{"id":1948,"date":"2025-04-05T15:19:19","date_gmt":"2025-04-05T14:19:19","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=1948"},"modified":"2025-04-05T15:19:19","modified_gmt":"2025-04-05T14:19:19","slug":"nachsitzen-1-klasse","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=1948","title":{"rendered":"Nachsitzen 1. Klasse"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Nachsitzen 1. Klasse\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Cover-Nachsitzen-1-Klasse.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Nachsitzen 1. Klasse\" \/>\n<p>Nerv\u00f6s schaute Insa auf das Display im T\u00fcrbereich der S-Bahn. Die Bahn war schon bei der Einfahrt ein oder zwei Minuten zu sp\u00e4t gewesen, und nun stand sie seit f\u00fcnf Minuten im Bahnhof. Noch war das nicht kritisch f\u00fcr Insa, aber es schien so gar nicht weitergehen zu wollen. Die T\u00fcren waren nach wie vor freigegeben.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Insa eben geschaut hatte, waren vier Minuten Versp\u00e4tung angezeigt worden, jetzt sieben, aber die Abfahrtszeit, die sich daraus ergab, war auch schon wieder verstrichen. Wenig sp\u00e4ter sprang die Anzeige abermals um, nun sollten es zehn Minuten sein. Eine Begr\u00fcndung gab es nicht, daf\u00fcr war in der \u00dcbersicht \u00fcber den weiteren Fahrtverlauf kein Platz vorgesehen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weil sie seit der 5. Klasse regelm\u00e4\u00dfig mit der Bahn fuhr, hatte Insa eine Fahrplan-App auf dem Handy. Dort war die Chance gr\u00f6\u00dfer, eine Begr\u00fcndung zu finden, aus der sich vielleicht ersehen lie\u00df, wie lange es wirklich noch dauern w\u00fcrde.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber auch dort war zwar die Versp\u00e4tung als solche angegeben, aber kein Grund daf\u00fcr. Seufzend lie\u00df Insa den Kopf gegen die hohe R\u00fcckenlehne sinken. Verflixt, wenn es nicht bald weiterging, w\u00fcrde sie zu sp\u00e4t kommen, und das w\u00fcrde eine Menge \u00c4rger geben.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein paar Augenblicke sp\u00e4ter knackte es im Lautsprecher. \u201eVerehrte Fahrg\u00e4ste\u201c, sagte eine m\u00e4nnliche Stimme, \u201ewir haben vor uns an der Strecke einen Feuerwehreinsatz, es brennt wohl an der B\u00f6schung. Im Moment ist die Strecke komplett gesperrt, und ich kann Ihnen leider nicht sagen, wie lange. Sobald ich N\u00e4heres erfahre, werde ich Sie informieren.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Durchsage wurde noch mal wiederholt, aber da h\u00f6rte Insa nicht mehr zu. Einmal reichte ihr, jetzt war sie wirklich in Schwierigkeiten. Sie durfte auf keinen Fall zu sp\u00e4t kommen!<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hastig holte sie das Handy wieder aus der Tasche, das sie gerade erst weggesteckt hatte. Sie musste schauen, ob es eine Alternative gab, eine andere Verbindung, mit der sie noch p\u00fcnktlich kommen w\u00fcrde. Aber sie hatte wenig Hoffnung, nicht umsonst nahm sie morgens und mittags fast immer die S-Bahn. Die war einfach schneller als Busse und Stra\u00dfenbahnen, die Umwege fuhren und h\u00e4ufiger hielten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie sich zeigte, fuhr an dem Bahnhof, in dem die S-Bahn nun stand, kaum etwas. Es gab nur eine Buslinie im Halb-Stunden-Takt; der n\u00e4chste Bus w\u00fcrde in zwanzig Minuten kommen, da w\u00fcrde es in der Schule gerade zur ersten Stunde klingeln. Also keine Chance, p\u00fcnktlich zu kommen, wenn die S-Bahn nicht bald weiterfahren konnte, und daf\u00fcr sprach so gut wie nichts. Mist, Mist, Mist!