziele geschlossen hatten, gingen sie eben ins Kino. Auch in Zeiten, in denen sich die Streamingdienste einen Wettkampf um die Kunden lieferten, klappte das noch; die Kundenzahlen mochten zurückgegangen sein, aber das Gefühl, rauszugehen und sich was zu gönnen, gab es noch nicht über die Internetleitung.

 

Am ersten Feiertag hielt sich der Andrang meistens in Grenzen. Deshalb war das auch der richtige Zeitpunkt für Tills Eltern, sich eine Auszeit zu nehmen, sie würden rausfahren aufs Land, einen langen Spaziergang machen und irgendwo gut essen. Um das Altstadt-Lichtspielhaus brauchten sie sich keine Sorgen zu machen, Till würde den Laden schon schmeißen. Mittags half Sophia ihm und besetzte die Kasse, später würde Nelly sie ablösen. Till freute sich darauf, denn die Abendvorstellungen würden an diesem Tag erfahrungsgemäß kaum Publikum haben. Für ihn hieß das: keine Leute, die Cola oder Eis haben wollten, Nelly würde also Zeit haben.

 

Sophia verabschiedete sich, sobald die Spätnachmittagsvorstellungen begonnen hatten. Eine Weile würde Till jetzt auch allein zurechtkommen, und Nelly hatte versprochen, da zu sein, wenn die ersten Leute für die Abendvorstellungen kommen würden. Die meisten hingen nicht ewig lange vor der Vorstellung schon im Foyer ab, es reichte, wenn die Kasse ab einer halben Stunde vor Beginn der Vorstellungen wieder durchgehend besetzt sein würde – falls denn überhaupt jemand kam, denn ein Blick in den Computer verriet Till, dass es keine Vorverkäufe gab, und das schlechte Wetter würde auch Kurzentschlossene abschrecken. Es regnete schon den ganzen Tag, aber am späten Nachmittag wurde der Regen stärker, und windig wurde es auch noch.

 

Nelly bekam die volle Breitseite. Sie fuhr zwar den größten Teil der Strecke mit dem Bus, aber das kurze Stück, das sie von der nächsten Haltestelle aus laufen musste, reichte, um nass zu werden. Weil der Wind die ganze Zeit blies, nutzte ihr auch der Schirm nicht allzu viel.

 

Till sah, dass sie kaum noch einen trockenen Faden am Leib hatte. „Geh erst mal nach oben!“, forderte er sie auf. „Sophia soll dir was zum Anziehen aus meinem Schrank raussuchen. Sonst liegst du morgen mit einer fetten Erkältung flach.“

 

Er wohnte mit seinen Eltern und seiner Schwester im gleichen Haus, in einer weitläufigen Wohnung unter dem Dach. Nelly nickte dankbar und verschwand wieder, wobei sie eine leichte Tropfspur hinterließ. Fünf Minuten später war sie wieder da, bekleidet mit einer Trainingshose und einem Sweatshirt von Till. Das war vielleicht nicht die optimale Kleidung für den Job im Kino, aber dass ihr seine Jeans nicht passen würden, hatte Till sich schon gedacht. Die paar Zuschauer, die zu den Abendvorstellungen kamen, würde es schon nicht stören, wenn sie es überhaupt bemerkten; solange Nelly hinter dem Tresen saß, sah man ihre Beine ja nicht.

 

Als Oberteil hatte Sophia ausgleichshalber seinen Lieblingspulli erwischt, das grüne Sweatshirt mit der Stickerei links auf der Brust, die ein bewaldetes Gebirge zeigte. Till hatte den Verdacht, dass das kein Zufall war, denn er wusste, dass dieses Sweatshirt weder ganz oben auf dem Stapel in seinem Schrank gelegen hatte, noch etwa das einzige war, das Nelly passte. Er wusste auch, dass Sophia wusste, dass das Sweatshirt unter allen Oberteilen, die er besaß, sein Favorit war – witterte sie etwas, von wegen „Weihnachten, das Fest der Liebe“ und so? Dass sie ihn bloß ärgern wollte, schloss er aus, zumal sie wusste, dass er Nelly mochte und es ihn deshalb nicht stören würde, wenn sie sein Lieblingssweatshirt trug.

