{"id":217,"date":"2024-01-30T20:46:29","date_gmt":"2024-01-30T19:46:29","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=217"},"modified":"2024-01-30T20:46:29","modified_gmt":"2024-01-30T19:46:29","slug":"das-mysterium-des-roten-flecks","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=217","title":{"rendered":"Das Mysterium des roten Flecks"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Das Mysterium des roten Flecks\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Cover-Das-Mysterium-des-roten-Flecks.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Das Mysterium des roten Flecks\" \/>\n<p>Kommissar Rainer Postka seufzte. Gerade hatte R\u00fcdiger Weber von der Bahn bei ihm angerufen, zum zweiten Mal an diesem Tag und zum vierten Mal in dieser Woche. Weber war f\u00fcr die Bahnh\u00f6fe der Stadt und der n\u00e4heren Umgebung zust\u00e4ndig; er hatte daf\u00fcr zu sorgen, dass sie immer in einem sicheren und vorzeigbaren Zustand waren. Er war auch derjenige, der die Polizei verst\u00e4ndigte, wenn Vandalen irgendwas besch\u00e4digten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seit drei Tagen lag eine Anzeige wegen Sachbesch\u00e4digung bei Kommissar Postka auf dem Schreibtisch: Ein roter Fleck unbekannter Herkunft auf dem einzigen Bahnsteig des S\u00fcdbahnhofs. Schon zum zweiten Mal, hatte Weber betont. Beim ersten Mal hatte er noch an ein Versehen geglaubt und jemanden geschickt, der den Fleck entfernte. Die Leute transportierten ja die unm\u00f6glichsten Sachen im Zug, da konnte es auch schon mal passieren, dass ein Farbeimer aus dem Baumarkt aufplatzte. Das war Tagesgesch\u00e4ft f\u00fcr die Reinigungstrupps der Bahn. Doch am Morgen nach der Reinigung des Bahnsteigs war schon wieder ein Fleck da gewesen, genauso gro\u00df und an der gleichen Stelle. Das konnte dann doch kein Zufall mehr sein, da gab Kommissar Postka Weber recht.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er hatte sich die Sache vor Ort angesehen, aber au\u00dfer dem Fleck selbst nichts Auff\u00e4lliges entdeckt. Der Fleck war fast kreisrund, hatte einen Durchmesser von ungef\u00e4hr 90 Zentimetern und war dunkelrot gef\u00e4rbt. Nach versch\u00fctteter Farbe sah er nicht aus, dann w\u00e4re eine deutlich dickere Schicht zur\u00fcckgeblieben, selbst wenn jemand versucht h\u00e4tte, ein Missgeschick wieder aufzuwischen. Kommissar Postka war sich nicht sicher, wie der Fleck entstanden war; es sah am ehesten so aus, als h\u00e4tte jemand stark gef\u00e4rbtes Wasser ausgesch\u00fcttet. Allerdings passte das weder zu einem Versehen, noch zu einem Vandalen, der den Bahnsteig absichtlich verschmutzte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Noch merkw\u00fcrdiger war, dass auf den Aufzeichnungen der Video\u00fcberwachung nichts zu sehen war. Beim ersten Fleck konnte Kommissar Postka sich das noch erkl\u00e4ren: Die Videos wurden recht bald wieder gel\u00f6scht, wenn es keine Vorf\u00e4lle gab, denen man nachgehen musste, und wahrscheinlich waren ein paar Tage vergangen, ehe die Bahn von der Existenz des Flecks erfahren hatte. Die Bahnmitarbeiter patrouillierten nicht t\u00e4glich, und kein Fahrgast w\u00fcrde wegen des Flecks extra eine Meldung machen. Beim zweiten Mal jedoch lie\u00df sich der Zeitraum, in dem der Fleck entstanden sein musste, sehr genau eingrenzen: fr\u00fchestens Montagnachmittag, nachdem das Reinigungsteam abger\u00fcckt war, das Weber wegen des Flecks losgeschickt hatte, und sp\u00e4testens am Dienstagmorgen, kurz bevor die regul\u00e4re Putzkolonne gekommen war, um zu fegen und die M\u00fclleimer zu leeren. Die Aufzeichnungen aus diesem Zeitraum waren noch nicht wieder gel\u00f6scht worden, und nat\u00fcrlich hatte Kommissar Postka sie von einem Mitarbeiter sichern und pr\u00fcfen lassen. Au\u00dferdem hatte auch Weber sich die Videos angesehen, aber auch er hatte keinen Hinweis gefunden, wann und wie genau der zweite Fleck entstanden war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vermutlich war es nicht unm\u00f6glich, unbemerkt von den Kameras auf den Bahnsteig zu kommen, wenn man unter Lebensgefahr \u00fcber die Gleise ging, statt den offiziellen Zugang zu benutzen. Das Bild, das die Kameras bei Nacht lieferten, war auch nicht berauschend, aber trotzdem \u2013 irgendwas h\u00e4tte doch zu sehen sein m\u00fcssen!