{"id":250,"date":"2024-02-01T15:40:09","date_gmt":"2024-02-01T14:40:09","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=250"},"modified":"2024-02-01T15:40:09","modified_gmt":"2024-02-01T14:40:09","slug":"die-piratenbraut","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=250","title":{"rendered":"Die Piratenbraut"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Die Piratenbraut\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Cover-Die-Piratenbraut.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Die Piratenbraut\" \/>\n<p>Liv stand vor dem Spiegel, der innen an einer T\u00fcr ihres Kleiderschranks angebracht war, und betrachtete zufrieden ihr Werk. Statt der gewohnten Kombination aus Jeans und Pullover trug sie eine Lederhose und ein grobes Leinenhemd mit weiten \u00c4rmeln, und die F\u00fc\u00dfe steckten in hohen Lederstiefeln statt der \u00fcblichen Turnschuhe. An den Ohren baumelten gro\u00dfe Kreolen, und an ihren Handgelenken klimperten goldene Armreifen, die allerdings in Wahrheit nur aus bemaltem Blech oder bestenfalls Messing waren. Die Hose hatte sie sich von einer etwas \u00e4lteren Freundin geliehen, die in einer Band spielte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ihre blonden Haare hatte sie unter einer schwarzen Per\u00fccke verschwinden lassen, und mit Schminke hatte sie sich einen dunkleren Hautton zugelegt, wie er jemandem zukam, der st\u00e4ndig bei sengender Sonne unterwegs war. Sie hatte nicht nur das Gesicht geschminkt, sondern auch Hals, Unterarme und Handr\u00fccken. Nur die Handinnenfl\u00e4chen und die Unterseiten der Finger hatte sie ausgespart, um nicht an allem, was sie anfasste, hellbraune Flecken zu hinterlassen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Summe war aus der vierzehnj\u00e4hrigen Sch\u00fclerin eine waschechte Piratenbraut geworden, wie man sie aus Filmen kannte. Liv hatte sich wirklich M\u00fche gegeben, eigentlich schon zu viel f\u00fcr die kleine Karnevalsfeier, zu der sich ihre Klasse f\u00fcr den Nachmittag des Rosenmontages verabredet hatte. Aber daf\u00fcr w\u00fcrde sie herausstechen, allein schon, weil man mindestens zweimal hinschauen musste, um zu erkennen, wer sich unter der Maske verbarg.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch Linus w\u00fcrde sie nicht auf Anhieb erkennen und einen genaueren Blick auf sie werfen m\u00fcssen. Das war der Grund, dass Liv sich den ganzen Aufwand antat, wenigstens einmal sollte er sie wirklich wahrnehmen. Nat\u00fcrlich h\u00e4tte sie sich so oder so verkleidet, aber sie h\u00e4tte nicht extra Sachen daf\u00fcr geliehen und Schminke gekauft.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon seit Wochen schlug ihr Herz schneller, wenn sie ihn sah, und sie w\u00fcnschte sich nichts sehnlicher, als dass er es endlich merken w\u00fcrde. Gleichzeitig traute sie sich einfach nicht, ihm ihre Gef\u00fchle zu zeigen, zu gro\u00df war die Angst vor Ablehnung, und davor, dass andere sie verspotteten, wenn sie es mitbekamen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Immer wieder fragte sie sich, ob nicht allein die Hoffnung, er k\u00f6nnte sich f\u00fcr sie interessieren, vermessen war. Sie f\u00fchlte sich nicht h\u00e4sslich, und sie war beliebt in der Klasse, aber Linus war mit Abstand der attraktivste Junge der Klasse, nein, der ganzen achten Jahrgangsstufe sogar, da waren sich alle M\u00e4dchen einig. Er war gro\u00df gewachsen und sportlich, hatte ein ebenm\u00e4\u00dfiges, etwas kantiges Gesicht und dunkle Haare, aber die \u00e4u\u00dfere Erscheinung war es nicht allein, die ihn so anziehend machte. Er war weder ein Sch\u00f6nling, noch ein tumber Kraftbolzen, er war auch geistig fit. Englisch und Bio lagen ihm, er konnte gut erz\u00e4hlen und hatte einen Humor, den nicht nur Liv mochte. Fast alle M\u00e4dchen in der Klasse standen auf ihn, das wusste Liv, auch wenn manche von ihren Kameradinnen es gut verbargen. Mit einigen war Linus auch befreundet, aber Liv konnte sich nicht entsinnen, dass da mal mehr draus geworden war. Warum sollte es ausgerechnet bei ihr anders sein?