<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass sie Verw\u00fcnschungen vor sich hingemurmelt hatte, wurde Insa erst bewusst, als sich ein Junge zu ihr hin\u00fcberbeugte, der ihr schr\u00e4g gegen\u00fcber sa\u00df, mit dem R\u00fccken zur Fahrrichtung am Fenster auf der dem Bahnsteig abgewandten Seite. Sie kannte Linus, weil er nicht weit von ihr entfernt wohnte und im selben Kindergarten gewesen war. Allerdings war er etwas \u00e4lter als sie und deshalb schon in der Siebten, w\u00e4hrend sie selbst in die Sechste ging.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eNicht so schlimm!\u201c, versuchte er sie zu beruhigen. \u201eDu kannst ja nichts daf\u00fcr, wenn die Bahn nicht weiterkommt. Das steht bestimmt auch gleich in der Bahn-App, und ich sch\u00e4tze, das kommt auch in die Zeitung. Es kann also keiner behaupten, du h\u00e4ttest dir das ausgedacht.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDu hast ja keine Ahnung!\u201c, antwortete Insa niedergeschlagen. \u201eIch schreibe gleich Deutsch!\u201c \u201eDann schreibst du eben nach\u201c, meinte Linus. \u201eIst doch kein Problem!\u201c \u201eIst es doch!\u201c, widersprach Insa. \u201eDas ist ja schon das Nachschreiben heute. Eigentlich haben wir letzte Woche geschrieben, aber da war ich krank. Und der Falk hat mich sowieso auf dem Kieker.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDer?\u201c, wunderte sich Linus. \u201eBei dem kann ich mir das echt nicht vorstellen.\u201c Insa verstand das durchaus, denn sie bekam ja auch mit, welcher Lehrer an der Schule welchen Ruf hatte, und Herr Falk galt eigentlich als vertr\u00e4glich. Aber ihre eigenen Erfahrungen mit ihm standen im krassen Gegensatz dazu. Sie hatte noch keine Standpauke von ihm bekommen, geschweige denn einen Eintrag ins Klassenbuch oder einen Tadel, aber wie er sie musterte, wenn sie wieder einmal krank gewesen war \u2026 Leider kam das ziemlich oft vor in letzter Zeit, ihr Bruder war im Sommer in den Kindergarten gekommen und schleppte st\u00e4ndig neue Erreger an. Dass sie sich ansteckte, war kaum zu vermeiden, und auch wenn sie das meiste gut wegsteckte, hatte sie doch seit den Sommerferien schon viermal ein oder zwei Tage in der Schule gefehlt. Zweimal war sie au\u00dferdem fr\u00fcher nach Hause gegangen, da hatte sie sich morgens noch fit genug gef\u00fchlt, im Lauf des Vormittags aber so abgebaut, dass sie nicht mehr in der Lage gewesen, im Klassenzimmer zu sitzen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Linus stand auf und setzte sich neben sie. Unsicher legte er ihr einen Arm um die Schultern. Das tat irgendwie gut, auch wenn es Insas dr\u00e4ngendstes Problem nicht l\u00f6ste. Wenn sie den Nachschreibetermin auch noch verpasste, dann w\u00fcrde der Falk ihr doch garantiert eine Sechs geben!<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eIch glaube nicht, dass er das so einfach darf\u201c, versuchte Linus ihr diese Sorge zu nehmen. \u201eIch meine, du kannst nichts daf\u00fcr. Letzte Woche hast du doch bestimmt ein Attest gehabt, oder?