{"id":193,"date":"2024-01-29T19:41:40","date_gmt":"2024-01-29T18:41:40","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=193"},"modified":"2024-02-09T20:25:01","modified_gmt":"2024-02-09T19:25:01","slug":"das-silvester-turnier","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=193","title":{"rendered":"Das Silvester-Turnier"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Das Silvester-Turnier\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<p>\nDas Silvester-Turnier<i> ist eine kleine Fortsetzung zu<\/i> <a href=\"https:\/\/renebote.de\/?page_id=422\">Pfiff! &ndash; Aus dem Tagebuch einer Jungschiedsrichterin<\/a> <i>und spielt ein knappes Jahr nach dem Ende des Buches am letzten Tag des Jahres. Die Handlung ist in sich abgeschlossen, nimmt aber den einen oder anderen R\u00fcckbezug auf das Buch.\n<\/i><\/p>\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Cover-Das-Silvesterturnier.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Das Silvester-Turnier\" \/>\n<p>Als ich zwei Tage vor Heiligabend einen Blick in mein E-Mail-Postfach werfe, finde ich zu meiner \u00dcberraschung eine Mail von Florian, der bei uns im Fu\u00dfballkreis f\u00fcr die Ansetzung der Schiedsrichter zust\u00e4ndig ist. Das \u00fcberrascht mich deshalb, weil ich keinen Anlass sehe, warum er mir schreiben sollte. Die Einladungen f\u00fcr die Hallenstadtmeisterschaften sind l\u00e4ngst raus, ich werde wie schon im letzen Jahr sowohl bei den M\u00e4dchen, als auch bei den Damen pfeifen. F\u00fcr die Ansetzungen f\u00fcr die R\u00fcckrunde ist es dagegen noch zu fr\u00fch, die werden erst im Januar kommen. Vielleicht ein Weihnachtsgru\u00df?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nein, eher ein verfr\u00fchtes Weihnachtsgeschenk, das ich aber nach Weihnachten erst auspacken darf: Florian fragt an, ob ich Lust habe, bei einem Silvesterturnier in der N\u00e4he von Winterberg zu pfeifen. Jemand, den er vom Studium her kennt und der da im Verein mitarbeitet, hat wohl gefragt, ob er jemanden als Verst\u00e4rkung schicken kann.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lust habe ich, gar keine Frage, aber wie stellt Florian sich das vor? Das sind \u00fcber hundert Kilometer, ich habe keinen F\u00fchrerschein, und mit der Bahn ist da auch schwierig hinzukommen, zumal am Feiertag und so am Ende der Welt, wie die Halle liegt. Wenn Florian daf\u00fcr eine L\u00f6sung hat, dann bin ich dabei.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weil das per Mail blo\u00df ein langes Hin und Her gibt, rufe ich ihn direkt an. Florian beruhigt mich, dass ich auf den \u00d6PNV angewiesen bin oder auf jemanden, der mich f\u00e4hrt, hat er wohl bedacht. Hin m\u00fcsste ich mit der Bahn fahren, sein Freund w\u00fcrde mich dann mit dem Auto in Winterberg am Bahnhof abholen und zur Halle bringen. Abends w\u00fcrde Florian dann kommen, um mich abzuholen, so dass ich rechtzeitig zur Silvesterfeier wieder zu Hause w\u00e4re.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er macht mir den Mund w\u00e4ssrig, denn das Teilnehmerfeld ist ziemlich erlesen. Keine der zw\u00f6lf Mannschaften spielt niedriger als Bezirksliga, zwei kommen sogar aus der Regionalliga. Ich bin im Sommer in die Damenbezirksliga aufgestiegen, was schon nicht wenig ist daf\u00fcr, dass ich da gerade erst siebzehn geworden war, und Regionalliga ist schon eine richtig gro\u00dfe Hausnummer. Gut, das Hallenturnier z\u00e4hlt als Freundschaftsspiel, da kann man schon mal Schiedsrichter ansetzen, die normalerweise nicht so hoch pfeifen, wie die beteiligten Mannschaften spielen, aber gleich drei Ligen h\u00f6her?