{"id":229,"date":"2024-02-01T14:22:45","date_gmt":"2024-02-01T13:22:45","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=229"},"modified":"2024-02-01T14:22:45","modified_gmt":"2024-02-01T13:22:45","slug":"kuehlkeller","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=229","title":{"rendered":"K\u00fchlkeller"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte K\u00fchlkeller\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Cover-Kuehlkeller.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte K\u00fchlkeller\" \/>\n<p>Schon beim ersten Schritt ins Klassenzimmer stutzte Sarah. Ihr Blick war rein zuf\u00e4llig auf Henry gefallen, und der sah reichlich fertig aus. Klar, die Hitze machte allen zu schaffen, auch Sarah f\u00fchlte sich v\u00f6llig verschwitzt, obwohl sie frisch geduscht aus dem Haus gegangen war. 33 Grad waren es gestern gewesen, und f\u00fcr diesen Tag waren noch h\u00f6here Temperaturen angesagt, da reichte selbst der kurze Fu\u00dfweg zur Haltestelle am Morgen, noch weit vor der Mittagshitze, um den Schwei\u00df in Str\u00f6men flie\u00dfen zu lassen. Die Klimaanlage im Bus war auch mehr schlecht als recht gegen die Hitze angekommen, und nat\u00fcrlich war der Einsatzwagen wie jeden Tag gesteckt voll gewesen. Die meisten kamen also mehr oder weniger matschig an der Schule an und durften sich dann in v\u00f6llig aufgeheizte R\u00e4ume setzen. Aber bei Henry sah es besonders heftig aus, so, als w\u00fcrde er jeden Moment tats\u00e4chlich aus den Schuhen kippen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sarah ging zu ihrem Platz, begr\u00fc\u00dfte ihre Sitznachbarin und Freundin Eileen, stellte ihren Rucksack ab und ging dann gleich weiter zu Henry. \u201eAlles o.k.?\u201c, erkundigte sie sich. Henry zuckte mit den Schultern, ohne richtig aufzusehen. \u201eGeht\u201c, antwortete er, und seine Stimme klang so m\u00fcde, wie er aussah. \u201eBin blo\u00df tierisch m\u00fcde.\u201c \u201eSchlecht geschlafen?\u201c, fragte Sarah mitf\u00fchlend. Sie hatte im Moment auch keinen allzu guten Schlaf, eine halbe Stunde hatte sie sich am Abend bestimmt auch herumgew\u00e4lzt, weil es selbst komplett ohne Decke zu warm gewesen war. \u201eGar nicht\u201c, korrigierte Henry. \u201eIch wohne im achten Stock, direkt unter dem Flachdach, kannst dir vorstellen, was da f\u00fcr eine Bullenhitze herrscht, oder? Kriegst du auch nicht rausgel\u00fcftet, k\u00fchlt sich ja auch in der Nacht kaum ab. Hab\u2019s mit ner kalten Dusche versucht, aber ich bin schon wieder am Schwitzen, bevor ich mich abgetrocknet hab.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sarah biss sich auf die Lippen. Sie litt ja auch unter der Hitze, aber so, wie Henry es beschrieb, musste es f\u00fcr ihn zehnmal schlimmer sein. \u201eSchei\u00dfe!\u201c, fasste sie seine Lage in einem Wort zusammen. \u201eKannst du nicht bei irgendwem anders pennen? Oder, wei\u00dft du was? Komm mit zu mir, unser Haus hat ziemlich dicke W\u00e4nde, deshalb ist es bei uns nicht ganz so schlimm.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Einladung war v\u00f6llig spontan gekommen, ohne dass Sarah auch nur eine Sekunde dar\u00fcber nachgedacht h\u00e4tte. Weder hatte sie sich \u00fcberlegt, ob sie \u00fcberhaupt gut genug mit Henry befreundet war, um ihn einzuladen, noch dar\u00fcber, was die anderen sagen w\u00fcrden, wenn sie mitkriegten, dass er bei ihr pennte. Auch an ihre Eltern hatte sie keinen Gedanken verschwendet, erst als sie wieder zu Hause war, fiel ihr ein, dass Mutter und Vater bei so einer Aktion vielleicht ein W\u00f6rtchen mitreden wollten. Sie schickte ihrer Mutter eine WhatsApp und fragte, ob es o.k. war, lie\u00df aber keinen Zweifel daran, dass sie kein Nein akzeptieren w\u00fcrde.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weil ihre Mutter w\u00e4hrend der Arbeit nicht st\u00e4ndig aufs Handy gucken konnte, lie\u00df die Antwort auf sich warten. Am Ende blieb sie ungelesen, denn als ihre Mutter zur\u00fcckschrieb, war Sarah l\u00e4ngst im Freibad und hatte ihr Handy im Spind eingeschlossen. Letzten Endes brachte sie Henry also ohne Erlaubnis mit und konnte sich nur die Daumen dr\u00fccken, dass ihre Eltern sich genauso \u00fcberzeugen lie\u00dfen wie seine. Die waren auch erst skeptisch gewesen, hatte er erz\u00e4hlt, hatten aber nachgegeben, weil sie ja an sich selbst sehen konnten, was f\u00fcr eine Folter das Schlafen in der aufgeheizten Wohnung war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sarah beschloss, bis zum Beweis des Gegenteils vorauszusetzen, dass ihre Eltern sich nicht querstellten. \u201eHi, das ist Henry\u201c, stellte sie ihren Schulkameraden vor, als w\u00e4re es v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich, dass sie ihn mitbrachte. \u201eIch hab euch ja geschrieben, dass er heute bei mir schl\u00e4ft.