{"id":200,"date":"2024-01-30T18:53:45","date_gmt":"2024-01-30T17:53:45","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=200"},"modified":"2024-01-30T18:53:45","modified_gmt":"2024-01-30T17:53:45","slug":"ein-rodel-fuer-zwei","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=200","title":{"rendered":"Ein Rodel f\u00fcr zwei"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Ein Rodel f\u00fcr zwei\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Cover-Ein-Rodel-fuer-zwei.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Ein Rodel f\u00fcr zwei\" \/>\n<p>\u201eMama, muss das sein?\u201c Niko verzog das Gesicht. \u201eJa, es muss.\u201c Seine Mutter lie\u00df sich nicht beeindrucken. \u201eIch kann verstehen, dass dir das nicht schmeckt, aber es geht nun mal nicht anders.\u201c \u201eAber warum ausgerechnet Leonie?\u201c, wollte Niko wissen. \u201eIch k\u00f6nnte doch auch zu&#8230;\u201c Seine Mutter hob die Hand. \u201eDu hast doch mitgekriegt, dass ich seine Mutter nicht erreicht habe\u201c, erinnerte sie ihn. \u201eUnd Leonie bei\u00dft nicht.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nein, bei\u00dfen w\u00fcrde Leonie nicht, das war Niko auch klar, aber er w\u00fcrde sich zu Tode langweilen mit ihr. Nix mit Bundeligasaison in <i>Genius Soccer Pro<\/i> am Computer zu Ende spielen oder einen guten Film reinziehen! Niko hatte keine Ahnung, was Leonie f\u00fcr Hobbys hatte, er hatte kaum mal mit ihr geredet, seit sie im Sommer in die gleiche Klasse gekommen waren, aber bestimmt waren es lauter M\u00e4dchensachen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWarte doch erst mal ab!\u201c, mahnte seine Mutter angesichts seiner verdrie\u00dflichen Miene. \u201eNach allem, was Leonies Mama erz\u00e4hlt hat, kann ich mir gut vorstellen, dass ihr sogar richtig viel Spa\u00df zusammen haben werdet.\u201c Das wagte Niko ernsthaft zu bezweifeln, wahrscheinlich w\u00fcrden sie in Leonies Zimmer hocken und Mensch-\u00e4rgere-dich-nicht spielen, ganz toll!<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber es war zwecklos, weiter dagegen zu protestieren, das wusste er. Seine Mutter hatte mit Leonies besprochen, dass er nach der Schule mit zu Leonie gehen und auch bei ihr \u00fcbernachten w\u00fcrde. Es sollte viel Schnee geben im Lauf des Tages, und die Buslinie, die Niko nach Hause nehmen musste, w\u00fcrde die erste sein, auf der nichts mehr fuhr, wenn die Stra\u00dfen glatt wurden. Dass er bei Schneegest\u00f6ber den gr\u00f6\u00dften Teil des Wegs zu Fu\u00df ging, wollte seine Mutter nicht, und sie wollte auch nicht, dass er vielleicht die ganze Nacht allein zu Hause war, wenn sie es selbst nicht von der Arbeit zur\u00fcck schaffte. Sie war Krankenschwester, und vielleicht w\u00fcrde sie \u00dcberstunden machen m\u00fcssen, wenn es wegen des Schnees viele Unf\u00e4lle mit Verletzten gab; au\u00dferdem w\u00fcrde es f\u00fcr sie auch schwierig werden, nach Hause zu kommen, wenn die Busse nicht fuhren.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie hatte tats\u00e4chlich zun\u00e4chst versucht, Niko bei seinem besten Freund Lukas unterzubringen, weil sie wusste, dass Niko und Leonie nicht so besonders viel miteinander zu schaffen hatten. Doch Lukas\u2018 Mutter ging nicht ans Telefon, und Nikos Mutter hatte die Sache gekl\u00e4rt haben wollen, ehe Niko sich auf den Weg zur Schule machte. Deshalb hatte sie am Ende bei Leonie zu Hause angerufen; sie kannte Leonies Mutter von den Elternabenden und von der Weihnachtsfeier der Klasse und sch\u00e4tzte sie zuverl\u00e4ssig genug ein, um ihr Niko f\u00fcr eine Nacht anzuvertrauen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit einem leisen Grummeln im Bauch betrat Niko den Schulhof. Wie