{"id":2088,"date":"2026-01-01T19:22:27","date_gmt":"2026-01-01T18:22:27","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=2088"},"modified":"2026-01-01T19:22:27","modified_gmt":"2026-01-01T18:22:27","slug":"weihnachten-auf-der-autobahn","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=2088","title":{"rendered":"Weihnachten auf der Autobahn"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Weihnachten auf der Autobahn\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Cover-Weihnachten-auf-der-Autobahn.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Weihnachten auf der Autobahn\" \/>\n<p>Besorgt schaute Henrys Vater zum Himmel, der sich mehr und mehr zuzog. \u201eVerflixt\u201c, meinte er, \u201eda kommt gleich was runter!\u201c \u201eDu meinst, es schneit?\u201c, vergewisserte Henry sich. \u201eIst doch super! Und wir haben doch Winterreifen, oder?\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war der Morgen des 24. Dezember, und sie waren dabei, die letzten Kleinigkeiten ins Wohnmobil zu packen. In ein oder zwei Stunden wollten sie losfahren in den Winterurlaub: Erst zu einer Tante, die in Th\u00fcringen wohnte, und am n\u00e4chsten Tag weiter nach Oberbayern, wo es ebenfalls Verwandte gab. An Silvester w\u00fcrden sie zur\u00fcckfahren, Henrys Eltern mussten nach Neujahr direkt wieder arbeiten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWir schon\u201c, best\u00e4tigte Henrys Vater die Vermutung wegen der Reifen. \u201eAber es sind bestimmt wieder genug Leute mit Sommerreifen oder total abgenudelten Schluffen unterwegs. Sch\u00e4tzte, wenn\u2019s wirklich anf\u00e4ngt zu schneien, dann wird\u2019s Abend, bis wir bei Tante Cornelia sind.\u201c Eigentlich wollten sie am Nachmittag schon da sein, um noch bei den Vorbereitungen f\u00fcr die gemeinsame Weihnachtsfeier zu helfen. Henry freute sich darauf, vor allem, weil er seinen Cousin Julius, der wie er zehn Jahre alt war, sowieso so selten sah. Er war nicht so besorgt wie sein Vater, Winterreifen waren doch vorgeschrieben, oder?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Henry mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Adriana losfuhr, hatte es tats\u00e4chlich zu schneien begonnen. Es schneite sogar recht ordentlich, und auf dem Boden hatte sich schon eine zwei oder drei Zentimeter dicke Schneeschicht angesammelt. Dem Wohnmobil konnte das nichts anhaben, und Henrys Eltern, die sich am Steuer abl\u00f6sen w\u00fcrden, waren gute Autofahrer.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch schon in der Stadt merkte man, dass nicht alle so gut vorbereitet waren. An einer Ampel kam der Wagen vor ihnen beim Anfahren kr\u00e4ftig ins Rutschen, und als sie an einer Einm\u00fcndung vorbeifuhren, sah Henry einen Lieferwagen, der offenbar in die am Stra\u00dfenrand geparkten Fahrzeuge geschlittert war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch auf der Autobahn war es z\u00e4h, schon als sie auffuhren, rollten die Autos dicht an dicht mit geringer Geschwindigkeit. \u201eHoffentlich sind die alle nur unterwegs, um noch Geschenke zu kaufen!