{"id":226,"date":"2024-02-01T14:11:05","date_gmt":"2024-02-01T13:11:05","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=226"},"modified":"2024-02-01T14:11:05","modified_gmt":"2024-02-01T13:11:05","slug":"idiomatisch","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=226","title":{"rendered":"Idiomatisch"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Idiomatisch\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Cover-Idiomatisch.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Idiomatisch\" \/>\n<p>Merke: Lege dich nie mit einem Lehrer an, der von sich \u00fcberzeugt ist! Sonst sitzt du pl\u00f6tzlich im B\u00fcro des Direktors und darfst dir eine Standpauke anh\u00f6ren, in der so ziemlich alle H\u00f6llenqualen vorkommen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dr. Justus (ausgerechnet!) Walter ist so ein Lehrer, der nur schwarz und wei\u00df kennt. Alles, was sie ihm im Studium eingetrichtert haben, ist richtig, alles andere ist falsch. Und so einer unterrichtet ausgerechnet Englisch! In Mathe w\u00e4re es halb so wild, entweder ist das Ergebnis richtig, oder es ist falsch; h\u00f6chstens \u00fcber den Weg, wie man die L\u00f6sung gefunden hat, k\u00f6nnte er sich da noch beschweren. Aber Sprache ist einfach was anderes, da gibt es viel, was nicht eindeutig richtig oder falsch ist, oder es kommt auf den Zusammenhang an. Wenn ich einen Aufsatz \u00fcber eine adelige Dame schreibe und der ein herzhaftes \u201eFuck!\u201c in den Mund lege, wenn ihr was runterf\u00e4llt, mag das unpassend sein; bei anderen Leuten w\u00e4re es dagegen v\u00f6llig normal, so zu schimpfen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der letzten Arbeit hat er mir an zwei Stellen was angestrichen und <i>Ausdruck!<\/i> an den Rand geschrieben. Das bedeutet, dass das, was ich geschrieben habe, zwar kein Rechtschreib- oder Grammatikfehler ist oder keinen Sinn ergibt, dass aber niemand es so sagen w\u00fcrde. Vielleicht h\u00e4tte ich das stillschweigend hingenommen, weil ich den Walter ja kenne und wei\u00df, wie er tickt \u2013 blo\u00df, dass mich diese beiden Sachen die Zwei gekostet haben, die ich sonst f\u00fcr die Arbeit bekommen h\u00e4tte. Das konnte ich nicht so stehenlassen, zumal sich das ja auch auf die Note auf dem Zeugnis auswirken w\u00fcrde.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Also hab ich mein Heft genommen, bin zum Walter ans Pult und hab ihm erkl\u00e4rt, dass die beiden Begriffe, die ich benutzt habe, ganz normaler englischer Sprachgebrauch sind. \u201eUnsinn!\u201c, hat er das genannt. Woher ich das denn wissen wollte? Rein rhetorische Frage, das, denn zu einer Antwort hat er mir gar keine Gelegenheit gegeben. Er h\u00e4tte schlie\u00dflich studiert und w\u00e4re schon etliche Male in England gewesen, da w\u00fcrde ich mir doch wohl nicht anma\u00dfen, es besser wissen zu wollen als er, oder?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Klasse hat das nat\u00fcrlich mitgekriegt, und meine Kameraden wussten auch, wer da derjenige ist, der sich was anma\u00dft. Entsprechend heftig waren die Reaktionen, aber der Walter hat alles abgew\u00fcrgt und damit die n\u00e4chste Chance verpasst, zu begreifen, dass er auf dem falschen Dampfer ist. Dass meine Klassenkameraden zu mir halten, kann er mir nat\u00fcrlich nicht offiziell zum Vorwurf machen, aber es d\u00fcrfte doch wesentlich dazu beigetragen haben, dass er vor Wut fast geplatzt ist und mich zum Direktor geschleift hat. Jetzt sitze ich hier und darf mich belehren lassen, dass ich gut daran t\u00e4te, zu akzeptieren, wenn der Lehrer mir einen Fehler anstreicht, schlie\u00dflich k\u00f6nnte ich allein vom bisherigen Unterricht nicht so mit den Feinheiten der Sprache vertraut sein wie Dr. Walter. Darf ich lachen?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber die Situation ist alles andere als l\u00e4cherlich, denn da ich nicht bereit bin, klein beizugeben, wird auch der Direktor allm\u00e4hlich sauer. Er schimpft und droht mir sogar einen schriftlichen Tadel an, aber soll ich deswegen einen Fehler gestehen, den ich nicht gemacht habe, und die Note akzeptieren, die nicht gerecht ist?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch ich muss einsehen, dass ich hier ohne Hilfe nicht weiterkomme. Die hohen Herren sind keinem Argument zug\u00e4nglich, und vor allem h\u00f6ren sie mir nicht einmal zu. Hier geht\u2019s l\u00e4ngst ums Prinzip, und jedes Mal, wenn ich versuche, zu erkl\u00e4ren, warum ich mir so sicher bin, dass die Ausdr\u00fccke, die ich verwendet habe, vollkommen idiomatisch sind, f\u00e4llt mir der Walter ins Wort. Wenn er mich einmal ausreden lie\u00dfe, w\u00e4re die Sache l\u00e4ngst gegessen, aber darauf kann ich wohl warten bis zum Gedenktag des heiligen Nimmerlein.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Also hole ich mein Handy raus, schalte es ein und fotografiere mein Heft ab, genau die beiden Stellen, die der Walter mir angestrichen hat. Ab damit als WhatsApp an Mum. Dr. Walter und der Direx beobachten mich misstrauisch, ihre Proteste ignoriere ich gepflegt. \u201eSie kriegen gleich einen Anruf\u201c, k\u00fcndige ich an, und danach verschr\u00e4nke ich die Arme und sage kein Wort mehr.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die beiden Herren d\u00fcrfen sich ungef\u00e4hr zwei Minuten lang wappnen, dann klingelt tats\u00e4chlich das Telefon. Erst mal ist das nat\u00fcrlich nur die Sekret\u00e4rin, die dem Direktor berichtet, dass sie meine Mum auf der anderen Leitung hat, und fragt, ob sie durchstellen darf. \u201eJa, ja, stellen Sie durch\u201c, sagt der Direx genervt. Wahrscheinlich hat er sich schon zurechtgelegt, wie er ihr meine Aufs\u00e4ssigkeit begreiflich machen soll, aber so weit kommt er gar nicht. Ich kann mith\u00f6ren, obwohl das Telefon nicht auf Freisprechen steht, und muss mir ein Grinsen verkneifen. Mum nordet Dr. Walter und den Direx ein \u2013 auf Englisch. Wie die gucken! Das h\u00e4tten sie einfacher haben k\u00f6nnen \u2013 der Walter hat mich ja nicht zu Wort kommen lassen, sonst h\u00e4tte ich ihm gerne erkl\u00e4rt, dass ich fast zehn Jahre in England gelebt habe und Englisch meine zweite Muttersprache ist.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Merke: Lege dich nie mit einem Lehrer an, der von sich \u00fcberzeugt ist! Sonst sitzt du pl\u00f6tzlich im B\u00fcro des Direktors und darfst dir eine Standpauke anh\u00f6ren, in der so ziemlich alle H\u00f6llenqualen vorkommen. &nbsp; Dr. Justus (ausgerechnet!) Walter ist so ein Lehrer, der nur schwarz und wei\u00df kennt. 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