{"id":271,"date":"2024-02-02T13:58:22","date_gmt":"2024-02-02T12:58:22","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=271"},"modified":"2024-02-02T13:58:22","modified_gmt":"2024-02-02T12:58:22","slug":"das-weihnachtspulver","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=271","title":{"rendered":"Das Weihnachtspulver"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Das Weihnachtspulver\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Cover-Das-Weihnachtspulver.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Das Weihnachtspulver\" \/>\n<p>Fr\u00f6stelnd, die H\u00e4nde tief in den Hosentaschen vergraben, schlenderten Fabi und Oskar die Hauptstra\u00dfe entlang. Es war Anfang Dezember und das Wetter ausgesprochen unfreundlich: Es war kalt, und schon den dritten Tag in Folge nieselte es. Auf dem B\u00fcrgersteig hatten sich Pf\u00fctzen gebildet, und auf der Stra\u00dfe schmatzten die Reifen der Autos. Der Feierabendverkehr war in vollem Gange, Stopp and Go, das Licht der Scheinwerfer brach sich in den Schaufenstern. An der \u00fcbern\u00e4chsten Kreuzung flackerte es blau, ein Rettungswagen bahnte sich den Weg zwischen den anderen Autos hindurch.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fabi und Oskar hatten einen Spezialauftrag erf\u00fcllt, n\u00e4mlich einen Klassenkameraden besucht, der sich den Arm gebrochen hatte. Emilio war im Sportunterricht vom Schwebebalken gefallen, genau auf den linken Arm; was bei anderen Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck gewesen w\u00e4re, war bei ihm besonderes Pech, denn er war Linksh\u00e4nder.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Noch war er deswegen krankgeschrieben, aber die Klassenlehrerin meinte, es w\u00e4re gut, wenn er sich trotzdem ein bisschen mit dem Unterrichtsstoff befasste. Umso weniger R\u00fcckstand w\u00fcrde er dann sp\u00e4ter aufzuholen haben, bis der Gips abkam, w\u00fcrde es ein paar Wochen dauern. Da Emilio mit der rechten Hand aber kaum lesbar schreiben konnte, hatte die Lehrerin ein Tablet besorgt. Tippen w\u00fcrde er hoffentlich auch mit der schwachen Hand k\u00f6nnen, vielleicht etwas langsamer, aber noch gut genug.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weil sie in der N\u00e4he wohnten und auch locker mit ihm befreundet waren, hatte die Lehrerin Fabi und Oskar gebeten, ihm das Tablet vorbeizubringen. Das hatten sie gerade erledigt und sich bei der Gelegenheit eine Weile mit Emilio verquatscht. Jetzt waren sie auf dem R\u00fcckweg und wollten bei Fabi noch ein paar Runden Autorennen spielen, ehe Oskar nach Hause musste. Vor ihnen auf der rechten Seite ragte ein modernes B\u00fcrogeb\u00e4ude auf, das in diesem Jahr erst hochgezogen worden war. Die Fassade bestand fast nur aus Glas und Stahl, die Lichter der Stra\u00dfe spiegelten sich darin. Wenn die Sonne schien, brauchte man eine Sonnenbrille, um nicht geblendet zu werden, aber das Problem w\u00fcrden Staub und Autoabgase an der vielbefahrenen Stra\u00dfe wohl beizeiten l\u00f6sen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein hoher Aufsteller am Fu\u00df der Treppe, die zum Eingang hinauff\u00fchrte, listete die Firmen auf, die hier residierten. Ein gutes halbes Dutzend Schriftz\u00fcge gab es, und Platz f\u00fcr weitere; in kleiner Schrift stand ganz unten, dass noch B\u00fcrofl\u00e4chen zu vermieten waren. Die Namen sagten Fabi und Oskar nichts, aber Geld mussten die Firmen wohl haben, denn billig war die Miete hier bestimmt nicht.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Deswegen hatte auch nicht jeder Zutritt, und wie unnachgiebig unwillkommene Besucher zur\u00fcckgewiesen wurden, bekamen Fabi und Oskar am eigenen Leib zu sp\u00fcren. Nicht, dass sie versucht h\u00e4tten, das Geb\u00e4ude zu betreten, aber gerade, als sie an der Eingangstreppe vorbeigingen, wurde oben ein Junge in ihrem Alter zur T\u00fcr hinausgesto\u00dfen. Den Verantwortlichen sahen Fabi und Oskar nur fl\u00fcchtig, es reichte gerade, um zu erkennen, dass es sich um einen Klotz von einem Mann handelte. Der Sto\u00df, den er dem Jungen versetzt hatte, war so stark, dass der die Treppe unfreiwillig in zwei S\u00e4tzen nahm und wohl flach auf den B\u00fcrgersteig geklatscht w\u00e4re, h\u00e4tte nicht Oskar im Weg gestanden. Der verlor unter dem Anprall selbst noch das Gleichgewicht und musste sich rasch bei seinem Freund festhalten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eHoppla!