{"id":244,"date":"2024-02-01T15:13:35","date_gmt":"2024-02-01T14:13:35","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=244"},"modified":"2024-02-01T15:13:35","modified_gmt":"2024-02-01T14:13:35","slug":"wichteltausch","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=244","title":{"rendered":"Wichteltausch"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Wichteltausch\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Cover-Wichteltausch.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Wichteltausch\" \/>\n<p>In der Woche nach dem ersten Advent hatte Frau Eltzsche ihre 5b gefragt, ob sie Lust hatte, vor Weihnachten zu wichteln. Das bedeutete, dass jeder einem anderen Kind in der Klasse ein kleines Geschenk machen sollte, wobei der Beschenkte nicht erfahren sollte, von wem das Geschenk kam.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ella war begeistert gewesen, doch als sie erfuhr, wen sie beschenken sollte, verfinsterte sich ihr Gesicht. \u201eWas ist los?\u201c, fragte ihre Banknachbarin und beste Freundin Anne sofort. \u201eWen hast du?\u201c \u201eAnton!\u201c, antwortete Ella fl\u00fcsternd. \u201eSchei\u00dfe, was soll ich dem denn schenken? Der macht doch nichts, wo man was mit anfangen k\u00f6nnte!\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>So ganz unrecht hatte sie nicht, Anton passte irgendwie in kein Schema. Anne wusste auch kaum etwas \u00fcber ihn, \u00fcberhaupt hatten die M\u00e4dchen in der Klasse wenig mit den Jungen am Hut. Wenn man sie gezwungen h\u00e4tte, eine Einsch\u00e4tzung abzugeben, dann h\u00e4tte sie gesagt, dass er wohl ganz in Ordnung war. Aber ihr war auch aufgefallen, dass er kaum je mitmachte, wenn die Jungen in den Pausen Fu\u00dfball spielten oder zusammenstanden und irgendwas auf ihren Handys guckten. Ella hatte also bestimmt nicht den leichtesten Job gezogen, aber so aufregen musste sie sich deswegen doch auch nicht, oder?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch Ella wollte sich nicht beruhigen, selbst nach Schulschluss, auf dem Weg zum Bus, fing sie wieder damit an. Anne verdrehte die Augen. \u201eOkay\u201c, sagte sie entschlossen, \u201eehe ich mir das noch l\u00e4nger anh\u00f6ren muss, tauschen wir eben. Hat die Eltzsche zwar verboten, aber bevor du mich noch v\u00f6llig wahnsinnig machst&#8230; Mach du Erik, dann k\u00fcmmere ich mich um Anton.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ellas Augen leuchteten auf. \u201eW\u00fcrdest du echt&#8230;?\u201c Anne zuckte mit den Schultern. \u201eDu bist schlie\u00dflich meine beste Freundin\u201c, antwortete sie. \u201eUnd Erik wirst du ja wohl hinkriegen, oder?\u201c, \u201eDer ist doch echt nicht schwer\u201c, grinste Ella, deren Laune in k\u00fcrzester Zeit um etliche Stufen gestiegen war. \u201eWenn man\u2019s essen kann, dann ist\u2019s richtig.\u201c Genau das hatte Anne auch gedacht, Erik naschte gern, und manchmal wunderte sie sich, dass er trotzdem so schlank war. Vielleicht lag es daran, dass er im Ruderverein war, da trainierte er das wohl alles wieder ab. \u201eHast du schon eine Idee wegen Anton?\u201c, wollte Ella wissen. Anne sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eIrgendwas wird mir schon einfallen\u201c, sagte sie gelassen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Annes Ehrgeiz war geweckt. Wahrscheinlich w\u00fcrde Anton auch nicht nein sagen, wenn er etwas S\u00fc\u00dfes bekam, Schokolade und vielleicht eins von diesen Weingummis, die wie kleine Hamburger aussahen, oder so, aber das wollte Anne sich aufheben f\u00fcr den Fall, dass ihr wirklich nichts anderes einfiel. Wenn es irgendwie ging, wollte sie etwas Pers\u00f6nlicheres finden, auch wenn sie noch keinen Plan hatte, was das sein k\u00f6nnte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwei Tage \u00fcberlegte sie hin und her, aber sie musste sich eingestehen, dass sie einfach viel zu wenig \u00fcber Anton wusste. Was hatte er f\u00fcr Hobbys? Fu\u00dfball war wohl nicht so seins, sonst h\u00e4tte er h\u00e4ufiger mit den anderen Jungs auf dem Schulhof gekickt, denn den Eindruck, dass die ihn nicht mochten und deshalb nicht mitspielen lie\u00dfen, hatte Anne nicht. Und sonst?