{"id":259,"date":"2024-02-02T11:13:26","date_gmt":"2024-02-02T10:13:26","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=259"},"modified":"2024-02-02T11:13:26","modified_gmt":"2024-02-02T10:13:26","slug":"weihnachten-fuer-zwei","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=259","title":{"rendered":"Weihnachten f\u00fcr zwei"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Weihnachten f\u00fcr zwei\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Cover-Weihnachten-fuer-zwei.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Weihnachten f\u00fcr zwei\" \/>\n<p>Das Altstadt-Lichtspielhaus war das \u00e4lteste und auch das kleinste Kino der Stadt. Es lag da, wo der Name vermuten lie\u00df, n\u00e4mlich am Rand der Altstadt, und war in einem ehemaligen B\u00fcrgerhaus untergebracht. Es verf\u00fcgte \u00fcber drei S\u00e4le, einer davon in einem Anbau, aber keiner davon fasste mehr als 70 Personen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Trotz der Konkurrenz durch das gro\u00dfe Multiplex-Kino am Stadtrand mit seinen 15 S\u00e4len erfreute sich das Altstadt-Lichtspielhaus gro\u00dfer Beliebtheit. Klar konnte bei drei S\u00e4len nicht jeder aktuelle Film f\u00fcnfmal am Tag gezeigt werden, aber sie wurden doch alle gezeigt, und dazwischen tauchten immer wieder Filme auf, die man sonst kaum irgendwo zu sehen bekam. Bei Familien war der Kinderfilm am Sonntagnachmittag beliebt, immer um 14 Uhr in Saal 2 \u2013 manche von den Filmen, die da gezeigt wurden, liefen in ganz Deutschland nicht mal in einem Dutzend Kinos. Dazu kam, dass ein Familiennachmittag im Kino im Altstadt-Lichtspielhaus deutlich g\u00fcnstiger kam als bei der Konkurrenz, der Eintritt kostete weniger, und auch Getr\u00e4nke und S\u00fc\u00dfigkeiten waren billiger.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Altstadt-Lichtspielhaus war Familienbesitz, inzwischen stand bereits die dritte Generation am Ruder, und die vierte wirkte hinter den Kulissen auch schon mit. Die Inhaber hatten zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, und beide arbeiteten neben der Schule im Kino mit. Bei Sophia, der Tochter, war es noch recht wenig, einfach, weil sie noch nicht so viel machen durfte mit ihren zw\u00f6lf Jahren. Ihr Bruder dagegen, Till, war schon 16 und jobbte regelm\u00e4\u00dfig am Einlass, am Kiosk und an den Projektoren. Au\u00dferdem betreute er die Website des Kinos und hatte es geschafft, ein Shopsystem einzurichten, sodass Kunden die Karten jetzt auch online kaufen konnten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Au\u00dfer den Familienmitgliedern gab es noch zwei Aushilfen, die regelm\u00e4\u00dfig im Kino mitarbeiteten. Die eine war eine Hausfrau, die wegen ihrer Kinder den Job aufgegeben hatte und hinterher nicht wieder reingekommen war. Die andere war Nelly, die mit einer Klassenkameradin von Till befreundet war. Besagte Freundin hatte auch den Kontakt vermittelt, als Nelly auf der Suche nach einem Job gewesen war, mit dem sie sich ihr Taschengeld aufbessern konnte. Sie liebte Filme, deshalb war das Altstadt-Lichtspielhaus ihre erste Anlaufstelle gewesen, und sie hatte Gl\u00fcck gehabt. Der Rentner, der sich bis vor einem Vierteljahr mit dem Job etwas zu seiner schmalen Rente dazuverdient hatte, war gesundheitlich nicht mehr gut zurecht und konnte nur noch sporadisch kommen. Tills Eltern hatten also einen Ersatz ben\u00f6tigt, und Nelly hatte den Job bekommen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Till freute sich, denn Nelly war echt nett, und es war immer lustig, wenn sie zusammen Schicht hatten. Selbst wenn sie an der Kasse und am Kiosk besch\u00e4ftigt war und er mit der Vorf\u00fchrtechnik, Zeit, miteinander zu quatschen, fanden sie zwischendurch immer mal. Wenn in allen drei S\u00e4len der Hauptfilm lief, dann musste Till nicht die ganze Zeit daneben stehen, und an der Kasse und am Kiosk war dann auch nicht viel los, bis die Leute kamen, die in den n\u00e4chsten Film wollten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>An Heiligabend war das Kino ab nachmittags geschlossen, denn Tills Eltern wollten mit ihren Kindern in Ruhe Weihnachten feiern. Am ersten und zweiten Weihnachtstag war dagegen ganz normal ge\u00f6ffnet, und gerade am 26. war oft ganz sch\u00f6n was los. Offenbar waren die Leute dankbar, wenn sie nach Familienfeiern, Liedern unterm Weihnachtsbaum und V\u00f6llerei mal wieder rauskamen, und da viele andere Ausflugsziele geschlossen hatten, gingen sie eben ins Kino. Auch in Zeiten, in denen sich die Streamingdienste einen Wettkampf um die Kunden lieferten, klappte das noch; die Kundenzahlen mochten zur\u00fcckgegangen sein, aber das Gef\u00fchl, rauszugehen und sich was zu g\u00f6nnen, gab es noch nicht \u00fcber die Internetleitung.