\u201c, murmelte der fremde Junge verlegen. \u201eTut mir leid, ich wollte euch nicht umrennen.\u201c \u201eSchon gut\u201c, beruhigte Oskar ihn. \u201eWir haben gesehen, dass der Typ dir geholfen hat, die Treppe runterzuspringen.\u201c \u201eScheint ja ziemlich gut bewacht zu sein, der Laden\u201c, f\u00fcgte Fabi hinzu. \u201eDie lassen wohl nicht jeden rein, was?\u201c \u201eNein\u201c, best\u00e4tigte der fremde Junge. \u201eDa ist ein Pf\u00f6rtner, der fragt, zu wem man will, und dann fragt er da nach, ob er einen reinlassen darf.\u201c \u201eAha\u201c, folgerte Fabi, \u201eund du wurdest abgelehnt?\u201c Der fremde Junge sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eIch wollte in den Keller.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fabi und Oskar wechselten einen Blick. \u201eWas wolltest du denn da?\u201c, wunderte Oskar sich. \u201eDa w\u00fcrde ich auch keinen reinlassen, h\u00f6chstens einen Handwerker, den ich bestellt hab.\u201c \u201eOder einen, der die Z\u00e4hler abliest\u201c, erg\u00e4nzte Fabi. Da war vor ein paar Tagen erst jemand bei ihm zu Hause gewesen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jetzt wand sich der fremde Junge. \u201eIch kann euch nicht sagen, warum, aber ich muss wirklich dringend in den Keller. K\u00f6nnt ihr vielleicht\u2026?\u201c \u201eDen Portier ablenken?\u201c, vollendet Fabi, als der Junge f\u00fcr einen Moment schwieg. \u201eVergiss es! Ich hab keine Lust, dass der mich am Kragen packt. Hast ja an dir selbst gesehen, dass der gerne Tickets f\u00fcr Fernfl\u00fcge ausstellt.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Moment f\u00fchlte er sich am Arm gepackt. Der fremde Junge zog ihn mit sich, in die Einfahrt neben dem B\u00fcrohaus. Oskar folgte ihnen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eH\u00f6rt zu!\u201c, forderte der Junge sie auf, nach einem sichernden Blick in die Runde, ob sonst niemand mith\u00f6rte. \u201eIch hei\u00dfe Sebastian, und ich bin ein Weihnachtself.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fabi und Oskar stutzten. \u201eHa, ha!\u201c, machte Fabi mit Verz\u00f6gerung, lachte aber nicht. \u201eVerarschen kann ich mich selbst! Also, jetzt mal im Ernst, warum musst du unbedingt rein in den Laden?\u201c \u201eDas Portal zur Weihnachtswelt ist da drin\u201c, versuchte Elf Sebastian zu erkl\u00e4ren. Er sah gar nicht aus, wie man sich einen Weihnachtselfen vorstellte, sondern wie ein ganz normaler Junge. Okay, ziemlich bunt, mit seiner vielfarbigen Jacke, aber sonst nicht weiter auff\u00e4llig. \u201eIch muss dringend da hin\u201c, fuhr er fort. \u201eIch habe kein Weihnachtspulver mehr.\u201c \u201eWeihnachtspulver?\u201c, echote Oskar. \u201eIst das so ein Zeug, was als Schnee auf Plastiktannen gestreut wird? Da kann ich dir einen Laden zeigen, wo du das kriegst.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sebastian sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eNein, das meine ich nicht. Es ist ein magisches Pulver von den Tannen im Weihnachtswald. Ich brauche es, um den Menschen Weihnachtsstimmung zu bringen.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zauberpulver? Weihnachtsstimmung bringen? Pl\u00f6tzlich f\u00fchlte Fabi sich unwohl. Der Typ hatte doch ein Rad ab, und wer so neben der Spur lief, der war vielleicht auch gef\u00e4hrlich. Vielleicht versuchte er, ein Loch in die Wand zu sprengen, wenn er sonst nicht in den Keller kam, wer wusste das schon. \u201eKomm, wir gehen!\u201c, forderte er Oskar auf und zog ihn mit sich, ohne auf eine Antwort zu warten. \u201eDer spinnt doch!\u201c Oskar, dem der angebliche Weihnachtself auch unheimlich war, folgte dankbar, und Sebastian blieb allein zur\u00fcck.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Fabi mit Oskar zu Hause ankam, hing dort der Haussegen gewaltig schief. Was los war, war nicht zu erkennen, aber er sp\u00fcrte sofort, dass seine Mutter extrem gestresst war. Auf den zweiten Blick fiel ihm au\u00dferdem auf, dass seine kleine Schwester Feline sich offenbar in ihrem Zimmer verschanzt hatte. Sie war acht und musste, wenn die Mutter sie p\u00fcnktlich abgeholt hatte, seit einer knappen Viertelstunde aus dem Hort zur\u00fcck sein. Normalerweise sa\u00df sie um die Zeit noch in der K\u00fcche und erz\u00e4hlte, was sie in der Schule und im Hort erlebt hatte. Wenn ihre Mutter schon etwas f\u00fcrs Abendessen vorbereitete, dann nutzte sie die Gelegenheit auch gern, um schon mal was zu naschen. Jetzt aber h\u00f6rte Fabi sie in ihrem Zimmer rumoren, und die T\u00fcr war zu; das kam tags\u00fcber eigentlich nie vor.