sollte er sich Leonie gegen\u00fcber verhalten? Sich nicht weiter um sie k\u00fcmmern, so wie sonst, konnte er wohl schlecht, aber er wusste auch nicht, was er mit ihr reden sollte. Verdammt, eigentlich kannte er sie ja kaum! Er wusste, dass Erdkunde und Sport ihre Lieblingsf\u00e4cher waren, w\u00e4hrend sie in Musik meistens mit offenen Augen pennte, das bekam man nat\u00fcrlich im Lauf der Zeit mit, aber sonst? Er hatte keine Ahnung, was sie au\u00dferhalb der Schule machte, ob sie in irgendeinem Verein war, welche Musik sie mochte, wenn \u00fcberhaupt welche, ob sie las, und wenn ja was&#8230; Wie sollte man da ein gemeinsames Gespr\u00e4chsthema finden?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass Leonie gerade mit ihrer besten Freundin Emma zusammenstand, machte es nicht einfacher. Aber um Abstand zu halten war es schon zu sp\u00e4t \u2013 Emma hatte Niko gesehen, machte Leonie auf ihn aufmerksam und zog sie hinter sich her zu ihm. Sie war ziemlich geladen, das sah man schon an der Art, wie sie ging. Vor Niko baute sie sich auf und stemmte die F\u00e4uste in die H\u00fcften. \u201eSpinnt deine Mutter?\u201c, begr\u00fc\u00dfte sie ihn. \u201eLeonie sollte mir helfen Weihnachtsgeschenke aussuchen! Stattdessen hat sie dich jetzt an der Backe!\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Niko war sprachlos. Was konnte er denn daf\u00fcr? Er hatte sich doch nicht ausgesucht, nach der Schule mit zu Leonie zu gehen und sogar bei ihr zu \u00fcbernachten!<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bevor er sich \u00fcberlegen konnte, wie er auf die unfaire Attacke reagieren sollte, ging Leonie dazwischen. \u201eLass ihn!\u201c, sagte sie und schob Emma von Niko weg. \u201eEr kann doch nichts daf\u00fcr! Au\u00dferdem ist es so schlimm doch auch gar nicht, dann kommt er eben mit nachher.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Emma schien noch nicht \u00fcberzeugt, merkte aber offenbar, dass Leonie keine Lust auf Streitereien hatte. Niko war erleichtert, dass Leonie nicht sauer auf ihn war, f\u00fcr sie war das so toll sicherlich auch nicht, dass er in ihre Pl\u00e4ne f\u00fcr den Nachmittag platzte. Mit den M\u00e4dchen Weihnachtsgeschenke shoppen zu gehen w\u00fcrde wahrscheinlich todlangweilig werden, aber wenn es sein musste, dann w\u00fcrde er ihnen eben hinterherschleichen, w\u00e4hrend sie die Gesch\u00e4fte abgrasten. Besser so als wenn er Leonie den Nachmittag versaute und dann den Rest des Tages ihre schlechte Laune ertragen musste.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein paar Klassenkameraden guckten ziemlich sparsam, als Niko sich am Mittag mit Leonie auf den Heimweg machte, statt mit anderen, die ebenfalls den Bus nehmen mussten, zur Haltestelle zu gehen. Es schneite ziemlich heftig, auf den B\u00fcrgersteigen lag der Schnee bestimmt kn\u00f6chelhoch, aber noch schaffte es der Streudienst, wenigstens die Hauptstra\u00dfen und die wichtigsten Busstrecken freizuhalten. Auf der Linie, die Niko h\u00e4tte nehmen m\u00fcssen, um nach Hause zu kommen, ging allerdings schon seit kurz nach zehn gar nichts mehr. Niko hatte in der letzten gro\u00dfen Pause in der Nahverkehrs-App nachgeschaut, sein Bus stand in einer Liste von Linien, die bis auf Weiteres nicht mehr fahren w\u00fcrden, weil die Gefahr zu gro\u00df war, dass die Busse sich festfuhren oder verunfallten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lukas wollte Niko spontan mit zu sich nehmen, und Niko h\u00e4tte die Einladung nur zu gern angenommen. Er wusste, dass das von Lukas\u2018 Eltern aus kein Problem gewesen w\u00e4re, aber seine Mutter wollte solche Sachen fr\u00fchzeitig gekl\u00e4rt haben. Sie musste nun mal arbeiten, und ihre Arbeitszeiten lie\u00dfen ihr wenig Raum f\u00fcr kurzfristige Plan\u00e4nderungen. Sie war mit Sicherheit heilfroh, dass Leonies Mutter sich bereit erkl\u00e4rt hatte, auszuhelfen, und w\u00e4re stinksauer gewesen, wenn Niko jetzt alles \u00fcber den Haufen geworfen h\u00e4tte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eAlles ok?