<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass Weber sich wunderte und unbedingt Klarheit haben wollte, war nachvollziehbar. Das ging Kommissar Postka ja nicht anders, aber er konnte nicht so viel Zeit darauf verwenden, dieses R\u00e4tsel zu l\u00f6sen, wie Weber sich das w\u00fcnschte. Es gab bei der Polizei keine unwichtigen F\u00e4lle, nat\u00fcrlich w\u00fcrde Kommissar Postka in der Sache ermitteln, aber er musste Priorit\u00e4ten setzen. Der Fleck stellte keine Gefahr dar, und der Sachschaden war vergleichsweise gering. Da hatten der Einbrecher, der einer alten Dame fast 1000 Euro aus dem Nachtschrank gestohlen hatte, w\u00e4hrend sie geschlafen hatte, und das kranke Hirn, das die St\u00fctzpfosten eines Kletterturms auf dem Spielplatz anges\u00e4gt hatte, Vorrang. Kommissar Postka hatte versucht, das Weber zu erkl\u00e4ren, aber der verlangte h\u00f6chste Aufmerksamkeit f\u00fcr die Bahnsteig-Sache und drohte damit, sich h\u00f6heren Ortes zu beschweren. Kommissar Postka dachte bei dieser Wortwahl, dass Weber ruhig auf die Zugspitze fahren und seinen Frust rausbr\u00fcllen sollte, dann h\u00e4tte er wenigstens solange Ruhe, aber laut sagen durfte er das nat\u00fcrlich nicht.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Polizist sollte man seine Arbeit nie mit nach Hause nehmen. Das wusste Kommissar Postka, aber er wusste auch, dass das nicht so leicht war, wie die Erfinder des Ratschlags dachten. Was man in seinem Job erlebte, das konnte man nicht abstreifen wie einen Laborkittel. Nat\u00fcrlich durfte Kommissar Postka keine Dienstgeheimnisse verraten, und er versuchte auch sonst, seine Familie nicht mit seiner Arbeit zu belasten. Seine Frau Greta und die f\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen Zwillinge Annick und Tommy hatten ohnehin mit seinen unregelm\u00e4\u00dfigen Dienstzeiten, vielen \u00dcberstunden und Notrufen in der Freizeit zu k\u00e4mpfen. Aber ganz konnte er nicht verhindern, dass Frau und Kinder seine Stimmung sp\u00fcrten und daraus R\u00fcckschl\u00fcsse zogen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eNerviger Tag?\u201c, fragte Annick rundheraus. Kommissar Postka nickte und erz\u00e4hlte, was er erz\u00e4hlen durfte \u00fcber das R\u00e4tsel des roten Flecks und den Bahnmitarbeiter Weber, der ihn mit seinen Nachfragen nervte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eStrange!\u201c, befand Annick. \u201eAber vielleicht kommt der Fleck von unten?\u201c \u201eDu meinst, ein leckes Rohr?\u201c, fragte ihr Vater nach. Das hatte er sich auch schon \u00fcberlegt, aber Weber hatte ihm glaubhaft versichert, dass unter dem Bahnsteig keine Rohre f\u00fcr was auch immer verliefen. Lediglich Kabel f\u00fcr die Bahnsteigbeleuchtung und die Lautsprecher waren unter dem Pflaster verlegt, aber daf\u00fcr gab es einen Kanal genau in der Mitte, weit weg von der Stelle, an der sich der Fleck befand.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am \u00fcbern\u00e4chsten Tag erhielt Kommissar Postka nachmittags \u00fcberraschend Besuch im B\u00fcro. Seine Zwillinge st\u00fcrmten herein, ohne seine Antwort auf ihr Klopfen abzuwarten, und sie wirkten aufgeregt. \u201eWir haben den Bahnhof beobachtet!\u201c, berichtete Annick, ohne sich mit einer Begr\u00fc\u00dfung aufzuhalten. \u201eUnd jetzt guck dir das an!