{"id":278,"date":"2024-02-02T15:23:32","date_gmt":"2024-02-02T14:23:32","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=278"},"modified":"2024-02-02T15:23:32","modified_gmt":"2024-02-02T14:23:32","slug":"retterin-zu-pferd","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=278","title":{"rendered":"Retterin zu Pferd"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Retterin zu Pferd\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Cover-Retterin-zu-Pferd.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Retterin zu Pferd\" \/>\n<p>Gem\u00e4chlich trabte Henry durch den Wald oberhalb der Ruhr. Die Hufe trommelten gleichm\u00e4\u00dfig auf den festgestampften Erdboden, jeder Tritt ein dumpfer Laut. Man sp\u00fcrte, dass er Freude daran hatte, er liebte lange Touren durch den Wald. Das Gewicht der Reiterin auf dem R\u00fccken machte ihm nichts aus.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Violet war vierzehn und schon immer eine Pferden\u00e4rrin gewesen. Ein eigenes Pferd sa\u00df nicht drin, daf\u00fcr hatten ihre Eltern weder das Geld, noch h\u00e4tte sich jeden Tag jemand k\u00fcmmern k\u00f6nnen. Umso gl\u00fccklicher war Violet, dass eine alte Studienfreundin ihrer Mutter auf ihrem Bauernhof auch einen Pferdestall hatte, dessen Boxen sie vermietete. Henry war das einzige Pferd, das ihr selbst geh\u00f6rte, ein Wallach, der noch nicht ganz sechs Jahre alt war. Violet kannte ihn, seit er ein Fohlen gewesen war, und hatte auf ihm reiten gelernt.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inzwischen durfte sie sich als gute Reiterin bezeichnen, vielleicht h\u00e4tte sie damit sogar bei Turnieren Aussichten auf gute Platzierungen gehabt. Doch das interessierte sie nicht, sie mochte einfach die Ausfl\u00fcge mit Henry, unterwegs sein, die N\u00e4he zu ihrem Pferd sp\u00fcren und die Ruhe genie\u00dfen. Heute hatte sie sich etwas zu essen und zu trinken mitgenommen, sie wollte ein gutes St\u00fcck reiten und dann picknicken, an einer Stelle, an der Henry grasen und aus einem Bach trinken konnte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Weg f\u00fchrte meistenteils am Hang entlang, f\u00fcnfzehn, zwanzig Meter oberhalb der Ruhr. Er wurde nicht viel genutzt, die meisten Spazierg\u00e4nger nahmen lieber den Parallelweg direkt am Ufer. Also st\u00f6rte Violet auch niemanden, wenn sie hier durchritt; sie nahm R\u00fccksicht, machte Platz und hielt an, damit andere passieren konnten, aber manche Leute meckerten trotzdem. Es kam auch schon mal vor, dass sie angepfiffen wurde, was sie mit dem Pferd auf einem Fu\u00dfweg zu suchen hatte, obwohl sie nie irgendwo ritt, wo es nicht erlaubt war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach einer Viertelstunde machte der Weg eine Kurve nach links und wurde absch\u00fcssig. Anders ging es nicht, der Hang war auf den n\u00e4chsten hundert Metern zu steil, als dass der Weg dort h\u00e4tte weitergehen k\u00f6nnen. Nicht mal ein Trampelpfad f\u00fchrte geradeaus, weil jeder, der versucht h\u00e4tte, weiterzugehen, unweigerlich abgest\u00fcrzt w\u00e4re. Runter zum Fluss war die einzige M\u00f6glichkeit, wie es weitergehen konnte. Es war nur ein kurzes St\u00fcck Uferweg, den Violet w\u00fcrde benutzen m\u00fcssen, danach zweigte \u201eihr\u201c Weg wieder ab, den Hang hinauf bis auf die urspr\u00fcngliche H\u00f6he.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch je mehr sie sich dem Ufer n\u00e4herte, desto mehr hatte sie das Gef\u00fchl, dass dort etwas nicht in Ordnung war. Sie konnte noch nicht verstehen, was gerufen wurde, aber die Stimmen h\u00f6rten sich aufgeregt, besorgt an. \u201eDa stimmt was nicht!\u201c, sagte sie zu Henry. \u201eLos!\u201c Gleichzeitig stie\u00df sie dem Wallach die Hacken in die Flanken, um ihm zu signalisieren, dass es schnell gehen musste. Henry setzte sich in Trab, gerade so schnell, wie es auf dem absch\u00fcssigen Weg m\u00f6glich war, ohne sich den Hals zu brechen. Da konnte Violet sich auf ihn verlassen, er passte auf, auf sich und auch auf sie.