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eAlles okay?\u201c, fragte er vorsichtig. Seine Mutter zuckte mit den Schultern und seufzte. \u201eIm Hort gibt\u2019s dieses Jahr kein Krippenspiel\u201c, erkl\u00e4rte sie. \u201eDu kannst dir ja denken, was Feline davon h\u00e4lt.\u201c Fabi nickte, denn er wusste, dass seine Schwester sich schon seit Wochen darauf freute, dass die Proben endlich losgingen. Im letzten Jahr hatte sie noch nicht mitmachen d\u00fcrfen, weil sie noch nicht gut genug hatte lesen k\u00f6nnen, um den Text f\u00fcr eine Rolle auswendig zu lernen. Dieses Jahr h\u00e4tte sie eine Rolle bekommen sollen, das hatten sie ihr fest versprochen, aber wenn das Krippenspiel komplett gestrichen war, war dieses Versprechen nat\u00fcrlich auch hinf\u00e4llig. \u201eUnd warum?\u201c, erkundigte Fabi sich. \u201eIch meine, warum machen sie dieses Jahr nichts?\u201c \u201eWeil sich keiner gefunden hat, der es organisieren will\u201c, erkl\u00e4rte seine Mutter. \u201eIch kann\u2019s verstehen, das ist ja schon einiges an Aufwand. Das sind nicht nur die Proben und so, irgendwer muss auch die Aula herrichten, Kost\u00fcme besorgen, und so weiter und so fort\u2026 Und der ganze rechtliche Kram kommt ja auch noch dazu, mittlerweile braucht man ja selbst f\u00fcr so eine kleine Auff\u00fchrung einen Berg von Genehmigungen.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fabi war nicht \u00fcberzeugt. Das Krippenspiel im Hort hatte Tradition, da gab es einen Fundus von Kost\u00fcmen und Requisiten, die jedes Jahr aufs Neue verwendet wurden. F\u00fcr die Betreuer war das doch bestimmt schon Routine, was sollte sich da in einem Jahr derart ver\u00e4ndert haben? Aber seine Mutter hatte mit den Leuten gesprochen, und verh\u00f6rt hatte sie sich wohl kaum.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eSag mal\u201c, fragte Oskar zwei Tage sp\u00e4ter auf dem Weg zur Schule, \u201em\u00fcssten die nicht l\u00e4ngst die Weihnachtsbeleuchtung aufgeh\u00e4ngt haben?\u201c \u201eStimmt\u201c, meinte Fabi. \u201eNormalerweise h\u00e4ngen sie die doch Ende November schon auf. Na ja, vielleicht sind sie dieses Jahr sp\u00e4ter dran, ich meine, kann ja immer mal passieren, dass sie keine Leute frei haben, oder dass was kaputt ist und erst repariert werden muss.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das konnte wirklich alles sein, und trotzdem lie\u00df ihm die Feststellung irgendwie keine Ruhe. In den f\u00fcnf Minuten, die ihm zwischen dem Erreichen der Schule und dem Klingeln zum Unterrichtsbeginn blieben, nahm er sein Handy und rief die Website der Stadtverwaltung auf. Die Weihnachtsbeleuchtung gab es, so lange er denken konnte, und wenn sie diesmal sp\u00e4ter oder gar nicht aufgeh\u00e4ngt werden sollte, dann hatte es dazu sicherlich eine Verlautbarung gegeben.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich stie\u00df er \u00fcber die Suchfunktion auf einen Eintrag in den Pressemeldungen der Stadt, der von Ende Oktober stammte. Da hatte sich der Stadtrat mit der Beleuchtung befasst und einstimmig beschlossen, sie bis auf Weiteres nicht mehr zu installieren. Begr\u00fcndet wurde das mit dem Kosten f\u00fcr Auf- und Abbau, Strom und Wartung: Geld, das nach Ansicht der Stadtr\u00e4te sinnlos verpulvert wurde. Schlie\u00dflich, so wurde der B\u00fcrgermeister pers\u00f6nlich zitiert, interessierte die Beleuchtung eh niemanden.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWo feiern wir eigentlich dieses Jahr?\u201c, erkundigte Fabi sich am Tag vor dem zweiten Advent beil\u00e4ufig bei seiner Mutter. \u201eHier, oder bei Tante Martha?\u201c Sie feierten traditionell am ersten Weihnachtstag mit der ganzen Familie: Fabi mit seinen Eltern und Feline, seiner Tante Martha, die eine Halbschwester von seiner Mutter war, deren Freund und den drei Kindern, mit dem gemeinsamen Gro\u00dfvater und den beiden Gro\u00dfm\u00fcttern. Gefeiert wurde entweder bei Fabi oder bei Tanta Martha, meist im j\u00e4hrlichen Wechsel. Demnach w\u00e4ren in diesem Jahr wieder Fabis Eltern dran gewesen als Gastgeber, aber irgendwie deutete so gar nichts darauf hin. Sonst machten seine Eltern sich schon mal Gedanken, was es zu essen geben sollte, und schauten, was sie sonst noch vorbereiten mussten. Aber jetzt? Fabi hatte sie noch nicht ein Mal \u00fcber Weihnachten reden h\u00f6ren.