{"id":292,"date":"2024-02-04T11:42:48","date_gmt":"2024-02-04T10:42:48","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=292"},"modified":"2024-02-04T11:42:48","modified_gmt":"2024-02-04T10:42:48","slug":"00-um-mitternacht","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=292","title":{"rendered":"0:0 um Mitternacht"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte 0:0 um Mitternacht\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<p><i>Bei dieser Geschichte stand ich nicht ganz unerwartet vor einem Problem, das ich in Bezug auf das Thema schon einmal hatte: Woher ein passendes Bild f\u00fcr das Cover nehmen? Ich danke der kolumbianischen Sportfotografin <a href=\"https:\/\/www.pexels.com\/@laura-rincon-318039951\/\">Laura Rinc\u00f3n<\/a>, die dieses Foto auf der Platform pexels bereitgestellt und bereitwillig die R\u00fcckfragen beantwortet hat, die ich noch hatte.<\/i><\/p>\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Cover-0-0-um-Mitternacht.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte 0:0 um Mitternacht\" \/>\n<p>Die Trib\u00fcnen der Jahn-Halle, der kleineren der beiden gro\u00dfen Sporthallen der Stadt, leerten sich z\u00fcgig. Mit den Siegerehrungen waren eben die Hallenfu\u00dfball-Stadtmeisterschaften der D-Junioren und D-Juniorinnen zu Ende gegangen. Ein bisschen leerer war es fr\u00fcher schon geworden, die Mannschaften, die vor dem Halbfinale ausgeschieden waren, waren meistenteils schon nach Hause gefahren. Publikum au\u00dfer den Eltern gab es in dieser Altersklasse ohnehin kaum.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einige Jungen und M\u00e4dchen vom FV 07 freuten sich, dass sie noch bleiben durften. Ihr Verein hatte nicht nur sein Zuhause auf dem Platz neben der Halle, er fungierte in diesem Jahr auch als Ausrichter der Stadtmeisterschaften. Das ging nicht ohne Unterst\u00fctzung der Eltern, die den Kuchen- und Getr\u00e4nkeverkauf und den Imbiss-Stand besetzten und an vielen weiteren Stellen hinter den Kulissen wirkten. Es w\u00fcrde noch eine Weile dauern, alles wegzur\u00e4umen, was nicht stehen bleiben konnte, obwohl die Stadtmeisterschaften am n\u00e4chsten Tag mit der C- und B-Jugend fortgesetzt werden w\u00fcrden. Solange hatten die Spielerinnen und Spieler, die zu den betroffenen Eltern geh\u00f6rten, das Spielfeld f\u00fcr sich, und diese Chance lie\u00dfen sie sich nicht entgehen. Tags\u00fcber hatten sie deutlich mehr Pause als Spielzeit gehabt, das blieb nicht aus bei so vielen Mannschaften und nur einem Feld. Dabei hatten die Verantwortlichen den Spielplan schon entzerrt und einen Teil der Vorrunde bei den Jungen schon am Freitagnachmittag ausspielen lassen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eSollen wir ein Neunmeterschie\u00dfen machen?\u201c, schlug Smilla vor, nachdem die Kinder sich die drei vorhandenen B\u00e4lle ein paar Minuten lang zugepasst oder aufs Tor geschossen hatten. Sie spielte auf dem Feld im offensiven Mittelfeld oder St\u00fcrmerin und war auch an diesem Tag die treffsicherste Sch\u00fctzin ihrer Mannschaft gewesen. \u201eAls Training, falls wir bei der Kreismeisterschaft ins Neunmeterschie\u00dfen m\u00fcssen.\u201c \u201eIhr kommt doch gar nicht bis ins Halbfinale!\u201c, behauptete Siljan, ihr Zwillingsbruder, der bei den Jungen dieselben Positionen spielte wie Smilla bei den M\u00e4dchen. \u201eDu bist doch nur neidisch!