{"id":190,"date":"2024-01-29T18:59:25","date_gmt":"2024-01-29T17:59:25","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=190"},"modified":"2024-02-09T19:58:06","modified_gmt":"2024-02-09T18:58:06","slug":"der-geteilte-muttertag","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=190","title":{"rendered":"Der geteilte Muttertag"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Der geteilte Muttertag\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<p><i>\nDiese Geschichte h\u00e4tte fast schon genug L\u00e4nge, um sie als E-Book zu vertreiben. Trotzdem bleibt sie kostenlos und vollst\u00e4ndig \u00f6ffentlich hier auf der Seite. Wer Lust auf ein kleines Lesevergn\u00fcgen zum Muttertag (oder auch sonst) hat, ist hier also richtig.\n<\/i><\/p>\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Cover-Der-geteilte-Muttertag.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Der geteilte Muttertag\" \/>\n<p>Das Muttertagswochenende begann in diesem Jahr sonnig und warm, und die Wetterfr\u00f6sche behaupteten, dass das Hoch auch noch eine Weile halten sollte. Nachdem die erste Maiwoche noch verregnet gewesen war, genossen die Leute das sch\u00f6ne Fr\u00fchlingswetter, und die Eiscaf\u00e9s hatten gro\u00dfen Zulauf.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch Finja g\u00f6nnte sich auf dem Weg in die Stadt ein Eis, allerdings nur ein kleines, denn das Geld, das sie in der Tasche hatte, hatte sie anders verplant. Sie war unterwegs zu Blumen Tigge, dem gro\u00dfen Blumenladen in der Innenstadt, der eine gro\u00dfe Auswahl und gleichzeitig auch bezahlbare Preise hatte. Dort wollte sie f\u00fcr ihre Mutter ein Geschenk zum Muttertag kaufen, und sie wusste auch schon genau, was. Sie war vor ein paar Tagen schon mal da gewesen, um sich umzusehen, aber das war noch zu fr\u00fch gewesen, um einen Blumenstrau\u00df zu kaufen. Blumen brauchten nun mal Licht und Wasser, Finja h\u00e4tte ihr Geschenk also nicht einfach im Schrank verstecken k\u00f6nnen. Au\u00dferdem w\u00fcrde ihre Mutter umso l\u00e4nger Freude an ihrem Geschenk haben, je frischer es noch war, wenn sie es bekam.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war schon viertel nach elf, als Finja den Laden erreichte und ihr Rad an eine Laterne kettete. Sie hatte noch Eink\u00e4ufe f\u00fcr ihre Mutter machen m\u00fcssen, sonst w\u00e4re sie fr\u00fcher losgefahren. Dass die Blumenl\u00e4den an diesem Tag das beste Gesch\u00e4ft des ganzen Jahres machten, war schlie\u00dflich bekannt, und Finja schwante schon \u00dcbles, als sie das Gedr\u00e4nge rund um die Auslagen auf dem B\u00fcrgersteig vor dem Schaufenster sah.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie hatte ein Blumengebinde ausgesucht, bei dem bunte Fr\u00fchlingsblumen ein h\u00f6lzernes Herz umrahmten. In das Herz waren die Worte <i>Alles Liebe zum Muttertag<\/i> eingebrannt, und am Rand entlang ein feines Muster. Das sah h\u00fcbsch aus, und mit vierzehn Euro kostete es auch nicht die Welt. Finja musste die Blumen ja von ihrem Taschengeld bezahlen, allzu teuer durften sie also nicht sein.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die meisten Regale und die gro\u00dfen Plastikvasen auf dem Boden waren gut gef\u00fcllt. Der Blumenh\u00e4ndler wusste ja auch, dass er mit vielen Kunden rechnen durfte, und hatte sich daf\u00fcr gewappnet. Einige Regale waren aber doch schon ziemlich gepl\u00fcndert, und das Personal war entweder wegen der vielen Kunden nicht zum Nachlegen gekommen, oder es hatte nichts mehr zum Nachlegen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Finja schob sich zwischen den Leuten durch bis zur T\u00fcr und wandte sich dann nach rechts. Dort an der Seite hatte sie die Str\u00e4u\u00dfe mit dem Herzen gesehen, ein ganzes Regal voll. Sie erinnerte sich, dass es mehrere verschiedene Varianten gab, mit anderen Blumen und unterschiedlich geformten Holztafeln darin, aber sie hatte sich schnell f\u00fcr eine entschieden.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch sie war nicht die einzige, der genau diese Str\u00e4u\u00dfe am besten gefielen, und als sie sich endlich durchgedr\u00e4ngt hatte durch die Kunden, die die G\u00e4nge verstopften wie den Bus nach Schulschluss, sah sie, dass nur noch einer dieser Str\u00e4u\u00dfe da war. Selbst der drohte ihr noch vor der Nase weggeschnappt zu werden, denn der Junge, der das Regal von der anderen Seite ansteuerte, hatte ihn offensichtlich auch auf dem Wunschzettel. Es war kein Unbekannter, der Finja da zuvorkommen wollte: Lian ging mit ihr in eine Klasse. Er war schmal, trug eine Brille mit einem dicken, dunkelblauen Gestell und belagerte in den Pausen meistens mit einigen anderen eine der steinernen Tischtennisplatten auf dem Schulhof.