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenig sp\u00e4ter erreichten sie das Ufer. Was Violet sah, best\u00e4tigte ihre schlimmsten Bef\u00fcrchtungen: zwei Jungen, sie mochten sechzehn oder siebzehn sein und waren nur mit Badehosen bekleidet, hasteten den Uferweg entlang und schrien einem dritten etwas zu, der im Wasser trieb. Weil die Stimmen sich in Panik \u00fcberschlugen, konnte Violet nicht jedes Wort verstehen, aber es war klar, dass sie versuchten, ihren Freund irgendwie wieder ans Ufer zu lotsen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der h\u00e4tte die Anweisungen gern in die Tat umgesetzt, konnte aber nicht. Er war offenbar kein guter Schwimmer, eher an der Grenze zum Nichtschwimmer, und kam nicht an gegen die Str\u00f6mung. Nur mit gro\u00dfer Not hielt er sich \u00fcber Wasser, und er schien am Ende seiner Kr\u00e4fte zu sein. Lange w\u00fcrde er sich nicht mehr oben halten k\u00f6nnen, und die beiden am Ufer waren offenbar unf\u00e4hig, ihm zu helfen. M\u00f6glicherweise konnten sie selbst nicht oder kaum schwimmen, oder sie waren klug genug, um zu wissen, dass die Ruhr stellenweise T\u00fccken hatte, die auch einen guten Schwimmer \u00fcberw\u00e4ltigen konnten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ob sie schon die Rettung gerufen hatten, wusste Violet nicht, aber selbst wenn, w\u00fcrde der Junge im Wasser wohl nicht mehr durchhalten, bis sie da war. \u201eLauf, Henry!\u201c, rief sie und gab dem Pferd abermals einen leichten Sto\u00df in die Flanken. \u201eVorsicht!\u201c, rief sie den beiden Jungen am Ufer zu. Nicht, dass die beiden von Henry umgerannt wurden oder beim Versuch, ihm auszuweichen, auch noch ins Wasser fielen!<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bis jetzt hatte sie die Jungen nur von hinten und f\u00fcr einen kurzen Moment im Profil gesehen. Erst als sie sie \u00fcberholte, sah sie f\u00fcr einen Moment die ver\u00e4ngstigten Gesichter und erkannte sie. Beide waren an ihrer Schule, bis vor ein paar Stunden in der Zehnten, nach den Ferien w\u00fcrden sie in die Elfte kommen. Der eine hie\u00df Leander, den anderen kannte sie nur vom Sehen. Auch Leander kannte sie nur mit Namen, weil sein j\u00fcngerer Bruder, Adam, in ihre Parallelklasse ging; sie hatten seit der Siebten zusammen Spanisch.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die beiden Jungen am Ufer liefen weiter, um mit ihrem Freund auf einer H\u00f6he zu bleiben, hatten aber offensichtlich keinen Plan, wie sie ihn an Land holen sollten. Vom Ufer aus hatten sie auch kaum eine Chance, es sei denn, sie hatten ein Seil dabei; der Junge war zu weit weg, um ihm nur den Arm hinzustrecken.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Violet \u00fcberlegte nicht lange. Sie hie\u00df Henry anzuhalten, sa\u00df ab, griff sich einen herumliegenden Zweig und war im n\u00e4chsten Moment wieder auf Henrys R\u00fccken. Der Zweig war nicht sehr dick, vielleicht so dick wie ihr Daumen, aber frisch und deshalb noch elastisch. Sie hoffte, dass er halten w\u00fcrde, wenigstens f\u00fcr ein paar Augenblicke, denn Zeit, nach einem besseren zu suchen, hatte sie nicht.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ungef\u00e4hr zwanzig Meter vor dem Jungen im Wasser ragte eine Buhne in den Fluss, dort musst er ziemlich nah vorbeikommen. Es war die beste Chance, ihn rauszuholen, und sehr wahrscheinlich auch die letzte. Selbst mit Henrys Hilfe brauchte sie die Buhne, um in Reichweite des Jungen zu kommen, und bis zur n\u00e4chsten, 50 Meter weiter flussabw\u00e4rts, w\u00fcrde er untergegangen sein, bef\u00fcrchtete sie.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Brav nahm Henry die Steinbrocken unter die Hufe, die die Buhne bildeten. Er schien zu sp\u00fcren, worauf es ankam, er trug Violet z\u00fcgig \u00fcber den Kamm der Buhne, aber er verga\u00df nicht, genau zu schauen, wohin er die Hufe setzte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Ende der Buhne blieb er stehen. Violet versuchte, abzusch\u00e4tzen, wie nah der Junge im Wasser vorbeikommen w\u00fcrde, und bef\u00fcrchtete, dass es nicht reichen w\u00fcrde. \u201eWeiter, Henry!