\u201c \u201eHast du\u201c, best\u00e4tigte ihre Mutter. \u201eAber die Antwort hast du offensichtlich nicht gelesen.\u201c \u201eIch hab ewig drauf gewartet\u201c, verteidigte Sarah sich. \u201eIch wei\u00df, du kannst w\u00e4hrend der Arbeit nicht st\u00e4ndig aufs Handy gucken, aber ich hab noch mal geguckt, bevor ich das Handy in den Schrank getan hab, und da war noch nichts. Ich dachte, wenn\u2019s nicht o.k. w\u00e4re, dann h\u00e4ttest du l\u00e4ngst geschrieben.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ihre Mutter verzog den Mund. \u201eDu machst mir Spa\u00df!\u201c, seufzte sie. \u201eHast du dir auch mal \u00fcberlegt, wo du ihn unterbringen willst? Bei dir im Zimmer geht auf keinen Fall, da kommen Papa und ich in Teufels K\u00fcche, und auf der Couch macht er sich den R\u00fccken kaputt. Willst du ihn in den Keller stecken?\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu aller \u00dcberraschung, vor allem aber zu der seiner Frau, grinste Sarahs Vater, der bis jetzt noch gar nichts zum Thema gesagt hatte, pl\u00f6tzlich. \u201eDas ist vielleicht gar nicht mal die d\u00fcmmste Idee\u201c, sagte er. \u201eIch meine, angenehm frisch ist es bei uns ja auch nicht gerade, auch wenn\u2019s nicht so schlimm ist, wie ich mir eine Dachwohnung ohne Klimaanlage vorstelle. Der Keller ist sch\u00f6n k\u00fchl, und wenn die beiden sich im Vorratsraum einquartieren und wir uns nebenan im Hobbyraum, dann kann\u2019s eigentlich auch keinen \u00c4rger geben. Zumal beide R\u00e4ume keine T\u00fcr haben.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sarah atmete heimlich auf. Mit den Eltern direkt nebenan, ohne T\u00fcr, die man zumachen konnte, das kam in Sachen Peinlichkeit zwar gleich nach der Idee, das alte Babyfone wieder vom Dachboden zu holen, aber Henry wieder nach Hause schicken zu m\u00fcssen, w\u00e4re noch viel, viel schlimmer gewesen. Und das mit dem Keller war wirklich eine gute Idee.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Ende hielt sich die \u00dcberwachung in Grenzen, schon allein, weil Sarah und Henry fr\u00fcher ins Bett gingen als Sarahs Eltern. Um kurz vor acht machten sie sich bettfertig, und Sarah versuchte gar nicht erst, eine Verl\u00e4ngerung rauszuschlagen. Sie sah, dass Henry v\u00f6llig in den Seilen hing, vielleicht hatte er nur aus H\u00f6flichkeit den Gastgebern gegen\u00fcber nicht den Wunsch ge\u00e4u\u00dfert, noch fr\u00fcher schlafen zu gehen. Es dauerte dann auch nicht lange, bis er eingeschlafen war, und Sarah merkte, dass die k\u00fchle Luft im Keller auch ihr guttat.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Morgen f\u00fchlte sie sich erheblich frischer als in den letzten Tagen, und was Henry betraf, das war \u00fcberhaupt kein Vergleich zu gestern. Ein bisschen Schlaf fehlte ihm wahrscheinlich immer noch, aber immerhin hatte er mal wieder eine Nacht richtig durchschlafen k\u00f6nnen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Entsprechend lustig ging es beim Fr\u00fchst\u00fcck zu, und Sarahs Eltern schienen im Nachhinein froh zu sein, dass sie Henry nicht nach Hause geschickt hatten. Irgendwie fand Sarah es auch witzig, zusammen mit Henry zur Schule zu fahren. So bekam zwar auch jeder mit, dass er bei ihr geschlafen hatte, aber sie konnte sich ja darauf berufen, ein gutes Werk getan zu haben. Dass ihr die ganze Aktion gefallen hatte, musste sie ja niemandem erz\u00e4hlen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDeine Mutter hat meine gestern Abend noch angerufen\u201c, erz\u00e4hlte Sarah Henry noch mal einen Tag sp\u00e4ter in der Schule. Sie hatte ihn kurz vor dem ersten L\u00e4uten an die Seite gezogen. \u201eSie wollte sich bedanken, dass du bei uns schlafen durftest. Und wei\u00dft du, was meine Mutter gesagt hat?\u201c Henry sch\u00fcttelte den Kopf, offenbar hatten seine Eltern ihm nichts von dem Telefonat erz\u00e4hlt. \u201eEs h\u00e4tte ja alles super geklappt, das k\u00f6nnten wir ruhig \u00f6fter mal machen\u201c, er\u00f6ffnete Sarah ihm. \u201eUnd ich finde, das kann sie haben.\u201c<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon beim ersten Schritt ins Klassenzimmer stutzte Sarah. Ihr Blick war rein zuf\u00e4llig auf Henry gefallen, und der sah reichlich fertig aus. 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