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Klassenzimmer hatte die 8a schon am Vormittag geschm\u00fcckt, die Jungen und M\u00e4dchen hatten trotz Rosenmontag ganz normal zur Schule gemusst. Die Stadt war keine Karnevalshochburg, und der Direktor, ein ausgesprochener Karnevalsmuffel, hatte verhindert, dass einer der beweglichen Ferientage, die jeder Schule zur Verf\u00fcgung standen, auf den Rosenmontag gelegt wurde.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>An den W\u00e4nden hingen Girlanden und Luftschlangen, zwei von den Jungs hatten sich sogar eine Leiter vom Hausmeister geborgt und weitere Luftschlangen an die Decke geklebt. Sina und Danuta waren nach der letzten Stunde noch l\u00e4nger geblieben und hatten Luftballons, eine Torte, Narrenkappen und ein paar kleine Cartoons aufs Whiteboard gemalt. Die beiden erg\u00e4nzten sich, Sina konnte prima zeichnen, auch mit den dicken Whiteboardstiften, und Danuta hatte ein feines Gesp\u00fcr f\u00fcr Wortwitz.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr die Musik sorgte Marcel, er hatte Bluetooth-Lautsprecher f\u00fcr sein Handy mitgebracht, \u00fcber die er den Klassenraum mit Songs von seiner Playlist beschallte. Ab und an fischte er auf ausdr\u00fccklichen Wunsch des einen oder anderen Klassenkameraden einen bestimmten Titel aus den Untiefen seines Streaming-Accounts, ansonsten lie\u00df er den Algorithmus machen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Buffet hatten sich alle beteiligt, jeder hatte etwas mitgebracht. Auf zwei Tischen, die mit einer wei\u00dfen Papierdecke aufgewertet worden waren, fanden sich Kuchen, Pl\u00e4tzchen, Knabberzeug und Snacks, da war wirklich f\u00fcr jeden etwas dabei, und es war mehr als genug f\u00fcr alle. Die Getr\u00e4nke hatte Frau B\u00e4cker, die Klassenlehrerin, spendiert, Cola, Limo, Mineralwasser und S\u00e4fte. Alkohol gab es nat\u00fcrlich nicht, schlie\u00dflich waren die Achtkl\u00e4ssler noch nicht ganz oder gerade eben erst vierzehn, und bei Schulveranstaltungen war er unabh\u00e4ngig vom Alter sowieso verboten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die M\u00e4dchen und Jungen waren auch ohne in Stimmung, sie pl\u00fcnderten das Buffet, tanzten ab und zu und hatten auf jeden Fall viel Spa\u00df zusammen. Hinten im Klassenzimmer war ein Tisch zu einer Mini-Tischtennisplatte umfunktioniert worden, an der gerade das Duell der Clowns ausgetragen wurde. Dabei war Clown Felix, der sich f\u00fcr die eher d\u00fcstere Variante entschieden hatte, klar im Vorteil gegen Clown Bastian. Er trug einen schwarz-wei\u00dfen Overall und eine wei\u00dfe Filzkappe und hatte sich schmale, schwarze Rauten aufgeschminkt, die senkrecht durch die Augenh\u00f6hlen liefen. Bastian war dagegen knallbunt und k\u00e4mpfte sowohl mit der feuerroten, schlecht sitzenden Lockenper\u00fccke, als auch mit den riesigen Latschen, \u00fcber die er st\u00e4ndig stolperte. Beobachtet wurde die Lachnummer von Prinzessin Lara und Waldschrat Anna.