\u201c, gab Smilla zur\u00fcck. Das stimmte, Siljan h\u00e4tte auch gern die Hallenkreismeisterschaft gespielt, bei der sich die besten Mannschaften der Stadt mit den Topteams der umliegenden St\u00e4dte ma\u00dfen. Aber daf\u00fcr qualifizierten sich nur jeweils die ersten drei, die Jungen waren bis in die Zwischenrunde gekommen, dort aber als Dritte der Gruppe ausgeschieden. Sie hatten gegen den VfB gewonnen und gegen den sp\u00e4teren Gruppensieger, die Viktoria, verloren. Genauso hatte die Germania abgeschnitten, dabei allerdings zwei Tore mehr geschossen als die Jungen vom FV 07 und nur eins mehr kassiert. Siljan und seine Kameraden h\u00e4tten also den direkten Vergleich gewinnen m\u00fcssen, waren aber nicht \u00fcber ein Unentschieden hinausgekommen und so denkbar knapp ausgeschieden. Im Gesamtklassement durften sie sich als F\u00fcnfte betrachten, auch wenn dieser Rang nicht offiziell ermittelt wurde; die Sportfreunde als Dritter der zweiten Zwischenrundengruppe hatten nur einen Z\u00e4hler geholt.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die M\u00e4dchen dagegen waren Vizestadtmeisterinnen geworden. Sie hatten das Finale sicher erreicht, sich dann aber der Mannschaft von der Ballsport-Union geschlagen geben m\u00fcssen. Der Verein war in der Stadt unangefochten die Nummer 1, was M\u00e4dchen- und Frauenfu\u00dfball anging, und hatte immer die besten Spielerinnen. Auch vom FV 07 war zu Beginn der Saison eine Spielerin dorthin gewechselt und wollte nach ihrem letzten Jahr in der U13 den Sprung in die B-Juniorinnen-Bezirksliga schaffen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eIhr seid doch nur Zweite geworden, weil ihr keine richtigen Gegner hattet!\u201c, behauptete Siljan. \u201eDas waren ja gar keine echten Mannschaften.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch damit hatte er einen Punkt. Das Teilnehmerfeld bei den M\u00e4dchen war insgesamt kleiner, 7 Mannschaften im Vergleich zu 19 bei den Jungen, und von diesen Mannschaften spielten tats\u00e4chlich nur drei regul\u00e4r in der Liga. Die Viktoria, der SV Rot-Wei\u00df und die Sportfreunde hatten offiziell nur eine B-Juniorinnen-Mannschaft. Sie waren mit denjenigen M\u00e4dchen angetreten, die vom Alter her noch in der U13 spielen durften; das waren naturgem\u00e4\u00df die, die sich sonst hinter den zwei, drei Jahre \u00e4lteren Mannschaftskameradinnen anstellen mussten. Dass solche offiziell nicht existierenden Mannschaften an der Hallenmeisterschaft teilnehmen durften, war eine sch\u00f6ne Sache, einerseits f\u00fcr die Spielerinnen, die bei den Meisterschaften der U17 wohl nicht aufgestellt worden w\u00e4ren, und andererseits auch f\u00fcr den Ausrichter, weil so ein ausreichend gro\u00dfes Teilnehmerfeld f\u00fcr ein Turnier zusammenkam, das die Bezeichnung auch verdiente. Der VfB hatte \u00fcberhaupt keine M\u00e4dchenmannschaft, aber ein halbes Dutzend M\u00e4dchen in der D- und E-Jugend.