{"id":2071,"date":"2025-12-31T11:03:58","date_gmt":"2025-12-31T10:03:58","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=2071"},"modified":"2025-12-31T11:03:58","modified_gmt":"2025-12-31T10:03:58","slug":"silvester-bei-tueftlers","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=2071","title":{"rendered":"Silvester bei T\u00fcftlers"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Silvester bei T\u00fcftlers\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Cover-Silvester-bei-Tueftlers.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Silvester bei T\u00fcftlers\" \/>\n<p>Eigentlich hatte Johannes nicht vorgehabt, den Jahreswechsel im Krankenhaus zu verbringen, aber viel gefehlt h\u00e4tte nicht dazu. Es war sp\u00e4ter Nachmittag an Silvester, seine Mutter hatte ihn gebeten, rasch noch einen Botengang f\u00fcr sie zu erledigen: die H\u00e4lfte des Kuchens, den sie gebacken hatte, zur Gro\u00dfmutter zu bringen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er ging z\u00fcgig, passte aber auf, wohin er trat, denn es war kalt, und Raureif machte den eisigen Boden rutschig. Die meisten Nachbarn hatten gestreut, aber hundertprozentig darauf verlassen durfte man sich nicht.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bis zur Stra\u00dfenecke hundert Meter weiter ging alles gut. Doch mit dem M\u00e4dchen, das pl\u00f6tzlich hinter der Hecke des Eckgrundst\u00fccks hervorsprang, hatte er unm\u00f6glich rechnen k\u00f6nnen, und zum Ausweichen war es zu sp\u00e4t. Das M\u00e4dchen hatte es offensichtlich nicht auf ihn abgesehen, es hatte schlicht keine Augen im R\u00fccken. Es hatte sich selbst vor irgendetwas in Sicherheit gebracht, was Johannes nicht sehen konnte. Mit dem R\u00fccken prallte es gegen ihn, und Johannes verlor das Gleichgewicht. Instinktiv griff er mit der rechten Hand in die Hecke, so konnte er verhindern, dass er r\u00fccklings auf den Boden krachte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen hatte nicht so viel Gl\u00fcck, versuchte zwar auch, sich festzuhalten, erwischte aber nur einen d\u00fcnnen Zweig, der ihm gleich wieder aus der Hand rutschte. Nur die Tatsache, dass der Schwung es gegen Johannes gedr\u00fcckt hatte, bremste den Fall. Ein Aufschrei zeigte, dass der Aufprall trotzdem wehtat, ging aber unter in einem lauten Knall hinter der Ecke. Damit war Johannes auch klar, was der Grund f\u00fcr den Satz um die Ecke gewesen war: ein B\u00f6ller, den irgendjemand nach dem M\u00e4dchen geworfen hatte. Zumindest nahm er an, dass das M\u00e4dchen den B\u00f6ller nicht selbst gez\u00fcndet hatte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachdem er sich selbst wieder gefangen hatte, reichte Johannes dem M\u00e4dchen die Hand, um ihm aufzuhelfen. Erst dabei erkannte er es, bislang war alles zu schnell gegangen, er hatte es nur von hinten gesehen, und die D\u00e4mmerung war auch schon weit fortgeschritten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Patrizia wohnte in einem der ersten H\u00e4user in der Seitenstra\u00dfe. Als kleine Kinder hatten sie gelegentlich auf dem Spielplatz zusammen gespielt, waren auch in derselben Gruppe im Kindergarten und in derselben Grundschulklasse gewesen. Jetzt waren sie auf unterschiedlichen Schulen, Patrizia besuchte wie die meisten der damaligen Klassenkameraden das n\u00e4chstgelegene Gymnasium, Johannes eines in einem anderen Teil der Stadt; seine Eltern hatten ihn dort angemeldet, weil schon sein Vater es besucht hatte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eHast du dir wehgetan?\u201c, fragte Johannes, w\u00e4hrend Patrizia sich mit seiner Hilfe wieder auf die F\u00fc\u00dfe stellte. \u201eGeht schon\u201c, antwortete sie. Die Hand, die sie auf die Kehrseite dr\u00fcckte, strafte sie l\u00fcgen, aber allzu dramatisch schien es wirklich nicht zu sein; h\u00f6chstens ein blauer Fleck. \u201eSorry, ich hab nicht aufgepasst\u201c, entschuldigte sie sich. \u201eSchon gut\u201c, sagte Johannes. \u201eWenn du erst noch geguckt h\u00e4ttest, wo du hinrennst, dann w\u00e4rst du nicht mehr rechtzeitig weggewesen, bevor das Ding hochgeht. Hat den einer nach dir geworfen?