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie ging die g\u00e4ngigen Hobbys durch, verschiedene Sportarten, Lesen, Musik, alles, was ihr so einfiel, haupts\u00e4chlich, weil irgendwer aus der Klasse oder in ihrem Freundeskreis es machte. Doch nirgendwo klingelte etwas, auch wenn sie Anton das eine oder andere schon zugetraut h\u00e4tte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es half alles nichts \u2013 wenn sie ihm nicht was v\u00f6llig Unpers\u00f6nliches schenken wollte, dann musste sie jemanden fragen, der ihn besser kannte. Aber wen? In der Klasse kam wohl am ehesten noch Steve infrage, aber dann w\u00fcrde es tags darauf auch die ganze Klasse wissen. Was dann f\u00fcr Ger\u00fcchte die Runde machen w\u00fcrden, konnte Anne sich ausrechnen, das Risiko w\u00fcrde sie nicht eingehen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie meinte, mal geh\u00f6rt zu haben, dass Anton eine \u00e4ltere Schwester hatte, aber die war so viel \u00e4lter, dass sie schon nicht mehr an der Schule war. Selbst wenn sie sich nicht irrte, sie kannte nicht mal den Vornamen und hatte keine Ahnung, wo sie nach ihr suchen sollte. Auch mit wem er au\u00dferhalb der Schule befreundet war, wusste sie nicht, also blieben nur zwei Personen, die sie fragen konnte: seine Eltern. Die w\u00fcrden sich auch wundern, dass sie sich so viel M\u00fche gab, und sich vielleicht ihr Teil dazu denken, aber damit konnte Anne leben. Es war nicht zu erwarten, dass sie in Zukunft \u00f6fter mit ihnen zu tun haben w\u00fcrde, und weiterquatschen w\u00fcrden sie hoffentlich nichts. Anne w\u00fcrde sie mahnen, dass sie die \u00dcberraschung f\u00fcr Anton nicht kaputtmachen sollten, das mussten sie doch verstehen, oder?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Herz klopfte wie wild gegen Annes Rippen, als sie sich dem Eingang des Vier-Familien-Hauses n\u00e4herte, in dem Anton wohnte. Vor mehr als einer Stunde hatte sie sich hundert Meter entfernt an einer Bushaltestelle eingebaut und darauf gewartet, dass Anton das Haus verlie\u00df. Das verkratzte Glas des Haltestellenh\u00e4uschens hatte sie halbwegs gegen Blicke gesch\u00fctzt, und bei fl\u00fcchtigem Hinsehen war sie einfach ein M\u00e4dchen gewesen, das auf irgendwen wartete und sich die Zeit mit WhatsApp und Zocken vertrieb. Vor f\u00fcnf Minuten war Anton endlich zur Haust\u00fcr rausgekommen, mit einer Sporttasche \u00fcber der Schulter. Das sah ganz so aus, als wollte er zum Training, f\u00fcr welche Sportart auch immer, und wenn es so war, dann w\u00fcrde er wohl in der n\u00e4chsten Stunde nicht zur\u00fcckkommen. Das war Zeit genug, denn lange wollte Anne nicht bleiben.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es dauerte eine Weile, bis jemand auf ihr Klingeln reagierte. Sie war schon drauf und dran, noch mal den Knopf zu dr\u00fccken, und bef\u00fcrchtete auch schon, dass Antons Eltern gar nicht da waren, als doch ein Summen ert\u00f6nte. Anne dr\u00fcckte die T\u00fcr auf und stie\u00df sich den Arm, weil der automatische Schlie\u00dfer zu straff eingestellt war. \u201eOh, hast du dir wehgetan?\u201c, fragte eine Stimme vom ersten Treppenabsatz. Anne sch\u00fcttelte den Kopf. Das leise \u201eAu!\u201c, das ihr entfahren war, war wirklich eher der Schreck gewesen, richtig wehgetan hatte der Schlag gegen den Ellbogen nicht. \u201eWillst du zu Anton?\u201c, erkundigte sich der Mann, der in einer der Wohnungst\u00fcren stand. Anne sch\u00e4tzte ihn auf Ende zwanzig, wenn er Antons Vater war, dann hatte Anton einen sehr jungen Vater.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anne nannte ihren Namen und f\u00fcgte hinzu, dass sie mit Anton in eine Klasse ging. \u201eIch wei\u00df nicht, ob er erz\u00e4hlt hat, dass wir in der Schule wichteln\u201c, sagte sie dann. \u201eIch hab ihn gezogen, aber ich wei\u00df nicht, was ich ihm schenken k\u00f6nnte.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Antons Vater, wenn er es war, stutzte. \u201eUnd deshalb kommst du extra her?\u201c, fragte er dann erstaunt. \u201eFinde ich toll.\u201c \u201eHaben Sie eine Idee?\u201c, bohrte Anne nach. \u201eNa ja, ich glaube, da fragst du besser seine Mutter\u201c, antwortete der Mann. \u201eClaudi, kommst du mal?