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eEigentlich w\u00e4ren wir wieder bei uns gewesen\u201c, antwortete seine Mutter. \u201eAber wir haben beschlossen, dass wir diesmal alles eine Nummer kleiner machen. Du glaubst ja gar nicht, was das immer f\u00fcr ein Aufstand ist, und wof\u00fcr? Am Ende hocken doch immer die Gleichen zusammen und quatschen, oder es gibt gleich wieder Streit. Nein, wir werden einen kleinen Baum besorgen, sonst w\u00e4re Feline traurig, und ihr kriegt nat\u00fcrlich eure Geschenke, aber mehr brauchen wir doch nicht.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>An diesem Abend war Fabi \u00fcberaus nachdenklich. Irgendwie hatte er ein Gef\u00fchl, als w\u00fcrde Weihnachten in diesem Jahr gar nicht stattfinden. Oder genauer: als w\u00fcrde es stattfinden, und keinen interessierte es. Selbst Feline fieberte dem Fest nicht so entgegen wie sonst. In ihr nagte zwar immer noch die Entt\u00e4uschung, weil das Krippenspiel abgesagt war, aber davon ab war bei ihr keine Vorfreude zu sp\u00fcren. Woher h\u00e4tte sie auch kommen sollen: Es war ja nichts da, was sie in weihnachtliche Stimmung h\u00e4tte versetzen k\u00f6nnen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich musste er wieder an diesen Jungen denken, den Oskar und er vor dem neuen B\u00fcrobau getroffen hatten. War an der Geschichte doch etwas dran? \u201eQuatsch!\u201c, sagte er sich. Dieser Sebastian hatte einen Sprung an der Sch\u00fcssel, vielleicht hatte er Oskar und ihn auch nur veralbert.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber der Gedanke ging ihm nicht mehr aus dem Kopf, und dass Weihnachten in diesem Jahr nicht so recht in Schwung kommen wollte, lie\u00df sich nicht wegdiskutieren. Nat\u00fcrlich hatten die L\u00e4den Platz freiger\u00e4umt f\u00fcr Weihnachtsdeko, Spekulatius und Schokoweihnachtsm\u00e4nner, und aus den Lautsprechern ert\u00f6nten Weihnachtslieder, aber das war alles reine Verkaufsroutine. Genauso Routine, wie Feline sich Ende November im Supermarkt einen Adventskalender hatte aussuchen d\u00fcrfen, an dem sie jeden Tag ein T\u00fcrchen \u00f6ffnete und ein St\u00fcckchen Schokolade herausholte. Feline freute sich nat\u00fcrlich, aber die Eltern hatten es einfach nur als Punkt auf der Liste stehen gehabt: abgehakt, fertig.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weil er ohnehin nichts Besseres vorhatte, meldete Fabi sich nach dem Fr\u00fchst\u00fcck am Sonntag nach drau\u00dfen ab, um noch einmal zu dem neuen B\u00fcrobau zu gehen. Seinen Eltern erz\u00e4hlte er das nat\u00fcrlich nicht, die h\u00e4tten ihn f\u00fcr verr\u00fcckt gehalten. Wom\u00f6glich h\u00e4tten sie ihn sogar zu einem Psychologen geschleppt, der feststellen sollte, ob er geistig seinem Alter hinterherhinkte. Zum Gl\u00fcck brauchte er nicht genau \u00fcber jede Bewegung Rechenschaft abzulegen, wenn er in einem festgelegten Umkreis blieb und sein Handy eingeschaltet bei sich hatte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er wusste ja selbst nicht genau, warum ihn die Geschichte dieses merkw\u00fcrdigen Jungen nicht loslie\u00df. War es, weil er irgendwas vermisste, weil ihm die Vorfreude fehlte, der er sich sonst vielleicht gar nicht so bewusst war? Egal, auf jeden Fall w\u00fcrde er sich den Neubau noch mal ansehen. Wahrscheinlich w\u00fcrde er nichts Auff\u00e4lliges finden, aber dann hatte er wenigstens was getan.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Sonntagmorgen war selbst auf der Hauptstra\u00dfe nicht viel los. Ein Bus kam Fabi entgegen, eine \u00e4ltere Frau war mit ihrem Hund drau\u00dfen gewesen und verschwand in einem der H\u00e4user.