\u201c Das war die Regel an der Schule, wer krankheitsbedingt eine Klassenarbeit verpasste, musste ein \u00e4rztliches Attest einreichen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Insa nickte. Nat\u00fcrlich war sie an dem Tag zum Arzt gegangen, und das Attest hatte sie der Klassenlehrerin gegeben, als sie wieder gesund gewesen war. \u201eUnd heute?\u201c, fragte sie unsicher. \u201eDa hab ich gar nichts.\u201c \u201eDas stimmt\u201c, musste Linus zugeben. \u201eWenn der Falk sp\u00e4ter guckt, findet er das nicht mehr in der Bahn-App. Dann m\u00fcsstest du wahrscheinlich bei der Bahn nachfragen, dass sie dir so einen Zettel schreibt.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Feststellung, dass die Versp\u00e4tung im Nachhinein nicht mehr so leicht nachzuweisen sein w\u00fcrde, brachte Insa auf eine Idee. Vielleicht war es gut, wenigstens Bescheid zu sagen? Die Telefonnummer der Schule konnte sie online herausfinden, das war kein Problem, und das Sekretariat war ab halb acht besetzt, das wusste sie.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eIch w\u00fcrde deine Eltern anrufen lassen\u201c, schlug Linus vor, als sie den Gedanken \u00e4u\u00dferte. \u201eWenn du anrufst, denken sie vielleicht, du l\u00fcgst.\u201c \u201eSie k\u00f6nnten das doch direkt nachgucken\u201c, wandte Insa ein. \u201eSchon\u201c, gab Linus zu. \u201eAber wer sagt denn, dass du wirklich in der S-Bahn sitzt? Du k\u00f6nntest das auch am Bahnhof mitbekommen haben und einfach ausnutzen, um zu schw\u00e4nzen.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da war etwas dran. Ihren Eltern w\u00fcrde man hoffentlich zutrauen, so etwas zu durchschauen, und ihnen nicht unterstellen, dass sie sie auch noch beim Blaumachen unterst\u00fctzten. Ja, so w\u00fcrde sie es machen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Insas Mutter war schon auf der Arbeit, aber \u00fcbers Handy erreichbar. Sie hatte keinen Grund, zu argw\u00f6hnen, Insa w\u00fcrde sich vor der Deutsch-Arbeit dr\u00fccken wollen. Insa war nicht schlecht in Deutsch, und die Arbeiten, die Herr Falk stellte, waren in der Regel fair. Davor brauchte sie sich nicht zu f\u00fcrchten, auch wenn sie gelegentlich schon ein mulmiges Gef\u00fchl hatte, wenn sie ihn sah.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach f\u00fcnf Minuten meldete ihre Mutter sich noch einmal und berichtete, dass sie mit einer der Sekret\u00e4rinnen der Schule gesprochen hatte. \u201eSchau mal, ob irgendwo ein Schaffner ist!\u201c, forderte sie Insa auf. \u201eDie haben zwar online geguckt und gesehen, dass die Versp\u00e4tung eingetragen ist, aber f\u00fcr den Fall der F\u00e4lle kann was Schriftliches nicht schaden.\u201c \u201eMache ich\u201c, versprach Insa. Sie bef\u00fcrchtete zwar immer noch, dass der Falk ihr eine Sechs f\u00fcr die Arbeit geben w\u00fcrde, aber zumindest w\u00fcrde er ihr nicht vorhalten k\u00f6nnen, dass sie sich nicht so fr\u00fch wie m\u00f6glich gemeldet hatte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es dauerte noch mehr als eine halbe Stunde, bis die S-Bahn weiterfahren konnte, und dann auch nur langsam. In der Zeit hatte sich nat\u00fcrlich einiges angestaut an Z\u00fcgen, und es waren wohl auch noch nicht alle Gleise wieder freigegeben; die S-Bahn nutzte auf jeden Fall bis zum n\u00e4chsten Bahnhof das Gegengleis.