\u201c, rief er dann nach hinten in die Wohnung. \u201eKomm doch rein!\u201c, forderte er Anne dann auf.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Offenbar bemerkte er Annes fragenden Blick und zog daraus auch die richtigen Schl\u00fcsse. \u201eNein, ich bin nicht Antons Vater\u201c, beantwortete er bereitwillig die unausgesprochene Frage. \u201eAntons Eltern sind schon lange getrennt.\u201c Anne nickte, er war also der neue Freund oder Mann von Antons Mutter, nach dem genauen Verh\u00e4ltnis fragen wollte sie nicht, das ging sie wohl nichts an.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Antons Mutter konnte nicht verleugnen, dass Anton ihr Sohn war, die \u00c4hnlichkeit war un\u00fcbersehbar. Auch sie hatte die leichte Stupsnase, die gleichen braunen Augen und das gleiche Rotblond der Haare. \u201eDas ist Anne\u201c, stellte der Mann, der die T\u00fcr ge\u00f6ffnet hatte, die Besucherin vor. \u201eSie braucht einen Rat, was sie Anton schenken k\u00f6nnte, sie hat ihn beim Wichteln in der Schule gezogen.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch Antons Mutter fand es toll, dass Anne sich daf\u00fcr die M\u00fche machte, extra vorbeizukommen. \u201eLass mich mal \u00fcberlegen\u201c, bat sie. \u201eWie viel darf es kosten? Ihr habt doch bestimmt eine Grenze, oder?\u201c \u201eF\u00fcnf Euro\u201c, antwortete Anne wahrheitsgem\u00e4\u00df. \u201eAber wenn es ein bisschen dr\u00fcber ist, dann ist das okay.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eGar nicht so leicht\u201c, fand Antons Mutter. \u201eNa ja, er ist im Schwimmverein, er h\u00f6rt H\u00f6rspiele,  Drei Fragezeichen und so, aber die sind ja auch teurer, glaube ich.\u201c Sie \u00fcberlegte angestrengt. \u201eSonst eigentlich nichts Spezielles.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Annes Blick war auf das Modell eines Flugzeugs gefallen, das auf einem Regal an der Flurwand stand. \u201eHat er das gebaut?\u201c, fragte sie spontan. Antons Mutter schaute verwundert in die Richtung, die Anne anzeigte, und nickte dann. \u201eJa, das macht er \u00f6fter. In seinem Zimmer stehen noch mehr davon. Meinst du&#8230;?\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>V\u00f6llig unvermittelt stand Anton vor Anne. \u201eSuper Idee\u201c, sagte er. \u201eDa hab ich mich echt dr\u00fcber gefreut.\u201c Anne stutzte. Woher wusste er, dass das Wichtelgeschenk von ihr kam? Schlie\u00dflich hatte sie sich extra fr\u00fch ins Klassenzimmer geschlichen, um ihm das P\u00e4ckchen hinzulegen, sie war sich ganz sicher, dass niemand sie beobachtet hatte. \u201eWoher wei\u00dft du&#8230;?\u201c, fragte sie verdutzt. Anton schmunzelte. \u201eMama und Raoul haben mir erz\u00e4hlt, dass du da warst. Sie waren total geflasht deswegen.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anne konnte nicht verhindern, dass sie rot wurde. \u201eIch fand\u2019s irgendwie bl\u00f6d, einfach Buntstifte und eine Tafel Schokolade oder so zu nehmen\u201c, versuchte sie zu erkl\u00e4ren. \u201eAber mir ist einfach nichts eingefallen. Ich meine, wir machen ja sonst nie was zusammen, ich wusste nicht, was du so machst&#8230;\u201c \u201eSchon klar\u201c, nickte Anton. \u201eIch sch\u00e4tze, ich h\u00e4tte umgekehrt auch nicht gewusst, was ich dir schenken sollte.\u201c Er schwieg einen Moment, es schien fast so, als w\u00fcsste er nicht, ob er das, was er noch sagen wollte, wirklich aussprechen sollte. \u201eHast du Lust, dass wir den Flieger zusammen zusammenbauen?\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damit hatte Anne nicht gerechnet, und f\u00fcr einen Moment wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Sie konnte sich schon denken, was Ella sagen w\u00fcrde, wenn sie es mitbekam, oder was die anderen denken w\u00fcrden. Aber Lust hatte sie schon, ganz bestimmt sogar, und was die anderen dachten \u2013 egal, oder? \u201eGerne\u201c, sagte sie schlicht.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Woche nach dem ersten Advent hatte Frau Eltzsche ihre 5b gefragt, ob sie Lust hatte, vor Weihnachten zu wichteln. 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