\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie hielt ihm ihr Handy hin und lie\u00df einen Film laufen, der eindeutig den Bahnsteig des S\u00fcdbahnhofs zeigte. Es war genau die Stelle mit dem Fleck, und offenbar war sie gereinigt worden, kurz bevor Annick angefangen hatte zu filmen. Das Video musste am Vorabend aufgenommen worden sein, denn es begann gerade zu d\u00e4mmern, und Kommissar Postka wusste auch, dass Weber den neuen Fleck am sp\u00e4ten Nachmittag hatte wegmachen lassen wollen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Bild war verpixelt, weil die Handykamera nicht f\u00fcr Aufnahmen bei schlechten Lichtverh\u00e4ltnissen ausgelegt war. Das machte es schwer, Details zu erkennen, aber es war doch zu sehen, wie sich genau an der Stelle, an der die Reinigungsleute gerade erst die Steine saubergeschrubbt hatten, wieder ein Fleck ausbreitete. Jemand, der daf\u00fcr h\u00e4tte verantwortlich sein k\u00f6nnen, war nicht zu sehen. Am Rand des Bildes waren ein paar Leute zu erkennen, aber von denen benahm sich niemand irgendwie auff\u00e4llig. Au\u00dferdem waren alle zu weit weg.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Moment \u00fcberlegte Kommissar Postka, ob jemand etwas mit einer Drohne abgeworfen hatte. Doch auf dem Video war nichts zu erkennen, was herunterfiel, und es war auch unwahrscheinlich, dass von den Umstehenden niemand auf so einen Vorfall reagiert h\u00e4tte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDas h\u00e4tten wir gesehen und geh\u00f6rt\u201c, versicherte Tommy, als der Vater zur Sicherheit nachfragte. \u201eDa war nichts.\u201c \u201eAlso doch ein leckes Rohr\u201c, folgerte Kommissar Postka. \u201eIrgendein uraltes Ding, das auf den Pl\u00e4nen der Bahn falsch oder gar nicht eingezeichnet ist.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch zu seiner \u00dcberraschung sch\u00fcttelten die Zwillinge einhellig den Kopf. \u201eWir haben noch mehr rausgefunden\u201c, erkl\u00e4rte Annick. Augenscheinlich war sie die treibende Kraft gewesen, was aber nicht bedeutete, dass ihr Bruder nur widerwillig mitgemacht h\u00e4tte. Sie legte das Handy zur Seite und holte einen zusammengefalteten Bogen Papier aus der Tasche. Als sie ihn auseinanderfaltete, sah Kommissar Postka, dass es sich um eine Kopie eines Zeitungsartikels handelte. Annick reichte ihm das Blatt, und er las.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Artikel datierte aus dem Jahr 1972 und betraf einen jungen Mann, der damals vermisst worden war. Burkhart F\u00e4rber, 18 Jahre alt, mitten in der Ausbildung zum Koch, in keiner Weise auff\u00e4llig geworden, und niemand hatte eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr sein Verschwinden. Der Fall war bis zum heutigen Tag ungel\u00f6st, aber Kommissar Postka vermisste den Zusammenhang mit dem Fall, der ihn aktuell nervte. Ein Licht ging ihm erst auf, als er las, wo der Vermisste zuletzt gesehen worden war: in unmittelbarer N\u00e4he des S\u00fcdbahnhofs!<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jetzt konnte der Kommissar sich denken, was Annick und Tommy durch den Kopf ging. War F\u00e4rber ermordet und seine Leiche unter dem Bahnsteig vergraben worden? Das Pflaster aufzunehmen, eine Grube auszuheben, die Leiche verschwinden zu lassen und den Bahnsteig wiederherzustellen, w\u00e4re allerdings ein ziemlicher Aufwand gewesen; es sei denn&#8230;<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWir haben noch was nachgeguckt\u201c, er\u00f6ffnete Tommy ihm, ehe er den Gedanken zu Ende denken konnte. \u201eGenau zu der Zeit ist der Bahnsteig umgebaut worden. Wenn er ermordet wurde, dann w\u00e4re es doch leicht gewesen, ihn irgendwo am Boden der Baugrube zu verscharren, und die Bauarbeiter haben den Rest erledigt, ohne es zu wissen.