{"id":196,"date":"2024-01-30T18:40:18","date_gmt":"2024-01-30T17:40:18","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=196"},"modified":"2024-01-30T18:40:18","modified_gmt":"2024-01-30T17:40:18","slug":"naechtlicher-badegast","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=196","title":{"rendered":"N\u00e4chtlicher Badegast"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte N\u00e4chtlicher Badegast\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Cover-Naechtlicher-Badegast.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte N\u00e4chtlicher Badegast\" \/>\n<p>Konstantin sa\u00df aufrecht im Bett und wusste nicht, warum. Irgendwas hatte ihn aus dem Schlaf gerissen, aber jetzt schien alles wieder ruhig zu sein.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie sp\u00e4t war es \u00fcberhaupt? Er hatte das Gef\u00fchl, noch nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig lange geschlafen zu haben, jedenfalls noch nicht die halbe Nacht oder l\u00e4nger. Aber es war vollst\u00e4ndig dunkel; da der l\u00e4ngste Tag des Jahres noch nicht lange zur\u00fcck lag, musste es also nach elf sein. Im Haus war nichts mehr zu h\u00f6ren, auch Konstantins Eltern waren wohl schon im Bett.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Konstantin griff zu seiner Armbanduhr, die auf dem Regal neben dem Bett lag und Leuchtzeiger hatte. Viertel vor zw\u00f6lf, das war eigentlich eine Viertelstunde zu fr\u00fch, um Gespenster zu sehen. Irgendwas war da also, aber was?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Konstantin legte die Uhr wieder weg und lauschte in die Dunkelheit. Aus dem Haus war nichts zu h\u00f6ren, aber von drau\u00dfen drang ein leises Pl\u00e4tschern herein. Konstantin hatte das Fenster auf Kipp stehen, um wenigstens etwas von der Hitze, die sich im Lauf des Tages im Zimmer gestaut hatte, raus- und daf\u00fcr die leider auch nur wenig k\u00fchlere Nachtluft reinzulassen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es kam schon mal vor, dass ein Vogel ein Bad nahm, wenn der gro\u00dfe Pool im Garten gerade nicht genutzt wurde, aber das Pl\u00e4tschern, das gerade schon wieder zu h\u00f6ren war, klang irgendwie anders. War es das, was Konstantin geweckt hatte, ein Ger\u00e4usch, das nicht mal \u00fcberm\u00e4\u00dfig laut war, aber irgendwie ungewohnt?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ihm fiel nur eine Erkl\u00e4rung ein: Ein anderes Tier musste in den Pool gefallen sein und k\u00e4mpfte jetzt wahrscheinlich um sein Leben. Eigentlich war es schwer vorstellbar, wie ein Tier in den Pool gelangen sollte, denn der war nicht in den Boden gegraben, sondern ein Becken aus Kunststoff mit Metallversteifungen, das auf der Wiese stand. Die Seitenw\u00e4nde gingen Konstantin bis zum Bauchnabel, und sie waren au\u00dfen v\u00f6llig glatt. Es gab auch keine \u00c4ste von B\u00e4umen, die \u00fcber den Pool hingen, wenn also tats\u00e4chlich ein anderes Tier als ein Vogel es ins Wasser geschafft hatte, dann musste es gro\u00df genug sein, um \u00fcber die Wand springen zu k\u00f6nnen, oder es musste sich irgendwie die Leiter raufgehangelt haben.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vom Fenster aus konnte Konstantin nicht nachschauen, denn selbst wenn etwas Mondlicht den Garten erhellte, war da immer noch der gro\u00dfe Apfelbaum, der ihm den Blick versperrte. Er musste also runter in den Garten gehen, und zwar schnell, denn wer wusste schon, wie lange das Tier noch durchhalten w\u00fcrde.