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eOkay, da konnten sie keinen Zug durchschicken\u201c, stellte Linus fest, als er die Rauchs\u00e4ule sah, die neben der Strecke aufstieg. Was genau brannte, war nicht zu sehen, weil eine Mauer den Blick versperrte. Die B\u00f6schung brannte auf jeden Fall nicht und war auch nicht geschw\u00e4rzt, da waren die Informationen des Zugf\u00fchrers falsch gewesen. Aber der Rauch konnte trotzdem die Sicht beeintr\u00e4chtigt haben, und nat\u00fcrlich hatte sichergestellt sein m\u00fcssen, dass das Feuer sich nicht bis an die Schienen ausbreitete. M\u00f6glicherweise hatte die Feuerwehr auch die Gleise betreten m\u00fcssen, um von allen Seiten l\u00f6schen zu k\u00f6nnen, oder andere Menschen auf der Flucht vor den Flammen. Insa war klar, dass es fahrl\u00e4ssig gewesen w\u00e4re, die Z\u00fcge einfach fahren zu lassen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwischenzeitlich hatte sie \u00fcberlegt, ob Herr Falk sich wohl darauf einlassen w\u00fcrde, sie die Arbeit noch mitschreiben zu lassen und zu bewerten, was sie in der verbliebenen Zeit noch schaffte. Das w\u00e4re besser gewesen als gar nichts, vielleicht h\u00e4tte sie noch genug geschafft, dass es wenigstens f\u00fcr eine Vier reichte. Ob Herr Falk das akzeptiert h\u00e4tte, ob er es \u00fcberhaupt h\u00e4tte erlauben d\u00fcrfen, konnte sie nicht sagen, aber die Frage hatte sich ohnehin erledigt. Als sie endlich die Schule erreichte, war die erste Stunde fast um, etwas mehr als f\u00fcnf Minuten blieben bis zum Klingeln. Bis sie Herrn Falk erkl\u00e4rt hatte, warum sie so sp\u00e4t dran war, und ihm ihre Idee auseinandergesetzt hatte, w\u00fcrde die Stunde vorbei sein.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>So gesehen h\u00e4tte sie statt zum Klassenraum gleich in den Naturwissenschaftstrakt gehen k\u00f6nnen, wo die Klasse in der zweiten Stunde Bio haben w\u00fcrde. Aber es war wohl besser, guten Willen zu zeigen und Herrn Falk pers\u00f6nlich zu sagen, warum sie nicht p\u00fcnktlich gewesen war. Vielleicht w\u00fcrde ihn das milder stimmen, auch wenn sie nicht glaubte, dass er ihr noch eine Chance geben w\u00fcrde, die Arbeit nachzuschreiben. Immerhin, sie hatte eine Zugbegleiterin gefunden und eine schriftliche Best\u00e4tigung der Versp\u00e4tung bekommen. Sie konnte also beweisen, dass sie in dieser S-Bahn gesessen und keine Chance gehabt hatte, p\u00fcnktlich in der Schule zu sein. Man konnte ihr auch nicht vorwerfen, keinen Puffer eingeplant zu haben, auch mit der n\u00e4chsten S-Bahn w\u00e4re sie noch ganz knapp p\u00fcnktlich gewesen. Die Streckensperrung war beim besten Willen nicht abzusehen gewesen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Eingangshalle wollte Insa sich von Linus verabschieden. \u201eWarte kurz!\u201c, sagte er zu ihrer \u00dcberraschung, als sie sich schon zur Treppe hin abgewandt hatte. \u201eSoll ich mitkommen?\u201c, bot er ihr an. \u201eIch meine, ich kann best\u00e4tigen, dass du keine andere Chance hattest, fr\u00fcher hier zu sein. Dann traut er sich vielleicht nicht, dich runterzumachen. Wundert mich sowieso, dass er dich so auf dem Kieker hat, so h\u00e4tte ich ihn nicht eingesch\u00e4tzt, und du bist auch keine, die st\u00e4ndig \u00c4rger macht.\u201c \u201eAu\u00dfer, dass ich so oft krank bin\u201c, schr\u00e4nkte Insa ein. \u201eVielleicht denkt er, ich tue nur so, oder dass ich so eine Mimose bin, die sich bei jeder Kleinigkeit im Bett verkriecht.