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liv schaute ein paar Minuten zu und quatschte anschlie\u00dfend ein bisschen mit Mareike und Sophie, die sich mit ihren Kost\u00fcmen abgesprochen hatten und als Dick und Doof auftraten. Als die beiden von Pia weggezerrt wurden, die was auch immer sofort mit ihnen besprechen musste, versorgte sie sich mit einem St\u00fcck Zitronenkuchen und gesellte sich zu Marie und Josefine.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eTolles Kost\u00fcm!\u201c, lobte Josefine, die mit einem alten Kittel und Gro\u00dfvaterhut auf Hausmeister machte. Stilecht benutzte sie einen Werkzeugkoffer als Handtasche, was vielleicht nicht chic aussah, aber un\u00fcbertroffen war in Sachen Stauraum und \u00dcbersicht. \u201eIch h\u00e4tte dich fast nicht erkannt.\u201c \u201eDu machst dich auch nicht schlecht als Siedlungskontrolletti\u201c, gab Liv das Kompliment zur\u00fcck, ohne zu verraten, dass die Unkenntlichkeit ein wichtiges Ziel ihrer Verkleidung war. \u201eWenn du jetzt noch lernst, mit dem Schraubenzieher umzugehen, dann kannst du das glatt zum Beruf machen.\u201c \u201eLieber nicht!\u201c, warf Marie lachend ein. Sie hatte sich mit Overall und Maske als Catwoman ausstaffiert. \u201eWenn sie was repariert, dann kommt hinterher Wasser aus der Steckdose, und ich krieg einen gewischt, wenn ich den Wasserhahn aufdrehen will.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Stimmung war bestens, auch Liv hatte gute Laune und feierte ausgelassen mit ihren Klassenkameraden. Ihrem eigentlichen Ziel, irgendwie mit Linus ans Quatschen zu kommen, war sie jedoch noch kein St\u00fcck n\u00e4hergekommen. Linus hatte sich mit Cordhose, einer Cordweste, die er bestimmt von einem Zimmermann in der Familie geborgt hatte, und F\u00fc\u00dfen aus Pappmach\u00e9 als Hobbit verkleidet. Ab und zu standen sie bei der gleichen Gruppe, aber meistens war Liv bei ihren Freundinnen und Linus bei den Jungs, mit denen er in der Schule meistens abhing, und direkt hatten sie den ganzen Nachmittag noch nicht miteinander gesprochen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber mit der Zeit hatte Liv das Gef\u00fchl, dass sie beobachtet wurde, und als sie genauer darauf achtete, stellte sie fest, dass dieses Gef\u00fchl nicht trog. Gleich zweimal sah sie Linus einen Blick in ihre Richtung werfen; noch war sie sich nicht sicher, ob das wirklich ein gutes Zeichen war, aber zumindest hatte sie offenbar schon mal erreicht, dass er sie bemerkte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das war allerdings nicht nur ihr aufgefallen, und was f\u00fcr sie ein Grund zu leiser Hoffnung war, war f\u00fcr eine andere Anlass zur Sorge. Sie hatte sich nicht eingebildet, keine Konkurrenz zu haben, schlie\u00dflich war ihr klar gewesen, dass die meisten Klassenkameradinnen Linus mochten. Aber sie hatte weder daran gedacht, dass sie nicht die Einzige sein k\u00f6nnte, die die Karnevalsparty f\u00fcr eine gute Gelegenheit hielt, ihm n\u00e4herzukommen, noch daran, dass sie eine Kettenreaktion ausl\u00f6sen k\u00f6nnte, wenn eine der anderen ihren Versuch bemerkte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Genau das aber passierte gerade, Amanda hatte offensichtlich gesehen, dass Linus ihr, Liv, ab und an einen Blick zuwarf, und blies nun ihrerseits zur Attacke. Sie hatte sich als Bond-Girl verkleidet, musste dabei allerdings dem Wetter Tribut zollen: Unter dem wei\u00dfen Bikini trug sie gelbe Leggins und einen d\u00fcnnen, beigen Rollkragenpullover, und im Gegensatz zu Ursula Andress in ihrer ber\u00fchmtesten Rolle hatte sie Turnschuhe an den F\u00fc\u00dfen. Das Messer, das sie in einer Lederscheide am G\u00fcrtel trug, war auch nur bemalte Wellpappe, klar, denn Frau B\u00e4cker h\u00e4tte ihr was anderes erz\u00e4hlt, wenn sie mit einem echten Haimesser in die Schule gekommen w\u00e4re.