{"id":211,"date":"2024-01-30T19:58:11","date_gmt":"2024-01-30T18:58:11","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=211"},"modified":"2024-01-30T19:58:11","modified_gmt":"2024-01-30T18:58:11","slug":"eis","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=211","title":{"rendered":"Eis?"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Eis?\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Cover-Eis.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Eis?\" \/>\n<p>Es waren die ersten richtig warmen Tage des Jahres, und gleich st\u00f6hnten die Leute wieder \u00fcber die Hitze. Es war nicht so, dass Johannes das nicht verstanden h\u00e4tte, denn er fand knapp 30 Grad auch entschieden zu warm \u2013 er am\u00fcsierte sich nur immer wieder dar\u00fcber, dass die gleichen Leute, die sich vor nicht allzu langer Zeit noch \u00fcber den langen Winter beschwert und gemeint hatten, es m\u00fcsste doch endlich w\u00e4rmer werden, jetzt auch wieder nicht zufrieden waren. Tja, leicht hatte man es nicht als Wettergott, irgendwie konnte man es niemandem recht machen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Johannes sa\u00df auf einem M\u00e4uerchen am Rand eines kleinen Platzes im Zentrum des Stadtteils, in dem er wohnte. Der Platz lag im Winkel einer Stra\u00dfenkreuzung, und gut die H\u00e4lfte der H\u00e4user ringsrum hatte ein Ladenlokal im Erdgeschoss. Zu den Gesch\u00e4ften, die dort vertreten waren, geh\u00f6rte auch eine Eisdiele, und die hatte in diesen Tagen eindeutig am meisten Zulauf. Den zweiten Platz mochte derzeit vielleicht der Friseur schr\u00e4g gegen\u00fcber belegen, dank der Kunden, die sich die im Winter zu einem W\u00e4rmespeicher gewachsene Frisur auf ein sommertaugliches Ma\u00df lichten lie\u00dfen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die niedrige Mauer, die den h\u00f6chstens zwei Meter breiten Streifen Vorgarten einer Arztpraxis abschloss, lag anders als der gr\u00f6\u00dfte Teil des Platzes im Schatten, aber selbst hier war es noch w\u00e4rmer als Johannes es haben mochte. Er hatte sich ein Eis geg\u00f6nnt, bevor er nach Hause musste, und weil er die Zeit noch hatte, hatte er sich entschieden, es lieber hier zu essen als unterwegs. Auf dem Rest seines Heimwegs gab es so gut wie keinen Schatten, und in der prallen Sonne h\u00e4tte er gar nicht so schnell schlecken k\u00f6nnen, wie das Eis davonrannte. Selbst hier musste er ja schon aufpassen, dass er die Tropfen, die sich bildeten, mit der Zunge auffing, ehe sie au\u00dfen an der Waffel runterliefen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend er sein Eis a\u00df, beobachtete Johannes das gem\u00e4chliche Treiben auf dem Platz. Niemand bewegte sich mehr als unbedingt n\u00f6tig, selbst der \u00e4ltere Herr, der wohl jeden Tag seine Runde durchs Viertel joggte, schien den Tempomaten heute ein gutes St\u00fcck niedriger eingestellt zu haben. Johannes kannte ihn nicht mit Namen und wusste auch nicht genau, wo er wohnte, sah ihn aber oft joggen, und das immer ungef\u00e4hr um die gleiche Zeit.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch die meisten anderen kannte er zumindest vom Sehen, denn der Platz mit den Gesch\u00e4ften drumrum war kein Einkaufszentrum mit riesigem Einzugsgebiet. Hierhin kamen die Leute, die in der N\u00e4he wohnten, wenn sie zwischendurch etwas brauchten, das waren auch nicht so wenige, denn sonst h\u00e4tten sich die Gesch\u00e4fte ja nicht halten k\u00f6nnen, am Ende aber doch ein \u00fcberschaubarer Personenkreis. Das galt insbesondere auch f\u00fcr die Kinder und Jugendlichen, von denen die, die nicht noch im Grundschulalter oder darunter waren, auch fast alle auf die gleiche Schule gingen wie Johannes.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Umso mehr fiel dann nat\u00fcrlich jemand auf, der ihm noch nie \u00fcber den Weg gelaufen war, wie das M\u00e4dchen, das jetzt an der H\u00e4userzeile entlangging. Johannes stutzte und \u00fcberlegte \u2013 nein, kein Zweifel, dieses M\u00e4dchen hatte er wirklich nie zuvor gesehen. Seidige rote Haare, helle, fast wei\u00dfe Haut, grazile Gestalt, das w\u00e4re ihm garantiert im Ged\u00e4chtnis geblieben. Unwillk\u00fcrlich folgte er dem Weg des M\u00e4dchens mit den Augen und \u00fcberlegte dabei, was es hier zu tun hatte. War es neu in der Gegend, frisch hergezogen? Oder nur zu Besuch?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen hielt auf die Eisdiele zu, an der reger Andrang herrschte. Die Tische, die der Wirt drau\u00dfen aufgestellt hatte, waren sowieso bis auf den letzten Platz besetzt, und vor dem Verkaufsfenster standen bestimmt sieben oder acht Leute an.