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das konnte Linus nicht von der Hand weisen, auch wenn er nicht daran zweifelte, dass Insa wirklich krank gewesen war, zu krank, um in die Schule zu gehen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Insa \u00fcberlegte kurz, vielleicht w\u00fcrde sie erst recht als Memme dastehen, wenn sie Unterst\u00fctzung mitbrachte. Aber ihre Klassenkameraden sahen ja auch, was mit ihr und dem Falk war, und w\u00fcrden verstehen, dass sie sich absicherte. \u201eOkay\u201c, sagte sie schlie\u00dflich. \u201eAber nur, wenn du dann keinen \u00c4rger kriegst!\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das bef\u00fcrchtete Linus nicht. Er h\u00e4tte in der ersten Stunde Englisch gehabt, und die Lehrerin hatte Verst\u00e4ndnis, vorausgesetzt, es kam nicht zu oft vor, weil jemand regelm\u00e4\u00dfig gar zu knapp losfuhr.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Insa und Linus vor dem Klassenzimmer ankamen, waren es noch drei Minuten bis zum Ende der Stunde. \u201eBesser, wir warten\u201c, meinte Insa nach einem Blick auf die Uhr. \u201eWenn wir jetzt reinplatzen, wird er wahrscheinlich erst recht sauer. Au\u00dferdem st\u00f6ren wir die anderen. W\u00e4re bl\u00f6d, wenn sie deswegen einen Rechtschreibfehler \u00fcbersehen oder so.\u201c Sie war nicht die Einzige gewesen, die an diesem Tag Deutsch nachschreiben sollte, zwei andere aus der Klasse hatten den urspr\u00fcnglichen Termin ebenfalls krank verpasst. Wenn Insa sich richtig erinnerte, hatte Herr Falk auch eine Siebtkl\u00e4sslerin dazusetzen wollen, die ebenfalls die letzte Deutsch-Arbeit bei ihm verpasst hatte. Der Rest von Insas Klasse sollte eine Aufgabe in stiller Einzelarbeit bearbeiten, die in der n\u00e4chsten Stunde aufgegriffen werden w\u00fcrde.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nerv\u00f6s wartete Insa, bis sich kurz nach dem Klingeln die T\u00fcr \u00f6ffnete. Die ersten Klassenkameraden kamen heraus und wunderten sich, als sie sie vor der T\u00fcr stehen sahen. Aber Insa hatte keinen Nerv, ihnen zu erkl\u00e4ren, warum sie erst zur zweiten Stunde da war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nur ihrer besten Freundin in der Klasse, Alina, raunte sie im Vorbeigehen zu, dass ihre S-Bahn Versp\u00e4tung gehabt hatte. \u201eHat er was gesagt?\u201c, fragte sie leise. Alina sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eHat nat\u00fcrlich gefragt, ob einer wei\u00df, was mit dir ist\u201c, antwortete sie. \u201eWusste aber keiner, logisch.\u201c \u201eMist, ich h\u00e4tte dir schreiben sollen\u201c, fiel Insa ein. \u201eHab ich echt nicht dran gedacht. Ich hab die ganze Zeit nur \u00fcberlegt, was ich mache wegen dem Falk.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alina nahm ihr das Vers\u00e4umnis nicht \u00fcbel, sie verstand, dass Insa in dem Moment nur den Lehrer als gr\u00f6\u00dftes Problem im Kopf gehabt hatte. Allerdings h\u00e4tte sie nat\u00fcrlich Bescheid sagen k\u00f6nnen, wenn Insa ihr eine Nachricht geschickt h\u00e4tte; dass die Sekret\u00e4rin ihn \u00fcber den Anruf von Insas Mutter informiert hatte, wagte Insa zu bezweifeln.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Herr Falk verstaute gerade den d\u00fcnnen Stapel Klassenarbeitshefte in seiner Tasche, als Insa ans Lehrerpult trat. \u201eInsa?\u201c, wunderte er sich, als er sie sah. \u201eWas ist los?\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das klang mehr besorgt als w\u00fctend. Trotzdem war Insa unsicher und wusste nicht recht, wie sie anfangen sollte. \u201eDie Bahn \u2026\u201c, brachte sie schlie\u00dflich hervor. \u201eEs hat gebrannt.