\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Patrizia nickte. \u201eDreimal darfst du raten, wer.\u201c Johannes hatte tats\u00e4chlich einen Verdacht, wusste n\u00e4mlich, dass sie als \u201ekleine\u201c Schwester oft \u00c4rger mit den \u00e4lteren Br\u00fcdern hatte. Die waren 16, Zwillinge, und hatten nichts als Bl\u00f6dsinn im Kopf.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Patrizia best\u00e4tigte es, die Zwillinge und ein paar von ihren Freunden warfen schon seit dem Vormittag B\u00f6ller, nicht die ganze Zeit, aber immer wieder einmal ein oder zwei St\u00fcck. Dass einer ihr genau vor die F\u00fc\u00dfe geflogen war, war garantiert kein Zufall; das war das, was die Jungen unter Spa\u00df verstanden, und auch eine Art, zu zeigen, dass sie meinten, sie k\u00f6nnten sich alles erlauben.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eUnd deine Eltern sagen nichts?\u201c, wunderte sich Johannes. \u201eDie sind nicht da\u201c, erkl\u00e4rte Patrizia. \u201eIm Restaurant ist Silvesterparty, wir haben sturmfrei bis morgen fr\u00fch.\u201c Ihre Eltern f\u00fchrten ein Restaurant am Rand der Innenstadt. \u201eAu\u00dferdem \u2013 was meinst du denn, von wem die das ganze Zeug haben? Meine Eltern haben eine ganze Ladung besorgt, sie m\u00fcssen ja nachher auch richtig Feuerwerk machen. Die G\u00e4ste erwarten das einfach.\u201c \u201eUnd du?\u201c, erkundigte sich Johannes. \u201eWas machst du dann? Wenn du rausgehst, bewerfen sie dich wahrscheinlich wieder, oder?\u201c Patrizia zuckte mit den Schultern. \u201eMal schauen\u201c, sagte sie. \u201eVielleicht gehe ich raus, wenn sie gerade drinnen sind, und dann ein St\u00fcck weg. Wenn sie mich nicht sehen \u2026\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das w\u00fcrde vermutlich funktionieren, sch\u00e4tzte Johannes. Er glaubte nicht, dass Patrizias Br\u00fcder gro\u00dfartig nach ihr suchen w\u00fcrden. Trotzdem fand er es bl\u00f6d, genie\u00dfen k\u00f6nnen w\u00fcrde sie das Feuerwerk so kaum.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDann komm doch mit uns!\u201c, sagte er spontan. \u201eWir gehen auch fr\u00fcher raus und schauen uns das an, aber so, dass wir nicht mittendrin sind.\u201c \u201eIhr b\u00f6llert nicht?\u201c, folgerte Patrizia, und Johannes nickte. \u201eMit China-B\u00f6llern und so haben wir eh nie was gemacht, meistens nur ein paar Raketen. Aber dieses Jahr probieren wir was anderes aus.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um viertel nach elf fand Patrizia sich bei Johannes ein. Soweit er sich erinnern konnte, war sie noch nie bei ihm zu Hause gewesen, aber seine Eltern kannten sie von fr\u00fcher.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Johannes hatte schon alles zusammengepackt, was er brauchte, aber ein paar Minuten Zeit hatten sie noch, ehe sie losgehen mussten. Sie a\u00dfen ein paar Pl\u00e4tzchen, tranken Tee dazu und unterhielten sich. Patrizia gefiel es ganz offensichtlich, es war einfach nur gem\u00fctlich, und vor allem brauchte sie sich nicht mit ihren Br\u00fcdern und deren Freunden herumzu\u00e4rgern.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um zwanzig vor zw\u00f6lf machten sie sich auf den Weg. Patrizia wusste weder, wohin genau sie gehen, noch was sie dort machen w\u00fcrden. Keine Raketen, das hatte Johannes ihr ja verraten, aber nicht, was er stattdessen vorhatte. Damit war sie immerhin nicht allein, auch Johannes\u2018 kleine Schwester Serafina wusste nur, dass es eine \u00dcberraschung geben w\u00fcrde, aber nichts Genaues.