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das klang logisch, auch wenn Kommissar Postka jemanden aus dem Kriminallabor w\u00fcrde fragen m\u00fcssen, ob es m\u00f6glich war, dass eine Leiche unter dem Pflaster nach so langer Zeit anfing, Flecken zu verursachen. \u201eDann kannst du ihnen gleich das hier mitgeben\u201c, meinte Annick trocken. Sie legte einen Plastikbeutel auf den Tisch, der ein Papiertaschentuch mit r\u00f6tlichen Schlieren enthielt. \u201eWir haben ein bisschen was von dem Fleck aufgewischt, damit es untersucht werden kann.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf das Laborergebnis w\u00fcrde Kommissar Postka zwei Tage warten m\u00fcssen. Selbst das war nur m\u00f6glich, weil er jemanden kannte, der bereit war, eine \u00dcberstunde daf\u00fcr einzulegen. Bei einem Fall, bei dem niemand unmittelbar bedroht zu sein schien, konnte es sonst auch mehrere Wochen dauern, bis das Ergebnis vorlag, das Labor war mehr als ausgelastet.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zur Sicherheit wies der Kommissar Weber an, den neuerlich aufgetauchten Fleck nicht entfernen zu lassen. Stattdessen sollte der Bereich um den Fleck abgesperrt werden, am besten mit Flatterband, damit es nicht nach Tatort aussah. Weber war sichtlich gespalten; auf der einen Seite froh, dass die Polizei endlich ernsthaft ermittelte, auf der anderen Seite aber auch nicht gl\u00fccklich mit der Beeintr\u00e4chtigung der Reisenden durch die teilweise Sperrung des Bahnsteigs.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kommissar Postkas Freund vom Labor rief an, um die Ergebnisse mitzuteilen. Das war ungew\u00f6hnlich, normalerweise wurden solche Berichte schriftlich verschickt. Aber der Experte wusste nicht, was er von den Resultaten seiner Tests halten sollte, und wollte mit Hilfe des Kommissars Klarheit in die Sache bringen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Verdacht von Annick und Tommy hatte sich best\u00e4tigt: Was sie mit dem Taschentuch von dem Fleck sichergestellt hatten, war Blut, menschliches Blut. Kommissar Postka hatte sich inzwischen die Akte zum Vermisstenfall Burkhart F\u00e4rber besorgt und glich die Blutgruppe ab, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, dass aus einer Leiche nach so langer Zeit noch Blut aufsteigen konnte. Wenn die Leiche nicht mumifiziert war, dann musste sie l\u00e4ngst skelettiert sein.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fakt war aber auch, dass irgendwas unter dem Pflaster des Bahnsteigs liegen musste. Dass sich irgendwer einen Scherz mit Blutkonserven erlaubte, die er irgendwo abgezweigt hatte, war wohl wenig realistisch. Also wurde es Zeit, einen Blick unter die Oberfl\u00e4che zu werfen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Daf\u00fcr r\u00fcckte am n\u00e4chsten Morgen ein gro\u00dfes Aufgebot an, Spezialisten der Spurensicherung, denen kein noch so verstecktes Detail entgehen w\u00fcrde, aber auch solche, die mit schwerem Ger\u00e4t umzugehen verstanden. Noch hatte Kommissar Postka die F\u00e4den in der Hand, aber sollte sich der Verdacht best\u00e4tigen, dann w\u00fcrde eine Mordkommission den Fall \u00fcbernehmen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Pflaster wurde Stein f\u00fcr Stein aufgenommen, und danach St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck der Unterbau. Das war schon anders als die Spurensicherung bei einem Einbruch, und die Bef\u00fcrchtung, was die Suche ans Tageslicht bringen w\u00fcrde, dr\u00fcckte auf die Stimmung.