\u201c, sagte Henrys Mutter. An der \u00fcbern\u00e4chsten Ausfahrt lag ein Einkaufszentrum, wenn es die Mehrheit der Menschen in den anderen Autos dorthin zog, w\u00fcrden sie also bald wieder z\u00fcgiger vorankommen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich fuhren an der betreffenden Ausfahrt viele Autos von der Autobahn ab, und auf der Abfahrtsspur staute es sich zur\u00fcck. Aber auch als Henry und seine Familie daran vorbei waren, ging es nur unwesentlich schneller voran. Henrys Vater vermutete, dass einfach zu viele dieselbe Idee gehabt hatten wie er und Henrys Mutter: Sie hatten am Vortag noch gearbeitet und nur f\u00fcr die Tage zwischen Weihnachten und Silvester Urlaub genommen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Durch den z\u00e4hen Verkehr waren Henry und seine Familie nach einer halben Stunde schon deutlich hinter dem Plan. Das war nicht nur die Masse an Autos, auch der Schnee schien daran mehr Anteil zu haben, als Henry gedacht h\u00e4tte. Gestreut worden war offenbar noch nicht, und Henry fragte sich, wie jetzt \u00fcberhaupt noch ein Streufahrzeug durchkommen sollte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und dann ging pl\u00f6tzlich gar nichts mehr. Der Verkehr stockte, und keines der vielen R\u00fccklichter, die Henry vor ihnen sehen konnte, r\u00fchrte sich. \u201eDa ist irgendwas passiert\u201c, vermutete Henrys Vater seufzend. \u201eUnfall oder so. Das kann dauern.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Henrys Mutter holte ihr Handy aus der Handtasche, um im Internet die Verkehrsmeldungen abzurufen. \u201eHier steht noch nichts\u201c, stellte sie fest. \u201eStockender Verkehr auf drei Kilometern, aber nichts mit Stau.\u201c \u201eKommt vielleicht noch\u201c, meinte Henrys Vater. \u201eDie sind ja auch drauf angewiesen, dass es einer meldet, und vielleicht ver\u00f6ffentlichen sie das dann auch gar nicht direkt, sondern erst, wenn sie genug Meldungen haben, dass sie sicher sind, dass da keiner Bl\u00f6dsinn meldet. Kommt ja bestimmt auch vor.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Antwort gab es f\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter, denn da wurde aus der vergleichsweise harmlosen Meldung eine, die Potenzial hatte, es in die Nachrichten zu schaffen. Die Autobahn war dicht, und zwar gr\u00fcndlich, und es war nicht abzusehen, wie lange. Gleich mehrere LKW waren an einem Anstieg liegengeblieben, niemand wagte eine Prognose, wann die Strecke wieder frei sein w\u00fcrde.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schnell w\u00fcrde es auf jeden Fall nicht gehen, das war klar, und die Nachrichten, die zur vollen Stunde im Radio kamen, best\u00e4tigten es: Die LKW hatten sich kreuz und quer ineinander verkeilt, und noch wusste niemand, wie man dieses Kn\u00e4uel wieder entwirren sollte. Selbst wenn man bereit war, ein paar Kratzer und verbogene Bleche hinzunehmen, zus\u00e4tzlich zu den Blechsch\u00e4den, die schon passiert waren, musste man erst mal einen LKW finden, den man als Ersten rausziehen konnte. Es durfte ja auch nicht passieren, dass ein Laster dadurch ins Rutschen kam und wom\u00f6glich die wartenden Autos rammte, die nicht zur\u00fcckweichen konnten. Auch die Tanks durften nicht aufgerissen werden, und vielleicht hatte auch einer der LKW eine gef\u00e4hrliche Ladung. Nicht auszudenken, wenn ein Tanklaster explodierte oder eine Ladung aus schweren Metallrollen oder Kabeltrommeln den Berg hinunterrollte!