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Gesch\u00e4fte entlang der Hauptstra\u00dfe waren nat\u00fcrlich geschlossen, nur die T\u00fcr einer B\u00e4ckerei ein St\u00fcck entfernt stand offen. Auch das neue B\u00fcrogeb\u00e4ude lag wie ausgestorben da, nur hinter zwei Fenstern in den oberen Stockwerken brannte Licht. Leute konnte Fabi nicht sehen, allein schon weil die Fenster zu hoch lagen, um vom B\u00fcrgersteig aus reinzuschauen. Deshalb wusste er auch nicht, ob da jemand arbeitete, ob geputzt wurde, oder ob schlicht jemand vergessen hatte, das Licht auszumachen. Soweit er die Firmen auf den Schildern neben dem Eingang einer Branche zuordnen konnte, war nichts dabei, wo \u00fcblicherweise 24\/7 gearbeitet wurde, aber es konnte ja trotzdem etwas Dringendes zu erledigen geben. Vielleicht br\u00fctete einer von den Anw\u00e4lten <i>Schrader, Schrader und M\u00fcricke<\/i> noch \u00fcber einer Fallakte, oder R\u00f6ntgenarzt Paulsen war f\u00fcr den \u00e4rztlichen Notdienst eingeteilt. Fabis Mutter, die als Heizungsmonteurin arbeitete, musste auch regelm\u00e4\u00dfig Notdienst machen; allerdings brauchte sie dann nicht in der Firma abzuh\u00e4ngen und darauf zu warten, dass bei einem Kunden die Heizung streikte. Es gab ein Handy, auf das Notrufe au\u00dferhalb der Gesch\u00e4ftszeiten umgeleitet wurden, und zus\u00e4tzlich nahm sie den Firmenwagen mit Werkzeug und g\u00e4ngigen Ersatzteilen mit nach Hause, wenn sie Notdienst hatte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die T\u00fcr war geschlossen und der Empfang nicht besetzt. Aber die Mitarbeiter der Firmen hatten sicherlich Chipkarten f\u00fcr die Schlie\u00dfanlage und konnten jederzeit rein und raus. Und jetzt? Unschl\u00fcssig stand Fabi am Fu\u00df der Treppe \u2013 was genau hatte er sich eigentlich davon versprochen, herzukommen? Das mit dem Portal zur Weihnachtswelt war doch sowieso Humbug, und er w\u00fcrde bestimmt keinen Einbruch begehen, um einem Luftschloss nachzujagen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schulterzuckend wandte er sich ab. Was auch immer mit den Leuten los war, dass sie mit Weihnachten nichts mehr am Hut hatten, er w\u00fcrde nichts daran \u00e4ndern k\u00f6nnen. Immerhin hatte er ein bisschen frische Luft abgekriegt, das war ja auch kein Schaden, und zu Hause hatte er schon nichts verpasst.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da stand pl\u00f6tzlich Sebastian vor ihm, Fabi w\u00e4re fast gegen ihn geprallt. \u201eWas machst du hier?\u201c, fragte der angebliche Weihnachtself, und er klang aufgeregt. \u201eWillst du mir doch helfen?\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fabi atmete tief durch. \u201eHat doch keinen Sinn!\u201c, sagte er dann. \u201eIch meine, in den Laden kommst du sowieso nicht rein, du hast ja gesehen, dass der Portier aufpasst wie ein Schie\u00dfhund. Aber selbst wenn du reinkommen w\u00fcrdest, das Portal ist weg! Die haben hier alles abger\u00e4umt, bevor sie angefangen haben zu bauen. Unter dem Haus ist eine Tiefgarage, und was meinst du, was so ein Bau f\u00fcr ein Fundament braucht! Da haben sie bestimmt f\u00fcnfzehn oder zwanzig Meter tief gegraben, dein Portal liegt l\u00e4ngst auf der M\u00fcllkippe.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sebastian sch\u00fcttelte den Kopf, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen. \u201eDas Portal in die Weihnachtswelt ist nicht so, wie du denkst, mit S\u00e4ulen und einem Bogen aus Stein und schweren T\u00fcrfl\u00fcgeln\u201c, erkl\u00e4rte er. \u201eEs ist \u00fcberhaupt nicht zum Anfassen, man kann es also auch nicht wegbaggern. Glaub mir, es ist noch da.\u201c \u201eWie soll das gehen?\u201c, fragte Fabi zweifelnd. Fast bereute er es, dass er noch mal hergekommen war. Na ja, solange dieser Sebastian nur rumfantasierte, ging es ja noch, und eigentlich war\u2019s sogar unterhaltsamer als ein langweiliger Sonntagvormittag zu Hause.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDas Portal ist einfach da\u201c, bekr\u00e4ftigte Sebastian. \u201eMan muss nur wissen, wo es ist, man stellt sich dorthin, denkt ganz fest ans Weihnachtsland, und schon ist man da.\u201c \u201eAha\u201c, machte Fabi. \u201eUnd das funktioniert nur, wenn du zentimetergenau an der richtigen Stelle stehst? Da hat ja Bluetooth mehr Reichweite!\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sebastian nickte betreten. \u201eNa ja, vielleicht nicht auf den Zentimeter genau\u201c, versuchte er die Ehre des Weihnachtslandes zu retten. \u201eAber ziemlich dicht dran eben. Drau\u00dfen bin ich jedenfalls zu weit weg, das hab ich x-mal versucht.\u201c \u201eMerken die in der Weihnachtswelt nicht, dass das Portal weg ist, und bauen ein anderes auf?\u201c, wollte Fabi wissen. \u201eDa k\u00f6nnte dann einer rauskommen und dir zeigen, wo das neue Portal ist, und schon ist die Sache geritzt.\u201c \u201eDas Portal ist ja nicht weg\u201c, erkl\u00e4rte Sebastian. \u201eEs ist nur so zugebaut, dass ich nicht mehr drankomme. Au\u00dferdem hat jeder Weihnachtself sein eigenes Portal. Ich muss irgendwie in die Weihnachtswelt kommen, von dort aus kann ich das Portal verlegen.