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Moment war Liv \u00fcberzeugt, dass Amanda die Sex-Sells-Karte spielen wollte. Dann sagte sie sich, dass das Quatsch war, erstens passte es nicht zu Amanda, und zweitens sah sie in ihrem Kost\u00fcm haupts\u00e4chlich lustig aus, und das wusste sie wohl auch. Das \u00e4nderte allerdings nichts daran, dass Amanda un\u00fcbersehbar versuchte, Linus anzugraben, und das machte sie f\u00fcr Liv zur momentan meistgehassten Person im Universum.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sicher war: Abzuwarten und auf eine Chance zu lauern war keine Option mehr. Jetzt galt es, schnell und entschlossen zu handeln, sonst war der Zug abgefahren. Aber wie, wenn Amanda die ganze Zeit an Linus klebte?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck musste auch Amanda irgendwann mal wegbringen, was sie im Lauf des Nachmittags getrunken hatte. Dadurch ergab sich ein kurzer Moment, in dem sie Liv nicht in die Quere kommen konnte, allerdings waren es wirklich nur ein paar Sekunden, die er unschl\u00fcssig dastand und offenbar \u00fcberlege, ob er auf Amanda warten oder sich wieder zu seinen Freunden gesellen sollte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass er sich schlie\u00dflich anschickte, zu Jakob und Marco r\u00fcberzuschlendern, schien Liv ein gutes Zeichen zu sein. Offenbar hatte Amanda es noch nicht geschafft, ihn so f\u00fcr sich einzunehmen, dass er den Rest des Nachmittags haupts\u00e4chlich mit ihr verbringen wollte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie schaffte es, ihm den Weg abzuschneiden, als er gerade noch weit genug weg war von seinen Freunden, dass die einen halblaut gesprochenen Satz nicht mith\u00f6ren konnten. Ihr zitterten die Knie, als sie ihn bat, einen Moment mit ihr nach drau\u00dfen auf den Flur zu kommen, aber das h\u00e4tte sie nicht mal sich selbst eingestanden.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Hobbit sah drein wie Bilbo, wenn Gandalf unangemeldet in seiner H\u00f6hle stand, und f\u00fcr zwei, drei Augenblicke war Liv sicher, dass Linus sie stehenlassen w\u00fcrde. Dann nickte er und folgte ihr zur T\u00fcr.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Zufall wollte es, dass sie in der T\u00fcr mit Amanda zusammenstie\u00dfen, die sich echt wahnsinnig beeilt haben musste, wenn sie schon wieder zur\u00fcck war vom Klo. Amanda begriff offenbar sofort, was die Stunde geschlagen hatte, und warf Liv einen Blick zu, der sch\u00e4rfer war als eine Obsidian-Klinge. Man sah ihr an, dass sie drauf und dran war, Liv wegzuschubsen und Linus mit sich zu zerren, aber mit so einer Reaktion, einer offenen Kriegserkl\u00e4rung an die Konkurrentin, h\u00e4tte sie Linus eher gegen sich eingenommen. Liv bef\u00fcrchtete, dass Amanda ihr das so schnell nicht vergessen w\u00fcrde, aber das war in diesem Moment nicht wichtig, und \u00e4ndern konnte sie daran sowieso nichts mehr. Au\u00dferdem h\u00e4tte eine R\u00fcckzieher bedeutet, Amanda doch wieder das Feld zu \u00fcberlassen, und das kam gar nicht infrage.