Autorenseite René Bote

Der Ersatz-Weihnachtsmann

Cover der Kurzgeschichte Der Ersatz-Weihnachtsmann

Alter, entweder die Geschwindigkeitsvorschriften oder die Mindestflughöhe, eins von beiden musst du schon einhalten! Der Sportwagen, der da gerade an meinem Bus vorbeikachelt, hat mindestens 80 drauf, mitten in der Stadt! Und als ob das nicht reicht, zieht er direkt vor dem Bus wieder nach rechts. Der Busfahrer hat keine Wahl, er muss voll in die Eisen steigen, sonst landet der Tiefflieger in den Häusern hinter der Kreuzung.

 

Selbst mich fegt es fast vom Sitz, ich kann mich gerade noch mit dem Arm an der Lehne des Sitzes vor mir abfangen. Der alte Herr, der gerade erst eingestiegen ist, hat so viel Glück nicht. Er hat eine ziemlich große Sporttasche bei sich, und er ist noch dabei, die Fahrkarte wegzupacken, die er beim Einsteigen zeigen musste. Das Ende vom Lied: Ihn haut’s der Länge nach in den Mittelgang.

 

Ich bin mir nicht sicher, ob er sich den Kopf stößt dabei, aber er tut sich auf jeden Fall weh. Er stöhnt, versucht, sich hochzuziehen, aber es klappt nicht, obwohl der Bus jetzt steht.

 

Außer ihm und mir ist nur noch der Fahrer im Bus. Sonntagnachmittag, da ist in der Stadt immer tote Hose. Für mich ideal, so kann man Fotos machen, ohne dass einem ständig Leute ins Bild rennen. Ich meine, die meisten meinen es nicht böse, sie kriegen’s gar nicht mit. Ich hab vor zwei Jahren damit angefangen, so richtig, meine ich. Mir macht’s einfach Spaß, und ab und zu bekomme ich auch mal ein Like oder einen netten Kommentar auf den Fotoplattformen, wo ich die Bilder hochlade. So ganz schlecht bin ich also wohl nicht.

 

Egal, jetzt geht’s erst mal um den alten Herrn. Ich hoffe, ihm ist nichts Schlimmes passiert! Das geht ja manchmal schnell bei alten Leuten, die Knochen sind nicht mehr so stabil. Ich lege meinen Rucksack zur Seite und laufe durch den Mittelgang nach vorne.

 

Der Busfahrer schaltet den Motor aus und den Warnblinker ein und will auch zu dem alten Mann, kann aber nicht. Die Füße von dem Mann sind im Weg, der Fahrer kriegt die Tür nicht auf, die den Bereich um den Fahrersitz von dem für die Fahrgäste trennt. Ich habe auch kaum Platz, der Gang ist ja gerade breit genug, dass man zwischen den Sitzen durchkommt. Ich knie mich vor den Kopf des alten Herrn und berühre ihn vorsichtig an der Schulter. „Alles okay?“, frage ich. Blöde Frage! Wie soll alles okay sein, so, wie es ihn da gerade hingehauen hat? Aber mir fällt nichts anderes ein.

 

Immerhin, er antwortet. „Mein Knie!“, sagte er gepresst. „Das ist …“ „Haben Sie sich den Kopf gestoßen?“, frage ich weiter. Knie kaputt ist blöd, klar, tut bestimmt auch saumäßig weh, aber Kopfverletzungen sind gefährlicher. „Nein“, sagt er. „Aber der Arm …“ „Ich hole einen Krankenwagen!“, entscheidet der Busfahrer. Ich höre, wie er seine Zentrale anfunkt, achte aber nicht weiter darauf.

 

Mit dem, was ich über Erste Hilfe nicht weiß, könnte man dicke Bücher füllen. In der Grundschule hatten wir mal so etwas wie einen Erste-Hilfe-Kurs, aber nur, weil die Mutter von einer aus der Klasse Krankenschwester war. Ich fühle mich total hilflos, keine Ahnung, was ich machen soll, um dem Mann zu helfen. Soll ich versuchen, ihn hochzuziehen und auf einen der Sitze zu setzen? Oder besser liegen lassen, damit nicht noch mehr kaputtgeht?

 

„Glauben Sie, Sie können aufstehen, wenn ich Ihnen helfe?“, frage ich ihn schließlich selbst. Er ist ja bei Bewusstsein, und er scheint auch nicht verwirrt zu sein.