\u201c, erkundigte Leonie sich bei Niko, als sie sich gemeinsam auf den Weg zu ihrer Verabredung mit Emma machten. Es war kurz vor drei, sie hatten nach der Schule mit Leonies Mutter zu Mittag gegessen und ihre Hausaufgaben erledigt.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Niko antwortete nicht sofort. Er konnte sich keine Begeisterung abringen, wollte Leonie aber auch nicht vor den Kopf sto\u00dfen. Aber Leonie schien auch so zu sp\u00fcren, was er f\u00fchlte. \u201eAngst vor einem Marathon durch s\u00e4mtliche Boutiquen der Stadt?\u201c, folgerte sie und l\u00e4chelte. \u201eKeine Sorge, das w\u00fcrde ich auch nicht mitmachen. Oder hast du mich jemals in was anderem gesehen als so wie jetzt?\u201c Sie deutete auf ihre Kleidung, die aus dunkelblauen Jeans, rotem Sweatshirt, dunkler Daunenjacke, Wollm\u00fctze und kn\u00f6chelhohen Wanderschuhen bestand. Niko sch\u00fcttelte den Kopf. Er konnte sich tats\u00e4chlich nicht entsinnen, sie mal was anderes tragen gesehen zu haben als robuste, zweckm\u00e4\u00dfige und bequeme Kleidung ohne Schnickschnack. \u201eSiehst du!\u201c Leonie schmunzelte. \u201eWenn ich was zum Anziehen brauche, dann bin ich in zehn Minuten fertig\u201c, erz\u00e4hlte sie. \u201eRein in den Laden, Klamotten in der richtigen Gr\u00f6\u00dfe greifen, bezahlen und wieder raus.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das gefiel Niko, denn so \u00e4hnlich machte er es auch. Er besorgte sich seine Sache meistens alleine, denn bedingt durch ihren Job hatte seine Mutter wenig Zeit, mit ihm einkaufen zu gehen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eEmma will ein H\u00f6rbuch f\u00fcr ihren Vater kaufen\u201c, fuhr Leonie fort. \u201eEr h\u00f6rt gerne Krimis, aber sie hat keine Ahnung, was es da alles so gibt. Sie liest kaum, und wenn, dann Zeitschriften. Deshalb hat sie mich freiwillig bereit erkl\u00e4rt, ihr zu helfen.\u201c \u201eLiest du Krimis?\u201c, fragte Niko. Leonie zuckte mit den Schultern. \u201eAuch\u201c, antwortete sie. \u201eNeben Abenteuern und Gruselgeschichten. Und du? Was liest du? Oder liest du gar nicht?\u201c \u201eDoch, doch\u201c, beeilte sich Niko zu versichern. \u201eVor allem B\u00fccher \u00fcber Fu\u00dfball.\u201c \u201eFu\u00dfball spiel ich lieber selbst\u201c, antwortete Leonie leichthin.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Niko stutzte. \u201eDu spielst Fu\u00dfball?\u201c, wunderte er sich. \u201eKlar\u201c, bekr\u00e4ftigte Leonie. \u201eWarum denn nicht?\u201c Niko zuckte mit den Schultern. \u201eIch hab nie was davon mitgekriegt\u201c, versuchte er zu erkl\u00e4ren. \u201eWie denn auch?\u201c, meinte Leonie. \u201eWie haben uns bis jetzt ja auch immer nur in der Schule gesehen.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Leonie hatte Niko neugierig gemacht, aber der Weg zum Treffpunkt mit Emma war zu kurz, um noch viele Fragen zu stellen und zu beantworten. Niko konnte nicht einmal mehr in Erfahrung bringen, ob Leonie nur hin und wieder mit Freunden irgendwo auf der Wiese kickte oder richtig im Verein spielte. Aber aufgeschoben war nicht aufgehoben, so lange w\u00fcrde es mit dem Weihnachtsgeschenk f\u00fcr Emmas Vater schon nicht dauern, dass er hinterher keine Gelegenheit mehr haben w\u00fcrde, Leonie danach zu fragen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Emma erwartete Leonie und Niko schon vor der Buchhandlung, und obwohl die beiden einige Minuten vor der Zeit kamen, wurde sie schon langsam ungeduldig. \u201eNa endlich!