\u201c \u201eIn der Bahn?\u201c, fragte Herr Falk nach. Insa sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eIrgendein Haus oder so direkt an den Schienen\u201c, sprang Linus ihr bei. \u201eDie Bahn musste warten.\u201c \u201eDu warst auch in der Bahn?\u201c, vergewisserte Herr Falk sich. Linus nickte und stellte sich mit Namen und Klasse vor, weil er bislang noch nicht pers\u00f6nlich mit ihm zu tun gehabt hatte. \u201eBist du mit Felicitas verwandt?\u201c, erkundigte der Lehrer sich. Wieder bejahte Linus, das war seine \u00e4ltere Schwester. Sie war jetzt in der Zehnten und hatte fr\u00fcher bei Herrn Falk Geschichte gehabt.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Insa hatte unterdessen die Bescheinigung \u00fcber die Versp\u00e4tung aus der Tasche geholt und hielt sie dem Lehrer hin. Der warf einen kurzen Blick darauf und reichte den Zettel zur\u00fcck. \u201eGut\u201c, sagte er. \u201eWirf das sicherheitshalber noch nicht weg, auch wenn ich nicht glaube, dass du\u2019s noch mal brauchst.\u201c \u201eWas wird denn jetzt mit der Arbeit?\u201c, fragte Insa vorsichtig. \u201eKriege ich eine Sechs, weil ich wieder nicht mitschreiben konnte?\u201c \u201eWie kommst du darauf?\u201c, wunderte Herr Falk sich. Er schien wirklich \u00fcberrascht zu sein, was wiederum Insa nicht nachvollziehen konnte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eNa ja, weil es schon das zweite Mal ist\u201c, versuchte sie zu erkl\u00e4ren. \u201eDass ich die Arbeit verpasse, meine ich.\u201c \u201eDas ist nat\u00fcrlich ungl\u00fccklich\u201c, r\u00e4umte Herr Falk ein. \u201eAber nichts, wof\u00fcr sich keine L\u00f6sung finden lie\u00dfe.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein kurzes Schweigen entstand. Insa wusste nicht, was sie sagen sollte, sie wartete auf eine Entscheidung des Lehrers. Der wiederum schien aber auch noch nicht sicher zu sein, wie man mit der Situation verfahren sollte. Dass jemand Arbeit und Nachschreibetermin verpasste, war sicherlich nicht allt\u00e4glich, auch wenn es gelegentlich vorkam. Wenn jemand zwei, drei Wochen krank war, konnte man anderen, die ebenfalls nachschreiben mussten, irgendwann nicht mehr zumuten, so lange zu warten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eIch glaube, wir m\u00fcssen mal reden\u201c, sagte Herr Falk schlie\u00dflich. Insa rutschte das Herz in die Hose. Was denn noch? Schriftlicher Tadel? Schulkonferenz? Wollte er daf\u00fcr sorgen, dass sie von der Schule flog?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eGeh schon mal runter und warte beim Lehrerzimmer auf mich!\u201c, forderte der Lehrer sie auf. \u201eBei wem habt ihr die n\u00e4chste Stunde?\u201c \u201eFrau Eckel\u201c, antwortete Insa leise. \u201eGut\u201c, meinte Herr Falk.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er hielt Bea an, die gerade das Klassenzimmer verlassen wollte. \u201eSag bitte Frau Eckel, dass Insa etwas sp\u00e4ter kommt\u201c, forderte er sie auf. \u201eDann haben wir keine Eile\u201c, sagte er zu Insa, als Bea weitergegangen war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Offensichtlich entging ihm nicht, wie Insa unsicher zu Linus schaute. \u201eDu brauchst dir keine Sorgen um sie zu machen\u201c, versuchte er beide zu beruhigen. \u201eAber es ehrt dich, dass du sie begleitet hast. Wirklich.