 

Der Mann überlegt kurz, und ich lasse ihm Zeit. Bringt ja nichts, wenn er auch noch Angst kriegt, weil ich ihn zu sehr dränge, wenn er versucht, aufzustehen, obwohl er sich nicht sicher ist, und dann noch mal fällt.

 

„Ich glaube, es geht“, sagt er schließlich. „Aber du musst helfen.“ Versteht sich von selbst, auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, wie. Mist auch, dass der Busfahrer so eingekeilt ist! Zu zweit wäre es leichter. „Können Sie da nicht irgendwie rausklettern?“, frage ich ihn. Das ist ja schließlich keine Zwei-Meter-Mauer, das Ding ist nicht mal hüfthoch. Allerdings ist der Fahrer auch kein Ausnahmesportler, mit deutlichem Bauchansatz und wohl nicht sehr beweglich. Für einen Moment befürchte ich, er bleibt mit dem Fuß hängen und legt sich neben oder, noch schlimmer, auf den alten Herrn. Zum Glück geht alles gut, schwer atmend steht der Fahrer im Eingangsbereich.

 

Zu zweit schaffen wir es irgendwie, den alten Herrn auf die Füße zu stellen. Der Fahrer nimmt mit beiden Händen den rechten Arm, der linke hat offenbar was abgekriegt. Ich fasse den alten Herrn an den Achseln, so hieven wir ihn hoch, bis er völlig aus der Puste im Mittelgang steht. Das war bestimmt nicht angenehm, und so, wie er sich anlehnt, sieht man schon, dass er nicht gerade sicher auf den Beinen ist. Vielleicht nicht im Allgemeinen, aber er hat ja gesagt, dass sein Knie angeschlagen ist vom Sturz.

 

Während er sich von der ersten Anstrengung erholt, überlege ich kurz, wie’s am besten weitergeht. Sitze gibt’s genug, bevor der alte Herr eingestiegen ist, war ich der einzige Fahrgast. Aber das ist alles ziemlich beengt, bei manchen Sitzen ist kaum Platz für die Füße, und wir müssen den alten Herrn ja auch irgendwie hinbringen. Ich denke, am besten ist der Klappsitz, da, wo der Platz freigehalten wurde für Rollstühle und Kinderwagen. Der ist schön breit, und davor ist bestimmt zwei Meter gar nichts, da können die Sanitäter ihn dann gleich auch vernünftig untersuchen.

 

Bis die kommen, dauert’s wahrscheinlich noch ein paar Minuten. Der Fahrer setzt sich wieder an seinen Platz und spricht noch mal mit seiner Zentrale. Mit einem Ohr höre ich, dass es da auch darum geht, ob er mit der Verspätung, die er hier kriegt, bis zur Endstelle fahren oder vorher drehen soll, damit er wenigstens auf der Rückfahrt wieder im Plan ist. „Wie geht’s ihnen?“, frage ich den alten Herrn. Ich glaube, machen kann ich jetzt nicht mehr viel, er sitzt halbwegs bequem, scheint auch nicht so schlimme Schmerzen zu haben, den Rest muss der Rettungsdienst machen. „Übrigens, ich bin Thabo.“ „Richter“, stellt auch der alte Herr sich vor. „Ferdinand Richter. Danke, dass du mir geholfen hast.“ „Ist doch selbstverständlich!“, murmele ich. Irgendwie macht es mich verlegen, dass er sich bedankt für was, was jeder getan hätte. Okay, oder hätte tun sollen, gibt ja wirklich welche, die einfach weggucken.

 

***

 

Allzu schlimm hat es Herrn Richter offenbar zum Glück nicht erwischt. Vor allem hatte er wirklich Dusel, dass er sich den Kopf nicht angeschlagen hat. Der Schreck steckt ihm noch in den Knochen, aber davon ab … Knie und Ellbogengelenk, jeweils auf der linken Seite, tun ihm weh, aber wenn er stillhält, geht’s, sagt er. Bewegen kann er sie auch. Verstaucht, geprellt, so genau kenne ich mich da nicht aus, aber nichts, was nicht bald wieder heilen würde.

 

Um sich selbst macht Herr Richter sich auch keine Sorgen, nachdem er erst mal den Schrecken verdaut hat. Aber dass er wohl erst mal mit ins Krankenhaus muss, um sich gründlich untersuchen zu lassen, dass gefällt ihm gar nicht. Er ist Rentner, und 364 Tage im Jahr hätte er es verschmerzen können, für ein paar Stunden aus dem Verkehr gezogen zu werden. Aber ausgerechnet heute war er auf dem Weg zu einem Termin, der ihm wirklich wichtig ist.