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Florian sagt, dass er mir das ohne Weiteres zutraut. Sozusagen hinter vorgehaltener Hand verr\u00e4t er mir, dass ich sowieso schon auf dem Zettel stehe f\u00fcr den Aufstieg in die Landesliga. Das lasse ich jetzt mal unkommentiert, weil mich der Gedanke schwindelig macht. Wie gesagt, ich bin erst siebzehn, und zusammen mit meiner Schiedsrichterkameradin und inzwischen auch guten Freundin Annika Stockel, die aber auch mit einer Ausnahmegenehmigung mit vierzehn schon den Lehrgang machen durfte, bin ich die einzige in dem Alter im ganzen Kreis, die \u00fcberhaupt schon \u00fcberkreislich pfeifen darf.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das hei\u00dft aber nicht, dass es nicht \u00e4ltere und erfahrenere Schiedsrichterinnen g\u00e4be, die Florian ins Sauerland schicken k\u00f6nnte. Ich wei\u00df ja, dass er gro\u00dfe St\u00fccke auf mich h\u00e4lt, aber trotzdem ehrt es mich, dass er zuallererst bei mir anfragt, ob ich das Turnier an Silvester pfeifen will. Ich muss nat\u00fcrlich erst noch meine Eltern fragen, ob ich darf, aber freiwillig lasse ich mir die Chance nicht entgehen. Ich verspreche Florian, mich am gleichen Tag noch mal zu melden und ihm Bescheid zu geben, denn sein Ex-Studienkollege wartet sicher auch auf R\u00fcckmeldung.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meine Eltern gucken erst mal reichlich kariert, als ich ihnen von dem Turnier erz\u00e4hle. Daran, dass ich fast an jedem Wochenende und in so ziemlich allen Ecken unseres Kreises unterwegs bin, haben sie sich l\u00e4ngst gew\u00f6hnt, aber das ist jetzt doch eine ganz andere Hausnummer. Aber sie wissen auch, dass ich kein kleines Kind mehr bin, und Florian kennen sie zwar nicht pers\u00f6nlich, haben aber genug \u00fcber ihn geh\u00f6rt, um zu wissen, dass auf ihn Verlass ist. Au\u00dferdem bin ich mir sicher, dass Julian mitkommen wird, mein Freund, \u00fcber den ich auch zum Fu\u00dfball gekommen bin, ich werde also nicht allein auf weiter Flur stehen. Das sind mehr als genug Argumente zu meinen Gunsten, und nach dem Abendessen kann ich Florian Vollzug melden.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich glaube, so fr\u00fch bin ich an keinem Silvester mehr aufgestanden, seit ich aus dem Alter raus bin, wo kleinere Kinder um keinen Preis der Welt l\u00e4nger als bis sechs oder halb sieben im Bett zu halten sind. Julian hat bei mir geschlafen, und wir haben beschlossen, unterwegs zu fr\u00fchst\u00fccken, damit wir nicht noch fr\u00fcher aufstehen m\u00fcssen. Mein Vater bringt uns freundlicherweise zum Bahnhof, auch das spart uns Zeit, denn so viele Busse fahren so fr\u00fch am Samstagmorgen noch nicht.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist knackig kalt, aber trocken. Auf dem Bahnsteig pfeift der Wind, aber in der dicken Winterjacke und mit einem Becher hei\u00dfem Kakao in der Hand ist es auszuhalten. Au\u00dferdem m\u00fcssen wir nicht lange warten, bis der Zug kommt, und der ist gut geheizt. Ich freu mich auf das Turnier, das wird bestimmt spannend, und es f\u00e4llt mir nicht ganz leicht, nach dem Fr\u00fchst\u00fcck noch mal die Augen zuzumachen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Irgendwann muss ich doch eingeduselt sein, denn als Julian mich weckt, h\u00f6re ich gerade noch den Rest der Durchsage, dass wir gleich in Winterberg sein werden. Ich sch\u00e4tze, ich habe noch eine gute Stunde geschlafen, das sollte reichen, dass ich nicht vorzeitig durchh\u00e4nge, wenn wir heute Abend Silvester feiern.