\u201c, begr\u00fc\u00dfte sie ihre Klassenkameraden. \u201eIch dachte schon, ihr kommt gar nicht mehr.\u201c \u201eWir hatten viertel nach drei gesagt, oder?\u201c, versetzte Leonie trocken. \u201eAber entschuldige, ich h\u00e4tte nat\u00fcrlich wissen m\u00fcssen, dass das bei so einer wichtigen Sache viertel vor hei\u00dft.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Emma verzog das Gesicht. \u201eDu hast gut reden!\u201c, beschwerte sie sich. \u201eGanz ehrlich, ich hab keine Ahnung, wonach ich suchen soll! Krimis gibt\u2019s doch wie Sand am Meer.\u201c \u201eLass uns einfach mal reingehen\u201c, schlug Leonie vor. Sie lie\u00df sich von Emmas Aufregung nicht aus der Ruhe bringen. \u201eVielleicht springt uns direkt was ins Auge, und wenn nicht, dann schauen wir mal, ob wir das Ziel ein bisschen einkreisen k\u00f6nnen.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Niko fand es gut, dass Leonie so ruhig blieb. Ein ruhiger Gegenpol, der ihr unaufgeregt half, Ordnung in die eigenen Gedanken zu bringen, das war genau das, was Emma jetzt brauchte. Emma wollte ihrem Vater auf keinen Fall etwas schenken, das ihm nicht gefiel, und die riesige Auswahl verunsicherte sie sichtlich.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sie begannen, das Angebot an H\u00f6rb\u00fcchern zu sichten, stellte Leonie gezielte Fragen. Hatte Emmas Vater eine Vorliebe f\u00fcr bestimmte Autoren, und gab es von diesen Autoren B\u00fccher, die er noch nicht kannte? Mochte er bestimmte Handlungsorte? Eher blutig oder nicht so brutal? Sollte es eine Geschichte sein, in der der Leser den T\u00e4ter fr\u00fch kannte und mitfiebern konnte, wie der Ermittler zum Ziel kam, oder sollte auch der Leser eine Weile im Dunklen tappen? Wer sollte ermitteln? Polizisten? Ein Privatdetektiv? Ein Pathologe? Einzelg\u00e4nger oder Team?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war unglaublich, wie viele Fragen Leonie einfielen. Die meisten konnte Emma allerdings nicht oder kaum beantworten, sie hatte erst angefangen, genauer hinzusehen, was ihr Vater las oder h\u00f6rte, als ihr die Idee gekommen war, ihm zu Weihnachten ein H\u00f6rbuch zu schenken.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seinen eigenen Beitrag fand Niko dagegen ziemlich bescheiden, er hatte sich nur erkundigt, welches Budget Emma eigentlich zur Verf\u00fcgung stand. Als sie die Titel von ein paar B\u00fcchern nannte, die ihrem Vater gut gefallen hatten, kam ihm eine Idee, aber die war noch lange nicht spruchreif. Die M\u00e4dchen k\u00fcmmerten sich nicht weiter darum, als er sich absonderte, er war ja ohnehin nicht eingeplant gewesen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er fand nicht alle Titel wieder, die Emma genannt hatte, aber von einigen standen doch die gedruckten Versionen im Regal. Die Klappentexte gaben zumindest einen kleinen Hinweis, in welche Richtung die Suche gehen musste: nichts, wo bei jeder Umdrehung der CD das Blut aus dem Player spritzte, und nichts mit einem abgehalfterten Privatdetektiv, der in seinem B\u00fcro in einer sch\u00e4bigen Seitenstra\u00dfe schlief, weil er sich keine Wohnung mehr leisten konnte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Heimweg mussten Niko und Leonie sich gegen den Wind stemmen, der ihnen die Schneeflocken ins Gesicht blies. Sie hatten sich fast eine Stunde in der Buchhandlung aufgehalten, und nach der W\u00e4rme drinnen \u2013 der Laden war v\u00f6llig \u00fcberheizt \u2013 traf sie die K\u00e4lte im ersten Moment wie ein Schock. Auf den B\u00fcrgersteigen lag der Schnee mittlerweile mindestens zwei Handbreiten hoch, selbst da, wo Salz gestreut worden