 

Schon seit zwölf Jahren, erzählt er mir, besucht er am 3. oder 4. Advent ein Waisenhaus in der Stadt und tritt dort als Weihnachtsmann auf. Wie er da drangekommen ist, ist schon eine Geschichte für sich, seine Enkelin war damals in der 3. Klasse, und eine Klassenkameradin von ihr musste für ein paar Wochen in dem Heim einziehen. Die Mutter musste operiert werden, Vater gab’s nicht, und sonst war auch keiner da, der sich so lange um sie hätte kümmern können. Der Opa, also Herr Richter, hat das alles von seiner Enkelin erzählt gekriegt, auch dass manche Kinder da kaum je Besuch bekommen. Irgendwie ist daraus dann die Idee mit dem Weihnachtsmann entstanden, und die Heimleitung war begeistert.

 

Tja, und dabei ist er geblieben, er kann sich auch gar nicht mehr vorstellen, nicht hinzugehen. Aber mit den vermurksten Gelenken wird das nichts, das weiß er, und ihm tun die Kinder leid, die jetzt vergeblich warten.

 

„Sag mal“, sagte er irgendwann ganz vorsichtig, „kannst du ihnen wenigstens das Kostüm bringen?“ Er beißt sich auf die Lippen. „Na ja, wenn es kein zu großer Umweg für dich ist. Vielleicht kann dann einer von den Betreuern …“ „Ich hab Zeit“, antworte ich. „Ich wollte ein paar Fotos machen in der Stadt, das läuft nicht weg.“ „Danke, Junge“, sagt Herr Richter, und ich sehe, dass ihm das wirklich etwas bedeutet. „Solche wie dich, da bräuchte es viel mehr von.“

 

Ich merke, dass ich rot werden. Ist Hilfsbereitschaft wirklich so ungewöhnlich? Aber sagen will ich nichts, das sähe vielleicht nach „Fishing for Compliments“ aus.

 

***

 

Bis ich mich auf den Weg zum Heim machen kann, vergeht noch mal eine gute Viertelstunde. Der Rettungswagen kommt, die Sanitäter untersuchen Herrn Richter und meinen, dass er wohl noch mal gut weggekommen ist. Trotzdem wollen sie ihn mitnehmen, zur Sicherheit. Eine Nacht im Krankenhaus, nur um sicherzugehen, dass sein Kopf nicht doch zu sehr durchgeschüttelt wurde, auch wenn’s bis jetzt nicht danach aussieht.

 

Der Rettungswagen ist noch nicht wieder weg, da meldet sich das nächste Auto mit exklusiver Dachbeleuchtung. Die Polizei, die hat wohl auch der Busfahrer angefordert, oder die Leitstelle hat von sich aus angerufen. Klar, die werden versuchen, diesen verhinderten Düsenjetpiloten zu finden, der schuld ist, dass der Busfahrer so plötzlich bremsen musste. Kann sein, dass Herr Richter eine Mitschuld bekommt, weil er sich nicht richtig festgehalten hat, trotzdem, so ein Überholmanöver geht gar nicht.

 

Ich muss auch eine Aussage machen, aber viel helfen kann ich den Polizisten nicht. Ein dunkler Wagen war’s, flach und eher was Sportliches oder vielleicht eine Limousine. Das Modell konnte ich nicht erkennen, geschweige denn das Kennzeichen. Ich fürchte, sie werden ihn nicht kriegen, es sei denn, es melden sich noch Zeugen, irgendwelche Leute, die draußen auf dem Bürgersteig unterwegs waren, oder andere Autofahrer.

 

Nachdem die Polizisten noch meine Personalien aufgenommen haben, auch meine Handynummer für den Fall, dass sie später noch Fragen haben, kann es endlich weitergehen. Aber was heißt: weiter? Der Bus hat mittlerweile so viel Verspätung, eigentlich hätte er schon wieder auf dem Rückweg hier vorbeikommen müssen.

 

Der Busfahrer spricht noch mal kurz mit seiner Leitstelle, jetzt, wo er weiß, wie groß die Verspätung geworden ist. Das Ende vom Lied: Ich bekomme eine Extratour. Der Bus fährt die Strecke weiter, aber nur bis zu der Haltestelle, an der ich aussteigen muss, sodass ich nicht auf den nächsten warten muss, der in einer halben Stunde kommt. Weil er ohnehin sehen muss, wo er da drehen kann, das ist ja keine Endstelle normalerweise, fährt der Fahrer kurzerhand direkt am Heim vorbei und setzt mich vor der Tür ab.