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Daher nahm Konstantin sich nicht einmal Zeit, Schuhe anzuziehen, im Schlafanzug und barfu\u00df schlich er nach unten ins Wohnzimmer. Er nahm den Schl\u00fcssel f\u00fcr die Terrassent\u00fcr vom Bord, schloss auf und \u00f6ffnete die T\u00fcr. Er \u00fcberquerte die Terrasse und sp\u00fcrte, dass die Steine immer noch warm waren, deutlich w\u00e4rmer als der Rasen, der sich angenehm k\u00fchl unter den Sohlen anf\u00fchlte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Gras d\u00e4mpfte auch seine Schritte zu einem kaum h\u00f6rbaren dumpfen Tapsen. Nur so war es wohl zu erkl\u00e4ren, dass er den Pool schon fast erreicht hatte, als von dort ein erschrockener Aufschrei kam. Das war kein Tier, das war ein Mensch!<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Konstantin erschrak. Seine Eltern waren das ganz bestimmt nicht, da war er sich sicher, und seine kleine Schwester auch nicht. Aber wer drang nachts in einen fremden Garten ein, um dort schwimmen zu gehen?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Frage beantwortete sich ohne sein Zutun, w\u00e4hrend er noch \u00fcberlegte, ob er nicht besser umkehren sollte. Ein Kopf tauchte \u00fcber dem Rand des Pools auf, und selbst im schwachen Mondlicht erkannte Konstantin das Gesicht: Alva!<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alva war seine neue Nachbarin. Sie war so alt wie er, also elf, und vor zwei Wochen mit ihren Eltern ins Nachbarhaus eingezogen, das vorher mehrere Jahre leergestanden hatte. Nach den Sommerferien w\u00fcrde sie auch in seine Schule kommen, sogar in seine Klasse, wenn alles so lief wie gedacht. Vorher hatte sie in Norddeutschland gewohnt, irgendwo bei L\u00fcbeck, und die Familie war umgezogen, weil einfach das Gesamtpaket gestimmt hatte: Beide Elternteile hatten sich beruflich verbessern k\u00f6nnen, und sie hatten eben die Chance gehabt, das Haus mit Garten zu kaufen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das alles wusste Konstantin nicht von ihr selbst, denn er hatte es bislang vermieden, mit ihr zu reden. Seine Mutter hatte es ihm erz\u00e4hlt, sie hatte sich auf Anhieb mit Alvas verstanden, aber ihre Versuche, ihn dazu zu bringen, mit Alva Freundschaft zu schlie\u00dfen, hatten ihn mit jedem Mal trotziger werden lassen. Warum sollte er mit einem M\u00e4dchen herumziehen, um ihm die Zeit zu vertreiben, bis es in der Schule neue Freundinnen finden konnte? Und jetzt schwamm dieses M\u00e4dchen v\u00f6llig ungeniert in seinem Pool!<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eHe!\u201c, rief er. \u201eWas machst du da?\u201c Das war zwar offensichtlich, aber irgendwie war die ganze Situation so unwirklich, dass ihm nichts Besseres einfiel. Alva w\u00fcrdigte ihn auch keiner Antwort, w\u00e4hrend sie eilig aus dem Bassin kletterte. Mit einem dumpfen Laut trafen ihre F\u00fc\u00dfe auf den Rasen, und Alva rannte davon.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Konstantin setzte ihr nach, so einfach wollte er sie nicht davonkommen lassen. Wenigstens sollte sie ihm erkl\u00e4ren, was sie geritten hatte, nachts in einen Garten einzudringen, in dem sie nichts verloren hatte, und sich in anderer Leute Pool zu vergn\u00fcgen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war von Anfang an ein ungleiches Duell, nicht weil Alva eine sehr schlechte L\u00e4uferin oder Konstantin ein sehr guter Sprinter gewesen w\u00e4re, sondern weil Konstantin den perfekten Startpunkt hatte, um Alva m\u00fchelos den Weg zum Zaun abzuschneiden. Seinem ersten Versuch, sie festzuhalten, konnte sie noch mit einem Haken ausweichen, doch dann erwischte er ihren Arm und packte zu.