<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Wartezeit zog sich. Inzwischen standen sie seit zwei Stunden an derselben Stelle, und nichts deutete darauf hin, dass es demn\u00e4chst weitergehen w\u00fcrde. Trotzdem fand Henry die Situation ganz ertr\u00e4glich, das war der Vorteil des Wohnmobils. Essen und Getr\u00e4nke w\u00fcrden ihnen so schnell nicht ausgehen, es gab eine Heizung, die unabh\u00e4ngig war vom Motor, eine kleine K\u00fcche und ein Klo. In einem der F\u00e4cher \u00fcber dem Tisch lagen B\u00fccher, Karten- und Brettspiele, es w\u00fcrde also auch nicht langweilig werden. Adriana hockte auf dem Boden und spielte mit ihren Puppen, die die Reise nat\u00fcrlich mitmachten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Andere hatten es nicht so gut, sie sa\u00dfen deutlich beengter in ihren PKW und mussten sich \u00fcberlegen, wie oft und wie lange sie den Motor laufen lassen konnten, um zu heizen. Viele, die keine so lange Strecke hatten fahren und am gleichen Tag wieder hatten zu Hause sein wollen, hatten sicherlich auch kaum oder gar nichts zu essen und zu trinken dabei.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um zu verhindern, dass jemand in seinem Auto erfror, r\u00fcckten Feuerwehr, Rettungsdienste und THW mit kleinen Trupps aus, die die Menschen mit hei\u00dfem Tee und warmen Wolldecken versorgten. Die Sachen zogen sie auf Schlitten hinter sich her, w\u00e4hrend sie sich von Auto zu Auto vorarbeiteten. Auch bei Henry und seiner Familie hatten sie angeklopft, aber die f\u00fchlten sich gut versorgt. Trotzdem waren sie dankbar, dass es Menschen gab, die sich dieser M\u00fche unterzogen, um anderen zu helfen. Die Helfer hatten sich ihren Heiligabend doch bestimmt auch anders vorgestellt, als mit dem Schlitten die Autobahn entlangzulaufen und Tee auszuschenken!<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Henry wusste, dass es eigentlich verboten war, auszusteigen, wenn man mit dem Auto im Stau stand. Aber in dieser Situation, wo es noch Stunden dauern konnte, bis sich etwas r\u00fchrte, hielten sich viele nicht daran, und es war wohl auch unvermeidlich, irgendwann mal auszusteigen. Wer so lange sa\u00df, brauchte zwischendurch ein paar Minuten Bewegung, und irgendwann auch ein Klo; da waren die PKW nat\u00fcrlich nicht so gut ausgestattet wie ein Wohnmobil.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eher zuf\u00e4llig beobachtete Henry, wie an einem Auto hinter ihnen, vielleicht zwanzig Meter entfernt, die hintere rechte T\u00fcr ge\u00f6ffnet wurde. Ein M\u00e4dchen stieg aus, wobei es sorgf\u00e4ltig schaute, ob kein Einsatzfahrzeug den Seitenstreifen entlanggeprescht kam, oder ein Auto, dessen Fahrer glaubte, so schneller wegzukommen. Es huschte \u00fcber den Seitenstreifen, kletterte \u00fcber die Leitplanke und ging dahinter in die Hocke. F\u00fcr den Moment sah Henry nur den blonden Haarschopf, w\u00e4hrend ihm kurz durch den Kopf ging, dass es f\u00fcr das M\u00e4dchen ziemlich kalt sein musste hintenrum.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erst als das M\u00e4dchen fertig war und wieder \u00fcber die Leitplanke stieg, sah er, dass er es kannte. Davon ab, dass er es bis dahin nur von der Seite und von hinten gesehen hatte, lag es wohl daran, dass er nicht damit gerechnet hatte, hier im Stau ein bekanntes Gesicht zu sehen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inga ging seit Beginn des Schuljahres mit ihm in eine Klasse. Viel wusste er nicht \u00fcber sie, und sie hatte ihn auch nicht nennenswert interessiert. Die Jungen gaben sich insgesamt nicht viel mit den M\u00e4dchen ab und umgekehrt; au\u00dferdem war Inga oft mit Freda und Marisa zusammen, und die konnte Henry nicht leiden. Er fand die beiden zickig, und sie hatten nur irgendwelche TikTok-Stars im Kopf. Nat\u00fcrlich hatten beide auch selbst einen Account, obwohl sie das noch gar nicht durften. Ob Inga da aktiv mitmachte, wusste Henry nicht, aber zumindest hielt es sie nicht davon ab, die Pausen mit Freda und Marisa zu