 

Das Haus ist ganz schön riesig, drei Stockwerke, bestimmt so breit wie drei Wohnhäuser, Ziegelmauern. Hinter vielen Fenstern brennt Licht, einige sind weihnachtlich geschmückt: Sterne aus buntem Transparentpapier, Aufhänger in allen möglichen Formen. Über dem Haupteingang hängt eine Lichterkette, sie brennt, wirkt aber nicht so richtig. Es ist einer dieser Tage, die nicht richtig hell werden wollen, grau in grau, wenn man lesen will oder so, braucht man Licht, aber für die Lichterkette ist es dann doch wieder zu hell.

 

Wie viele Kinder hier wohl leben? Und wie lange? Vielleicht sind welche dabei, die gar nichts anderes kennen, die hergekommen sind, als sie noch ganz klein waren? Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das ist, niemanden zu haben, keine Eltern, und sonst auch keinen. Klar, manchmal nerven meine Eltern auch, aber ohne sie …

 

Die Tür ist zu, aber daneben gibt es eine Klingel. Ich atme tief durch, lege den Daumen auf den Knopf und drücke. Eine schrille Schelle ist von drinnen zu hören, die überhört man auch nicht, wenn alle Kinder am Rumtoben sind.

 

Bis sich etwas tut, dauert es einen Moment. Irgendwann sehe ich einen Schemen hinter dem Fensterchen in der dicken Holztür, und neben der Kamera unter der Klingel geht ein rotes Licht an. Das bedeutet wohl, dass ich gerade gefilmt werde, und im ersten Reflex will ich mich wegdrehen.

 

„Ja, bitte?“, fragt eine Frauenstimme. Das klingt nicht unfreundlich, aber ich glaube, die Frau kann auch energisch sein, wenn’s sein muss. Ich nenne meinen Namen und füge hinzu, dass Herr Richter mich schickt. „Er hatte einen Unfall, eben im Bus. Er ist nicht schlimm verletzt, aber er kann nicht kommen heute. Deshalb soll ich die Sachen bringen.“

 

Für einen Moment ist Schweigen im Walde. Klar, dass muss sie auch erst mal verdauen. Wahrscheinlich war sie fest davon ausgegangen, dass Herr Richter da ist, er hätte ja schon vor einer halben Stunde hier sein sollen. „Okay“, sagt die Stimme dann, „hast du einen Ausweis?“

 

Hui, Fort Knox lässt grüßen! Aber die müssen hier wohl so aufpassen, damit nichts passiert. Jeder muss sich überlegen, wen er reinlässt, und hier müssen sie ganz besonders vorsichtig sein, schätze ich. Da sind bestimmt auch welche unter den Kindern, die sind hier, weil die Eltern gewalttätig sind, und da muss man dann damit rechnen, dass sie versuchen, die Kinder mit allen Mitteln zurückzuholen.

 

Es dauert noch mal ein paar Sekunden, dann habe ich die Einlasskontrolle bestanden. Die Tür geht auf und wird hinter mir gleich wieder ins Schloss gedrückt. Ich stehe einer Frau in Jeans und Sweatshirt gegenüber, schätze, sie wird so an die vierzig sein. Ein bisschen erinnert sie mich an meine Englischlehrerin. Die ist auch meistens freundlich, aber sie kann auch ganz schön streng sein, wenn’s sein muss.

 

Über den Namen könnte ich schmunzeln, wenn der Grund, warum ich hier bin, nicht so blöd wäre. Fassnacht heißt sie, Sonja Fassnacht. Sie lässt sich genauer erzählen, was Herrn Richter zugestoßen ist, will vor allem wissen, wie es ihm jetzt geht. Dass er keine schlimmen Verletzungen hat und nur zur Sicherheit eine Nacht im Krankenhaus bleiben soll, beruhigt sie etwas. Sie ist daran gewöhnt, Krisen zu managen, in ihrem Job muss sie das auch können, trotzdem merkt man, dass die Nachricht von dem Unfall sie mitnimmt.