\u201c, forderte sie den Wallach auf. <\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vorsichtig setzte Henry Huf um Huf ins Wasser. Das gefiel ihm nicht, Violet sp\u00fcrte es, und es \u00fcberraschte sie auch nicht. Das Wasser war tr\u00fcb, und gleichzeitig brach es das Licht, es war also f\u00fcr Henry schwer, zu pr\u00fcfen, ob der Untergrund sicher war. Trotzdem machte er brav, was sie verlangte, sie war froh, dass sie sich so auf ihn verlassen konnte. In diesem Moment konnte das Vertrauen, das er zu ihr hatte, lebenswichtig sein.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vier, f\u00fcnf Schritte machte er, dann war er weit genug drau\u00dfen. Weiter sollte er auch nicht gehen, auch wenn er mit seinem Gewicht und seiner Statur weniger gef\u00e4hrdet war, vom Fluss weggerissen zu werden, als ein Mensch. Violet hielt sich mit den Oberschenkeln fest und packte den Zweig mit beiden H\u00e4nden. Gut drei Meter, vielleicht fast vier, hatte sie als \u201eRettungsleine\u201c, hoffentlich reichte das, und hoffentlich hielt der Zweig!<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Angespannt schaute sie dem Jungen entgegen, der sich mit letzter Kraft irgendwie \u00fcber Wasser hielt. Mit Schwimmen hatte das nichts zu tun, er schlug mit den Armen aufs Wasser, und immer wieder tauchte er f\u00fcr einen Moment ganz ab. Violet nahm an, dass er dabei mit den F\u00fc\u00dfen auf den Grund kam, so tief war der Fluss ja nicht, und sich abstie\u00df, um wieder nach oben zu kommen. Aber wie lange konnte er das durchhalten?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Durch die Haare, die vom Wasser dunkel gef\u00e4rbt und ins Gesicht geklebt wurden, und durch das h\u00e4ufige Untertauchen erkannte Violet den Jungen erst, als er fast bei ihr war. Adam! Das war noch mal ein Schock, bis dahin hatte sie, soweit sie sich \u00fcberhaupt Gedanken gemacht hatte dar\u00fcber, an einen weiteren Freund von Leander gedacht. Eigentlich war es unerheblich in diesem Moment, jemand k\u00e4mpfte um sein Leben, sie war die Einzige, die ihn retten konnte, und das w\u00fcrde sie tun.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eAdam!\u201c, rief sie. \u201eNimm den Ast!\u201c Mehr konnte sie nicht tun, sie konnte sich nicht weiter vorwagen, und sie hatte nichts Besseres, was sie ihm hinhalten konnte, damit er sich festklammern konnte. Was sie tun sollte, wenn es nicht klappte \u2013 es musste einfach, den Gedanken an alles andere verbot sie sich.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWo?\u201c, rief Adam mit schwacher Stimme. \u201eDrei Meter vor dir!\u201c, antwortete Violet. \u201eEin kleines bisschen rechts!\u201c Wieder tauchte Adam ab, diesmal jedoch vielleicht zumindest teilweise bewusst. Als er wieder hochkam, hatte er leicht die Richtung ge\u00e4ndert, offensichtlich hatte er das Absto\u00dfen am Boden dazu genutzt. \u201eJa!\u201c, versuchte Violet ihm Mut zu machen. \u201eDu bist n\u00e4her dran! Du schaffst das!\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Adam antwortete nicht, er brauchte seinen Atem f\u00fcr anderen Dinge. Aber er k\u00e4mpfte, tauchte noch einmal unter, und danach hatte er den Ast in Reichweite. Mit der rechten Hand bekam er das Ende zu packen, Violet sp\u00fcrte den Ruck in den Armen. Unwillk\u00fcrlich hielt sie den Atem an, hoffentlich konnte Adam sich halten! Viel Kraft hatte er bestimmt nicht mehr, wer wusste denn, wie lange er schon gegen die Str\u00f6mung angek\u00e4mpft hatte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seine H\u00e4nde waren nass, die Rinde des Astes glatt, f\u00fcr einen Augenblick drohte er abzurutschen. Doch er fasste nach, der kurze Stumpf eines abgebrochenen Seitenasts half ihm. Mit etwas M\u00fche brachte er auch die zweite Hand an den einzigen Halt, der sich ihm bot.