war, schmolz nicht alles weg. Auf der Stra\u00dfe k\u00e4mpften sich die Autos m\u00fchsam vorw\u00e4rts, am Busbahnhof verk\u00fcndete ein Schriftzug auf der Anzeigetafel, auf der sonst die n\u00e4chsten Abfahrten zu lesen waren, dass der Busverkehr wegen des Schnees bis auf Weiteres in der ganzen Stadt eingestellt war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr Emma war das extrem bl\u00f6d, denn jetzt konnte sie nur noch die S-Bahn nehmen, die immerhin noch fuhr, auch wenn von einem geregelten Fahrplan keine Rede mehr sein konnte, und w\u00fcrde am Ende bestimmt noch eine halbe Stunde laufen m\u00fcssen. Wenigstens konnte sie sich dar\u00fcber freuen, dass die M\u00fche nicht vergeblich war, das H\u00f6rbuch, das sie am Ende ausgesucht hatte, w\u00fcrde ihrem Vater gefallen, da war sie sicher.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Niko und Leonie hatten es nicht ganz so weit, obwohl sie im hohen Schnee nicht so schnell vorw\u00e4rts kamen wie ohne, brauchten sie kaum mehr als eine Viertelstunde bis zu Leonie. Trotzdem sahen sie eher wie wandelnde Schneem\u00e4nner aus als wie zwei F\u00fcnftkl\u00e4ssler, als sie bei Leonie vor der T\u00fcr standen. Als sie die wei\u00dfe Pracht absch\u00fcttelten, blieben zwei wei\u00dfe Haufen auf dem B\u00fcrgersteig zur\u00fcck.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eLust auf einen Kakao?\u201c, erkundigte Leonie sich, als sie die Wohnungst\u00fcr aufschloss, und Niko nickte. \u201eDann wird uns wenigstens wieder warm\u201c, meinte er. \u201eEben.\u201c Leonie grinste. \u201eEin paar Pl\u00e4tzchen m\u00fcssten auch noch da sein, das rettet uns bis zum Abendbrot.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit Kakao und Pl\u00e4tzchen verzogen Niko und Leonie sich in Leonies Zimmer. \u201eUnd jetzt?\u201c, wollte Leonie wissen. Sie schien sich unschl\u00fcssig zu sein, was sie Niko anbieten sollte, sie wusste ja auch nicht mehr \u00fcber ihn als er \u00fcber sie und kannte seine Hobbys nicht.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einen Moment lang sagte keiner von Beiden etwas. \u201eEigentlich m\u00fcsste man bei dem Wetter raus und Schlitten fahren\u201c, \u00fcberlegte Niko dann. Hoffentlich kam Leonie das nicht zu kindisch vor! \u201eGeht aber eh nicht, ich hab nichts zum Wechseln, wenn ich mich hinlege.\u201c \u201eNotfalls leih ich dir eine Trainingshose\u201c, antwortete Leonie sofort. \u201eUnd bis morgen fr\u00fch sind deine Sachen auf der Heizung dreimal trocken.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie war richtig begeistert und wusste auch schon, wo man gut rodeln konnte. \u201eDie Wiese im Stadtpark!\u201c, sagte sie, w\u00e4hrend Niko noch \u00fcberlegte. Die Rodelwiesen, die er kannte, waren zu weit weg, da w\u00e4ren sie nur mit dem Bus hingekommen, und der fuhr ja nicht. \u201eDer Hang am Denkmal!\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Niko kannte den Stadtpark kaum und bekam nur m\u00fchsam ein Bild der Wiese zusammen, die Leonie meinte. Aber er vertraute ihr, wenn sie sagte, dass man dort rodeln konnte, dann glaubte er ihr.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Leonie holte den Schlitten aus dem Keller, einen Holzschlitten ohne Lenkung, und dann ging es los. Die Kinder stapften durchs Schneetreiben zum Stadtpark, und Leonie f\u00fchrte Niko \u00fcber die zugeschneiten Wege zum Denkmal. Fu\u00df- und Schleifspuren belegten, dass sie nicht die Ersten waren, die auf die Idee gekommen waren, Rodeln zu gehen. Tats\u00e4chlich tobte auf der Wiese am Fu\u00df des Denkmals, die eine sch\u00f6n lange und teils auch steile Abfahrt garantierte, der B\u00e4r, sozusagen der Eisb\u00e4r. Zwei Dutzend Kinder waren bestimmt hier und rodelten ein ums andere Mal die Piste runter, und alle hatten einen Riesenspa\u00df.