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu Johannes\u2018 \u00dcberraschung reihte das M\u00e4dchen sich nicht ein. Es blieb ungef\u00e4hr drei oder vier Schritte vom Ende der Schlange entfernt stehen und starrte auf die Vitrine mit dem Eis. Drei, vier Minuten stand es bestimmt so, dann wandte es sich abrupt ab und ging auf dem gleichen Weg zur\u00fcck, auf dem es gekommen war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eKeine Lust auf Eis?\u201c, sprach Johannes es spontan an, als es auf ihn zukam. Der Mund war viel schneller als der Verstand, sonst h\u00e4tte er sich die Frage vielleicht verkniffen. Schlie\u00dflich kannte er das M\u00e4dchen \u00fcberhaupt nicht, und er war bestimmt kein Aufrei\u00dfer, der mit jedem M\u00e4dchen sch\u00e4kerte, das in seine Reichweite kam. \u201eGibt doch nichts Besseres bei der Hitze!\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen blieb stehen und zuckte mit den Schultern. \u201eMacht mir nichts aus\u201c, behauptete es. Das konnte Johannes kaum glauben, alle st\u00f6hnten doch unter den Temperaturen, selbst seine Mutter, und die war das verfrorenste Wesen, das er kannte! Aber das M\u00e4dchen wirkte tats\u00e4chlich erstaunlich frisch, es schwitzte nicht, so weit sich das erkennen lie\u00df, und die W\u00e4rme schien es auch nicht so tr\u00e4ge zu machen, wie Johannes sich derzeit f\u00fchlte. Kam es ihm nur so vor, oder ging sogar K\u00fchle von dem M\u00e4dchen aus?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es musste wohl wirklich so sein, denn als es sich verabschiedete und weiterging, sp\u00fcrte er die Hitze wieder umso st\u00e4rker. Wie konnte das sein? Ein K\u00fchlakku in der Tasche? Das war die einzige Erkl\u00e4rung, die ihm einfiel, die auch nur einen Hauch von Wahrscheinlichkeit zu besitzen schien, aber komisch war es schon. Er dachte noch dar\u00fcber nach, als er zu Hause war, zwei Gl\u00e4ser Sprudel auf ex nahm und sich am Waschbecken kaltes Wasser \u00fcber H\u00e4nde und Unterarme laufen lie\u00df.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag traf Johannes das M\u00e4dchen an der gleichen Stelle wieder. Er hatte darauf gehofft, dass es wieder vorbeikommen w\u00fcrde, denn irgendwie hatte es seine Neugier geweckt. Er konnte es nicht in Worte fassen, h\u00fcbsch und geheimnisvoll war es, er wollte wenigstens versuchen, ein bisschen was herauszufinden. Das Risiko, abgewiesen zu werden, bestand nat\u00fcrlich, aber er wollte es zumindest versuchen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Szene glich der vom Vortag aufs Haar: Johannes sa\u00df mit seinem Eis auf der Mauer, das M\u00e4dchen ging an ihm vorbei zur Eisdiele, holte sich dann doch kein Eis, und auf dem R\u00fcckweg sprach Johannes es an. Es hatte das gleiche helle Kleid an wie am Vortag, und er sp\u00fcrte auch wieder die Frische, die es verstr\u00f6mte. Bereitwillig blieb es stehen, und es nannte auch einen Namen: Mia.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seine Frage, wo sie wohnte, beantwortete Mia mit einer vagen Armbewegung Richtung Nachmittagssonne. Das konnte irgendwo die Stra\u00dfe runter bedeuten, drei Stra\u00dfen weiter oder auch im Nachbarstadtteil. Wahrscheinlich Letzteres, denn das erkl\u00e4rte auch, warum sie nicht auf seine Schule ging. Sie las gern, vertraute sie ihm an, und war gern Schwimmen gegangen. War? Johannes wunderte sich, aber als er nachfragte, erntete er nur ein Schulterzucken.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend zu Hause h\u00f6rte Johannes zuf\u00e4llig ein Gespr\u00e4ch zwischen seinen Eltern mit. Die Mutter erz\u00e4hlte dem Vater, was sie von einer Freundin mitbekommen hatte: Nur ein paar Kilometer entfernt war vor einer Woche ein M\u00e4dchen von einem Auto angefahren worden. Es hatte sich am Nachmittag rasch ein Eis holen wollen, wahrscheinlich hatte es geguckt, bevor es die Stra\u00dfe \u00fcberquert hatte, aber das Auto war viel zu schnell unterwegs gewesen. Obwohl das M\u00e4dchen scheinbar kaum verletzt gewesen war, war es nach ein paar Stunden im Krankenhaus gestorben, und gestern war es auf dem Friedhof, der zwei Stra\u00dfen von Johannes\u2018 Haus entfernt war, beerdigt worden.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich war Johannes alles klar, und er wunderte sich, dass er nicht erschrak. Es passte alles zusammen, der Zeitpunkt des Auftauchens, das Umkehren kurz vor der Eisdiele, die K\u00fchle: Das M\u00e4dchen, von dem seine Mutter sprach, war Mia \u2013 Mia war ein Geist.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es waren die ersten richtig warmen Tage des Jahres, und gleich st\u00f6hnten die Leute wieder \u00fcber die Hitze. 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