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Laufkundschaft, wie man so sch\u00f6n sagte, waren diese nur f\u00fcr die Halle aufgestellten Mannschaften jedoch alle nicht. Die Spielerinnen trainierten genauso regelm\u00e4\u00dfig wie die M\u00e4dchen vom FV 07, einige waren schon lange dabei, und durch das Training mit \u00c4lteren brachten manche eine betr\u00e4chtliche K\u00f6rperlichkeit mit. Smillas Klassenkameradin Isabel war beim SV Rot-Wei\u00df auch Stammspielerin in der U17-M\u00e4dchenmannschaft, obwohl sie die J\u00fcngste war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Objektiv konnten beim FV 07 beide Mannschaften mit ihrem Abschneiden zufrieden sein. Die M\u00e4dchen hatten das wohl beste Ergebnis erreicht, das m\u00f6glich war, wenn man einen \u00dcbergegner wie die Ballsport-Union im Teilnehmerfeld hatte. Die Jungen hatten ebenfalls ein gutes Turnier gespielt und einige Mannschaften hinter sich gelassen, die sich ebenfalls etwas ausgerechnet hatten. In der Vorrunde hatten sie sogar einen der Topfavoriten am Rand einer Niederlage gehabt.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Smilla beschloss, die Bemerkung ihres Zwillings unkommentiert stehenzulassen. Siljan w\u00fcrde sich schon wieder einkriegen, so ungewohnt war die Situation f\u00fcr ihn auch nicht. Smilla war nach ihrem ersten E-Jugend-Jahr in die M\u00e4dchenmannschaft gewechselt, und seitdem war es schon oft vorgekommen, dass sie mit einem Sieg nach Hause gekommen war, Siljan dagegen mit einer Niederlage. Umgekehrt passierte es genauso, beide hatten lernen m\u00fcssen, damit umzugehen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Arthur, der bei den Jungen in der Abwehr spielte und das Tor h\u00fctete, wenn der etatm\u00e4\u00dfige Torwart, Pascal, fehlte, wusste das. Er kannte Smilla und Siljan seit dem Kindergarten und hatte schon bei den Minikickern mit ihnen zusammen gespielt. Sorgen, dass das Gepl\u00e4nkel eskalieren w\u00fcrde, machte er sich nicht, aber es brachte ihn auf eine Idee. Doch das durfte kein Au\u00dfenstehender mitbekommen, sonst war der Plan direkt im Eimer.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um halb zw\u00f6lf \u00f6ffnete sich die T\u00fcr eines Hauses in einer schmalen Stra\u00dfe mit lauter kleinen Einfamilienh\u00e4usern. Zwei Gestalten huschten ins Freie, kaum auszumachen in ihrer dunklen Kleidung und ohne das Licht der kleinen Lampe \u00fcber dem Eingang, deren Bewegungsmelder sie wohlweislich ausgeschaltet hatten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ihre Fahrr\u00e4der hatten Smilla und Siljan in weiser Voraussicht an der n\u00e4chsten Stra\u00dfenecke abgestellt. Sie waren an ein Gel\u00e4nder gekettet, das Autofahrer daran hindern sollte, in der engen Kurve den B\u00fcrgersteig mitzunehmen und dabei Fu\u00dfg\u00e4nger in Gefahr zu bringen. Normalerweise standen sie im Schuppen, aber der war direkt neben dem Schlafzimmerfenster der Eltern. Dass die Zwillinge keine Erlaubnis zu diesem n\u00e4chtlichen Ausflug eingeholt hatten, verstand sich von selbst, denn bekommen h\u00e4tten sie die nie im Leben.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Etwas unwohl war ihnen schon, als sie durch die stillen Stra\u00dfen zur Jahn-Halle radelten. Angst, \u00fcberfallen zu werden, hatten sie nicht, ihre Sorge war, dass jemand sie sah, der ihren Eltern ein Licht steckte. Und hoffentlich begegneten sie keinem Streifenwagen! Zwei knapp Zw\u00f6lfj\u00e4hrige w\u00fcrde die Besatzung um diese Uhrzeit garantiert anhalten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den Kameraden, die sie vor der Halle trafen, ging es sicherlich nicht anders. Selbst Vincent, der so getan hatte, als w\u00e4re es f\u00fcr ihn das Normalste der Welt, nachts heimlich auszur\u00fccken, hatte insgeheim bestimmt genauso