{"id":241,"date":"2024-02-01T14:52:32","date_gmt":"2024-02-01T13:52:32","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=241"},"modified":"2024-02-01T14:52:32","modified_gmt":"2024-02-01T13:52:32","slug":"der-glueckszettel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=241","title":{"rendered":"Der Gl\u00fcckszettel"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Der Gl\u00fcckszettel\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Cover-Der-Glueckszettel.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Der Gl\u00fcckszettel\" \/>\n<p>Die Saison in der 3. Fu\u00dfballliga stand noch ganz am Anfang, in f\u00fcnf Minuten w\u00fcrden die Begegnungen des 3. Spieltags angepfiffen werden. Max war nerv\u00f6s wie nie zuvor, denn das Spiel w\u00fcrde der H\u00f6hepunkt seiner bisherigen Karriere sein. Er war frisch von der U19 in die erste Mannschaft aufger\u00fcckt und hatte erst in der Vorwoche sein kurzes Profidebut gegeben. Beim Stand von 2:2 war er in der Nachspielzeit eingewechselt worden, um Zeit von der Uhr zu nehmen. Sein einziger Ballkontakt war ein missgl\u00fcckter Pass eines Mannschaftskameraden gewesen, bei dem er den Ball noch mit der Fu\u00dfspitze ber\u00fchrt hatte, bevor er ins Aus gegangen war. Damit hatte er sich bestimmt nicht f\u00fcr einen Einsatz von Beginn an aufgedr\u00e4ngt, aber die Mannschaft hatte trotz der noch jungen Saison Personalnot im Sturm. Bogdan, der in der Spitze gesetzt gewesen war, hatte im Lauf der Woche das Wechselangebot eines Zweitligisten angenommen, und Josua, das erste Backup, hatte sich im Training verletzt und w\u00fcrde mehrere Wochen ausfallen. Der Sportliche Leiter suchte wohl nach Verst\u00e4rkungen, aber bezahlbare St\u00fcrmer, die ihnen sofort weiterhelfen konnten, waren rar ges\u00e4t. Der Trainer musste also entweder den Jungspund bringen oder aber einen Mittelfeldspieler umfunktionieren; er hatte sich f\u00fcr die junge L\u00f6sung entschieden.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Max stand mit den anderen im Kabinengang. Von drau\u00dfen h\u00f6rte er den L\u00e4rm der Zuschauer, sechstausend sollten es sein. Das war nat\u00fcrlich nichts im Vergleich zu Magdeburg oder Lautern, wo regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcnfzehn-, zwanzig- oder f\u00fcnfundzwanzigtausend kamen, aber f\u00fcr Max war es der schiere Wahnsinn. In der A-Jugend hatte er vor 50 Zuschauern gespielt, 100, wenn es ein ganz guter Tag gewesen war, und jetzt diese Kulisse.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine Betreuerin wies den Spielern ihre Einlaufkinder zu. Auch das war Neuland f\u00fcr ihn, nach dem Warmmachen noch mal reingehen, um im ordentlichen G\u00e4nsemarsch und mit einem Kind an der Hand den Rasen zu betreten. Ein M\u00e4dchen von vielleicht sieben oder acht Jahren stellte sich neben ihn und griff nach seiner Hand. Die Kleine war sichtlich aufgeregt, aber offenkundig kein St\u00fcck sch\u00fcchtern. Mit der anderen Hand hielt sie ihm ein Blatt Papier hin. \u201eDas hab ich f\u00fcr dich gemalt\u201c, sagte sie. \u201eMeine Mama sagt, Hufeisen bringen Gl\u00fcck.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Max musste sich eingestehen, dass er mit der Situation \u00fcberfordert war. Alles M\u00f6gliche war in den letzten Tagen und Stunden durchgekaut worden, aber auf die Einlaufkinder hatte ihn niemand vorbereitet. Aber die Kleine wollte offensichtlich, dass er den Zettel nahm, und vor den Kopf sto\u00dfen wollte er sie auch nicht. Er versuchte, zu l\u00e4cheln, und hoffte, dass es nicht wie eine Grimasse wirkte. \u201eDanke.\u201c Er besah sich kurz das Hufeisen, k\u00fcnstlerisch war es vielleicht ausbauf\u00e4hig, aber daf\u00fcr garantiert mit viel Hingabe gemalt, und die Zeichnerin war ja auch noch klein. Blo\u00df \u2013 wohin jetzt damit? Mangels Alternativen faltete er den Zettel zusammen und schob ihn in den Stutzen. Das M\u00e4dchen l\u00e4chelte, es freute sich, dass er den Gl\u00fccksbringer mit ins Spiel nahm. \u201eViel Gl\u00fcck!\u201c, w\u00fcnschte sie ihm noch.