\u201c \u201eDann hast du das Portal selbst gemacht?\u201c, wunderte sich Fabi. \u201eAber warum dann hier?\u201c \u201eDas Kino, das hier fr\u00fcher war\u201c, antwortete Sebastian, und es klang traurig, \u201ehat meinem Gro\u00dfvater geh\u00f6rt. Er musste es schlie\u00dfen, weil die alten Projektoren die neuen Filme nicht mehr abspielen konnten, und f\u00fcr neue Technik hatte er kein Geld. Das Portal muss an einem Ort sein, zu dem der Weihnachtself eine pers\u00f6nliche Verbindung hat.\u201c \u201eHast du schon eine Idee?\u201c, fragte Fabi. Sebastian zuckte mit den Schultern. \u201eHab ich noch gar nicht dr\u00fcber nachgedacht\u201c, gab er zu. \u201eBringt ja nichts, ich kann das Portal ja nicht verlegen, weil ich nicht drankomme. Sonst\u2026 na ja, ich glaube, hinter der Turnhalle von meiner Schule, das k\u00f6nnte gehen. Zur Schule hat man ja irgendwie eine pers\u00f6nliche Beziehung, oder? Au\u00dferdem hat mich im Sommer eine aus der F\u00fcnften dahingezerrt, um mich zu k\u00fcssen.\u201c Er wurde rot. \u201eWollte ich gar nicht so richtig, aber na ja. Das sollte reichen f\u00fcrs Portal, findest du nicht?\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jetzt erst bemerkte er die Fragezeichen in Fabis Augen. \u201eWas ist denn?\u201c, fragte er. \u201eDu gehst zur Schule?\u201c, wunderte Fabi sich. \u201eIch dachte\u2026\u201c \u201edass ich nur in einer Fantasiewelt lebe und mit dem normalen Leben nichts zu tun hab?\u201c, vollendete Sebastian. \u201eAbgesehen von meinem besonderen Auftrag bin ich die meiste Zeit ein durchschnittlich bl\u00f6der Sechstkl\u00e4ssler. Sonst k\u00f6nnte ich das Weihnachtspulver auch gar nicht unauff\u00e4llig verteilen.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das klang logisch, trotzdem fiel es Fabi schwer, das zu glauben. Aber war nicht eigentlich die ganze Geschichte v\u00f6llig unglaubw\u00fcrdig? Trotzdem konnte er sich dem nicht entziehen, und irgendwas stimmte in diesem Jahr auf jeden Fall nicht mit Weihnachten. \u201eOkay, also musst du da rein, oder Weihnachten f\u00e4llt aus\u201c, schloss er. \u201eAlles andere findet sich dann.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Pf\u00f6rtner, der am Montagnachmittag Dienst hatte, war Raucher. Es war der gleiche, der Sebastian rauskomplimentiert hatte, offenbar versah er regelm\u00e4\u00dfig die Mittagsschicht. Aber jeder andere w\u00e4re Fabi und Oskar genauso recht gewesen, wenn er sich nur f\u00fcr einen Augenblick ablenken lie\u00df.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie hockten an einer Stra\u00dfenecke, die mit einem Haus zuzubauen wohl vergessen worden war. Ein kleiner Platz unterbrach hier die H\u00e4userzeilen, und die Stadt hatte sich bem\u00fcht, ihn ein wenig wohnlich zu gestalten. Der Erfolg war m\u00e4\u00dfig, die beiden B\u00e4nke luden mit ihrem Blick auf die Fassaden nicht zum Verweilen ein, und das B\u00e4umchen in seiner runden Baumscheibe m\u00fchte sich zwar, kam aber nicht an gegen die naturferne Umgebung. Aber die Jugendlichen aus der Umgebung nahmen den Treffpunkt, den ihnen niemand streitig machte, dankbar an. Weil sie keine Randale machten, lie\u00df man sie gew\u00e4hren, auch wenn die Inhaber der umliegenden Gesch\u00e4fte sie teilweise mit Misstrauen betrachteten. Auf jeden Fall fielen Fabi und Oskar nicht auf, weder den Jugendlichen, die in der N\u00e4he standen, noch irgendwem in der Umgebung. Sie taten so, als w\u00fcrden sie sich ausschlie\u00dflich mit ihren Inlinern besch\u00e4ftigen, aber sie hatten jederzeit das neue B\u00fcrohaus im Blick.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine gute halbe Stunde mussten sie sich gedulden, dann sahen sie, wie der Pf\u00f6rtner nach drau\u00dfen kam. Er entfernte sich ein paar Schritte vom Eingang, vielleicht war er so r\u00fccksichtsvoll, vielleicht war es ihm auch vorgeschrieben worden. Als er sich seine Zigarette anz\u00fcndete, verabschiedete Oskar sich von Fabi und rollte den B\u00fcrgersteig entlang.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was kommen w\u00fcrde war klar, es war der \u00e4lteste Trick der Welt, aber immer noch wirksam. Vielleicht gerade, weil er so alt und so simpel war? Ein unsichtbares Hindernis schlug Oskar die Rollen am rechten Fu\u00df aus der Spur, er trat sich selbst in die Hacken, und das war nicht gut f\u00fcr sein Gleichgewicht.