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck zog Violet ihn zu sich heran. \u201eIch hab dich gleich!\u201c, sagte sie, um ihm Mut zu machen f\u00fcr den letzten Meter. \u201eKannst du die F\u00fc\u00dfe auf den Grund stellen?\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Adam probierte es. Sehr tief war das Wasser an der Stelle, wo er jetzt war, nicht mehr, nur knapp h\u00fcfttief. Irgendwie kam Adam auf die F\u00fc\u00dfe, aber so wackelig, dass es ihn um ein Haar gleich wieder umgerissen h\u00e4tte. Der Stock rettete ihn und half ihm, sich weiterzuhangeln, bis er neben Henry stand.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eNimm meine Hand!\u201c, forderte Violet ihn auf. Sie hielt ihm die Hand hin, und als er vorsichtig den Arm ausstreckte, umklammerte sie sein Handgelenk. So konnte er ihr nicht wegrutschen, w\u00e4hrend sie Henry vorsichtig zur\u00fcck auf die Buhne dirigierte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Adam musste das kurze St\u00fcck notgedrungen selbst waten und laufen. Violet hatte nicht die Kraft, um ihn aufs Pferd zu ziehen, Adam war gr\u00f6\u00dfer als sie, wenn auch nicht viel, und muskul\u00f6s. Au\u00dferdem w\u00e4re das Gewicht wohl auch f\u00fcr Henry zu viel gewesen, der war zwar kr\u00e4ftig, aber auch kein R\u00fcckepferd, das daran gew\u00f6hnt war, t\u00e4glich Tonnengewichte zu wuchten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Henry musste sich drehen, r\u00fcckw\u00e4rts die Buhne hinaufzuklettern war f\u00fcr ihn undenkbar. Violet schaffte es, ihn so zu dirigieren, dass er dabei quasi um Adam herumging, sodass der keine zus\u00e4tzlichen Meter machen musste.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Henry schlie\u00dflich den kleinen Anstieg erklomm, sp\u00fcrte Violet ihren Mitsch\u00fcler schwer an ihrem Arm h\u00e4ngen. Er war wirklich v\u00f6llig ausgepumpt, und h\u00e4tte sie ihn nicht gehalten, w\u00e4re er oben auf der Buhne auf die Steine geknallt. Irgendwie gelang es ihr, seinen Arm so um Henrys Hals zu legen, dass er sich einen Augenblick halten konnte, bis sie abgestiegen war und ihm helfen konnte, sich hinzusetzen. Schwer atmend lie\u00df er sich nach hinten sinken.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Violet lie\u00df ihm Zeit. Jetzt konnte nichts mehr passieren, eine gro\u00dfe Welle, die die Buhne \u00fcberflutete und sie alle drei wegsp\u00fclte, brauchten sie nicht zu bef\u00fcrchten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vom Ufer her staksten Leander und der andere Junge heran, dessen Namen Violet nicht kannte. Sie hatten sich nicht getraut, Violet auf die Buhne zu folgen, vielleicht hatten sie bef\u00fcrchtet, sie k\u00f6nnten ihr im Weg sein. Vielleicht hatten sie auch gar nichts gedacht, Violet fehlte die Fantasie, sich auszumalen, was in ihnen vorgegangen sein musste, vor allem in Leander.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Leander kniete sich neben seinen Bruder und schloss ihn in die Arme. \u201eAlter!\u201c, sagte er. \u201eHast du uns einen Schiss eingejagt!\u201c Es sollte cool klingen, aber die Stimme spielte nicht mit, und Violet sah auch die Tr\u00e4nen in Leanders Augen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Danach sagte eine ganze Weile niemand mehr etwas. Adam war v\u00f6llig fertig und musste sich erst mal ausruhen, und auch Violet f\u00fchlte sich ersch\u00f6pft, obwohl sie sich k\u00f6rperlich gar nicht so sehr angestrengt hatte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Irgendwann setzte Adam sich auf. \u201eDanke\u201c, sagte er zu Violet. \u201eMann, wenn du nicht da gewesen w\u00e4rst \u2026!\u201c \u201eLieber nicht dran denken!\u201c, antwortete Violet. \u201eAber was ist eigentlich passiert? Bist du zu weit raus?\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Adam sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eIch war h\u00f6chstens vier, f\u00fcnf Meter vom Ufer weg\u201c, berichtete er. \u201eGerade so, dass ich mir ein paar H\u00e4nde voll Wasser draufklatschen konnte. Aber dann hab ich auf irgendwas Spitzes getreten, ein Stein, sch\u00e4tze ich mal, da bin ich nat\u00fcrlich weggezuckt, und als ich mich abfangen wollte, war der nichts mehr. Pl\u00f6tzlich lag ich drin, und ich hab\u2019s nicht geschafft, wieder ans Ufer zu kommen.