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor dem Feiern stehen aber noch ein Dutzend Spiele an, die ich zu pfeifen habe. Den Spielplan habe ich schon bekommen, Vorrunde mit zw\u00f6lf Mannschaften in drei Gruppen, von denen jeweils die ersten beiden und zus\u00e4tzlich die beiden besten Dritten in die Zwischenrunde einziehen, die in zwei Gruppen ausgetragen wird, und dann eben noch Halbfinale, Spiel um Platz drei und Endspiel. Au\u00dfer mir werden nur noch zwei andere Schiedsrichterinnen da sein, das wei\u00df ich von Florian. Er hat mir auch erz\u00e4hlt, dass sie in dem Kreis mit Schiedsrichtern wohl generell noch knapper dran sind als die meisten anderen Kreise, die auch nicht \u00fcber einem \u00dcberangebot zu leiden haben. Dieses Jahr sind au\u00dferdem wohl extrem viele \u00fcber den Jahreswechsel in Urlaub oder sonstwie nicht greifbar, deshalb mein Einsatz.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Bahnhof von Winterberg werden Julian und ich schon erwartet, und der Mann im schwarzen Trainingsanzug mit dem Wappen des gastgebenden Vereins SV Tanne auf der Brust wei\u00df auch sofort, wer von den aussteigenden Fahrg\u00e4sten seine Klienten sind. Kunstst\u00fcck, au\u00dfer uns steigen nur eine Frau mit zwei kleinen Kindern, ein Typ im Businessanzug und eine alte Frau aus, die Verwechslungsgefahr ist also gering.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir werden begr\u00fc\u00dft und machen uns rasch miteinander bekannt. Matthias Kowalski, so der Name unseres Chauffeurs, ist beim SV Tanne Jugendleiter und Koordinator f\u00fcr Frauen- und M\u00e4dchenfu\u00dfball in Personalunion. Er kutschiert uns fast eine halbe Stunde durch wei\u00df gepuderte W\u00e4lder, die Landschaft ist wundersch\u00f6n, und ich schicke einen stummen Dank an Florian, dass er mich daf\u00fcr ausgew\u00e4hlt hat, die Tour zu machen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Halle herrscht schon reger Betrieb, diejenigen, die hinter den Kulissen alles organisieren, sind wahrscheinlich schon seit Stunden am Wirbeln, und auch ein gro\u00dfer Teil der Mannschaften scheint schon eingetroffen zu sein.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich das Spielfeld betrete, stockt mir fast der Atem. Ich h\u00e4tte mir denken k\u00f6nnen, dass ein Regionalligist nicht freiwillig auf abgeschabtem Parkett antreten w\u00fcrde, aber die Ausstattung hier \u2013 alter Schwede! Kunstrasen, aber die gute Sorte, Rundumbande, digitale Anzeigetafel und Trib\u00fcnen mit mindestens dreitausend Pl\u00e4tzen. Julian hat die Reihen gez\u00e4hlt und es dann ausgerechnet. Obwohl es bis zum ersten Ansto\u00df noch eine Dreiviertelstunde dauert, ist die Trib\u00fcne schon gut gef\u00fcllt, und es ist nicht nur der Anhang der Spielerinnen, der da sitzt. Ich finde das aufregend, vor so vielen Zuschauen habe ich noch nie gepfiffen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Julian sich einen Platz sucht, wo ich ihn sp\u00e4ter auch wiederfinde, werde ich in die Schiedsrichterkabine gef\u00fchrt und treffe dort zum ersten Mal die beiden Sportskameradinnen, mit denen ich heute im Wechsel die Spiele leiten werde. Die eine, Marie, ist auch nicht viel \u00e4lter als ich und erz\u00e4hlt