viel Bammel wie die anderen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Arthur hatte die Idee gehabt, dass man ausspielen m\u00fcsste, wer denn nun wirklich besser war, M\u00e4dchen oder Jungen. Man h\u00e4tte das auch den Trainern vorschlagen k\u00f6nnen, sie h\u00e4tten sicherlich nichts gegen ein freundschaftliches Match gehabt. Allerdings war es schwer, zu den Trainingszeiten der Mannschaften an Hallenzeiten zu kommen, \u00fcberhaupt zu irgendeiner Zeit, zu der man die Kinder h\u00e4tte zusammenrufen k\u00f6nnen. Doch weil seine Mutter beim FV 07 Jugendleiterin war, hatte sie einen Schl\u00fcssel zur Halle, und Arthur wusste, wo er war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vollst\u00e4ndig waren beide Mannschaften nicht, denn nicht alle konnten sich heimlich aus dem Haus schleichen. Bei den M\u00e4dchen waren es neben Smilla noch Leyla, Emily, Alba und Vicky, sie bekamen also so gerade eben eine Mannschaft zusammen. Leonie hatte angek\u00fcndigt, dass sie kommen w\u00fcrde, wenn sie konnte, das hatte davon abgehangen, ob ihr Vater nach der Sp\u00e4tschicht gleich ins Bett ging oder nicht; offenbar war er jedoch noch aufgeblieben. Mara h\u00e4tte garantiert gekonnt, sie lebte allein mit ihrer Mutter, und die hatte im Krankenhaus, wo sie arbeitete, Nachtschicht, traute sich aber nicht. Die anderen M\u00e4dchen respektierten das, sie sp\u00fcrten ja an sich selbst, dass es \u00dcberwindung kostete, sich heimlich rauszuschleichen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Jungen hatten immerhin zwei Optionen auf der Bank, Arthur und Siljan waren nat\u00fcrlich dabei, au\u00dferdem Amin, Kevin, Hannes, Vincent und Bene. Siljan \u00e4rgerte sich, dass Pascals \u00e4ltere Schwester ausgerechnet an diesem Wochenende ausnahmsweise mal nicht bei ihrem Freund schlief. Weil die Wohnungst\u00fcr knarrte und unter seinem eigenen Fenster die Treppe war, die vom Hof in den Keller f\u00fchrte, h\u00e4tte Pascal nur durch ihr Zimmer abhauen k\u00f6nnen, das ging nun nat\u00fcrlich nicht. Sein Pech sorgte aber in gewisser Weise f\u00fcr Fairness, denn so mussten beide Mannschaften auf die angestammte Besetzung im Tor verzichten. Bei den M\u00e4dchen war Leonie die Stammtorh\u00fcterin, Emily, die sonst auf der rechten Seite spielte, ihre Vertretung.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Arthur wartete, bis alle da waren, die kommen konnten. Leonie hatte eine Nachricht an Smilla geschickt, dass sie nicht auf sie zu warten brauchten, bei den Jungen meldete sich Marcel, dass er anders als gedacht nicht wegkam. \u201eDann k\u00f6nnen wir\u201c, stellte Arthur fest. Den Schl\u00fcsselbund hatte er schon in der Hand, er schloss auf, und die Kinder huschten lautlos in die Halle.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Licht seiner Handytaschenlampe fand Arthur den Sicherungskasten, schloss ihn auf und schaltete die Lichter ein, die sie brauchten: nat\u00fcrlich die Lampen \u00fcber dem Spielfeld, die Notbeleuchtung im Foyer, damit sie nirgends gegen knallten, und das Licht in einem Teil der Kabinen. Das ging nur zentral, damit kein Spa\u00dfvogel einfach mal zwischendurch das Licht ausschalten und damit vielleicht eine Panik ausl\u00f6sen konnte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kinder zogen sich um und versammelten sich auf dem Spielfeld. Aufzubauen brauchten sie nichts, alles