 

In Gedanken ist sie aber schon einen Schritt weiter. Sie betrachtet mich noch mal von oben bis unten, irgendwas schwant mir da schon, ohne dass ich es richtig zu fassen kriege. Erst als sie es ausspricht, merke ich, dass ich das irgendwie schon befürchtet habe: „Hast du ein bisschen Zeit? Es wäre toll, wenn du für Herrn Richter einspringen könntest.“

 

***

 

Irgendwie möchte ich ihr schon helfen. Ich kann mir ja vorstellen, wie die Kinder auf den Weihnachtsmann warten, wahrscheinlich sind sie schon ganz hibbelig, einmal sowieso, und dann noch mal extra, weil er ja eigentlich viel früher erwartet wurde. Wenn er jetzt gar nicht kommt, sind die Kinder bestimmt todtraurig.

 

Bloß: Mit mir und Weihnachten, da ist nicht viel. Papa, er ist fast 50, ist noch in der DDR groß geworden, und da wurde Weihnachten ja von oben umgedeutet. Deshalb hat er da bis heute nicht so die Verbindung zu, sagt er immer. Mum stammt aus Gambia, Papa hat sie kennengelernt in seiner Zeit als Entwicklungshelfer. In dem Dorf, aus dem sie kommt, ist Weihnachten auch kein Thema.

 

Ein bisschen feiern wir trotzdem, ich glaube, Mum und Papa haben das angefangen, damit ich nicht der Einzige von meinen Freunden bin, der kein Weihnachten hat. Es gibt Geschenke und ein besonderes Essen, und wir haben einen Plastik-Tannenbaum und ein bisschen Deko. Ich find’s ganz schön, wenn wir dann abends zusammen sind, aber so richtig viel von all dem, was da noch zugehört, hab ich nicht mitbekommen. Klar kenne ich die Geschichte von Jesus‘ Geburt, und dass der Weihnachtsmann eine Werbefigur ist, die sich selbstständig gemacht hat, weiß ich auch noch, aber danach hakt’s wirklich aus. Wie soll ich da einen überzeugenden Weihnachtsmann geben?

 

„Was muss ich denn da machen?“, stelle ich nach ein paar Sekunden die wohl dümmste aller Fragen. Damit sage ich doch fast schon, dass ich will, wenn mir nur einer zeigt, wie’s geht! Aber okay, wenn ich’s nicht machen würde, hätte ich auch ein schlechtes Gewissen, also gut. Ich lasse mir von Frau Fassnacht erklären, was mich erwartet, und schlüpfe dabei schon ins Kostüm. Gar nicht mal so bequem! Der Mantel ist eigentlich okay, bloß zu warm für drinnen. Aber Mütze und Bart, das geht echt an die Substanz, ich merke jetzt schon, wie ich schwitze, und das ist nicht nur die Aufregung.

 

Fünf Minuten später führt Sonja – sie sagt, ich soll sie duzen – mich in einen großen Saal, der weihnachtlich hergerichtet ist. In einer Ecke steht ein großer Baum, voll mit allerlei Schmuck. Mir fällt auf, dass es viele unterschiedliche Sachen sind, Kugeln, Strohsterne, Papiersterne, Engelsfiguren aus Pappe und Filz, wahrscheinlich alles, was Generationen von Kindern hier gebastelt haben. Das Licht ist gedämpft, nur ein paar Stehlampen brennen, das Deckenlicht ist aus. Kerzen haben sie nicht aufgestellt, das ist wohl auch besser so bei 30, 40 Kindern. Die ältesten hier im Saal sind zwölf, dreizehn, danach haben sie nicht mehr so viel Interesse an der Weihnachtsfeier, auch das hat Sonja mir verraten.

 

Mir – eigentlich ja Herrn Richter – ist ein Platz vor Kopf zugedacht, direkt neben dem Weihnachtsbaum. Ein Stuhl mit Armlehnen, komplett verborgen unter einer Wolldecke. Als ich mich setze, spüre ich, dass die Armlehnen gepolstert sind.

 

Ganz ehrlich, mir geht ganz schön die Pumpe, und jetzt ist es gut, dass ich den falschen Bart hab. Ansonsten würde man schon in der hintersten Reihe sehen, wie viel Bammel ich habe.

 

„Hallo Kinder!“, begrüße ich die Jungen und Mädchen, die mich erwartungsvoll anschauen. „Geht es euch gut?“ „Ja!“, rufen einige, ein paar nicken nur. „Warum kommst du so spät?“, fragt ein Junge mehr neugierig als vorwurfsvoll. „Wir haben schon alle Lieder gesungen!“ Klar, irgendwie musste Sonja die Kinder ja beschäftigen. Da macht sich dieser Schumi-Verschnitt wahrscheinlich überhaupt keine Vorstellung von. Hoffentlich findet die Polizei ihn!