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDu zuerst!\u201c, schlug Niko vor, als er mit Leonie am Fu\u00df des Denkmals stand. Schlie\u00dflich war es ihr Schlitten, also kam ihr auch das Recht zu, die erste Fahrt zu machen. Doch davon wollte Leonie nichts wissen. \u201eZusammen!\u201c, entschied sie. Sie setzte sich auf den Schlitten und r\u00fcckte weit genug nach vorne, dass Niko sich hinter sie setzen konnte. Er musste ziemlich dicht an sie heranr\u00fccken, um sich mit den H\u00e4nden am Rand der Sitzfl\u00e4che festhalten zu k\u00f6nnen, und Leonie lehnte sich leicht an ihn.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Abfahrt war rasant, Leonie, die teils durch Gewichtsverlagerung, teils mit den F\u00fc\u00dfen die Richtung bestimmte, w\u00e4hlte die Strecke, die das h\u00f6chste Tempo versprach. Auf halber Strecke kreuzte ein Weg die Piste, aber der war genauso zugeschneit wie die Wiese. \u201eFesthalten!\u201c, rief Leonie, und Niko packte die Sitzkanten fester \u2013 gerade noch rechtzeitig, denn als es nach dem kurzen waagerechten St\u00fcck, das der Weg darstellte, wieder nach unten ging, verlor der Schlitten f\u00fcr einige Augenblicke jeden Kontakt zum Boden, ehe er hart wieder aufsetzte und mit unverminderter Geschwindigkeit weiterraste.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Schussfahrt ging nicht jedes Mal gut, schon bei der zweiten gerieten Niko und Leonie zum ersten Mal aus dem Gleichgewicht und \u00fcberkugelten sich im Schnee. Aber im hohen Schnee landete sie weich und taten sich nichts. Lachend klopften sie sich den Schnee von der Kleidung und rannten dem Schlitten nach, der ohne seine Besatzung noch einige Meter weiter gerutscht war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie blieben, bis es endg\u00fcltig zu dunkel zum Rodeln war, insgesamt war es dann doch ein eher kurzes Vergn\u00fcgen, weil sie so sp\u00e4t erst gekommen waren. \u201eWir h\u00e4tten es umgekehrt machen sollen!\u201c, meinte Leonie, als sie durch den Park zur\u00fcckgingen. \u201eErst rodeln und jetzt, wo\u2019s dunkel ist, mit Emma treffen.\u201c \u201eMerken wir uns f\u00fcrs n\u00e4chste Mal\u201c, antwortete Niko. Leonie l\u00e4chelte. \u201eDann treffen wir uns in Zukunft \u00f6fter?\u201c, vergewisserte sie sich. Niko nickte. \u201eAuf jeden Fall\u201c, versprach er. So sehr er sich am Morgen noch dagegen gestr\u00e4ubt hatte, bei Leonie zu \u00fcbernachten, so sehr mochte er sie jetzt, wo er sie besser kennengelernt und gemerkt hatte, was f\u00fcr eine gute Kameradin sie war. \u201eToll!\u201c, freute sich Leonie. \u201eMacht n\u00e4mlich echt Spa\u00df mit dir.\u201c Noch w\u00e4hrend sie sprach, griff sie nach seiner Hand und hielt sie fest.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMama, muss das sein?\u201c Niko verzog das Gesicht. \u201eJa, es muss.\u201c Seine Mutter lie\u00df sich nicht beeindrucken. \u201eIch kann verstehen, dass dir das nicht schmeckt, aber es geht nun mal nicht anders.\u201c \u201eAber warum ausgerechnet Leonie?\u201c, wollte Niko wissen. \u201eIch k\u00f6nnte doch auch zu&#8230;\u201c Seine Mutter hob die Hand. \u201eDu hast doch mitgekriegt, dass ich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-200","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/200","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=200"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/200\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":201,"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/200\/revisions\/201"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=200"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}