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am ersten Feiertag hielt sich der Andrang meistens in Grenzen. Deshalb war das auch der richtige Zeitpunkt f\u00fcr Tills Eltern, sich eine Auszeit zu nehmen, sie w\u00fcrden rausfahren aufs Land, einen langen Spaziergang machen und irgendwo gut essen. Um das Altstadt-Lichtspielhaus brauchten sie sich keine Sorgen zu machen, Till w\u00fcrde den Laden schon schmei\u00dfen. Mittags half Sophia ihm und besetzte die Kasse, sp\u00e4ter w\u00fcrde Nelly sie abl\u00f6sen. Till freute sich darauf, denn die Abendvorstellungen w\u00fcrden an diesem Tag erfahrungsgem\u00e4\u00df kaum Publikum haben. F\u00fcr ihn hie\u00df das: keine Leute, die Cola oder Eis haben wollten, Nelly w\u00fcrde also Zeit haben.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sophia verabschiedete sich, sobald die Sp\u00e4tnachmittagsvorstellungen begonnen hatten. Eine Weile w\u00fcrde Till jetzt auch allein zurechtkommen, und Nelly hatte versprochen, da zu sein, wenn die ersten Leute f\u00fcr die Abendvorstellungen kommen w\u00fcrden. Die meisten hingen nicht ewig lange vor der Vorstellung schon im Foyer ab, es reichte, wenn die Kasse ab einer halben Stunde vor Beginn der Vorstellungen wieder durchgehend besetzt sein w\u00fcrde \u2013 falls denn \u00fcberhaupt jemand kam, denn ein Blick in den Computer verriet Till, dass es keine Vorverk\u00e4ufe gab, und das schlechte Wetter w\u00fcrde auch Kurzentschlossene abschrecken. Es regnete schon den ganzen Tag, aber am sp\u00e4ten Nachmittag wurde der Regen st\u00e4rker, und windig wurde es auch noch.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nelly bekam die volle Breitseite. Sie fuhr zwar den gr\u00f6\u00dften Teil der Strecke mit dem Bus, aber das kurze St\u00fcck, das sie von der n\u00e4chsten Haltestelle aus laufen musste, reichte, um nass zu werden. Weil der Wind die ganze Zeit blies, nutzte ihr auch der Schirm nicht allzu viel.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Till sah, dass sie kaum noch einen trockenen Faden am Leib hatte. \u201eGeh erst mal nach oben!\u201c, forderte er sie auf. \u201eSophia soll dir was zum Anziehen aus meinem Schrank raussuchen. Sonst liegst du morgen mit einer fetten Erk\u00e4ltung flach.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er wohnte mit seinen Eltern und seiner Schwester im gleichen Haus, in einer weitl\u00e4ufigen Wohnung unter dem Dach. Nelly nickte dankbar und verschwand wieder, wobei sie eine leichte Tropfspur hinterlie\u00df. F\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter war sie wieder da, bekleidet mit einer Trainingshose und einem Sweatshirt von Till. Das war vielleicht nicht die optimale Kleidung f\u00fcr den Job im Kino, aber dass ihr seine Jeans nicht passen w\u00fcrden, hatte Till sich schon gedacht. Die paar Zuschauer, die zu den Abendvorstellungen kamen, w\u00fcrde es schon nicht st\u00f6ren, wenn sie es \u00fcberhaupt bemerkten; solange Nelly hinter dem Tresen sa\u00df, sah man ihre Beine ja nicht.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Oberteil hatte Sophia ausgleichshalber seinen Lieblingspulli erwischt, das gr\u00fcne Sweatshirt mit der Stickerei links auf der Brust, die ein bewaldetes Gebirge zeigte. Till hatte den Verdacht, dass das kein Zufall war, denn er wusste, dass dieses Sweatshirt weder ganz oben auf dem Stapel in seinem Schrank gelegen hatte, noch etwa das einzige war, das Nelly passte. Er wusste auch, dass Sophia wusste, dass das Sweatshirt unter allen Oberteilen, die er besa\u00df, sein Favorit war \u2013 witterte sie etwas, von wegen \u201eWeihnachten, das Fest der Liebe\u201c und so? Dass sie ihn blo\u00df \u00e4rgern wollte, schloss er aus, zumal sie wusste, dass er Nelly mochte und es ihn deshalb nicht st\u00f6ren w\u00fcrde, wenn sie sein Lieblingssweatshirt trug.