war schon vorbereitet f\u00fcr die Spiele am n\u00e4chsten Tag. Am Tisch der Turnierleitung fanden sie die B\u00e4lle und auch die T\u00fcte mit den Leibchen. Die Jungen streiften die gelben Hemden \u00fcber, damit die Unterscheidung auch in der Hektik des Spiels gesichert war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie einigten sich auf ein Spiel \u00fcber zweimal 20 Minuten. Im Turnier hatten die Partien nur 8 Minuten gedauert, aber das war nat\u00fcrlich, weil so viele Spiele auszutragen gewesen waren. Au\u00dferdem verst\u00e4ndigten die Kinder sich darauf, die 4-Sekunden-Regel auszusetzen, die besagte, dass jeder Standard innerhalb von 4 Sekunden ausgef\u00fchrt werden musste und die Torleute den Ball in der eigenen H\u00e4lfte grunds\u00e4tzlich nur 4 Sekunden kontrollieren durften, egal in welcher Spielsituation. Diese Regel, die Zeitspiel verhindern sollte, h\u00e4tte blo\u00df zu Streit gef\u00fchrt. Um sie anzuwenden, brauchte es eine neutrale Instanz, die entschied, ab wann die Zeit gez\u00e4hlt wurde, tags\u00fcber hatten das die Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen gemacht. Davon ab sollten alle Regeln so gelten wie beim Turnier.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hannes, der zusammen mit Bene zun\u00e4chst auf der Bank Platz nahm, stellte an seinem Handy den Timer auf 20 Minuten. Das Signal, wenn die Zeit abgelaufen war, w\u00fcrde nicht so laut sein wie die Hallensirene, aber zumindest die beiden Jungen, die drau\u00dfen sa\u00dfen, w\u00fcrden es h\u00f6ren. Es war ja auch nicht so laut in der Halle wie tags\u00fcber, weil es kein Publikum gab, und keine anderen Mannschaften, die auf ihren Einsatz warteten. Die Kinder hatten \u00fcberlegt, ob sie die Anlage einschalten sollten, die die Sirene und die Anzeigetafel steuerte, es dann aber doch lieber gelassen. So sicher war sich Arthur mit der Bedienung nicht, und wenn sie etwas verstellten und es nicht zur\u00fcckgestellt bekamen, dann w\u00fcrde es am n\u00e4chsten Morgen auffallen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein M\u00fcnzwurf entschied die Wahl zwischen Seitenwahl und Ansto\u00df zugunsten der Jungen. Vincent, der bei den Jungen die Kapit\u00e4nsbinde trug, w\u00e4hlte den Ansto\u00df, f\u00fcr die M\u00e4dchen entschied Smilla, dass sie so stehen bleiben wollten, wie sie angetreten waren. Eigentlich war Leonie die Kapit\u00e4nin, aber die fehlte ja. Smilla fand, dass es egal war, in welche Richtung sie spielten, das Feld wurde an allen Seiten von Banden begrenzt, und das Wetter spielte in der Halle auch keine Rolle.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Ermangelung einer Pfeife rief Hannes laut \u201eLos!\u201c, als er den Timer startete. Siljan versuchte, die M\u00e4dchen direkt zu \u00fcberrumpeln, er lie\u00df sich den Ball von Kevin kurz vorlegen und schoss dann von der Mittellinie mit dem Vollspann aufs Tor. Doch so leicht lie\u00dfen sich die M\u00e4dchen nicht austricksen, der Ball kam nicht einmal f\u00fcnf Meter weit. Smilla, die ihren Zwillingsbruder kannte und fast damit gerechnet hatte, dass er es so versuchen w\u00fcrde, hatte den Fu\u00df dazwischen und holte direkt einen Einkick f\u00fcr die M\u00e4dchen heraus. Der Ball prallte zur\u00fcck zu Siljan und ging von dessen Knie senkrecht nach oben weg, bis die Hallendecke ihn stoppte. Doch selbst wenn der Ball durchgekommen