mir, dass sie normalerweise Kreisliga pfeift und in der Bezirksliga an der Linie steht. Das heute ist das erste Mal, dass sie Mannschaften aus h\u00f6heren Ligen pfeift. Die andere, Natalie, ist schon Mitte zwanzig, pfeift bis zur Regionalliga bei den Damen und bis zur Landesliga bei den Herren. Ihr Trikot kann nicht mehr ganz verbergen, dass sie sich demn\u00e4chst eine Auszeit nehmen wird, um sich dem allerj\u00fcngsten Schiedsrichter-Nachwuchs zu widmen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Routine mit Spielberichten und allem, was sonst noch dazugeh\u00f6rt, ist hier nicht anders als zu Hause, und das gibt mir Ruhe. Die beiden Kameradinnen lassen mir den Vortritt, das ist m\u00f6glicherweise mit der Turnierleitung abgesprochen, die nach dem Ansto\u00df nicht nur meinen Namen durchsagt, sondern sich auch ausdr\u00fccklich daf\u00fcr bedankt, dass ich extra aus dem Ruhrgebiet angereist bin, um die hiesigen Schiedsrichterinnen zu unterst\u00fctzen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Auftaktspiel entspricht von der Ligenzugeh\u00f6rigkeit der Mannschaften her genau dem Finale der Stadtmeisterschaft, das ich im Januar pfeifen durfte: Die Gastgeber vom SV Tanne sind in der Landesliga beheimatet, der Gegner vom FC Westfalen in der Verbandsliga.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beide wollen unbedingt drei Punkte, das ist der Gruppenkonstellation geschuldet. F\u00fcr beide geht es vermutlich nur um den zweiten Platz hinter der SVG, einem der beiden Regionalligisten, w\u00e4hrend der ETSV als Bezirksligist in dieser Gruppe nur Kanonenfutter sein d\u00fcrfte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Entsprechend einsatzfreudig geht es von der ersten Spielminute an zur Sache. Vielleicht w\u00e4re es besser gewesen, ich h\u00e4tte mich hinter den beiden Sportskameradinnen eingereiht, dann h\u00e4tte ich Gelegenheit gehabt, vorher mal in die Grundhaltung hier reinzuschnuppern. Ich m\u00f6chte weder \u00fcbertrieben streng daherkommen, noch zu lasch.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber wahrscheinlich rede ich mir das eh nur ein, wie streng ich durchgreife, ist ja auch bei mir selbst schon von Spiel zu Spiel unterschiedlich. Das h\u00e4ngt einfach davon ab, wie die Spielerinnen sich auff\u00fchren, in einer insgesamt fairen Partie lasse ich es auch eher mal bei einer Ermahnung bewenden, wo man streng genommen auch eine Karte zeigen k\u00f6nnte, wenn es ohnehin ruppig zur Sache geht, ziehe ich auch schon mal etwas eher gelb. Das ist das ber\u00fchmte Fingerspitzengef\u00fchl, und warum sollte ich mich nicht darauf verlassen, nur weil hier alles ein bisschen gr\u00f6\u00dfer ist?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich denke, alles in allem mache ich meine Sache ganz gut, gr\u00f6\u00dfere Unmutsbekundungen bleiben sowohl seitens des Publikums, als auch seitens der Spielerinnen aus. Klar deutet da manchmal ein Arm einen Einkick an, den ich andersrum gebe, und ein getroffener Fu\u00df wird mal eben schnell zum Ball umetikettiert, aber das geh\u00f6rt einfach dazu, und ich gehe ruhig und manchmal auch mit einem L\u00e4cheln dar\u00fcber hinweg.