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Flur wandte Liv sich nach links und f\u00fchrte Linus ein St\u00fcck weg vom Klassenzimmer. Die Richtung war bewusst gew\u00e4hlt, denn sowohl die Toiletten, als auch das n\u00e4chste Treppenhaus lagen in der anderen Richtung. Liv und Linus hatten also gute Chancen, ungest\u00f6rt zu bleiben, und falls doch jemand kam, w\u00fcrde Liv es rechtzeitig sehen. Bei drei Klassenr\u00e4umen Abstand w\u00fcrde auch Amanda nicht lauschen k\u00f6nnen, selbst wenn sie es irgendwie bewerkstelligte, an der T\u00fcr stehenzubleiben, ohne dass sich jemand dar\u00fcber wunderte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eIch wollte dir was sagen\u201c, begann Liv vorsichtig. Bl\u00f6der Text, ging es ihr gleich darauf durch den Kopf. Sie hatte ihn doch eben gefragt, ob sie unter vier Augen mit ihm reden konnte, deshalb war er doch mit ihr nach drau\u00dfen gekommen! Aber ihr pochte das Herz pl\u00f6tzlich bis hoch in den Hals, keine guten Voraussetzungen, um klare und logische S\u00e4tze zu formulieren.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eEgal, was du dar\u00fcber denkst, versprich mir, dass du mich nicht auslachst, und dass du niemandem was erz\u00e4hlst\u201c, bat sie. Linus nickte, und sie hoffte, dass er sich daran halten w\u00fcrde. Aber wenn sie ihm zugetraut h\u00e4tte, \u00fcber sie herzuziehen, h\u00e4tte sie sich dann in ihn verliebt?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eIch\u2026\u201c Liv musste neu ansetzen und verfluchte sich daf\u00fcr, dass sie ins Stottern kam. Zu allem \u00dcberfluss sp\u00fcrte sie auch noch, wie sie knallrot wurde. \u201eIch hab mich in dich verliebt.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jetzt war es heraus, und Liv wusste nicht, was sie f\u00fchlen sollte. Auf der einen Seite versp\u00fcrte sie einen Hauch von Erleichterung, nachdem sie so lange \u00fcberlegt hatte, wie sie Linus ihre Gef\u00fchle offenbaren sollte. Auf der anderen Seite hatte sie jetzt alles aus der Hand gegeben und war den Konsequenzen ihrer Er\u00f6ffnung ausgeliefert.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>In ihrem Bauch grummelte es, w\u00e4hrend sie versuchte, in Linus\u2018 Gesicht zu lesen, ohne dass er es merkte. Zu ihrer \u00dcberraschung wurde er etwas rot, und ihre Er\u00f6ffnung schien ihm die Sprache verschlagen zu haben. Sekundenlang schien die Stille erdr\u00fcckend.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eIch hatte ja keine Ahnung!\u201c, brachte Linus dann hervor. Klar, woher h\u00e4tte er die auch haben sollen? Liv hatte ja alles getan, um sich nichts anmerken zu lassen, und das offensichtlich sehr erfolgreich. Nicht mal mit ihrer besten Freundin hatte sie dar\u00fcber gesprochen, obwohl sie Mathilda seit dem Kindergarten kannte und wusste, dass sie ihr wirklich alles anvertrauen konnte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie merkte, dass sie vor Aufregung zitterte. Sollte sie etwas sagen, wartete Linus vielleicht sogar darauf? Aber was h\u00e4tte sie sagen sollen? Er wusste ja jetzt, was sie f\u00fcr ihn f\u00fchlte, nun kam es darauf an, ob er die Gef\u00fchle erwiderte oder nicht.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unvermittelt griff Linus nach ihrer Hand. \u201eDas muss ich erst mal verdauen\u201c, bekannte er. \u201eAber ich mag dich auch.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>War das ein Ja? Liv wartete darauf, dass Linus weitersprach, dass er best\u00e4tigte, was sie hoffte, aber sie wartete vergebens, und nachzufragen traute sie sich irgendwie nicht.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWollen wir zur\u00fcck?