w\u00e4re \u2013 Emily war keine schlechte Stellvertreterin f\u00fcr Leonie, es h\u00e4tte schon sehr viel passieren m\u00fcssen, dass sie den Schuss aus der Entfernung nicht gehalten h\u00e4tte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Siljan musste zugeben, dass die M\u00e4dchen ihm und seinen Kameraden ebenb\u00fcrtig waren. Nach zehn Minuten stand es 2:2, und das wurde dem Spielverlauf gerecht. Beide Mannschaften spielten sich ihre Chancen heraus, gegen auf der anderen Seite aber meistens durchaus gut organisierte Defensiven.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch einen Vorteil hatten die Jungen tats\u00e4chlich: ihre Ersatzspieler. Die M\u00e4dchen hatten eine gute Ausdauer, aber Hallenfu\u00dfball war wahnsinnig schnell, viel schneller als das Spiel drau\u00dfen. Mit nur vier Feldspielern oder Spielerinnen musste jeder und jede mehr laufen, und die Banden verhinderten viele kleine Erholungspausen, die sich sonst ergeben h\u00e4tten, wenn der Ball im Aus war. Die Jungen konnten regelm\u00e4\u00dfig wechseln, immer zwei konnten sich kurz ausruhen, um dann mit frischer Kraft wieder ins Spiel zu kommen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hannes schlug vor, eine Pause zu machen. Arthur unterst\u00fctzte die Idee, Amin zuckte mit den Schultern, was wohl hei\u00dfen sollte, dass es ihm egal war. Vincent dagegen wollte auf jeden Fall weiterspielen, die M\u00e4dchen h\u00e4tten schlie\u00dflich gewusst, worauf sie sich einlie\u00dfen. Bene hielt sich wie meistens an Vincent, auch Kevin w\u00e4re wohl eher dagegen gewesen, den Vorteil aus der Hand zu geben, wollte aber auch nicht als Bl\u00f6dmann dastehen. Bei ihm spielte vielleicht mit rein, dass er \u2013 das war ein offenes Geheimnis \u2013 Leonie mehr mochte, als er zugeben wollte; die war zwar nicht da, h\u00e4tte es aber trotzdem erfahren, das war klar.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Blicke richteten sich auf Siljan. Warum ausgerechnet er es offenbar entscheiden sollte, war unklar, vielleicht, weil er und Smilla den Ausl\u00f6ser f\u00fcr das ganze Abenteuer geliefert hatten. Besonders wohl f\u00fchlte er sich damit nicht. \u201eMeinetwegen\u201c, sagte er schlie\u00dflich und versuchte, es klingen zu lassen, als ginge es ihn nichts an. Nat\u00fcrlich wollte er Smilla beweisen, dass er und die anderen Jungen besser waren als die M\u00e4dchen, aber er musste zugeben, dass es nicht fair gewesen w\u00e4re, deren Erm\u00fcdung auszunutzen. So fies war er nicht, und selbst ohne jeden Sportsgeist betrachtet, w\u00e4re es ein Eigentor gewesen: Die M\u00e4dchen h\u00e4tten jederzeit argumentieren k\u00f6nnen, dass das Spiel vielleicht ganz anders ausgegangen w\u00e4re, wenn sie auch h\u00e4tten wechseln k\u00f6nnen. Das h\u00e4tte einen noch so deutlichen Sieg der Jungen wertlos gemacht.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damit war es beschlossen, und es gab eine Pause von f\u00fcnf Minuten. Das tat gut, und die Jungen mussten sich eingestehen, dass sie die Pause auch brauchen konnten. Sie hatten alle zwei Minuten gewechselt, das hatte ehrlicherweise auch nur so gerade eben gereicht, um wieder zu Atem zu kommen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Entgegenkommen h\u00e4tte sich f\u00fcr die Jungen fast ger\u00e4cht, aber das hatten sie selbst zu verantworten. Obwohl sie wussten, dass