 

***

 

Ob es nur das Wetter war, oder ob es noch andere Gründe dafür gab, ließ sich nicht mit Sicherheit sagen, aber an diesem Weihnachtsabend lockten die letzten Vorstellungen keine Zuschauer mehr an. „Kommt keiner mehr“, stellte Till fest, nachdem er noch mal im Computer nach Vorbestellungen geschaut und auch einen Blick nach draußen geworfen hatte. „Dann lass uns abschließen und aufräumen!“

 

Er wollte losgehen, um die Projektoren abzuschalten, aber Nelly hielt ihn zurück. „Ich hab noch keine Lust, nach Hause zu gehen“, sagte sie. „Wollen wir uns zusammen einen Film angucken? In eurem riesigen Archiv finden wir doch bestimmt einen, den du nicht schon tausend Mal gesehen hast.“

 

Die Idee gefiel Till. Also ließ er den Projektor im kleinsten Saal laufen und suchte einen Film aus, von dem er glaubte, dass er Nelly bestimmt gefallen würde. Das funktionierte alles digital; auch wenn das Altstadt-Lichtspielhaus klein war und etliche Jahrzehnte auf dem Buckel hatte, war die Technik doch auf einem aktuellen Stand. Er selbst kannte den Film schon, hatte ihn aber auch schon länger nicht mehr gesehen.

 

Nelly hatte in der Zwischenzeit ein Tablett mit Getränken und Süßigkeiten fertiggemacht und dann den Kiosk geputzt. Auch der Rest war gemeinsam schnell erledigt, nicht zuletzt, weil insgesamt an diesem Tag nicht viele Zuschauer da gewesen waren und dementsprechend wenig Schmutz angefallen war.

 

Während Nelly vorging in den Saal, musste Till noch einen kleinen Umweg machen, um alle Lichter im Saal abzuschalten bis auf die kleinen Lampen, die den Weg zu den Notausgängen wiesen, und die Wiedergabe des Films zu starten. Als er den Saal betrat, hatte Nelly sich schon gesetzt, natürlich hinten in der Loge. Dort waren die Sitze etwas komfortabler, auf der niedrigen Balustrade war ein schmales Brett angebracht, auf dem man Getränke und Snacks abstellen konnte, und die Armlehnen ließen sich anders als in den anderen Reihen hochklappen. Deshalb erfreute sich die Loge bei Pärchen großer Beliebtheit, trotz des Aufpreises, aber Till hatte auch schon beobachtet, dass das Mädchen die Armlehne, die der Junge hochgeklappt hatte, doch lieber wieder runterklappte.

 

Nelly hatte es genau umgekehrt gemacht, die Lehne links von ihr war hochgeklappt, und daraus, wo sie die Getränke abgestellt hatte, konnte Till ableiten, dass das die Seite war, die sie ihm zugedacht hatte. Er hatte nichts dagegen, setzte sich und lehnte sich entspannt zurück.

 

Natürlich merkte er, dass Nelly näher an ihn heranrückte. Zuerst war sie ganz vorsichtig, sodass es immer noch Zufall hätte sein können, doch als sie merkte, dass er sich nicht wehrte, wurde sie mutiger. Bald saß sie so dicht neben ihm, dass ihre Hand leicht seine berührte, und das war für ihn der richtige Zeitpunkt, ihr einen Arm um die Schultern zu legen. Nelly sah ihn von der Seite an, etwas überrascht, auch etwas verlegen, weil er gemerkt hatte, was sie wollte, vor allem aber glücklich. Weil sie wusste, dass sie es durfte, kuschelte sie sich an ihn und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Frohe Weihnachten!“, flüsterte sie.