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alva versuchte, sich loszurei\u00dfen. Eigentlich war das so unsinnig, wie es unsinnig war, dass Konstantin sie \u00fcberhaupt festhalten wollte. Er hatte sie erwischt und erkannt, und ob er sie jetzt gleich zu seinen Eltern schleifte, oder ob er ihnen am n\u00e4chsten Morgen erz\u00e4hlte, was passiert war, machte kaum einen Unterschied. Allenfalls w\u00fcrden Kontantins Eltern noch zus\u00e4tzlich grantig sein, wenn sie aus dem Schlaf gerissen wurden und durch den Tumult vielleicht auch noch seine kleine Schwester aufwachte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Durch den Versuch, sich loszurei\u00dfen, verlor Alva das Gleichgewicht. So schnell, wie das ging, konnte Konstantin gar nicht reagieren und loslassen, und so landeten sie beide der L\u00e4nge nach auf dem Rasen. F\u00fcr Alva war das eindeutig unangenehmer als f\u00fcr Konstantin, denn indem sie ihn in ihrem eigenen Sturz mitriss, diente sie ihm unfreiwillig als Sprungmatte. Konstantin h\u00f6rte ihr schmerzerf\u00fclltes Keuchen und rollte sich hastig zur Seite, um sie nicht l\u00e4nger mit seinem Gewicht an den Rasen zu pinnen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eAlles ok?\u201c, fragte er, jetzt nur noch besorgt, ob sie sich verletzt hatte. \u201eGeht schon\u201c, antwortete Alva, w\u00e4hrend sie sich aufsetzte. \u201eDu bist mit dem Ellenbogen auf meiner Schulter gelandet, das zwiebelt ganz sch\u00f6n, aber kaputt ist nichts.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eZum Gl\u00fcck!\u201c Auch Konstantin hatte sich aufgesetzt, und zu seiner eigenen \u00dcberraschung war er Alva gar nicht mehr b\u00f6se. Oder war er das \u00fcberhaupt nie gewesen? \u201eAber warum hast du eigentlich&#8230;?\u201c \u201eWeil man\u2019s sonst nirgendwo aush\u00e4lt\u201c, seufzte Alva. \u201eMein Zimmer ist bullehei\u00df, obwohl ich den ganzen Tag die Rolladen runter hatte, und ich kann die Fenster aufmachen, wie ich will, drau\u00dfen ist\u2019s ja auch kaum k\u00fchler. Ich wei\u00df, ich h\u00e4tte nicht einfach in euren Pool gehen d\u00fcrfen, aber ich konnte einfach nicht anders. Sagst du deinen Eltern, dass du mich erwischt hast?\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>H\u00e4tte sie das etwas fr\u00fcher gefragt, dann h\u00e4tte Konstatins Antwort vermutlich anders ausgesehen, und er h\u00e4tte Alva in die Hand versprochen, daf\u00fcr zu sorgen, dass sie \u00c4rger bekam, aber jetzt sch\u00fcttelte er den Kopf. \u201eQuatsch!\u201c, sagte er. \u201eBei der Hitze muss man einfach schwimmen. Wei\u00dft du was \u2013 ich mach sogar mit!\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alva riss \u00fcberrascht die Augen auf. Das war wohl das Letzte, womit sie gerechnet hatte, und das konnte Konstantin sogar verstehen. Wer konnte denn auch ernsthaft glauben, dass ein Hausbesitzer sich mit dem ertappten Einbrecher zusammentat? Aber Alva hatte vollkommen recht, es war einfach unheimlich hei\u00df, selbst in der Nacht fielen die Temparaturen kaum ab, und er konnte selbst ja auch kaum schlafen. Vielleicht hatte deshalb auch das leise Pl\u00e4tschern, das Alva beim Schwimmen verursacht hatte, gereicht, um ihn zu wecken, denn normalerweise hatte er keinen derart leichten Schlaf.