verbringen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inga hatte es offensichtlich eilig, zur\u00fcck ins Auto zu kommen, und bemerkte Henry nicht, der nur den Kopf aus dem Seitenfenster des Wohnmobils gestreckt hatte. Einerseits war Henry erleichtert deswegen, er wusste nicht, was passiert w\u00e4re, wenn sie ihn erkannt h\u00e4tte. Andererseits f\u00fchlte er etwas, von dem er erst mit Verz\u00f6gerung begriff, dass es so etwas wie Entt\u00e4uschung sein musste. Auch wenn er lesen konnte, irgendwie war es doch langweilig, es w\u00e4re sch\u00f6n gewesen, jemanden zu haben, mit dem er sich die Zeit vertreiben konnte. Er war nicht mit Inga verfeindet, und sie waren in der gleichen Lage; da h\u00e4tten sie sich schon f\u00fcr eine Weile zusammenraufen k\u00f6nnen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcnf oder zehn Minuten rang er mit sich. \u201eHinter uns ist Inga aus meiner Klasse\u201c, erz\u00e4hlte er dann. \u201eNicht direkt, so sieben oder acht Autos sind noch dazwischen. Ich hab sie gesehen, weil sie mal raus musste. Darf ich hingehen und sie fragen, ob sie r\u00fcberkommt? Dauert doch bestimmt noch lange, bis wir weiterfahren k\u00f6nnen, da k\u00f6nnen wir was spielen oder so.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seine Eltern \u00fcberlegten nicht lange. Sie kannten Inga nicht, aber sein Vater kannte Ingas Mutter von den Elternabenden. Da war sie ihm zumindest nicht unsympathisch aufgefallen, und was die Tochter betraf, verlie\u00df er sich auf Henrys Urteil. Wenn der meinte, dass er sich die Langeweile mit Inga zusammen vertreiben wollte, dann war das okay.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als warf Henry sich die Jacke \u00fcber und machte sich auf den Weg. Ganz wohl war ihm nicht \u2013 was, wenn Inga nicht wollte, wenn sie ihn auslachte? Oder, noch schlimmer, wenn er sich geirrt hatte, und sie war es gar nicht, sondern nur ein M\u00e4dchen, das ihr zuf\u00e4llig \u00e4hnlich sah?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber um umzukehren, war es zu sp\u00e4t. Wie h\u00e4tte er das seinen Eltern erkl\u00e4ren sollen? Also ging er weiter und n\u00e4herte sich dem dunklen Kombi, in dem Inga sa\u00df. Auf der Autobahn herumzulaufen f\u00fchlte sich merkw\u00fcrdig an, und er hatte das Gef\u00fchl, dass er aus jedem Fahrzeug angestarrt wurde. Allerdings war er nicht der Einzige, Inga war ja auch gerade kurz drau\u00dfen gewesen, und an der Mittelleitplanke lehnte ein Mann und rauchte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er erreichte das Auto und sah, dass Inga auf der R\u00fcckbank lag, die F\u00fc\u00dfe in Socken gegen die Scheibe auf der anderen Seite gestemmt, und auf ihrem Handy schrieb. Was, konnte er nicht lesen, weil die Scheibe leicht beschlagen war, und wenn er es h\u00e4tte sehen k\u00f6nnen, h\u00e4tte er versucht, nicht hinzuschauen. Er h\u00e4tte auch nicht gewollt, dass sie ihm \u00fcber die Schultern schaute, w\u00e4hrend er mit einem seiner Freunde schrieb, obwohl er keine Nachrichten verschickte, f\u00fcr die er sich h\u00e4tte sch\u00e4men m\u00fcssen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ingas Eltern sahen ihn, ma\u00dfen dem aber keine Bedeutung bei. Sie kannten Henry nicht, konnten sich also allenfalls wundern, dass dessen Eltern ihm erlaubten, offensichtlich ohne Not das Auto zu verlassen. Da der Verkehr aber stand und Henry nicht auf dem freien Seitenstreifen lief, sahen sie keinen Grund, einzugreifen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inga zuckte zusammen, als er an die hintere Seitenscheibe klopfte; sie hatte ihn offenbar nicht kommen sehen. Sie setzte sich auf, drehte sich um und riss die Augen auf, als sie Henry sah. Wahrscheinlich hatte sie damit gerechnet, dass es noch mal die Leute vom Sanit\u00e4tsdienst waren, die nachfragen wollten, ob alles okay war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDu?\u201c, wunderte sie sich, nachdem sie die Scheibe heruntergelassen hatte. \u201eWas machst du hier?\u201c \u201eWir stehen auch im Stau\u201c, erkl\u00e4rte Henry. \u201eIch hab dich eben gesehen, als du kurz drau\u00dfen warst.\u201c Inga wurde leicht rot, anscheinend war es ihr peinlich, dass er ihren Ausflug ins Gr\u00fcne mitbekommen hatte, obwohl es doch nat\u00fcrlich war, dass sie irgendwann mal musste. \u201eIch wollte fragen, ob du mit deinen Eltern zu uns r\u00fcberkommen willst\u201c, fuhr Henry fort. \u201eWir fahren mit dem Wohnmobil, da ist\u2019s w\u00e4rmer und bequemer.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit dieser Einladung \u00fcberraschte er sowohl seine Klassenkameradin als auch deren Eltern. Irgendwo konnte Henry verstehen, dass Inga nicht sicher war, ob sie ja sagen sollte, sie wusste von ihm bestimmt nicht mehr als er umgekehrt von ihr. Wie sie ihn einsch\u00e4tzte, h\u00e4tte er nicht sagen k\u00f6nnen; er selbst h\u00e4tte von sich gesagt, dass er in keine Richtung herausragend war, keiner der Jungen, die eher negativ auffielen, noch einer von denen, um deren Freundschaft sich alle rissen. Er hatte Freunde und kam mit den meisten Klassenkameraden gut aus, aber es gab andere, die mehr im Mittelpunkt standen. Aber es konnte nat\u00fcrlich sein, dass Inga einen v\u00f6llig anderen Eindruck von ihm gewonnen hatte, er wusste ja auch nicht, worauf sie achtete.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich nickte sie und l\u00e4chelte. Sie schien sich zu freuen, offensichtlich hatte sie keinen so schlechten Eindruck von ihm, zumindest nicht so, dass sie es vorgezogen h\u00e4tte, weiter im eigenen Auto zu bleiben. \u201eDarf ich?\u201c, fragte sie ihre Eltern.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ingas Eltern hatten nichts dagegen, dass Inga mit Henry ging. Selbst wollten sie zun\u00e4chst bleiben, sie waren nicht sicher, ob sie das Auto einfach stehen lassen konnten. Nat\u00fcrlich war das eigentlich nicht erlaubt, aber dieser Stau war nicht mit normalen Ma\u00dfst\u00e4ben zu messen. Henrys \u2013 und sicherlich auch Ingas \u2013 Eltern verfolgten die Meldungen, hier w\u00fcrde sich noch \u00fcber Stunden nichts r\u00fchren. Um die LKW wieder auseinanderzuziehen, wurde schweres Ger\u00e4t gebraucht, und selbst wenn das endlich eintraf, w\u00fcrde es noch ein Akt sein, bis die Fahrbahn wieder frei war. Hinten hatte die Polizei begonnen, die Autos drehen und gegen die eigentliche Fahrtrichtung zur Ausfahrt zur\u00fcckfahren zu lassen, aber auch das w\u00fcrden sich ziehen. Damit es dabei keine Unf\u00e4lle gab, durften immer nur wenige Autos gleichzeitig wenden, und es waren tausende, die sich angesammelt hatten. Henry und seine Familie waren im vordersten Viertel des Staus, w\u00fcrden also mit am l\u00e4ngsten ausharren m\u00fcssen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund rangen sich schlie\u00dflich auch Ingas Eltern durch, die Einladung anzunehmen. \u201eEin Auto weniger, wo sie Tee verteilen m\u00fcssen\u201c, meinte Ingas Vater trocken. \u201eUnd wir sind ja nicht weit weg. Wenn sich der Stau aufl\u00f6st, sehen wir das, lange bevor wir dran sind.