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Spiel wollte irgendwie nicht richtig in die G\u00e4nge kommen. In den ersten beiden Spielen hatte die Mannschaft gegen Teams, denen man zutraute, um den Aufstieg mitzuspielen, jeweils ein Unentschieden herausgeholt. Gegen den heutigen Gegner hatte man sich den ersten Dreier ausgerechnet, um mit einem ordentlichen Start in die Saison einen Platz im gesicherten Mittelfeld anzupeilen. Die Chancen waren auch da, aber irgendwie war doch immer ein gegnerisches Bein dazwischen, oder der Ball ging knapp vorbei. Au\u00dferdem war der Torwart echt gut, zumindest an diesem Tag der beste Mann, den die Gegner auf dem Feld hatten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Max hatte das Gef\u00fchl, dass er ein ordentliches Spiel machte. Er holte sich viele B\u00e4lle, legte f\u00fcr die Mitspieler ab und schoss auch selbst aufs Tor. Allein, ein Treffer wollte auch ihm nicht gl\u00fccken; einmal dachte er schon, jetzt w\u00fcrde er endlich reingehen, aber dann lenkte der Torwart den Ball doch noch irgendwie \u00fcber die Latte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>So stand es wenige Minuten vor Schluss immer noch 0:0, und nach dem bisherigen Spielverlauf war das f\u00fcr Max und seine Mannschaft eindeutig zu wenig. Einer der Mittelfeldspieler versuchte es mit Gewalt, weil er keine L\u00fccke fand, um den Ball durchzustecken, aber es sprang nur eine Ecke heraus.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Max hielt sich am langen Pfosten bereit. Der Ball kam von der rechten Seite rein, reichlich hoch, wie Max fand. Donny, der lange Innenverteidiger, der bei Standards immer mit vorne reinging, kam tats\u00e4chlich nicht richtig dran, er ber\u00fchrte den Ball zwar mit dem Kopf, konnte ihn aber nicht zum Tor hin umlenken. Nur deshalb kam der Ball zu Max durch, Max reagierte eine Winzigkeit schneller als sein Bewacher, schraubte sich hoch und erwischte den Ball mit dem Kopf. Ein guter Kopfball, das sp\u00fcrte er sofort, er hatte den Ball wuchtig getroffen, und es war ihm gegl\u00fcckt, ihn zu dr\u00fccken.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Trotzdem kam der Torwart noch dran. Er lenkte den Ball an den Pfosten, doch von dort sprang er Max direkt wieder vor die F\u00fc\u00dfe. Max brauchte nur noch den Fu\u00df hinzuhalten &#8211; Tor!<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Gef\u00fchl drohte Max zu \u00fcberw\u00e4ltigen. Klar, er hatte schon viele Tore erzielt, ganz fr\u00fcher, bevor er von seinem ersten Verein bei ihm zu Hause um die Ecke in die Jugend hier gewechselt war, manchmal acht oder neun in einem Spiel, und auch danach hatte er in fast jedem Spiel getroffen. Aber das war sein erstes Tor als Profi, vor sechstausend Zuschauern im Stadion und noch mehr, die das Spiel im Dritten Programm oder im Livestream verfolgten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im ersten Moment riss er einfach nur beide Arme hoch, einen ausgefeilten Jubel wie viele andere Profis hatte er sich nicht zurechtgelegt. Keine gekreuzten Arme wie Robert Lewandowski, kein R\u00fchren mit dem Kochl\u00f6ffel wie Serge Gnabry, keine Batman-Maske im Stutzen wie Aubameyang&#8230;<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als er daran dachte, fiel ihm das Hufeisen wieder ein, und er wusste, was er zu tun hatte. Hastig befreite er sich aus der Traube der Mitspieler, holte den Zettel aus dem Stutzen und hielt ihn in die n\u00e4chste Kamera. Ob ihm das Hufeisen Gl\u00fcck gebracht hatte, mocht dahingestellt bleiben, eigentlich war er nicht abergl\u00e4ubisch. Aber die Kleine, die es gemalt hatte, glaubte fest daran, und wenn sie gl\u00fccklich war, weil er mit ihrem Gl\u00fccksbringer im Stutzen ein Tor geschossen hatte, dann hatte es tats\u00e4chlich Gl\u00fcck gebracht.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Saison in der 3. Fu\u00dfballliga stand noch ganz am Anfang, in f\u00fcnf Minuten w\u00fcrden die Begegnungen des 3. Spieltags angepfiffen werden. Max war nerv\u00f6s wie nie zuvor, denn das Spiel w\u00fcrde der H\u00f6hepunkt seiner bisherigen Karriere sein. 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