 

Aber das soll mich jetzt nicht interessieren. Wenn ich schon den Weihnachtsmann spiele, dann sollen die Kinder auch Spaß daran haben. „Wir können ja trotzdem noch singen“, schlage ich vor, und zum Glück machen die Kinder mit. Die kleinen sind die Treiber, sie schauen sofort zu Sonja, die ihnen sagen soll, mit welchem Lied sie anfangen. Die älteren ziehen mit.

 

Das erste Lied ist „Stille Nacht“, das kenne ich sogar. Auch wenn wir zu Hause keine Weihnachtslieder singen, ich reise ja nicht vor dem 1. Advent ab zum Mond und komme nach Weihnachten wieder! Man muss ja nur durch die Stadt gehen, und in der Grundschule hatten wir auch Weihnachtsfeiern. Die erste Strophe kann ich, ich singe aber nur leise mit, weil ich mir nicht sicher bin, wie gut ich die Melodie beherrsche. Danach kann ich nur noch mitsummen, aber das ist gar nicht schlimm. Die Kleinen singen begeistert, auch die Größeren fühlen sich wohl, auch wenn sie natürlich wissen, dass der Weihnachtsmann nicht echt ist.

 

Für mich fühlt sich das alles ungewohnt an, aber die Stimmung gefällt mir. Die Kinder genießen es, ob sie nun noch an den Weihnachtsmann glauben oder nicht, ob sie merken, dass der Weihnachtsmann in diesem Jahr anders aussieht als sonst, oder nicht.

 

Mit viel Freude tragen sie nach dem Singen vor, was sie extra für den Weihnachtsmann – aber eigentlich mehr für sich und ihre Kameraden – eingeübt haben. Ich find’s gut, dass niemand allein vor mir stehen muss, da hätten wohl einige doch Angst gehabt. Sie machen es in kleinen Gruppen und machen sich so gegenseitig Mut. Sie tragen Gedichte vor, eigene oder gefundene, vier Mädchen lesen mit verteilten Rollen eine weihnachtliche Geschichte vor. Zwei Jungen jonglieren, das hat zwar auf den ersten Blick nichts mit Weihnachten zu tun, aber das finde ich gar nicht schlimm. Auch die Zaubertricks, die ein Junge und ein Mädchen einstudiert haben, die beiden mögen in der 1. oder 2. Klasse sein, haben ihren Platz bei der Weihnachtsfeier.

 

Allmählich fühle ich mich etwas sicherer, und irgendwie macht’s sogar Spaß. Die Kinder haben Freude an der Sache, und ich muss gar nicht mal viel tun dafür. Ich klatschte Beifall, und wenn mal was nicht so klappt, gerade bei den Kleineren, muntere ich sie ein bisschen auf. Oft reicht schon ein Lächeln dafür.

 

Deshalb überlege ich auch nicht lange, als Sonja mich nach dem letzten Auftritt fragt, ob ich schnell wieder wegmuss. Ansonsten gibt’s jetzt Kakao, Plätzchen und Christstollen, ich bin herzlich eingeladen, dazubleiben und mitzufuttern. Mit dem Fotografieren wird’s dann heute wohl nichts mehr, aber deswegen bin ich nicht traurig.

 

Ein Junge kommt zu mir rüber, schätze mal, er ist zehn oder elf. „Du bist aber nicht der Weihnachtsmann vom letzten Jahr, oder?“, sagt er mir auf den Kopf zu. Erst auf den zweiten Blick sehe ich, dass es derselbe Junge ist, der mich eben gefragt hat, warum ich so spät komme. Soll ich ihm die ganze Geschichte erzählen? Ich will nicht, dass er einen Schrecken kriegt, aber ich will auch nicht lügen. „Er hatte einen kleinen Unfall auf dem Weg hierher“, erkläre ich. Ich spreche leise, flüstere fast, damit die Kinder nichts hören, die noch an den Weihnachtsmann glauben und den Austausch hinter dem Bart nicht bemerkt haben. „Nicht Schlimmes“, schiebe ich rasch hinterher. „Er hat sich gestoßen, als der Bus plötzlich bremsen musste. Wahrscheinlich ist gar nichts, höchstens blaue Flecken, aber die Sanitäter bringen ihn trotzdem ins Krankenhaus, damit er richtig untersucht werden kann. Manche Verletzungen sieht man nicht so leicht, da braucht man Geräte für, manchmal richtige Maschinen, die sind viel zu schwer für den Krankenwagen.“