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber warum ihn die Ger\u00e4usche vom Pool geweckt hatten oder ob es nicht vielleicht etwas ganz anderes gewesen war, war Konstantin im Moment herzlich egal. Alva hatte ihm richtig Lust auf Schwimmen gemacht, und deshalb stemmte er sich vom Rasen hoch und hielt ihr die Hand hin, um ihr ebenfalls aufzuhelfen. Alva l\u00e4chelte, da war auch etwas Erleichterung dabei, dass es keinen \u00c4rger geben w\u00fcrde, und lie\u00df sich auf die F\u00fc\u00dfe ziehen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jetzt, wo sie sozusagen offiziell die Erlaubnis hatte, auch wenn ihre und auch Konstantins Eltern das sicherlich anders sahen, wollte sie so schnell wie m\u00f6glich wieder ins Wasser. Sichtlich ungeduldig wartete sie, bis Konstantin sich bis auf die Unterhose ausgezogen hatte, und war dann noch vor ihm an der Leiter. Konstantin folgte ihr dichtauf, so nah, dass er sie auf der Leiter anstie\u00df.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Wasser war noch warm von der Sonne, die es den ganzen Tag \u00fcber aufgenommen hatte, und Konstantin fand es herrlich, viel besser als im Bett zu liegen und nur m\u00fchsam in den Schlaf zu kommen. Gut, dass Alva diese Idee gehabt und ihn aus Versehen geweckt hatte!<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass er sich eigentlich nicht mit ihr hatte abgeben wollen, hatte er v\u00f6llig vergessen, und je l\u00e4nger er neben ihr schwamm, mit ihr tauchte und sie nassspritzte, desto netter fand er sie. Wenn sie wollte, dann durfte sie jetzt jeden Tag zum Schwimmen zu ihm kommen, denn es machte wirklich Spa\u00df mit ihr.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*** Epilog ***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen schlief Konstantin ziemlich lange, was kein Wunder war, denn es war schon nach zwei Uhr morgens gewesen, als Alva und er entschieden hatten, dann doch mal ins Bett zu gehen. Die Toberei im Pool hatte Konstantin nicht nur erfrischt, sondern auch m\u00fcde gemacht, so dass er anschlie\u00dfend angenehm schnell eingeschlafen war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seine Mutter sagte nichts dazu, dass er sp\u00e4ter als gewohnt fr\u00fchst\u00fcckte. Schlie\u00dflich hatte er Ferien, und ein gemeinsames Fr\u00fchst\u00fcck gab es ohnehin nur am Wochenende, weil Konstantins Vater sehr fr\u00fch zur Arbeit musste.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gleich nach dem Fr\u00fchst\u00fcck ging Konstantin nach drau\u00dfen, um ein bisschen zu schwimmen. Wenig sp\u00e4ter kam auch Alva dazu, er hatte sie ja ausdr\u00fccklich eingeladen; sie war schon im Badeanzug und kletterte einfach \u00fcber den niedrigen Zaun.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDa habt ihr euch ja heute Nacht wirklich zusammengerauft!\u201c, stellte Konstantins Mutter fest. Konstantin hatte gar nicht gemerkt, dass sie in den Garten gekommen war, und nahm vor Schreck erst mal eine kr\u00e4ftige See \u00fcber. Mist, sie hatte es mitgekriegt! Das w\u00fcrde \u00c4rger geben, sp\u00e4testens, wenn Alva wieder zu Hause war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch zu seiner \u00dcberraschung l\u00e4chelte seine Mutter. \u201eWenn ihr nicht wollt, dass Papa und ich mitkriegen, wie ihr nachts schwimmt, dann m\u00fcsst ihr schon ein bisschen leiser sein\u201c, sagte sie ruhig. \u201eAber ich glaube, es war eine gute Idee von uns, euch nicht zu st\u00f6ren, wo ihr gerade dabei wart, euch anzufreunden. Also ausnahmsweise Schwamm dr\u00fcber.\u201c<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Konstantin sa\u00df aufrecht im Bett und wusste nicht, warum. Irgendwas hatte ihn aus dem Schlaf gerissen, aber jetzt schien alles wieder ruhig zu sein. &nbsp; Wie sp\u00e4t war es \u00fcberhaupt? Er hatte das Gef\u00fchl, noch nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig lange geschlafen zu haben, jedenfalls noch nicht die halbe Nacht oder l\u00e4nger. 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