Autorenseite René Bote

Was nur der Spiegel weiß

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28. Oktober 2026
29
978-3565975228
Neobooks

Für Nathan bleibt es ein Rätsel: Im Spiegel ist der Junge mit dem traurigen Blick klar zu sehen, doch das Zimmer ist leer. Auch Physik-Ass Miro und Shirin, die sich für ungelöste Rätsel interessiert, haben keine Erklärung. Zu dritt drehen sie jeden Stein um, und nachdem sie das Mögliche ausgeschlossen haben, müssen sie wohl oder übel das Unmögliche durchdenken …

E-Book € 1,99

Nathan fühlte sich nicht ganz wohl, als er auf den Klingelknopf neben der Tür des ehemaligen Gärtnerhauses drückte. Ein alter Bruchsteinbau am Rand der Stadt, hinter dem sich eine endlose Parklandschaft erstreckte. Die Mauern schienen den Geist vergangener Jahrhunderte zu verströmen, obwohl drinnen durchaus moderne Technik Einzug gehalten hatte. Zumindest besaß sein Onkel ein Handy und war auch sonst nicht in der Vergangenheit hängen geblieben.

Doch es war das erste Mal seit Jahren, dass er Onkel Hendrik und Tante Ida zu Hause besuchte, und auch sonst hatte er kaum mit ihnen zu tun. Bei Familienfeiern ließen sie sich seit mindestens sechs oder sieben Jahren nicht mehr blicken, Nathan wusste nur andeutungsweise, warum. Es gab da wohl ein Zerwürfnis, nicht mit Nathans Mutter, Onkel Hendriks Schwester, sondern mit den Eltern, also Nathans Großeltern. Warum es dabei genau ging, wusste Nathan nicht, aber alle Versuche, die Risse zu kitten, waren bis jetzt gescheitert.

Umso höher musste man Onkel und Tante wohl anrechnen, dass sie sich ohne zu zögern bereit erklärt hatten, ihn für einige Tage aufzunehmen. Bei ihm zu Hause hatte es einen Wasserschaden gegeben, in der Wohnung über der, in der er mit seinen Eltern wohnte, hatte ein Rohr einen Riss bekommen. Der Schaden war nicht dramatisch, aber es würde einige Tage dauern, bis Heizlüfter die betroffenen Wände getrocknet hatten. Bis dahin war die Wohnung nur sehr eingeschränkt nutzbar: Überall stand etwas im Weg, es war laut und viel zu warm, vor allem zum Schlafen.

Die Alternative wäre gewesen, sich zusammen mit seinen Eltern in einem Hotel einzumieten. Bezahlen müssen hätte das die Vermieterin. Doch Nathan hatte noch nie gern im Hotel übernachtet, und er konnte sich irgendwie nicht vorstellen, morgens von dort zur Schule zu fahren oder nachmittags Hausaufgaben im Hotelzimmer zu machen.

Nach wenigen Augenblicken waren von drinnen Schritte zu hören, sehr gedämpft durch die schwere Tür, die gleich darauf geöffnet wurde. Onkel Hendrik sah Nathan, begrüßte ihn und zog ihn mit sich ins Haus.

Nathans Onkel war 42, gut zwei Jahre älter als seine Schwester, und kräftig gebaut. Man hätte ihn sich gut als zupackenden Gärtner vorstellen können, der das riesige Gelände stets tadellos in Ordnung hielt. Doch den Garten, der zum Haus gehörte, pflegte er nur als Hobby, von Beruf war er Redakteur bei einer Sportzeitschrift.

Das Herrenhaus, zu dem das Haus von Onkel Hendrik und Tante Ida früher gehört hatte, existierte nicht mehr. Soweit Nathan wusste, war es im Zweiten Weltkrieg zerstört und nicht wieder aufgebaut worden. Der früher private Park war bis auf ein kleines Stück um das Gärtnerhaus in eine öffentliche Grünanlage umgewandelt worden, um die die Stadt sich kümmerte.

„Wir haben das Eckzimmer im ersten Stock für dich hergerichtet“, erzählte Onkel Hendrik auf dem Weg nach drinnen. „Normal brauchen wir es nicht, eigentlich ist das Haus zu groß für zwei Personen.“ Kinder hatten er und Tante Ida nicht, Nathan wusste nicht, ob sie keine wollten oder ob es nicht geklappt hatte.

***

Wenig später war Nathan im erwähnten Zimmer und richtete sich häuslich ein. Wie lange er bleiben würde, war noch nicht sicher. Die Handwerker hatten von etwa einer Woche gesprochen, bis das Rohr repariert und alles getrocknet sein würde. Sicher war das aber nicht, es konnte mit etwas Glück schneller gehen, aber auch noch ein paar Tage länger dauern.

Nathan versuchte, es gelassen zu nehmen. Ein bisschen merkwürdig fühlte es sich schon an, vorübergehend bei Onkel und Tante einzuziehen, die er so gut nun wirklich nicht kannte. Aber es war auch keine Katastrophe, er würde schon auskommen mit ihnen. Mit dreizehn war er alt genug, um sich selbst zu beschäftigen, er würde versuchen, ihnen nicht zur Last zu fallen, und aus der Welt war er auch nicht. Der Weg zur Schule, zum Basketball und zu den meisten Freunden würde etwas länger sein, aber es hielt sich im Rahmen. Wenn er länger bleiben musste oder etwas von seinen Sachen brauchte, die er nicht eingepackt hatte, würde er jederzeit nach Hause fahren und alles holen können, was er benötigte.

Das Zimmer, das Onkel Hendrik und Tante Ida ihm zugewiesen hatten, gefiel ihm. Es lag an der Rückseite des Hauses und hatte Fenster zu zwei Seiten. An der Wand auf der Giebelseite stand ein Kleiderschrank neben dem Fenster, an der zum Garten ein Schreibtisch. Nathan würde einen schönen Blick auf den alten Park haben, wenn er seine Hausaufgaben machte. Auf dem Tisch lag eine Steckdosenleiste mit langem Kabel, offenbar hatten Onkel und Tante damit gerechnet, dass er einen Laptop dabei haben würde, und Steckdosen gab es nur neben der Tür. Dort stand auch das Bett und über Eck ein Regal, das die gesamte Höhe des Raumes einnahm. Hauptsächlich enthielt es Bücher, Onkel und Tante schienen den Raum unter anderem als Bibliothek für jene Bücher zu nutzen, die sie selten in die Hand nahmen. Nathan schaute kurz, fand aber nichts, was ihn gereizt hätte, es zu lesen. Kein Problem, er hatte selbst Bücher dabei, und andere Sachen, um sich zu beschäftigen.