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wehgetan hatte er sich nicht, denn auch wenn es nicht so ausgesehen hatte, hatte er seinen Sturz doch recht gut kontrolliert. Er war auf die Schulter gefallen, den Ellbogen hatte der Sch\u00fctzer gesichert, auch das Knie war gut gesch\u00fctzt. Aber das konnte der Pf\u00f6rtner nicht wissen, er erschrak sichtlich und rannte los, ohne dar\u00fcber nachzudenken.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das gab Sebastian die n\u00f6tige Zeit, die Treppe hinaufzugehen und weiter in die Eingangshalle. Er bewegte sich ganz offen, der Pf\u00f6rtner hatte keine Mu\u00dfe, den Eingang im Auge zu behalten. Wahrscheinlich schauten auch sonst alle zu dem gest\u00fcrzten Inlineskater, aber wenn nicht, dann weckte Sebastian so am wenigsten Verdacht. W\u00e4re er dagegen geduckt reingehuscht, dann h\u00e4tte doch jeder, der ihn sah, den Pf\u00f6rtner lauthals gewarnt, dass der Sturz gespielt und eine Falle war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass Oskar erst mal auf dem Boden hocken blieb, nach einer halben Minute aber doch aufstand und versicherte, dass ihm nichts passiert war, konnte dagegen kein Misstrauen wecken. Wohl fast jeder w\u00e4re erst mal sitzen geblieben, bis Schreck und Schmerz etwas nachlie\u00dfen, und h\u00e4tten in sich reingehorcht, ob wirklich nichts kaputt war. Auch der Pf\u00f6rtner dachte sich nichts dabei, er schien froh zu sein, dass er keine Erste Hilfe leisten musste.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eUnd, alles geklappt?\u201c, fragten Oskar und Fabi wie aus einem Mund. Dabei lag die Antwort auf der Hand, denn wenn es nicht geklappt h\u00e4tte, dann h\u00e4tte Sebastian unm\u00f6glich schon an seiner Schule sein k\u00f6nnen. Fabi und Oskar hatten sich nach dem gefakten Unfall au\u00dfer Sichtweite des B\u00fcrohauses wieder getroffen und waren so schnell wie m\u00f6glich hergeskatet. Damit waren sie auf jeden Fall schneller als Sebastian zu Fu\u00df, er hatte ihnen also nur mit einer Abk\u00fcrzung durch die Weihnachtswelt zuvorkommen k\u00f6nnen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eJa, ging ganz leicht\u201c, best\u00e4tigte Sebastian. \u201eWo die Kellert\u00fcr ist, hatte ich schon gesehen, sie war auch nicht abgeschlossen, und unten konnte ich das Portal gleich aktivieren. Jetzt ist es hier, hinter dem Busch.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eClever!\u201c, befand Fabi. Hinter dem Busch, direkt an der Wand der Turnhalle, war Sebastian nicht zu sehen, wenn er pl\u00f6tzlich auftauchte, aber es gab eine kleine L\u00fccke, sodass er auch die Zweige der B\u00fcsche nicht verr\u00e4terisch bewegte. Vielleicht w\u00fcrde es peinlich werden, versteckt abzuwarten, bis ein P\u00e4rchen, das sich eine stille Ecke gesucht hatte, fertig war mit Knutschen, aber zur Not konnte er sich ja noch mal f\u00fcr eine Weile in die Weihnachtswelt verkr\u00fcmeln.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eUnd wie geht\u2019s jetzt weiter?\u201c, wollte Oskar wissen. \u201eWas machst du mit dem Weihnachtspulver? Streust du es aus, irgendwo von einem Turm aus?\u201c \u201eEigentlich nicht\u201c, antwortete Sebastian. \u201eDas Weihnachtspulver braucht eigentlich pers\u00f6nlichen Kontakt, die Menschen m\u00fcssen es weitergeben. Wei\u00df nicht, ob es funktioniert, wenn ich es einfach nur \u00fcber der Stadt aussch\u00fctte.\u201c \u201eAber viel Zeit hast du nicht mehr\u201c, gab Fabi zu bedenken. \u201eSonst ist Weihnachten vorbei. K\u00f6nnen wir dir beim Verteilen helfen? Ich meine, wenn du sagst, die Menschen m\u00fcssen es weitertragen, dann k\u00f6nntest du uns ja eine Portion&#8230;\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sebastian \u00fcberlegte. \u201eIch hab noch nie mit Helfern\u2026\u201c, murmelte er unsicher. \u201eUnd eigentlich h\u00e4tte ich euch gar nicht erz\u00e4hlen d\u00fcrfen, dass ich\u2026 Aber ohne euch w\u00e4re ich nicht in das Haus gekommen\u2026\u201c Er straffte sich. \u201eEs sind nur noch zwei Wochen bis Weihnachten\u201c, stellte er unwiderlegbar fest. \u201eWenn es noch klappen soll, dann wird jetzt jede Hand gebraucht. Also gut, ich erkl\u00e4re euch, wie wir\u2019s machen\u2026\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war ein Kraftakt geworden, obwohl Fabi die Sache k\u00f6rperlich gar nicht so anstrengend gefunden hatte. Jeden Tag hatten er und Oskar sich mit Sebastian getroffen, und er hatte sie gro\u00dfz\u00fcgig mit seinem Weihnachtspulver eingepustet. Es brauchte nur eine Winzigkeit, eine Menge, die man gar nicht sehen konnte, um einen Menschen in Weihnachtsstimmung zu versetzen, aber je mehr sie selbst davon an sich trugen, desto mehr konnte auf andere \u00fcberspringen. Wahrscheinlich war auch ein bisschen was aus der Nachbarschaft in die Stadt getragen worden, von Berufspendlern und Besuchern, aber das reichte nicht. Sebastian kannte auch die anderen Weihnachtselfen in der Umgebung nicht, deshalb hatte er sie nicht um Hilfe bitten k\u00f6nnen.  