Autorenseite René Bote

Beim Uhrmacher Schlag 12

[Title]
28. Oktober 2026
25
978-3565518777
neobooks

Rein zufällig steht Leon nachts auf dem Balkon seines Ferienzimmers, als unten eine junge Frau am Waldrand entlangschleicht und schließlich zwischen den Bäumen verschwindet. Er hätte gar nicht darüber nachgedacht, hätte nicht das ganze Gebaren so verstohlen und die Aufmachung so unpassend gewirkt. Seine Neugier ist geweckt, und zusammen mit der Tochter der Wirtin geht er auf Spurensuche. Was Annika und er finden, stellt die Geschichte des Dorfs auf den Kopf, und die ganze Wahrheit werden sie nie jemandem erzählen können.

E-Book € 0,99

Verwirrt blinzelte Leon in die Dunkelheit. Es dauerte einen Moment, bis er wieder wusste, wo er war: Es waren Sommerferien, und er war mit seinen Eltern und den beiden jüngeren Schwestern im Schwarzwald. Ein Dorf etwas abseits der meistbesuchten Gegenden, sie hatten sich auf einem Bauernhof eingemietet, der eine Handvoll Gästezimmer hatte.

Leon war nicht besonders begeistert gewesen, als seine Eltern ihm und seinen Schwestern eröffnet hatten, wohin es im Urlaub gehen sollte. So viel gab es nicht in der Umgebung, außer etlichen Wanderwegen eben, und an der einzigen Bushaltestelle im Dorf fuhr nur ein paarmal am Tag ein Bus. Aber irgendetwas würde sich schon finden, hatte er sich gesagt, und seine Eltern waren nicht dumm: Sie wussten, was ihnen blühte, wenn die Kinder sich zu Tode langweilten. Vor allem Lisa, sie war zwölf, brauchte immer Trubel um sich und hatte eine Weile gezetert – zumal sie überzeugt gewesen war, dass sie in dem „Kuhdorf“ nicht einmal Handyempfang haben, also zwei Wochen lang wirklich komplett von ihren Freundinnen abgeschnitten sein würde. Nur die Jüngste war sofort begeistert gewesen. Annemarie war ein Nesthäkchen, gerade sechs geworden, und Urlaub auf dem Bauernhof war für sie ein Traum.

Was ihn geweckt hatte, wusste Leon nicht. Irgendein Geräusch im Haus, vielleicht auch von draußen. Was auch immer es gewesen war, es wiederholte sich nicht, so angestrengt er auch in die Dunkelheit lauschte.

Leon ließ sich zurücksinken, drehte sich auf die Seite und versuchte, wieder einzuschlafen. Kein Grund, sich Sorgen zu machen, es war nicht der Rauchmelder, und die Wahrscheinlichkeit, dass Einbrecher durchs Haus schlichen, war lächerlich gering. Bei so vielen Menschen im Haus konnte immer jemand wach sein, und einen Hofhund gab es auch, so dumm war doch kein Einbrecher! Vielleicht war jemand zur Toilette gegangen, und er hatte die Tür gehört, oder ein Auto hatte draußen Lärm gemacht.

Doch er war zu wach, immer wieder schlug er die Augen auf oder ertappte sich dabei, in die Nacht zu lauschen. Mist! Ob frische Luft helfen würde? Er hatte das Fenster auf Kipp stehen, aber viel Luft kam auf diese Weise nicht herein. Die Tür war zu, Durchzug konnte es so kaum geben.

Er schob die Bettdecke zur Seite, stand auf und tappte zum Fenster. Vor den Zimmern im ersten Stock des alten Bauernhauses zog sich ein Balkon entlang, jedes Zimmer hatte Zugang dazu. Leise, um weder seine Eltern und Annemarie zu wecken, die das Zimmer neben ihm hatten, noch sonst jemanden, öffnete er die Tür und trat auf den Balkon. Er lehnte sich an die Brüstung und schaute über die Wiese hinter dem Haus zum nahen Waldrand.

Obwohl er nur einen Schlafanzug trug und barfuß war, fror er nicht. Es war nicht so warm wie tagsüber in der Sonne, das lag auf der Hand, aber auch nicht kühl. Leon fand es gerade richtig so und zog den Duft nach Gras und Nadelbäumen ein.

Aus den Augenwinkeln sah er eine Bewegung weiter rechts am Waldrand und wandte den Kopf. Tatsächlich, dort huschte ein Mädchen oder eine junge Frau über die Wiese!

Jetzt war Leon wirklich hellwach. Die Erscheinung war auffällig, irgendwie wirkte sie fast geisterhaft mit ihrem weißen Kleid. Auch das Haar war von einem ganz hellen Blond. Im Mondlicht war es schwer, das Alter zu schätzen, wenn er etwas hätte sagen müssen, hätte Leon auf 16 oder 17 getippt.

Sie schlich am Waldrand entlang, ihre ganze Haltung drückte aus, dass sie nicht hätte dort sein sollen und das auch ganz genau wusste. Aber was hatte sie vor? Nach allem, was Leon gesehen hatte, seit er zwei Tage zuvor angekommen war, war das Dorf hinter dem Hof zu Ende, dahinter erstreckte sich erst einmal nur der Wald. Allenfalls einen Hochsitz mochte es dort geben, vielleicht auch einen Unterstand für Waldarbeiter. Wollte die junge Frau sich dort mit jemandem treffen? Hatte sie eine Beziehung, von der niemand wissen durfte? Oder heimliche Geschäfte, die jenseits der Legalität waren? Das wohl nicht, überlegte Leon, denn dann hätte sie bestimmt dunklere Kleidung gewählt, die sie mit der Nacht verschmelzen ließ. Ein heimliches Stelldichein hätte schon eher erklärt, dass sie sich herausgeputzt hatte und dafür die erhöhte Entdeckungsgefahr in Kauf nahm.