Bene den Ball vor der Unterbrechung \u00fcber die Bande in den Ger\u00e4teraum gekl\u00e4rt hatte, das Spiel also mit Ballbesitz f\u00fcr die M\u00e4dchen weitergehen musste, richteten sie sich nicht richtig darauf ein. Vicky f\u00fchrte den Einkick schnell aus und schickte Leyla, die so in eine gute Schussposition kam. Leyla sah, dass Arthur ziemlich weit vor dem Tor stand, und versuchte es mit einem Lupfer. Arthur kam gerade noch mit den Fingerspitzen an den Ball und konnte ihn an die Latte lenken. Siljan dr\u00e4ngte seine Zwillingsschwester ab, damit sie nicht nachsetzen und den Ball ins Tor schieben konnte. Arthur sprang auf und sicherte den Ball.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Insgesamt wurde das Spiel wieder ausgeglichener, nachdem es vor der Unterbrechung so ausgesehen hatte, als w\u00fcrde es bald zugunsten der Jungen kippen. Zur Halbzeit stand es 5:4 f\u00fcr Smiljan und seine Kameraden, es h\u00e4tte aber auch umgekehrt stehen k\u00f6nnen. Smilla hatte mit einem Doppelpack zweimal die F\u00fchrung f\u00fcr die M\u00e4dchen erzielt, die Jungen durch Tore von Vincent und Amin ausgeglichen, wobei Siljan beide Male vorgelegt hatte. Bene war kurz vor der Halbzeit der Ausgleich gelungen; nachdem Leyla einen Eckball von Amin in seine Richtung abgef\u00e4lscht hatte, hatte er nur noch den Fu\u00df hinzuhalten brauchen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Seitenwechsel erh\u00f6hten die Jungen mit dem ersten Angriff auf 6:4, doch die M\u00e4dchen schlugen umgehend zur\u00fcck. Emily kam nach einem langen Ball in den Lauf von Siljan dem Adressaten zuvor und knallte das Ding lang und schmutzig hinten raus. Hannes\u2019 missgl\u00fcckter Versuch, den Ball zu stoppen, um Siljan abermals steil zu schicken, machte aus dem Flachschuss eine Bogenlampe, die f\u00fcr Smilla zur Kopfballvorlage wurde. Arthur, gegen die Bewegungsrichtung erwischt, war machtlos.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>H\u00e4tte es Zuschauer gegeben, sie h\u00e4tten viel Freude gehabt an diesem spannenden Match. Viele mitunter packende Torszenen, Glanzparaden von Arthur und Emily, engagierte Zweik\u00e4mpfe, die aber immer fair blieben. Daf\u00fcr, dass es keinen Schiedsrichter, keine Schiedsrichterin gab, der oder die die Wogen gl\u00e4ttete, gab es auch wenig Streit. Wer zu sp\u00e4t kam und statt des Balls den Fu\u00df traf, stand daf\u00fcr ein, und als der Ball aus kurzer Distanz Leylas allerdings deutlich abgespreizten Arm traf, erfanden die Kinder spontan eine neue Regel f\u00fcr solche nicht aufl\u00f6sbaren Situationen. Leyla stritt nicht ab, dass ihr Arm die K\u00f6rperfl\u00e4che vergr\u00f6\u00dfert hatte, die Jungen bestanden nicht darauf, dass die Armhaltung unnat\u00fcrlich und Zeit genug gewesen war, den Arm wegzuziehen. \u201eWerfen wir eine M\u00fcnze!\u201c, schlug Leyla vor. \u201eWer gewinnt, kriegt den Ball, Einkick.