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ganz ohne Aufreger ist so ein Hallenturnier wohl nicht \u00fcber die B\u00fchne zu kriegen. Aber muss denn ausgerechnet ich dabei im Mittelpunkt stehen? Es passiert im ersten Halbfinale bei einer Paarung, die alle erst im Finale erwartet haben. Die SVG hatte im letzten Zwischenrundenspiel Pech und nur unentschieden gegen den Verbandsligisten FFC gespielt, der dann aufgrund des etwas besseren Torverh\u00e4ltnisses Gruppensieger geworden ist. So treffen die beiden Regionalligisten bereits im Halbfinale aufeinander, und keiner von beiden hat Lust, nur das kleine Finale zu spielen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die SVG f\u00fchrt bis kurz vor Schluss mit 1:0, doch dann kommt eine Spielerin der BSG Kickers zu Fall. Ein Foul war es, da gibt es f\u00fcr mich keinen Zweifel, und mein erster Reflex geht dahin, auf den Punkt zu zeigen. Die Spielerinnen der BSG Kickers freuen sich, eine bessere Chance, zum Ausgleich zu kommen, k\u00f6nnen sie sich kaum w\u00fcnschen. Die Damen der SVG dagegen bedr\u00e4ngen mich, nie und nimmer Strafsto\u00df, sagen sie, wenn es \u00fcberhaupt ein Foul war, dann klar au\u00dferhalb. Die Spielf\u00fchrerin \u00fcbertreibt es, sie dr\u00fcckt mir fast die Nase ins Gesicht, w\u00e4hrend sie gelb f\u00fcr die zu Fall gekommene Spielerin wegen einer Schwalbe fordert. Karten zu fordern, ist unsportlich, und ihren Umgang mit mir lasse ich mir auch nicht bieten, deshalb ist die SVG-Kapit\u00e4nin die erste, die verwarnt wird, und weil sie auch diejenige war, die das Foul begangen hat, bekommt sie die zweite Gelbe gleich hinterher.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Danach bespreche ich mich kurz mit Marie. Sie ist bei diesem Spiel als Assistentin eingeteilt, die die Wechsel \u00fcberwacht und mich auf Regelverst\u00f6\u00dfe aufmerksam macht, die hinter meinem R\u00fccken passieren. Sie ist sich auch nicht hundertprozentig sicher, tendiert aber dazu, dass das Foul eher au\u00dferhalb passiert ist, auch wenn die betroffene Spielerin anschlie\u00dfend vom eigenen Schwung noch \u00fcber die Linie getragen worden ist. Es war auf jeden Fall knapp, ganz sicher aufl\u00f6sen kann ich es nicht; ich entscheide mich, den Strafsto\u00df zur\u00fcckzunehmen und stattdessen Freisto\u00df zu geben. Die Forderung der Kickers-Trainerin, dann auch die zweite Gelbe f\u00fcr die Spielf\u00fchrerin zur\u00fcckzunehmen, weise ich dagegen zur\u00fcck. Das Foulspiel hat es ja schlie\u00dflich gegeben, ob jetzt im oder knapp vor dem Strafraum macht f\u00fcr die pers\u00f6nliche Strafe gegen die Spielerin, die es begangen hat, keinen Unterschied, und es bleibt auch unsportlich, einer Gegenspielerin, die man gerade selbst von den Beinen geholt hat, eine Schwalbe zu unterstellen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Spielerinnen von den Kickers sind nat\u00fcrlich entt\u00e4uscht, dass sie jetzt doch nur den Freisto\u00df bekommen, aber den immerhin aus einer gef\u00e4hrlichen Position, und sie spielen ab sofort in \u00dcberzahl.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor dem Finale lasse ich den Blick \u00fcber die Trib\u00fcne schweifen. Wo ist Florian? Eigentlich wollte er l\u00e4ngst hier sein, er wollte zusehen, dass er so zeitig zu Hause wegkommt, dass er die Finalrunde noch mitbekommt. Ich finde ihn nicht, und das liegt nicht nur daran, dass die Trib\u00fcne rappelsturzvoll ist. Mit Sicherheit h\u00e4tte er sich zu Julian gesetzt, den h\u00e4tte er schon gefunden, aber neben Julian sitzen zwei junge Frauen, beide ziemlich aufgedonnert, die sich vor Lachen \u00fcber was auch immer nicht wieder einkriegen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erst als ich nach der Siegerehrung in die Schiedsrichterkabine komme, sehe ich, dass mein Handy blinkt: Irgendwer hat angerufen. Florian, der uns sagen will, dass er sich versp\u00e4tet?