Autorenseite René Bote

Notlösungs-Institution

Cover der Kurzgeschichte Notlösungs-Institution

Es ist die fünfte Hauptversammlung, die ich bei meinem Fußballverein, dem FC 03, erlebe, und mit Abstand die traurigste. Nichts mit der üblichen Routine, Entlastung des Vorstands, Neubesetzung einzelner Posten auf zweiter und dritter Ebene, Berichte aus den Abteilungen. Es gibt nur einen Punkt auf der Tagesordnung: die Wahl eines neuen Vorsitzenden.

 

Gesucht wird ein Nachfolger für Karl Engelhardt, der die Geschicke des Klubs gelenkt hat, solange ich mich erinnern kann. Das heißt etwas, ich habe als Fünfjähriger bei den Minikickern angefangen und nie woanders gespielt als beim FC 03. Es ist nur wenig übertrieben, wenn ich sage, Karl war der Verein.

 

Seit zehn Tagen ist diese Ära jedoch unwiderruflich zu Ende, letzte Woche haben wir Karl zu Grabe getragen. Die Fußstapfen, die er hinterlässt, sind riesig, und niemand traut sich zu, sie auszufüllen.

 

Doch finden müssen wir jemanden, ohne Vorstand steht der ganze Verein auf der Kippe. Natürlich gibt es einen Stellvertreter, doch auch der kann und will nicht auf Dauer in der ersten Reihe stehen.

 

Die Diskussion zieht sich, Vorschläge werden gemacht und von den Vorgeschlagenen entgeistert abgelehnt. Nachdem jeder halbwegs naheliegende Kandidat mindestens einmal genannt worden ist und nein gesagt hat, bekomme ich plötzlich einen Knuff in die Seite. Ilhan, der mit mir in der 1. Mannschaft spielt und neben mir sitzt. „Mach du es, Alex!“, fordert er mich auf. „Du kannst das.“

 

Niemals! Zugegeben, ein bisschen organisieren kann ich, das weiß Ilhan. Aber es ist ein Unterschied, ob ich mit ein oder zwei anderen eine Mannschaftsfahrt plane, oder ob ich einen ganzen Verein mit zwei Dutzend Mannschaften von den Minikickern bis zu den Alten Herren schmeißen soll. Außerdem bin ich gerade mal 22, viel zu jung für einen Vereinsvorsitzenden, oder?

 

Doch Ilhan lässt nicht locker und sich nicht davon abhalten, meinen Namen in den Raum zu werfen. Die gesamte 1. Mannschaft bekundet lautstark ihre Zustimmung, ein paar potenzielle Kandidaten, die froh sind, selbst aus der Schusslinie zu kommen, versichern mir ihre Unterstützung. Ich verweise auf den immensen Aufwand, den ich neben dem Studium stemmen müsste, und dass ich auch weiter selbst spielen möchte. Mia, die in unserer Damenmannschaft Innenverteidigerin spielt, verspricht sofort, dass sie mitarbeiten und mir den Papierkram so gut wie möglich abnehmen würde. Sie hat es zu uns an den Tisch gespült, weil unser Ersatztorwart Henri ihr Bruder ist. Meine Ausreden werden weniger, meine Sorgen größer.

 

***

 

Eine Viertelstunde später ist es passiert: Ich bin ab sofort 1. Vorsitzender des FC 03, wahrscheinlich der jüngste in der Geschichte des Vereins. Um die Wahl abzulehnen, dürfte es jetzt zu spät sein, also muss ich sehen, dass ich das Beste daraus mache. Unvorbereitet, wie ich bin, bekomme ich nicht einmal so etwas wie eine Dankesrede hin, nur ein paar dürre Worte. Wahrscheinlich erwartet man in so einer Situation einen Ausblick auf die Zukunft, wie der neue Vorsitzende sein Amt gestalten will, aber woher nehmen? Ich habe keine Ahnung, worauf ich mich eingelassen habe, ich fürchte, ich werde Tage brauchen, um mir einen ersten Überblick zu verschaffen, was jetzt meine Aufgaben sind.

 

***

 

Direkt nach der Hauptversammlung setze ich mich mit den übrigen Mitgliedern des Vorstands zusammen. Nur nichts auf die lange Bank schieben! Je länger ich zaudere, desto schwerer wird es werden, überhaupt anzufangen. Es wird spät, und als ich nach Hause gehe, schätze ich Karl noch viel mehr für das, was er über Jahrzehnte hinweg für den Verein geleistet hat. Dass er macht und tut, wusste ich, aber dass das so viel Arbeit ist, davon hatte ich keine Ahnung.

 

***

 

Nach und nach arbeite ich mich in mein neues Amt ein. Es prasselt eine Menge Neues auf mich ein, und wären da nicht die anderen, mein Stellvertreter, der Kassierer, der Jugendleiter, die ich fragen kann, ich wäre hoffnungslos verloren. Aber ich komme immer besser rein, und ich merke erstaunt, dass es anfängt, mir Freude zu machen! Ich spüre, dass meine Arbeit geschätzt wird, ich kann etwas bewegen, und ich habe ein tolles Team um mich. Diejenigen, die schon mit Karl zusammengearbeitet haben, unterstützen mich nun genauso wie vorher ihn. Auch Mia hält Wort, sie hängt sich voll rein und entlastet mich, wo sie kann. Wie viele Abende gerade wir beide zusammen im Hinterzimmer des Vereinsheims verbringen, lässt sich kaum noch zählen, und auch wenn es viel Arbeit ist, möchte ich keinen davon missen.

 

** Epilog **

 

Aus der Übergangslösung, für die ich mich gehalten habe, ist eine Institution geworden. Ich glaube, das darf ich sagen, auch wenn ich immer noch weit weniger Jahre als Vorsitzender angesammelt habe als Karl. Ich bin gewachsen an der Aufgabe, und sie hat mir mehr geschenkt, als ich mir je hätte vorstellen können.

 

Es macht mir immer noch Freude, und wäre Ilhan damals nicht so vorgeprescht, wer weiß, ob ich dann jetzt mit Mia an der Bande stehen und das erste Minikicker-Spiel der Zwillinge verfolgen würde, die unser Glück komplett gemacht haben. Ich werfe einen kurzen Blick zum makellos blauen Himmel – wenn Karl irgendwo dort oben sitzt und zu uns runterschaut, ich glaube, ihm gefällt, was er sieht.