Autorenseite René Bote

Feiern 2. Klasse? Ohne mich!

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20. Juni 2026
29
978-3819700439

Julia weiß ganz genau, dass sie nicht auf der Gästeliste für Karinas Geburtstag steht, weil Karina sie gerne dabeihaben möchte. Es ist Karinas Mutter, die unbedingt zeigen muss, welch tolle Partys man auf ihrem Erlebnis-Bauernhof ausrichten kann. Das Spiel hat Julia lange genug mitgespielt, in diesem Jahr nicht mehr! Sie wird einen Ausflug machen, weit genug weg von allen Versuchen, sie zu überreden, doch zu Karina zu gehen. Allein, weil ja alle anderen auf der Feier sind, davon geht sie aus, doch es kommt anders, und am Ende ist sie froh darüber.

Eine Geschichte über Freundschaft, und darüber, dass nicht jeder so ist, wie er sich gibt.

E-Book € 0,99

Die Einladungskarte hatte Julia nach einem flüchtigen Blick weggeworfen. Sie wusste, was hinter den Kulissen gelaufen war, von sich aus hatte Karina sie ganz bestimmt nicht zu ihrem 12. Geburtstag eingeladen. Sie waren keine Freundinnen, kamen allenfalls leidlich miteinander aus, und das auch nur, weil sie einander meistens aus dem Weg gingen.

Karinas Großvater war seit vielen Jahren Bürgermeister des Ortes. Wie lange genau, wusste Julia nicht, sie konnte sich jedenfalls an keinen Vorgänger entsinnen. Nach allem, was sie sagen konnte, war er ein umgänglicher Mensch, der wirklich etwas für die Menschen im Dorf erreichen wollte. Julia interessierte sich nicht besonders für Politik, mit elf Jahren musste sie das auch nicht unbedingt. Aber auf dem Dorf ließ es sich nicht vermeiden, dass sie das eine oder andere mitbekam. Sie hatte nicht den Eindruck, dass der Bürgermeister sich verstellte.

Seine Schwiegertochter, Karinas Mutter, stammte von einem Bauernhof. Ihre Eltern hatten frühzeitig die Landwirtschaft mit touristischen Angeboten kombiniert, und das recht erfolgreich. Ihr Hof war inzwischen ein Ferienparadies, das Milchvieh eigentlich nur noch Deko.

Dieser Hintergrund – die wohlhabende Familie einerseits, die Heirat mit dem Sohn des Bürgermeisters andererseits – gab Karinas Mutter offensichtlich das Gefühl, etwas Besseres zu sein. Egal ob bei den Schützenfrauen oder im Frauenkreis der Kirchengemeinde, sie beanspruchte überall eine Führungsrolle für sich und erwartete, dass alle nach ihrer Pfeife tanzten. Natürlich war sie auch Elternvertreterin in der Klasse ihrer einzigen Tochter und drückte ihre Ansichten rücksichtslos durch. Eltern, die anderer Meinung waren, wurden unterdrückt und bloßgestellt, auch der Klassenlehrerin machte sie Vorschriften.

Karina war damit groß geworden und schien in die Fußstapfen ihrer Mutter zu treten. Sie wurde jedes Jahr als Klassensprecherin wiedergewählt und ließ keinen Zweifel daran, dass ihrer Meinung nach niemand anderem dieses Amt zustand. Inzwischen ließ sich schon niemand mehr als Gegenkandidat aufstellen, außer ihrer Nachbarin und Freundin Vanessa, die sich von vornherein mit der Rolle der Stellvertreterin zufriedengab. Hätte sie mehr Stimmen bekommen als Karina, was unvorstellbar war, hätte sie freiwillig verzichtet und wäre trotzdem Vize geblieben.

Ihr Geburtstag musste natürlich ganz groß gefeiert werden, wobei Julia sich nicht einmal sicher war, wie sehr die Party wirklich Karinas Wünschen entsprach. Der Ferienparadies-Bauernhof bot alle Möglichkeiten für eine üppige Feier, und das wollte Karinas Mutter natürlich zeigen. Entsprechend lang war die Liste der Eingeladenen, und viele Namen hatte nicht Karina selbst, sondern ihre Mutter daraufgesetzt.

Julias Mutter hatte für Julia zugesagt, obwohl sie wusste, dass Julia davon nicht begeistert war. Nicht hinzugehen, wäre ein Affront, meinte sie, und es wären genug andere Kinder da, mit denen Julia sich verstand; sie wäre also nicht darauf angewiesen, dass die Gastgeberin sich besonders um sie kümmerte.

Julia hatte das Spiel lange genug mitgemacht. Klar würden ihre Freundinnen da sein, von denen sonst auch keine viel mit Karina zu tun hatte, völlig allein in der Ecke sitzen würde sie also nicht. Bei den meisten war es dasselbe wie bei ihr, viel Lust hatten sie nicht, aber die Eltern bestanden darauf, dass sie hingingen. Fröhliche Stimmung konnte so trotz allem nicht aufkommen, was Karinas Mutter aufbot, es war eher wie auf dem Schulhof, wo einzelne Grüppchen sich die Zeit vertrieben.

Deshalb hatte Julia beschlossen, dass sie in diesem Jahr nicht dabei sein würde. Es hatte Streit gegeben mit ihrer Mutter, aber diesmal hatte Julia nicht nachgegeben. Sie verband nichts mit Karina, außer eben, dass sie ungefähr gleich alt und deshalb in derselben Klasse waren. Vielleicht tat sie Karina sogar einen Gefallen, denn die hatte sicherlich auch keine Lust, sich um die Gäste zu kümmern, die sie gar nicht hatte einladen wollen. Ganz ignorieren konnte sie sie aber auch nicht, das hätte ihre Mutter nicht zugelassen.