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf diese Weise kamen die Jungen zwar zu ihrem Standard, aber aus weitaus weniger vielversprechender Position. Doch sie beklagten sich nicht, denn sie wussten, dass das Handspiel von einem Schiedsrichter oder einer Schiedsrichterin vielleicht auch gar nicht gepfiffen worden w\u00e4re. Dann w\u00e4ren sie m\u00f6glicherweise sogar noch in einen Konter gelaufen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die urspr\u00fcngliche Bedeutung des Spiels trat dabei immer mehr in den Hintergrund. Es machte einfach Spa\u00df, sich mit einem ebenb\u00fcrtigen Gegner ein derart spannendes und hochkar\u00e4tiges Match zu liefern. Jeder und jede konnte zeigen, was er oder sie konnte, und auch mal etwas Neues ausprobieren, ohne dass die anderen meckerten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Endergebnis passte zur Karnevalszeit, Hannes erzielte eine halbe Minute vor Schluss sein einziges Tor in dieser Nacht und glich damit zum 11:11 aus. Das Ergebnis entsprach dem Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis, es hatte Phasen gegeben, in der die eine oder andere Mannschaft etwas mehr vom Spiel gehabt hatte, aber alles in allem waren Jungen und M\u00e4dchen gleich stark gewesen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Richtig bedacht hatten sie diesen Fall alle nicht, der eine oder die andere vielleicht auch, weil sie insgeheim sicher gewesen waren, die Begegnung zu gewinnen. Bei den Stadtmeisterschaften war es in diesem Jahr zu keinem Unentschieden in den K.-o.-Spielen gekommen, aber wenn, w\u00e4re das Prozedere klar gewesen: Neunmeterschie\u00dfen, bis ein Sieger feststand. Die Kinder diskutierten, aber nur kurz: Eigentlich alle waren dagegen, das Spiel auf diese Weise zu entscheiden.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWar doch ein geiles Spiel\u201c, fasste Siljan die allgemeine Stimmung zusammen. \u201eHat richtig Bock gemacht, und wir waren beide richtig gut.\u201c Tats\u00e4chlich wurmte es ihn gar nicht, dass sie nicht gewonnen hatten, oder wenigstens kaum. Die M\u00e4dchen waren gleichwertige Gegnerinnen gewesen, und eigentlich war ihm auch klar gewesen, dass sie nicht schlechter spielten als er und seine Mannschaftskameraden. Was er Smilla nachmittags an den Kopf geworfen hatte, das war nur aus der Entt\u00e4uschung heraus gewesen, dass er und die anderen Jungen die Kreismeisterschaften verpasst hatten, aber auch das hatte er inzwischen verdaut. Der f\u00fcnfte Platz war auch ein Ergebnis, auf das die Jungen stolz sein konnten, sie hatten Mannschaften hinter sich gelassen, die man vielleicht etwas st\u00e4rker eingesch\u00e4tzt h\u00e4tte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eStimmt, das war wirklich cool\u201c, pflichtete Smilla ihrem Bruder bei. \u201eSollten wir eigentlich \u00f6fter machen. Nicht nachts abhauen, meine ich, aber uns treffen und zocken.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um halb zwei lag Smilla wieder im Bett. Sie war hundem\u00fcde, und sie wusste, dass sie am Morgen platt sein w\u00fcrde. Aber das war es wert, das gemeinsame n\u00e4chtliche Fu\u00dfballspiel war einfach ein tolles Erlebnis gewesen, das sie zusammengeschwei\u00dft hatte. Sie hatten nicht nur Spa\u00df gehabt, sie hatten sich auch zusammengerauft und gezeigt, dass sie bei aller Rivalit\u00e4t trotzdem Freunde sein konnten.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei dieser Geschichte stand ich nicht ganz unerwartet vor einem Problem, das ich in Bezug auf das Thema schon einmal hatte: Woher ein passendes Bild f\u00fcr das Cover nehmen? Ich danke der kolumbianischen Sportfotografin Laura Rinc\u00f3n, die dieses Foto auf der Platform pexels bereitgestellt und bereitwillig die R\u00fcckfragen beantwortet hat, die ich noch hatte. 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