 

Ich bin mir nicht sicher, ob der Junge das versteht, aber er ist aufgeweckter, als ich dachte. Vielleicht fehlt mir auch einfach die Erfahrung, um einzuschätzen, was Kinder in dem Alter alles wissen und was nicht. Wusste ich damals schon, was für Klötze das sein können, MRT und alles? Keine Ahnung. „Ein Röntgengerät?“, sagt er. Er sieht wohl meinen verwunderten Blick und deutet quer durch den Raum auf ein rothaariges Mädchen, das im selben Alter zu sein scheint. „Helene ist letztes Jahr vom Fahrrad gefallen“, erzählt er. „Mit dem Kinn auf den Boden gefallen ist sie. Sie musste auch ins Krankenhaus zum Röntgen.“ Klar, wenn er das mitgekriegt hat, weiß er das natürlich. „Versteht ihr euch gut?“, frage ich ihn. Weiß gar nicht warum, fühlt sich irgendwie richtig an, und ich hab den Eindruck, dass er sie mag.

 

Er erzählt mir, dass er Helene schon so lange kennt, wie er hier ist, und das ist sehr lange. Schon als Baby ist er ins Heim gekommen, an seine Eltern kann er sich nicht entsinnen. Ich will nicht nachfragen, aber er erzählt mir von ganz allein, dass sie keine Ahnung hatten, wie sie mit einem Baby umgehen sollten, dass sie sich aber auch von niemandem helfen lassen wollten. So hatte das Jugendamt ihn wegnehmen müssen, und seitdem bekommt er zweimal im Jahr eine Karte von ihnen, zum Geburtstag und zu Weihnachten. Gesehen hat er sie nie, sie sind weit weg gezogen.

 

Helene war schon da, als er kam, auch das verrät er mir. Ihre Eltern sind bei einem Autounfall gestorben, eine Weile war sie dann bei ihren Großeltern, bis die einsehen mussten, dass sie nicht mehr gesund genug sind, um sie großzuziehen. Weil sie fast gleich alt sind, Helene ist eine Woche älter als er, haben sie viel zusammen gemacht, und solange sie denken können, sind sie ein unzertrennliches Gespann. Der Junge – Marvin heißt er, wie ich inzwischen weiß – will gar nicht mehr weg hier, denn dann müsste er Helene zurücklassen.

 

Irgendwie ist das bedrückend, vor allem, wenn man bedenkt, dass alle Kinder hier eine ähnlich traurige Geschichte mit sich herumtragen. Aber Marvin macht einen fröhlichen Eindruck, auch die anderen wirken ganz normal und nicht irgendwie melancholisch oder so. Gut, dass es Menschen gibt wie Sonja, die versuchen, ihnen ein gutes Zuhause zu geben!

 

***

 

Als ich wieder auf die Straße trete, ist es schon dunkel. Die Zeit ist echt vergangen wie im Flug, und ich bin froh, dass ich nicht nein gesagt hab – erst zu Herrn Richter wegen der Sachen, dann zu Sonja. Es hat Spaß gemacht, und den Kindern hat’s offensichtlich gefallen.

 

Bis der nächste Bus kommt, dauert es noch, ich beschließe, zwei oder drei Haltestellen zu laufen, je nachdem, wie weit ich komme. Das kann nicht schaden, ich bin ziemlich vollgefuttert. Also, backen können sie da im Heim, oder sie haben einen guten Lieferanten.

 

Entsprechend wenig Hunger habe ich beim Abendessen. Spätestens da wäre aufgefallen, dass irgendwas nicht ist wie sonst, aber ich erzähle meinen Eltern direkt, als ich zu Hause bin, wie ich den Nachmittag verbracht habe. Sie finden’s klasse und meinen, wenn ich’s nicht gemacht hätte, hätte es bestimmt viele Tränen gegeben. Ich denke, sie haben recht, die Kinder waren echt glücklich, als der Weihnachtsmann doch noch gekommen ist.

 

***

 

In der Schule erzähle ich nichts davon, was ich am Sonntagnachmittag erlebt habe. Glaube nicht, dass das so gut ankommen würde, Weihnachtsmann spielen, das ist doch was für alte Leute, werden sie sagen.