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Insa w\u00e4re es lieber gewesen, wenn Linus dabei gewesen w\u00e4re, wenn sie mit dem Lehrer sprach. Auch wenn sie ihn gar nicht so gut kannte, h\u00e4tte es ihr etwas Sicherheit gegeben, nicht allein zu sein. Aber es schien Herrn Falk nicht recht zu sein, und sie konnte auch nicht von Linus verlangen, dass er ihretwegen auch noch zu sp\u00e4t zur n\u00e4chsten Stunde kam.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwei Minuten sp\u00e4ter stand Insa vor dem Lehrerzimmer im Erdgeschoss. Hier herrschte Kommen und Gehen, anscheinend kamen die meisten Lehrer kurz her, ehe sie zur n\u00e4chsten Klasse gingen. Eigentlich logisch, die wollten auch nicht alles, was sie im Lauf des Schultags brauchten, die ganze Zeit mit sich herumschleppen. Vielleicht schlossen sie auch Klassenarbeitshefte weg oder tranken rasch einen Kaffee.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Insa wurde bewusst, dass sie sich den Kopf zerbrach \u00fcber Dinge, die ihr v\u00f6llig egal sein konnten, um m\u00f6glichst nicht an das vor ihr liegende Gespr\u00e4ch denken zu m\u00fcssen. Auf der einen Seite w\u00fcnschte sie sich, dass Herr Falk sich Zeit lassen w\u00fcrde, wollte das Unausweichliche von sich schieben; gleichzeitig sagte ihr der Verstand, dass sie sich in der Zeit sowieso nur verr\u00fcckt machen w\u00fcrde.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie merkte, dass sie unmittelbar an der T\u00fcr im Weg stand, und ging ein paar Schritte zur Seite. Ihr Blick fiel auf die Sitzgruppe, die ein paar Meter entfernt auf derselben Seite des Ganges stand. Wenn sie sich dort hinsetzte, w\u00fcrde niemand \u00fcber sie stolpern, und vielleicht w\u00fcrde sie auch niemand ansprechen, auf wen sie wartete. Aber wenn sie den Stuhl direkt an der Ecke nahm, w\u00fcrde sie den Gang im Blick haben und sehen, wenn Herr Falk kam.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie musste sich eine Weile gedulden, die Pause war schon seit zwei oder drei Minuten vorbei, als ihr Deutschlehrer kam. \u201eTut mir leid\u201c, entschuldigte er sich, \u201eschneller ging\u2019s nicht.\u201c Er hatte der 8b, die jetzt Unterricht bei ihm gehabt h\u00e4tte, eine Aufgabe gegeben, die sie bearbeiten sollte, und die Kollegin nebenan gebeten, mit einem Ohr hinzuh\u00f6ren, ob es ruhig blieb. \u201eWir haben also alle Zeit, die wir brauchen\u201c, schloss er.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die kleine Sitzgruppe schien ihm auch nicht der falsche Ort zu sein f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch. Jetzt, wo die Pause zu Ende war, war der Flur weitestgehend verwaist. Nur Frau Schellenberg hetzte gerade noch aus dem Lehrerzimmer und eilte \u00fcber den Gang zu den Klassentrakten; die Englisch- und Philosophielehrerin war bekannt daf\u00fcr, immer erst deutlich nach dem Klingeln zu kommen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDu machst dir Sorgen\u201c, hob Herr Falk an, nachdem er sich Insa gegen\u00fcbergesetzt hatte. \u201eUnd ich glaube, meinetwegen, oder?\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Insa schwieg. Er hatte ja recht, aber konnte sie ihm das ins Gesicht sagen? Dann w\u00fcrde sie doch gleich noch ein paar Minuspunkte extra sammeln bei ihm! Aber l\u00fcgen wollte sie auch nicht, und sie bef\u00fcrchtete, dass er das sowieso durchschauen w\u00fcrde. Sie war keine gute L\u00fcgnerin, und er hatte bestimmt schon zwanzig Jahre Erfahrung als Lehrer.