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Ziel war eine Weide am Stadtrand. Die Weide selbst war eingez\u00e4unt, aber am Rand f\u00fchrte eine schmale Stra\u00dfe vorbei, die nur Anlieger benutzen durften. Die Wahrscheinlichkeit, dass so kurz vor dem Feuerwerk jemand mit dem Auto hier durchwollte, tendierte gegen null, und auch sonst w\u00fcrde sich wahrscheinlich niemand blicken lassen. Die Weide lag nicht erh\u00f6ht, man hatte keinen Blick \u00fcber weite Teile der Stadt, deshalb war sie als Aussichtspunkt eher zweite oder dritte Wahl.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Johannes war das recht, umso mehr konnte er sich ausbreiten. Er hatte eine Weile get\u00fcftelt, nat\u00fcrlich auch getestet, trotzdem war er nicht sicher, ob alles so funktionieren w\u00fcrde, wie er es sich vorstellte. Davon abgesehen, dass er nicht alles komplett durchgespielt hatte, w\u00fcrde sich erst jetzt erweisen, wie es wirkte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>An vier verschiedenen Stellen dr\u00fcckte er Erdn\u00e4gel in den Boden, Haken, die eigentlich zum Halten von Zeltschn\u00fcren gedacht waren. Patrizia ging ihm zur Hand, ohne zu wissen, was daraus werden w\u00fcrde. Sie verknotete Schn\u00fcre an den Haken, und pumpte die Luftballons auf, die am anderen Ende verknotet waren. Sie sah, dass irgendetwas in den Luftballons war, konnte aber in der Dunkelheit, die von keiner Laterne erhellt wurde, nicht erkennen, was.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eBereit?\u201c, fragte Johannes dann. Patrizia nickte. Sie hatte immer noch keine Vorstellung, was das werden sollte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Johannes nahm eine kleine Fernbedienung und dr\u00fcckte einen Knopf. Zun\u00e4chst tat sich nichts, doch Johannes l\u00e4chelte nur, als er Patrizias verwunderten Blick sah.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Etwas sp\u00e4ter hob sich der erste Ballon vom Boden, die anderen folgten in kurzen Abst\u00e4nden. Jetzt begriff Patrizia zumindest im Ansatz: In den Ballons war irgendetwas, das die Luft erw\u00e4rmte. Weil warme Luft leichter war als kalte, stiegen die Ballons auf.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Stadt schossen die ersten Raketen in den Himmel, das waren die Ungeduldigen, denn noch war es nicht ganz Mitternacht. Johannes\u2019 Mutter hatte die Uhr im Auge. \u201ePerfektes Timing!\u201c, sagte sie. \u201eNoch eine Minute.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die letzten zehn Sekunden z\u00e4hlten sie gemeinsam herunter, und bei \u201eNull!\u201c dr\u00fcckte Johannes noch einen Knopf. Pl\u00f6tzlich wurde es hell \u00fcber ihnen, in den Luftballons begannen Lichterketten mit winzigen LED zu leuchten, hell, aber nicht grell, und in verschiedenen Farben. Die Farben wechselten sogar, es war wundersch\u00f6n bunt, einfach faszinierend. \u201eToll!\u201c, hauchte Patrizia dicht neben Johannes. \u201eEinfach sch\u00f6n!\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Johannes wurde rot und war froh, dass Patrizia das im wechselnden Licht nicht sehen konnte. \u201eFrohes Neues!\u201c, sagte er, auch um seine Verlegenheit zu \u00fcberspielen. Er umarmte seine Eltern, lupfte Serafina kurz an, alle w\u00fcnschten einander einen guten Start ins neue Jahr.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann stand er vor Patrizia und wusste nicht so recht, was er tun sollte. Doch Patrizia z\u00f6gerte nicht und umarmte ihn einfach, v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich. \u201eFrohes Neues!\u201c, wiederholte sie leise. \u201eUnd danke, dass du mich mitgenommen hast.\u201c Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, und als sie gemeinsam das Lichterspiel in den Ballons verfolgten, sp\u00fcrte er, wie sich ihre Hand in seine schob.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich hatte Johannes nicht vorgehabt, den Jahreswechsel im Krankenhaus zu verbringen, aber viel gefehlt h\u00e4tte nicht dazu. 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