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich schaue nach, Florian hat es tats\u00e4chlich versucht, insgesamt dreimal, und mir auch eine Nachricht auf Band gesprochen. Da scheint wirklich was schiefgelaufen zu sein, so dass er uns nicht p\u00fcnktlich abholen kann. Sch\u00f6n ist das nicht, denn hier sind wir ziemlich ab vom Schuss, und ich denke, die werden hier jetzt so schnell wie m\u00f6glich alles aufr\u00e4umen und die Halle zuschlie\u00dfen. Hoffen wir also, dass Florian es schafft, bevor wir Matthias bitten m\u00fcssen, unseretwegen zu warten. Drau\u00dfen w\u00fcrden wir innerhalb k\u00fcrzester Zeit anfrieren, ich sch\u00e4tze, wir haben vier oder f\u00fcnf Grad unter null. Ist es gemein, wenn ich unter diesen Umst\u00e4nden froh bin, dass Julian bei mir ist? Immerhin bedeutet das im Umkehrschluss, dass er genau wie ich jetzt bl\u00f6d in der Landschaft steht, aber ich glaube nicht, dass er sich deswegen w\u00fcnscht, er w\u00e4re zu Hause geblieben.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um erst mal Klarheit zu gewinnen, h\u00f6re ich endlich die Nachricht ab, die Florian mir auf der Mailbox hinterlassen hat. Ok, er hat\u2019s noch deutlich \u00fcbler getroffen, wird die Nacht n\u00e4mlich aller Voraussicht nach im Auto verbringen. Auf der Autobahn hat\u2019s gekracht, eine Karambolage mit mindestens einem halben Dutzend Autos, es hat wohl zum Gl\u00fcck keine Schwerverletzten oder gar Toten gegeben, aber die Bahn ist erst mal dicht und wird es wohl auch noch ein paar Stunden bleiben. Florian ist nicht involviert, aber ziemlich nah dran, und die Polizei muss den Stau, der sich gebildet hat, m\u00fchsam von hinten aufrollen, den Verkehr von der Autobahn ableiten und alles, was sich auf den Kilometern zwischen der letzten Ausfahrt und der Unfallstelle angesammelt hat, irgendwie zur\u00fcckf\u00fchren. Das geht nur ganz langsam voran, und Florian ist froh, dass Helfer unterwegs sind, die die stecken gebliebenen Autofahrer mit Decken, hei\u00dfen Getr\u00e4nken und etwas zu essen versorgen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was uns betrifft, hat er uns hinterlassen, dass wir uns an Matthias wenden sollen, wenn der uns nicht schon von sich aus angesprochen hat. Hat er nicht, da hatte er auch noch gar keine Gelegenheit zu, weil er am Tisch der Turnierleitung voll und ganz damit besch\u00e4ftigt ist, die Spielberichte abzuschlie\u00dfen, und was sonst noch so an Papierkram zu erledigen ist.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als er uns kommen sieht, macht er sich aber von der Arbeit frei und fragt uns, ob wir schon von Florian geh\u00f6rt haben. Ja, haben wir, best\u00e4tige ich. Ich erkundige mich, ob er mehr wei\u00df, aber er hat auch nur die Informationen, die Florian mir auch auf die Mailbox gesprochen hat: Autobahn dicht, Wegkommen ungewiss. Seine Frau hat sich darum gek\u00fcmmert, dass wir f\u00fcr die Nacht unterkommen, sie hat f\u00fcr uns kurzfristig ein Zimmer in der einzigen Pension des Dorfes besorgt. \u201eIch h\u00e4tte euch auch unser G\u00e4stezimmer gegeben\u201c, sagt er. \u201eAber das ist leider schon belegt, die Schwester meiner Frau ist mit ihrer ganzen Familie bei uns.