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ihr Schweigen war Herrn Falk Antwort genug. \u201eAlso ja\u201c, folgerte er. \u201eIch glaube, das muss ich mir ankreiden.\u201c Das war bestimmt nicht das, was Insa erwartet hatte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eIch bin nicht sauer auf dich, falls du das denkst\u201c, fuhr Herr Falk nach einer kurzen Pause fort. \u201eNicht?\u201c, entfuhr es Insa. \u201eAber \u2026\u201c \u201eTut mir leid\u201c, sagte Herr Falk, als sie sich unterbrach. \u201eDa habe ich wohl einen v\u00f6llig falschen Eindruck entstehen lassen. Wenn ich nachfrage, warum du gefehlt hast und wann du den Stoff nachholst, dann bestimmt nicht, weil ich dich f\u00fcr eine Blaumacherin halte. Ich wei\u00df, dass du einen Bruder hast, der in den Kindergarten gekommen ist, es ist keine \u00dcberraschung, dass er immer wieder Viren mitbringt. Das war bei meinen T\u00f6chtern nicht anders damals. Als die in dem Alter waren, war auch dauernd irgendetwas. Dass du dich regelm\u00e4\u00dfig bei ihm ansteckst, ist nicht deine Schuld, das passiert einfach in einer Familie, die zusammenlebt.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Insa wusste immer noch nicht, was sie sagen sollte, aber Herr Falk erwartete auch keine Antwort. \u201eIch m\u00f6chte einfach sicher sein, dass du trotzdem mitkommst\u201c, fuhr er fort. \u201eDas ist der Grund, warum ich nachfrage. Ich m\u00f6chte wissen, ob du es schaffst, den Stoff nachzuholen. Und ich m\u00f6chte bestimmt nicht, dass du dich halb krank in die Schule schleppst, weil du Angst hast, bestraft zu werden. Damit ist dir nicht gedient, und auch sonst niemandem.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er unterbrach sich kurz, um Insa Zeit zu geben, das Gesagte zu verarbeiten. \u201eF\u00fcr den verpassten Nachschreibetermin finden wir eine L\u00f6sung\u201c, versprach er dann. \u201eUnd wenn du sonst Schwierigkeiten hast mit dem Lernen, dann sag Bescheid. Versprichst du mir das?\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Insa nickte. \u201eVersprochen\u201c, antwortete sie. Sie f\u00fchlte sich unglaublich erleichtert: Der Lehrer, den sie f\u00fcr einen Gegner gehalten hatte, stand auf ihrer Seite. Er verstand nicht nur, warum sie so oft fehlte, er wollte ihr wirklich helfen, trotzdem Schritt zu halten mit dem Rest der Klasse. Nat\u00fcrlich war die Deutsch-Arbeit noch nicht geschrieben, und Herr Falk w\u00fcrde ihr die Aufgaben nicht extra leicht machen. Aber er w\u00fcrde daf\u00fcr sorgen, dass die Fehltage, f\u00fcr die sie nichts konnte, ihr nicht zum Nachteil gereichten. Allein das Wissen, dass sie Hilfe bekommen w\u00fcrde, wenn sie sie brauchte, war ein unheimlich gutes Gef\u00fchl. Wenn es daf\u00fcr den verpassten Nachschreibetermin gebraucht hatte, dann war die Bahn genau zu richtigen Zeit zu sp\u00e4t gekommen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nerv\u00f6s schaute Insa auf das Display im T\u00fcrbereich der S-Bahn. Die Bahn war schon bei der Einfahrt ein oder zwei Minuten zu sp\u00e4t gewesen, und nun stand sie seit f\u00fcnf Minuten im Bahnhof. Noch war das nicht kritisch f\u00fcr Insa, aber es schien so gar nicht weitergehen zu wollen. 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