\u201c \u201eJa, die Str\u00f6mung kann verdammt stark sein\u201c, pflichtete Violet ihm bei. \u201eGlaubt man gar nicht, wenn man nur vom Ufer aus guckt.\u201c Adam zuckte mit den Schultern. \u201eSchon\u201c, gab er zu. \u201eIch wei\u00df auch, dass es immer hei\u00dft, man soll das nicht untersch\u00e4tzen. Aber wenn man schwimmen kann, dann schafft man\u2019s wahrscheinlich wieder ans Ufer, wenn so ist wie heute.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eKannst du gar nicht schwimmen?\u201c, fragte Violet. Das wollte ihr kaum in den Kopf, obwohl sie mit eigenen Augen gesehen hatte, dass er keine Schwimmbewegungen gemacht, sondern nur wild um sich geschlagen hatte. Adam war supersportlich, mit Abstand der beste Sportler der ganzen Jahrgangsstufe. Egal, um welche Sportart es ging, Fu\u00dfball, Leichtathletik, Radfahren, was auch immer, er war immer ganz vorne mit dabei. Und ausgerechnet beim Schwimmen war er hintendran?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wieder zuckte Adam mit den Schultern. Dass Violet ihn aus dem Wasser hatte ziehen m\u00fcssen, war ihm sichtlich peinlich, und dann noch vor dem gro\u00dfen Bruder. \u201eWei\u00df auch nicht, warum\u201c, gab er zu. \u201eMeine Eltern haben\u2019s nicht so mit Schwimmen, sie sind nie mit uns ins Schwimmbad oder so, und in der Grundschule sollte es wohl mal was geben, war dann aber doch nicht.\u201c \u201eBei uns auch nicht\u201c, erinnerte Violet sich. \u201eErst war im Schwimmbad alles belegt, und als da was frei war, ist die einzige Lehrerin, die das bei uns an der Schule machen durfte, krank geworden. Aber ich war beim Babyschwimmen und sp\u00e4ter noch mal im Kurs, damit ich noch sicherer werde. Silber hab ich schon lange, und wenn ich besser im R\u00fcckenschwimmen w\u00e4re, h\u00e4tte ich Gold auch schon gemacht.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eVerr\u00e4tst du mich?\u201c, fragte Adam unsicher. Klar, dass er sich die Blamage nicht geben wollte, und Violet fielen ein paar Jungs aus der Stufe ein, die sich wahrscheinlich einen Ast gefreut h\u00e4tten, wenn sie den Supersportler h\u00e4tten stutzen k\u00f6nnen. Dabei gab Adam nicht an mit seinem K\u00f6nnen, aber allein dass die anderen bei den meisten Sportarten nicht gegen ihn ankamen, sch\u00fcrte neben Bewunderung auch genug Neid.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie w\u00fcrde ihn aber nicht den W\u00f6lfen zum Fra\u00df vorwerfen. \u201eIch erz\u00e4hle niemandem was\u201c, versprach sie. \u201eAber nur unter einer Bedingung: Du lernst schwimmen. Gleich morgen fr\u00fch fangen wir an, und danach gehen wir mindestens zwei oder dreimal die Woche hin, so lange, bis du mindestens Bronze hast.\u201c \u201eVersprochen\u201c, sagte Adam sofort. \u201eDu hast mein Wort.\u201c Violet sp\u00fcrte, dass er es ernst meinte, und irgendwie freute sie sich darauf.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gem\u00e4chlich trabte Henry durch den Wald oberhalb der Ruhr. Die Hufe trommelten gleichm\u00e4\u00dfig auf den festgestampften Erdboden, jeder Tritt ein dumpfer Laut. Man sp\u00fcrte, dass er Freude daran hatte, er liebte lange Touren durch den Wald. Das Gewicht der Reiterin auf dem R\u00fccken machte ihm nichts aus. &nbsp; Violet war vierzehn und schon immer eine [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-278","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/278","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=278"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/278\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":279,"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/278\/revisions\/279"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=278"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}