\u201c \u201eZur Sicherheit k\u00f6nnen wir ja einen Zettel hinter die Scheibe legen\u201c, schlug Ingas Mutter vor. \u201eDamit sich keiner wundert. Habt ihr was zu schreiben im Wohnmobil?\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das war wirklich das kleinste Problem, Inga malte die Nachricht mit Kugelschreiber auf ein Blatt von Adrianas Zeichenblock. Henry begleitete sie, als sie kurz zum Auto zur\u00fccklief, um den Zettel hinter die Windschutzschreibe zu legen. Da war er schwer zu \u00fcbersehen, auch bei Dunkelheit w\u00fcrden die Helferinnen und Helfer ihn entdecken. Die hatten sicherlich Taschenlampen dabei und w\u00fcrden ins Auto hineinleuchten, wenn sich dort nichts r\u00fchrte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zur\u00fcck im Wohnmobil streckten Henry und Inga sich b\u00e4uchlings auf der breiten Matratze im Alkoven \u00fcber dem F\u00fchrerhaus aus. Normalerweise schliefen hier Henrys Eltern, aber auf Henrys Bett im Heck des Fahrzeugs h\u00e4tten die Kinder sich schon sehr zusammenquetschen m\u00fcssen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Erwachsenen sa\u00dfen zusammen am Tisch und unterhielten sich. Sie tauschten sich dar\u00fcber aus, wohin sie eigentlich unterwegs waren, und kamen dann auf die Schule zu sprechen. Das dr\u00e4ngte sich einfach auf, weil man sich nur dar\u00fcber fl\u00fcchtig kannte. Genauer gesagt waren Henrys Vater und Ingas Mutter sich bei zwei Elternabenden begegnet, aber Henrys Mutter und Ingas Vater wussten auch, was da besprochen worden war. Unter anderem unterhielten sie sich \u00fcber die Klassenfahrt, die es zum Ende des Schuljahres geben sollte, und Henry h\u00f6rte heraus, dass Ingas Mutter deswegen unsicher war. Es hatte wohl in der Grundschule eine Klassenfahrt gegeben, die zumindest der Ansicht von Ingas Mutter nach nicht gut gelaufen war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inga schien das Thema peinlich zu sein, und Henry war sich nicht sicher, wie er damit umgehen sollte. \u201eWar\u2019s wirklich so schlimm?\u201c, fl\u00fcsterte er schlie\u00dflich. Er war mit seiner Grundschulklasse auch weg gewesen, aber das war zwar aufregend gewesen, weil es die erste Fahrt ohne Eltern gewesen war, aber nicht wild. Ihm fiel nichts ein, wor\u00fcber die Eltern sich Sorgen h\u00e4tten machen m\u00fcssen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inga verdrehte die Augen. Leise, sodass die Eltern es nicht verstehen konnten, erz\u00e4hlte sie ihm, dass sie sich bei einer Nachtwanderung verirrt hatten und erst eine Stunde sp\u00e4ter als geplant wieder in der Jugendherberge gewesen waren. Keine gro\u00dfe Sache, versicherte sie, ein Spaziergang mit der ganzen Klasse und den Lehrerinnen direkt nach Einbruch der Dunkelheit, bei dem sie einmal falsch abgebogen waren. Dadurch hatten sie einen gro\u00dfen Umweg gemacht, aber es war nie gef\u00e4hrlich gewesen, und geschlafen hatten sie anschlie\u00dfend auch noch genug. Trotzdem war ihre Mutter besorgt gewesen, als sie davon geh\u00f6rt hatte, und sah der n\u00e4chsten Klassenfahrt mit einem mulmigen Gef\u00fchl entgegen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr Henry und Inga war das Thema \u201eKlassenfahrt\u201c ein Gl\u00fccksfall. Auf diese Weise brauchten sie nicht krampfhaft zu \u00fcberlegen, was sie reden sollten, es ergab sich einfach. Ausgehend von Ingas Erz\u00e4hlung kamen sie zu den beiden Klassenfahrten, die Henry mit seiner Grundschulklasse gemacht hatte, und der ersten, die sie in ein paar Monaten gemeinsam machen w\u00fcrden. Sie waren sich einig, dass es eine tolle Sache werden w\u00fcrde, und freuten sich darauf.