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es dauerte und dauerte, und fast glaubte Kommissar Postka schon, dass sie doch nichts finden w\u00fcrden. Die Leute waren ja schon fast zwei Meter tief! Selbst wenn dort etwas war, wie sollte das Blut seinen Weg nach oben finden? Es gab auch keine Spur in Schotter und Erdreich, nur die Pflastersteine waren an der Oberseite rot gef\u00e4rbt. Kommissar Postka hoffte, dass die Experten ihm daf\u00fcr eine Erkl\u00e4rung liefern w\u00fcrden.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war schon fast Mittag, als die Spurensicherer f\u00fcndig wurden: In zweieinhalb Metern Tiefe stie\u00dfen sie auf ein Skelett. Das war der Punkt, an dem Kommissar Postka die Verantwortung an die Kollegen vom zust\u00e4ndigen Dezernat \u00fcbergeben musste, aber er blieb vor Ort, bis der Tote geborgen war, und lie\u00df sich \u00fcber den Fortgang der Ermittlungen informieren.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine erste Identifizierung war leicht, denn der Tote war mit seiner Kleidung und allem Inhalt seiner Taschen eingegraben worden, und Kunstfasern zersetzten sich auch im Erdreich nur langsam. Die Spurensicherung hatte einen Personalausweis gefunden und damit den Toten vorl\u00e4ufig als Burkhart F\u00e4rber identifiziert. DNA-Analyse und Abgleich des Zahnbildes w\u00fcrden in wenigen Tagen endg\u00fcltige Gewissheit bringen, und dann w\u00fcrde man auch die Angeh\u00f6rigen informieren k\u00f6nnen, so es noch welche gab. Sie w\u00fcrden erleichtert sein, denn die Erfahrung sagte, dass die meisten Angeh\u00f6rigen die Best\u00e4tigung des Todes besser ertragen konnten als die Ungewissheit.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eTrotzdem, die Sache bleibt r\u00e4tselhaft\u201c, berichtete Kommissar Postka seinen Zwillingen. Die Experten hatten n\u00e4mlich zweifelsfrei nachgewiesen, dass das Blut, das an die Oberfl\u00e4che gekommen war, dem Toten unter dem Bahnsteig geh\u00f6rte, aber sie hatten Kommissar Postka keine schl\u00fcssige Erkl\u00e4rung daf\u00fcr liefern k\u00f6nnen, wo es hergekommen sein konnte, wo doch vom K\u00f6rper nur noch das Skelett \u00fcbrig war. Vielleicht ein Perverser, der das Blut nach dem Mord abgezapft und aufbewahrt hatte, um es jetzt auf eine makabre Art zur\u00fcckzubringen, hatte ein sichtlich verwirrter Spurensicherer zaghaft gemutma\u00dft; dann blieb aber trotzdem die Frage, warum weder die \u00dcberwachungskamera jemanden eingefangen hatte, noch Spuren einer Vorrichtung zu finden waren, die das Blut freigesetzt haben k\u00f6nnte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eUnd da gibt es noch etwas, das merkw\u00fcrdig ist\u201c, fuhr Kommissar Postka fort. \u201eIch hab nachgeschaut, ob es jemanden gibt, den man benachrichtigen kann, wenn der Tote endg\u00fcltig identifiziert ist. Leider ist niemand mehr von seiner Familie am Leben \u2013 der Vater ist schon seit Jahren tot, der Bruder hatte einen t\u00f6dlichen Autounfall, und seine Mutter ist Anfang des Jahres gestorben. Der Letzte, der noch daran gearbeitet hat, das Schicksal des jungen Mannes aufzukl\u00e4ren, war ein ehemaliger Kollege, der nach seiner Pensionierung privat einige alte F\u00e4lle wieder aufgerollt hat, die zu seiner Dienstzeit nicht gel\u00f6st werden konnten. Er ist letzte Woche Dienstag gestorben.\u201c \u201eMoment mal!\u201c, schaltete Annick sofort. \u201eDas war doch der Tag, an dem das Blut zum ersten Mal zu sehen war, oder?\u201c Der Kommissar nickte. \u201eMeinst du, das hat was zu bedeuten?\u201c, wollte Tommy wissen. Sein Vater zuckte unsicher mit den Schultern. \u201eEs h\u00f6rt sich verr\u00fcckt an, aber ich musste daran denken, dass uns der Tote einen Hinweis geben wollte, nachdem niemand mehr da war, um nach ihm zu suchen. Vielleicht hatte Shakespeare ja doch recht mit dem, was er Hamlet in den Mund gelegt hat.\u201c<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kommissar Rainer Postka seufzte. 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