 

Aber irgendwie ist die Geschichte durchgesickert, keine Ahnung, wie. Irgendjemand, der eines der Kinder aus dem Heim kennt, vielleicht hat Sonja auch ein Foto von der Feier an die Lokalredaktion der Tageszeitung geschickt. „Wo hast du denn deinen Bart gelassen?“, begrüßt mich Mirko lautstark, sobald ich das Klassenzimmer betrete. Mirko hält sich für den Coolsten, und ein paar stehen tatsächlich auf seine Witze. Wenn die lachen, gibt ihm das was, und er legt gleich den nächsten nach. Finn hat mal gesagt, Mirkos Humor wäre was für Bergleute, tief unterirdisch nämlich. Finn ist eher ein ruhiger Typ, lässt sich nicht von Mirko reizen, aber wenn er seine Meinung sagt, dann deutlich.

 

Dass ich bedingt durch die Busfahrpläne fast jeden Morgen einer der Letzten bin, die kommen, spielt Mirko natürlich in die Karten: So hat er ein schön großes Publikum, genau das, was er liebt.

 

Für den Moment erwischt er mich auf dem falschen Fuß, und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Aber Mirko erwartet auch keine Antwort, er will einfach nur spotten. „Hast du ein Foto davon?“, fragt er provokant. „Das würde ich gerne mal sehen. Sieht bestimmt total albern aus, so richtig kitschig.“

 

Er wirft einen Blick zu den hinteren Reihen am Fenster. „Hey, Nele, kannst du dir das vorstellen, Thabo mit so einem roten Mantel mit Kissen drunter und allem?“ Ich glaube, dass ich Nele mag, weiß er schon eine ganze Weile, auch wenn ich versucht habe, es zu verbergen. Er hat bis jetzt nur keinen Dreh gefunden, was daraus zu machen, jetzt hat er was. Er weiß, dass es mich trifft, wenn er mich speziell vor ihr lächerlich macht. Das Blöde ist, ich kann es nicht verhindern, höchstens mit Gewalt. Aber das gehört sich nicht und würde mir bei Nele auch keine Pluspunkte einbringen. Ich denke sogar, sie weiß auch, dass ich was von ihr will, ahnt es zumindest, aber sie hängt mich nicht hin.

 

Ganz langsam legt Nele den Stift weg, mit dem sie irgendwas in ihr Heft geschrieben hat, und steht auf. „Du kommst dir mal wieder irre witzig vor, was?“, sagte sie zu Mirko. „Bist du irgendwo als Weihnachtsmann aufgetreten?“, will sie dann von mir wissen. Ich kann nur nicken. „Im Kinderheim“, setzt Mirko sie an meiner Stelle ins Bild. „Wie …“ „Wie was?“, hakt Nele nach. Ihre Stimme klingt immer noch ruhig, aber gleichzeitig wirkt die Frage so scharf wie eine Diamantklinge. „Wie cool, dass er das macht?“

 

Der sitzt, und ich bin Nele einfach nur dankbar. Das müsste sie nicht, sich so für mich einsetzen. Mirko kaut an den Worten, Nele hat’s gemacht wie beim Judo und seine eigene Kraft gegen ihn verwendet. Jetzt weiß er nicht, was er sagen soll, aber ich fürchte, er wird gleich mit irgendwas zurückkommen, das ganz tief unter die Gürtellinie geht, um sich zu „rehabilitieren“.

 

„Spar dir die Mühe!“, sagte Nele, die das natürlich auch weiß. „Wenn du meinst, du müsstest Thabo jetzt blamieren, weil er … Das weiß ich, und da brauchst du gar nicht drüber zu lachen.“

 

Ich schlucke. Jetzt weiß es die ganze Klasse, das kann sie doch eigentlich nicht wollen, oder? Okay, ich bin blamiert, nicht sie, aber trotzdem. Auf mitleidige Blicke kann sie auch verzichten, da bin ich mir sicher.

 

Erst als sie sich zu mir umdreht und auf mich zukommt, ahne ich, dass da noch etwas ist, was ich noch nicht ganz fassen kann. „Ich hab auf den perfekten Moment gewartet“, sagt sie sanft. „Ganz ehrlich, ich hab’s mir ganz anders vorgestellt.“ Noch während sie spricht, greift sie nach meinen Händen. „Aber wenn’s so sein soll, dass ich es dir jetzt sage, dann ist es auch richtig.“ Ich betrachte ihr Gesicht, ihr Lächeln, und plötzlich fühle ich mich ganz leicht. Tschüss, Mirko, ich bin dann mal auf den Wolken schweben!