Autorenseite René Bote

Commissario Giovanni Gelati und das Abführmittel mit M

Cover der Kurzgeschichte Commissario Giovanni Gelati und das Abführmittel mit M

Ein Anruf aus der Zentrale beendete vorzeitig die Mittagspause von Commissario Giovanni Gelati. Ein neuer Fall, keine große Sache wohl, aber sie musste geklärt werden.

 

Eine Lehrerin an einem Liceo der Stadt war offenbar Opfer eines Anschlags mit einem Abführmittel geworden. Das Motiv lag auf der Hand: Wenn sie nicht von der Toilette herunterkam, dann konnte sie auch nicht die Geografieklausur der 12. Jahrgangsstufe am späten Vormittag beaufsichtigen. Das mochte dem einen oder anderen Schüler sehr entgegenkommen, gab es so doch zumindest einen Aufschub.

 

Am Ort des Geschehens angekommen, wurde Commissario Gelati direkt zum Schulleiter geführt. Direktor Daniele Diretto wusste Bescheid und hatte auch einen Verdächtigen: „Carlo Comodo“, sagte er voller Überzeugung. „Nicht dumm, der Junge, aber lernen hält er für unter seiner Würde. In Geografie steht er auf einer wackeligen 6, wenn er die Klausur nicht bestanden hätte, wäre seine Versetzung gefährdet gewesen.“

 

Commissario Gelati nickte verstehend. „Sie meinen, er wollte Zeit schinden“, folgerte er. „Genau“, bestätigte Direktor Diretto. „Aber nicht zum Lernen, sondern um einen Plan auszuhecken, wie er Signora Gatti überlisten kann.“

 

Das schien schlüssig, aber noch fehlten die Beweise. Die Lehrerin war von einer Kollegin nach Hause gebracht worden und hütete das Bett, soweit ihr das Verdauungssystem Gelegenheit dazu ließ. Aber Carlo Comodo wartete auf Anweisung des Schulleiters in einem Klassenzimmer auf den Commissario.

 

Zur Überraschung des Ermittlers war er nicht allein. Bei ihm war ein Mädchen, das ungefähr in seinem Alter sein musste. Braune Haare, schmales Gesicht, Brille – in einem Teeniefilm hätte sie die immer Brave, Strebsame gespielt. Carlo hatte helleres Haar und trug breite Lederbänder am Handgelenk.

 

Dass er in Geografie keine Leuchte war, gab er unumwunden zu. „Ist nicht so mein Ding“, räumte er freimütig ein. „Aber die Gatti kann’s einem auch echt vergällen“, fügte er bitter hinzu. „Sie hat ihre Lieblinge, und alle anderen können sich abstrampeln, sie kriegen trotzdem schlechte Noten.“

 

„Grund genug, ihr was ins Essen zu tun, oder?“, hakte Commissario Gelati ein. Carlo zuckte mit den Schultern. „Leid tut sie mir nicht“, antwortete er offen. Das war ungewöhnlich, er musste doch wissen, dass ihn gerade das schlechte Verhältnis zu seiner Lehrerin verdächtig machte! „Aber ich war’s nicht“, schloss Carlo.

 

„Er kann’s nicht gewesen sein“, sprang das Mädchen ihm bei. „Du bist …?“, bremste der Commissario sie. „Antonella Appassionato“, antwortete das Mädchen. „Ich hab ihm Nachhilfe gegeben, die letzten Wochen. Er hat mich selbst danach gefragt, weil er nicht wegen Geo sitzen bleiben will.“ „Vielleicht hat’s ja trotzdem nicht gereicht“, wandte der Commissario ein, doch Antonella schüttelte entschieden den Kopf. „Glauben Sie mir, ich hab schon immer eine 10 in Geo, und ich konnte ihm alles so erklären, dass er’s versteht. Außerdem hatte er gar keine Gelegenheit, das zu machen, vor der Schule nicht, und auch nicht in den Pausen. Wir …“ Sie zögerte kurz, und eine leichte Röte stieg ihr ins Gesicht. „Na ja, wir haben uns beim Lernen verliebt, und in den Pausen haben wir uns einfach eine ruhige Ecke gesucht. Den Rest können Sie sich denken, oder?“

 

Rumgeknutscht hatten sie, das konnte der Commissario sich ausrechnen – wenn die Geschichte von der jungen Liebe denn stimmte. Antonella sah nicht aus wie eine Lügnerin, aber wusste man’s?

 

Commissario Gelati versuchte, es auszuloten, aber die beiden Jugendlichen gaben sich keine Blöße. Was sie sagten, war in sich logisch, und der Commissario konnte keine Widersprüche zwischen den Aussagen feststellen.

 

Notgedrungen forderte er einen Spezialisten aus dem Labor nach. Dem Direktor zufolge brachte Signora Gatti sich immer etwas zu essen von zu Hause mit. Wenn sich daran jemand zu schaffen gemacht hätte, wäre es aufgefallen, meinte er. Das Abführmittel konnte demnach nur in dem Kaffee gewesen sein, den die Lehrerin vor der ersten Stunde getrunken hatte. Die Tasse war leer, aber noch nicht gespült, Commissario Gelati hoffte, dass die Spurensicherung noch Reste und vor allem Fingerabdrücke sicherstellen konnte.

 

Mario Molekule vom Labor ließ sich zunächst den vermuteten Ablauf schildern, ehe er sich der Tasse widmete. „Vor der ersten Stunde?“, vergewisserte er sich. „Und die Symptome sind wann aufgetreten?“

 

„Unplausibel“, stellte er fest, als der Direktor die ungefähre Uhrzeit nannte. „Die meisten Abführmittel wirken wesentlich schneller, zumal die, die ein Zwölftklässler realistischerweise in die Finger kriegt.“

 

Dann hielt er Commissario Gelati die Tasse hin. „Riechen Sie mal!“, forderte er seinen Kollegen auf. Der tat es und rümpfte die Nase. Selbst der angetrocknete Rest Kaffee, der noch in der Tasse war, roch streng. „Sie meinen …?“ Mario Molekule nickte. „Das kommt davon, wenn sie bei der Wärme alle zu faul sind, die Milch zurück in den Kühlschrank zu stellen.“