\u201c, fragte Linus nach ein paar Sekunden. Das war irgendwie entt\u00e4uschend, aber immerhin hielt er ihre Hand weiter fest und lie\u00df sie erst los, als sie wieder vor der T\u00fcr des Klassenzimmers standen. Ob sie jetzt zusammen waren oder nicht, wusste Liv aber immer noch nicht, als sie sich wieder unter die anderen mischte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr den Rest des Nachmittags waren Livs Gef\u00fchle eine einzige Achterbahn. Sie vermeinte immer noch, Linus\u2018 Hand in ihrer zu sp\u00fcren, das war sch\u00f6n, und sie stellte zufrieden fest, dass Linus Amandas offensive Versuche, mit ihm zu flirten, nicht beachtete. Aber hie\u00df das wirklich, dass er mit ihr zusammen sein wollte? Er mochte sie, hatte er gesagt, aber das lie\u00df immer noch eine Menge Spielraum zwischen Respekt, freundschaftlichen Gef\u00fchlen und inniger Zuneigung.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als die Achtkl\u00e4ssler sich zum Aufbruch bereitmachten, stand er pl\u00f6tzlich neben ihr. \u201eSoll ich dich nach Hause bringen?\u201c, fragte er. Livs Herz machte einen kleinen H\u00fcpfer. War das die Best\u00e4tigung, auf die sie die ganze Zeit wartete? Hatte er nur etwas Zeit gebraucht, um sich selbst klarzuwerden, was er genau f\u00fcr sie f\u00fchlte? Auf jeden Fall bedeutete es f\u00fcr ihn selbst einen betr\u00e4chtlichen Umweg, wenn er sie bis nach Hause begleitete, das w\u00fcrde er kaum einfach so machen, oder?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf einmal fast schon \u00fcberdreht, holte Liv ihre Jacke und nahm ihre Tasche. Drau\u00dfen auf dem Flur griff sie nach Linus\u2018 Hand, und er zog sie nicht weg.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Weg von der Bushaltestelle zu ihr nach Hause kamen sie an einem kleinen Friedhof vorbei, und zu ihrer \u00dcberraschung zog Linus sie mit sich auf den dunklen Weg zwischen den Gr\u00e4bern. Laternen gab es auf dem Friedhof nicht, und unter den B\u00e4umen sah man kaum die Hand vor Augen. Das Tor stand offen, Liv wusste, dass der Friedhof nachts nicht abgeschlossen wurde, vielleicht, weil er so klein war, dass Vandalen und Metalldiebe kaum eine Ecke fanden, wo sie nicht bef\u00fcrchten mussten, von Anwohnern oder sp\u00e4ten Spazierg\u00e4ngern bemerkt zu werden.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Schatten einer Eibe blieb Linus stehen. Liv konnte ihn kaum sehen, aber sie sp\u00fcrte, wie er ihr sanft \u00fcber die Wange strich. Dann zog er ihr vorsichtig die Per\u00fccke vom Kopf und l\u00f6ste auch die Haarspangen, sodass ihr eigenes Haar wieder frei auf den R\u00fccken fallen konnte. \u201eIch glaube, ich hab dich ziemlich verwirrt, was?\u201c, mutma\u00dfte er, und Liv nickte. \u201eIch hab mich die ganze Zeit gefragt, ob wir jetzt\u2026\u201c \u201eTut mir leid\u201c, sagte Linus. \u201eDu hast mich echt v\u00f6llig \u00fcberrascht, sonst h\u00e4tte ich mich nicht so bl\u00f6d ausgedr\u00fcckt. Und dass ich dich nicht direkt gek\u00fcsst hab\u2026 Ich wollte, dass du dann du selbst bist, und keine Maske.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich pumperte Livs Herz wie wild, und ihr wurde ganz warm. \u201eJetzt?\u201c, fragte sie fl\u00fcsternd. Linus nickte l\u00e4chelnd und strich ihr noch einmal sanft \u00fcber die Wange. Dann schloss er sie in die Arme, und im n\u00e4chsten Moment wurden ihre Lippen vorsichtig von seinen bedeckt.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liv stand vor dem Spiegel, der innen an einer T\u00fcr ihres Kleiderschranks angebracht war, und betrachtete zufrieden ihr Werk. Statt der gewohnten Kombination aus Jeans und Pullover trug sie eine Lederhose und ein grobes Leinenhemd mit weiten \u00c4rmeln, und die F\u00fc\u00dfe steckten in hohen Lederstiefeln statt der \u00fcblichen Turnschuhe. 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