Zuletzt hatte er Fabi und Oskar noch verraten, dass vor allem die Erwachsenen das Weihnachtspulver brauchten; Kinder waren meistens auch ohne empf\u00e4nglich genug f\u00fcr diese ganz besondere Stimmung.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie hatten einen genauen Plan gemacht, denn es war keine Zeit mehr gewesen, um die Weihnachtsstimmung sich zuf\u00e4llig ausbreiten zu lassen. So hatte Fabi eigens eine \u00f6ffentliche Sitzung des Stadtrats besucht, denn da hatte er die h\u00f6chsten Entscheider der Stadt alle h\u00fcbsch versammelt gehabt. Es war ganz leicht gewesen, er hatte auf der erh\u00f6hten Besucherempore im Ratssaal nur einmal \u00fcber seinen Handr\u00fccken blasen m\u00fcssen, wie um Staub oder ein vorwitziges Insekt wegzupusten, und schon hatte sich das Weihnachtspulver \u00fcber den B\u00fcrgermeister und die Abgeordneten gesenkt.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag hatte er seiner Mutter angeboten, Feline aus dem Hort abzuholen. Seine Mutter war \u00fcberrascht gewesen, aber auch dankbar, und so hatte er ganz nebenbei die Betreuer im Hort und auch ein paar Eltern \u201everarzten\u201c k\u00f6nnen, die ihre Kinder abgeholt hatten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alles in allem war Fabi fast st\u00e4ndig unterwegs gewesen, und er hatte sich viele verwunderte Blicke seiner Eltern gefallen lassen m\u00fcssen. Doch je mehr er herumgekommen war und Weihnachtspulver verbreitet hatte, desto mehr hatte er die Wirkung gesp\u00fcrt. Es war nicht immer wirklich zu greifen, er f\u00fchlte einfach nur eine ver\u00e4nderte Stimmung. Aber nicht nur, es gab auch sichtbare Ver\u00e4nderungen: Die Stadt hatte gerade noch rechtzeitig zum dritten Advent doch noch die Beleuchtung aufgeh\u00e4ngt, und Fabis Mutter hatte entschieden, die Familie doch einzuladen am ersten Weihnachtstag.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach so viel Rennerei durften Fabi, Oskar und Sebastian sich am Nachmittag von Heiligabend zur\u00fccklehnen. Ein bisschen waren sie selbst \u00fcberrascht, dass trotz des sp\u00e4ten Starts doch noch vieles geklappt hatte, und sie freuten sich dar\u00fcber.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu dritt sa\u00dfen sie auf den nicht sehr bequemen Holzst\u00fchlen in der Aula von Felines Schule, umgeben von stolzen Eltern, und verfolgten das Krippenspiel. Daf\u00fcr, dass sie nur noch anderthalb Wochen gehabt hatten, den Text zu lernen, spielten die Kinder erstaunlich gut, und man sp\u00fcrte, wie viel Freude sie daran hatten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Feline als eine der J\u00fcngsten spielte einen Hirten und hatte nur wenige S\u00e4tze zu sagen auf der B\u00fchne. Trotzdem war sie gl\u00fccklich, und als das Spiel zu Ende war und die Kinder zu ihren Eltern rannten, war Fabi der Erste, den sie umarmte. \u201eDanke!\u201c, fl\u00fcsterte sie. \u201eEs war so toll!\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fabi wurde rot, und er war froh, dass sie das im gedimmten Licht nicht sehen konnte. Glaubte sie, er steckte hinter dem Sinneswandel der Betreuer? Steckte er ja auch, aber das konnte sie doch nicht wissen, oder? Aber was war schon unm\u00f6glich? Weihnachten hatte so viele Geheimnisse, man musste nur richtig hinsehen und offen sein daf\u00fcr, das hatte er gelernt in den letzten Tagen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00f6stelnd, die H\u00e4nde tief in den Hosentaschen vergraben, schlenderten Fabi und Oskar die Hauptstra\u00dfe entlang. Es war Anfang Dezember und das Wetter ausgesprochen unfreundlich: Es war kalt, und schon den dritten Tag in Folge nieselte es. Auf dem B\u00fcrgersteig hatten sich Pf\u00fctzen gebildet, und auf der Stra\u00dfe schmatzten die Reifen der Autos. 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