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Julian und ich nehmen den guten Willen f\u00fcr die Tat. Wir haben auch keinen Grund, uns zu beklagen, das Zimmer ist gem\u00fctlich und die Wirtin der Pension echt nett. Sie gibt uns einen Schl\u00fcssel, der nicht nur f\u00fcr die Zimmert\u00fcr passt, sondern auch f\u00fcr die Haust\u00fcr, damit wir kommen und gehen k\u00f6nnen, wie wir wollen. Sie selbst w\u00e4re aus dem Alter raus, wo sie das Feuerwerk noch gro\u00df interessiert, sagt sie, aber sie verst\u00fcnde doch, dass wir uns das wenigstens aus der N\u00e4he ansehen wollen, wenn wir schon nicht mit unseren Familien Silvester feiern k\u00f6nnen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unsere Eltern wissen noch gar nichts von ihrem Gl\u00fcck. Meine Eltern haben mich ohnehin nicht eingeplant f\u00fcrs Ansto\u00dfen um Mitternacht, dass ich bei Julian schlafe, war l\u00e4ngst ausgemachte Sache. Trotzdem sollten sie wissen, dass ich nicht ein paar Stra\u00dfen weiter bin, sondern immer noch im Sauerland, und Julian muss nat\u00fcrlich auch mit seinen Eltern telefonieren, damit sie sich keine Sorgen machen. Beide Elternpaare machen keinen gro\u00dfen Aufriss, warum auch? Gut untergebracht sind wir, f\u00fcrs Abendessen ist gesorgt, und ansonsten sind wir alt genug, um eine Nacht in der Fremde zu verbringen; Julian ist ja eh schon vollj\u00e4hrig, und bei mir dauert es auch nur noch ein halbes Jahr.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Abendessen g\u00f6nnen wir uns noch eine kurze Auszeit, doch rechtzeitig vor dem Jahreswechsel brechen wir zu einem Spaziergang auf, der uns aus dem Dorf herausf\u00fchrt. Nicht dass wir uns hier auch nur ansatzweise auskennen w\u00fcrden, aber wof\u00fcr hat die Menschheit Smartphones und Karten-Apps erfunden? Wir haben uns einen Weg ausgeguckt, der uns auf eine kleine Anh\u00f6he f\u00fchrt. Von da aus m\u00fcssten wir eine sch\u00f6ne Aussicht haben, wenn das Feuerwerk losgeht, haben wir uns ausgerechnet, und damit behalten wir Recht. Zu unseren F\u00fc\u00dfen liegt das Dorf, und in der Ferne sehen wir die Lichter weiterer Ortschaften.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Rasch tippen wir Neujahrsgr\u00fc\u00dfe an Eltern und Freunde, nat\u00fcrlich auch einen an Florian, und schicken sie ab. F\u00fcnf Minuten vor Mitternacht klingelt mein Handy, es ist Nora, meine beste Freundin, die auch alles andere als unschuldig daran ist, dass ich seit nunmehr zweieinhalb Jahren mit Julian zusammen bin. Sie hatte eigentlich um Mitternacht bei Julian vorbeikommen wollen, das hat sich nat\u00fcrlich erledigt. Sie findet es total romantisch, Silvester im nicht gerade tief verschneiten, aber doch zumindest wei\u00df gezuckerten Sauerland, drau\u00dfen in der Natur, und da kann ich ihr nur zustimmen. Das Feuerwerk klingt merkw\u00fcrdig ged\u00e4mpft zu uns herauf, aber wir sehen alles im Dorf unter uns und auch die Raketen, die in weiter entfernten Ortschaften aufsteigen. Hell klingt dazwischen das Schlagen der Kirchenglocke, wir umarmen und k\u00fcssen uns, und dann stehen wir nebeneinander, jeder einen Arm um den anderen gelegt, auf der Kuppe des H\u00fcgels und schauen uns das Feuerwerk an.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Silvester-Turnier ist eine kleine Fortsetzung zu Pfiff! &ndash; Aus dem Tagebuch einer Jungschiedsrichterin und spielt ein knappes Jahr nach dem Ende des Buches am letzten Tag des Jahres. Die Handlung ist in sich abgeschlossen, nimmt aber den einen oder anderen R\u00fcckbezug auf das Buch. 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