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit der Frage, was man auf der Klassenfahrt alles unternehmen konnte, waren sie auch ganz schnell bei ihren Hobbys im Allgemeinen, und Henry erfuhr in der kurzen Zeit viel, viel mehr \u00fcber Inga als in den Monaten seit Beginn des Schuljahrs. Umgekehrt erz\u00e4hlte er ganz offen von sich, und er hatte keine Sekunde lang das Gef\u00fchl, dass sie ihn f\u00fcr irgendwas auslachen w\u00fcrde.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er merkte, dass er sich gr\u00fcndlich in Inga get\u00e4uscht hatte, sie war echt in Ordnung. Er hatte von Freda und Marisa auf sie geschlossen, aber das war ein Irrtum: Dass sie die Pausen mit ihnen verbrachte, ergab sich nur daraus, dass sie schon in der Grundschule in derselben Klasse gewesen waren, und dass die anderen M\u00e4dchen auch ihre Cliquen hatten, die sich von fr\u00fcher kannten. Ihre Mutter meinte, dass sich das im Lauf der Zeit neu ordnen w\u00fcrde, aber noch hatte sich in der Hinsicht kaum etwas getan. Inga fand das schade, konnte aber damit leben, weil sie ihre besten Freundinnen ohnehin im Tischtennisverein hatte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Allm\u00e4hlich wurde es dunkel, und noch immer gab es kein Zeichen daf\u00fcr, dass der Stau sich bald aufl\u00f6sen w\u00fcrde. Adriana wurde unruhig, der Stau war nach mehreren Stunden kein Abenteuer mehr, daf\u00fcr bekam sie Angst, dass Weihnachten ausfallen w\u00fcrde.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>V\u00f6llig unberechtigt war das nicht. Selbst wenn der Stau sich jetzt sofort aufgel\u00f6st h\u00e4tte, w\u00e4ren sie erst zu einer Zeit bei Henrys Tante gewesen, die weit nach Adrianas Sandm\u00e4nnchen war. Sie h\u00e4tten h\u00f6chstens nach Hause fahren k\u00f6nnen, um dort zu viert zu feiern, aber das w\u00e4re irgendwie traurig gewesen. Auch Henry fand es schade, aber er war \u00e4lter und konnte besser damit umgehen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Trotzdem freute er sich, als Inga vorschlug, zusammen ein paar Weihnachtslieder zu singen. Warum denn nicht? Dass sie nicht mehr rechtzeitig bei Henrys Tante sein w\u00fcrden, um mit ihr zu feiern, dass Inga und ihre Eltern nicht rechtzeitig am Ziel sein w\u00fcrden, hie\u00df doch nicht, dass sie gar nicht feiern konnten! Immerhin hatten sie es nicht ungem\u00fctlich, die Eltern sa\u00dfen am Tisch, Adriana bei ihrer Mutter auf dem Scho\u00df, Henry und Inga lagen nach wie vor im Alkoven. Ihnen war nicht kalt, sie hatten Spa\u00df, und zu essen und zu trinken war auch da.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Eltern \u00fcberlegten nicht lange. Ein paar Weihnachtslieder kannten alle auswendig, und die Begleitmusik konnten sie sich, wenn sie welche brauchten, aus dem Internet holen. Von den Weihnachtpl\u00e4tzchen, die Henrys Mutter am Morgen noch gebacken und schon lange auf den Tisch gestellt hatte, waren auch noch welche da, und Henrys Vater zauberte ein schnelles Abendessen. Eigentlich h\u00e4tten sie ja bei Henrys Tante gegessen, aber ein paar Vorr\u00e4te hatten sie trotzdem eingekauft. Nudeln, Pilze, Gem\u00fcse, Sahne und ein paar Gew\u00fcrze ergaben vielleicht kein traditionelles Weihnachtsgericht, aber es schmeckte trotzdem gut.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Henry und Inga a\u00dfen im Liegen. Sie waren gar nicht b\u00f6se, dass am Tisch nur f\u00fcr vier Personen Platz war, es war urgem\u00fctlich im Alkoven. Auf seinem Handy lie\u00df Henry leise Weihnachtsmusik laufen, unten erz\u00e4hlten die Eltern, wie in den jeweiligen Familien sonst Weihnachten gefeiert wurde.