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ob es nur das Wetter war, oder ob es noch andere Gr\u00fcnde daf\u00fcr gab, lie\u00df sich nicht mit Sicherheit sagen, aber an diesem Weihnachtsabend lockten die letzten Vorstellungen keine Zuschauer mehr an. \u201eKommt keiner mehr\u201c, stellte Till fest, nachdem er noch mal im Computer nach Vorbestellungen geschaut und auch einen Blick nach drau\u00dfen geworfen hatte. \u201eDann lass uns abschlie\u00dfen und aufr\u00e4umen!\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er wollte losgehen, um die Projektoren abzuschalten, aber Nelly hielt ihn zur\u00fcck. \u201eIch hab noch keine Lust, nach Hause zu gehen\u201c, sagte sie. \u201eWollen wir uns zusammen einen Film angucken? In eurem riesigen Archiv finden wir doch bestimmt einen, den du nicht schon tausend Mal gesehen hast.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Idee gefiel Till. Also lie\u00df er den Projektor im kleinsten Saal laufen und suchte einen Film aus, von dem er glaubte, dass er Nelly bestimmt gefallen w\u00fcrde. Das funktionierte alles digital; auch wenn das Altstadt-Lichtspielhaus klein war und etliche Jahrzehnte auf dem Buckel hatte, war die Technik doch auf einem aktuellen Stand. Er selbst kannte den Film schon, hatte ihn aber auch schon l\u00e4nger nicht mehr gesehen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nelly hatte in der Zwischenzeit ein Tablett mit Getr\u00e4nken und S\u00fc\u00dfigkeiten fertiggemacht und dann den Kiosk geputzt. Auch der Rest war gemeinsam schnell erledigt, nicht zuletzt, weil insgesamt an diesem Tag nicht viele Zuschauer da gewesen waren und dementsprechend wenig Schmutz angefallen war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Nelly vorging in den Saal, musste Till noch einen kleinen Umweg machen, um alle Lichter im Saal abzuschalten bis auf die kleinen Lampen, die den Weg zu den Notausg\u00e4ngen wiesen, und die Wiedergabe des Films zu starten. Als er den Saal betrat, hatte Nelly sich schon gesetzt, nat\u00fcrlich hinten in der Loge. Dort waren die Sitze etwas komfortabler, auf der niedrigen Balustrade war ein schmales Brett angebracht, auf dem man Getr\u00e4nke und Snacks abstellen konnte, und die Armlehnen lie\u00dfen sich anders als in den anderen Reihen hochklappen. Deshalb erfreute sich die Loge bei P\u00e4rchen gro\u00dfer Beliebtheit, trotz des Aufpreises, aber Till hatte auch schon beobachtet, dass das M\u00e4dchen die Armlehne, die der Junge hochgeklappt hatte, doch lieber wieder runterklappte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nelly hatte es genau umgekehrt gemacht, die Lehne links von ihr war hochgeklappt, und daraus, wo sie die Getr\u00e4nke abgestellt hatte, konnte Till ableiten, dass das die Seite war, die sie ihm zugedacht hatte. Er hatte nichts dagegen, setzte sich und lehnte sich entspannt zur\u00fcck.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich merkte er, dass Nelly n\u00e4her an ihn heranr\u00fcckte. Zuerst war sie ganz vorsichtig, sodass es immer noch Zufall h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, doch als sie merkte, dass er sich nicht wehrte, wurde sie mutiger. Bald sa\u00df sie so dicht neben ihm, dass ihre Hand leicht seine ber\u00fchrte, und das war f\u00fcr ihn der richtige Zeitpunkt, ihr einen Arm um die Schultern zu legen. Nelly sah ihn von der Seite an, etwas \u00fcberrascht, auch etwas verlegen, weil er gemerkt hatte, was sie wollte, vor allem aber gl\u00fccklich. Weil sie wusste, dass sie es durfte, kuschelte sie sich an ihn und dr\u00fcckte ihm einen Kuss auf die Wange. \u201eFrohe Weihnachten!\u201c, fl\u00fcsterte sie.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Altstadt-Lichtspielhaus war das \u00e4lteste und auch das kleinste Kino der Stadt. Es lag da, wo der Name vermuten lie\u00df, n\u00e4mlich am Rand der Altstadt, und war in einem ehemaligen B\u00fcrgerhaus untergebracht. 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