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Abendessen wurde beschert. Auch Inga und ihre Eltern waren unterwegs, um die Weihnachtsfeiertage ausw\u00e4rts zu verbringen, und hatten deshalb die Geschenke mitgenommen. Ingas Vater ging rasch zur\u00fcck zum Auto, er brachte auch Ingas Rucksack mit, in dem sie ihre Geschenke f\u00fcr ihre Eltern verwahrt hatte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck war unter den Geschenken nichts, was Strom ben\u00f6tigt h\u00e4tte. Das Wohnmobil hatte zwar Steckdosen, aber die Kapazit\u00e4t der Batterie war begrenzt. Adriana, die schon ein ganz kleines bisschen lesen konnte, obwohl sie noch nicht in der Schule war, bekam eine Tafel mit magnetischen Buchstaben und begann sofort, alle m\u00f6glichen W\u00f6rter zu legen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inga betrachtete ihr Geschenk nur, packte es aber nicht aus. Sie puzzelte gerne, auch etwas, was Henry bis zu diesem Tag nicht gewusst hatte, und ihre Eltern hatten extra ein Foto als Puzzle drucken lassen. Dass es im Wohnmobil an einem Platz zum Puzzeln fehlte, nahm sie gefasst, sie w\u00fcrde in den n\u00e4chsten Tagen noch genug Zeit daf\u00fcr haben. Umso begeisterte baute sie mit Henry an seinem Geschenk, das in gewisser Weise auch ein Puzzle war: ein Bausatz von Lego Technik. Henry hatte sich erst ziemlich verlegen gef\u00fchlt, als er das P\u00e4ckchen ausgepackt hatte, er hatte gedacht, Inga w\u00fcrde ihn f\u00fcr kindisch halten, wenn sie sah, dass er sich noch daf\u00fcr interessierte. Aber sie fand das offensichtlich ganz und gar nicht l\u00e4cherlich, und ihr Spa\u00df daran, gemeinsam mit ihm das Modell zusammenzubauen, war nicht gespielt.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Irgendwann wurde es Schlafenszeit, Henry und Inga packten den Bausatz weg, um zu schlafen, bis die Strecke wieder frei war. Die Polizei hatte es geschafft, einen Teil der Autos von der Autobahn zu leiten, und die Arbeiten, die verkeilten LKW zu befreien, waren im Gange, aber es konnte trotzdem noch bis weit in die Nacht dauern, ehe f\u00fcr sie weiterging. Was das betraf, hatten es die beiden Familien schlecht getroffen, die Ersten, die hatten umdrehen und zur letzten Ausfahrt hatten zur\u00fcckfahren d\u00fcrfen, waren wahrscheinlich l\u00e4ngst zu Hause.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch Henry fand das gar nicht schlimm, denn ohne den Stau h\u00e4tte er nicht gemerkt, dass Inga ganz anders war, als er sie eingesch\u00e4tzt hatte. Gemeinsam hatten sie die wohl merkw\u00fcrdigsten Weihnachten ihres Lebens verbracht, aber trotz allem waren es fr\u00f6hliche Weihnachten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er wechselte einen Blick mit Inga und sah, dass sie dasselbe dachte wie er: Sie waren Freunde, und sie w\u00fcrden es auch bleiben, wenn diese denkw\u00fcrdige Nacht zu Ende war.<\/p>\n<\/div>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besorgt schaute Henrys Vater zum Himmel, der sich mehr und mehr zuzog. \u201eVerflixt\u201c, meinte er, \u201eda kommt gleich was runter!\u201c \u201eDu meinst, es schneit?\u201c, vergewisserte Henry sich. \u201eIst doch super! Und wir haben doch Winterreifen, oder?\u201c &nbsp; Es war der Morgen des 24. Dezember, und sie waren dabei, die letzten Kleinigkeiten ins Wohnmobil zu packen. 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