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er hatte Finja bemerkt und auch begriffen, dass sie auf den gleichen Strau\u00df aus war wie er selbst. Er machte einen schnellen Schritt nach vorn, um ihr zuvorzukommen, aber das wollte Finja auf keinen Fall zulassen. Sie sprang ebenfalls vor und k\u00fcmmerte sich nicht um das emp\u00f6rte Keuchen der Frau, die sie dabei anrempelte. Keine Zeit f\u00fcr H\u00f6flichkeiten, denn Lian streckte schon die Hand nach dem Strau\u00df aus. Auch Finja packte zu und rammte gleichzeitig mit der Schulter Lian zur Seite weg. Der Rempler war nur halb beabsichtigt, Lian stand nun mal so, dass sie anders nicht schnell an den Strau\u00df kam.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Leidtragende dieser Aktion war der Blumenstrau\u00df. Lian kam ins Straucheln und musste rasch einen Schritt zur Seite machen, um nicht hinzufallen, lie\u00df aber nicht los. Auch Finja hielt die Hand fest um die Blumen gekrallt, und so kam es, wie es kommen musste: Der Strau\u00df ging mitten entzwei.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Finja behielt nur ein paar zerzauste und abgeknickte Blumen in der Hand zur\u00fcck, das Holzherz, von beiden Seiten des Haltes beraubt, klapperte auf den Boden. Eine Ecke splitterte ab und schlitterte unters Regal. Da war unter Garantie nichts mehr zu retten, die Blumen und das Herz waren hin.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Moment war Finja wie erstarrt, dann kochte die Wut \u00fcber. \u201eWas soll das?\u201c, fauchte sie Lian an. \u201eWarum rei\u00dft du mir die Blumen aus der Hand? Jetzt hast du alles kaputtgemacht!\u201c \u201eIch?\u201c, rief Lian emp\u00f6rt. \u201eIch hatte sie zuerst! Du wolltest sie mir wegnehmen!\u201c \u201eStimmt doch gar nicht!\u201c \u201eDoch, so war\u2019s!\u201c \u201eIch hab sie mir Mittwoch schon ausgesucht!\u201c \u201eUnd? Stand aber kein Schild dran, dass sie f\u00fcr sich reserviert sind!\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>So h\u00e4tte es ewig weitergehen k\u00f6nnen, falls die Sache nicht vorher in eine handfeste Keilerei ausgeartet w\u00e4re. Bevor die beiden Streith\u00e4hne noch auf die Idee kommen konnten, bis jetzt noch unbeteiligte Blumenstr\u00e4u\u00dfe einzusetzen, um sich gegenseitig zu vertrimmen, ging jedoch eine Verk\u00e4uferin dazwischen. Die war wohl auch ohne Streitereien im Laden genug gestresst und machte kurzen Prozess. Sie schob Finja und Lian auseinander und entschied, dass jeder von ihnen die H\u00e4lfte des Schadens bezahlen musste. Nat\u00fcrlich protestierte Finja, denn wenn Lian nicht versucht h\u00e4tte, ihr den Strau\u00df wegzuschnappen, dann w\u00e4re das alles nicht passiert. Doch die Verk\u00e4uferin wollte nichts davon h\u00f6ren. \u201eJeder sieben Euro!\u201c wiederholte sie. \u201eKeine Diskussion!\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und dabei blieb sie. Ob sie wollten oder nicht, Finja und Lian mussten je sieben Euro f\u00fcr den kaputten Blumenstrau\u00df bezahlen. Au\u00dferdem mussten sie die Bruchst\u00fccke des Holzherzens einsammeln, und die Blumen, die w\u00e4hrend des Streits auf den Boden gefallen und zum Teil zertreten worden waren.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachdem sie alles, was von dem einst h\u00fcbschen Blumenstrau\u00df \u00fcbrig geblieben war, dem M\u00fclleimer \u00fcberantwortet hatten, wurden sie des Ladens verwiesen. Die Verk\u00e4uferin begleitete sie bis zur T\u00fcr, um sicherzugehen, dass sie auch wirklich gingen, und blieb stehen, bis sie auch aus dem Gedr\u00e4nge zwischen den Auslagen drau\u00dfen heraus waren.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ohne Lian noch eines Blickes zu w\u00fcrdigen, stampfte Finja zu ihrem Fahrrad. Nichts wie weg hier! Sie sp\u00fcrte die Blicke der Leute im R\u00fccken, bestimmt tuschelten sie und w\u00fcrden zu Hause allen erz\u00e4hlen, was im Laden passiert war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Lust zum Einkaufen war ihr vergangen. Selbst wenn sie nicht rausgeworfen worden w\u00e4re, h\u00e4tte sie nicht nach etwas anderem Ausschau gehalten. Sie w\u00e4re doch von allen angestarrt worden, und genug Geld f\u00fcr etwas H\u00fcbsches hatte sie jetzt auch nicht mehr. F\u00fcr die neun Euro und zwanzig Cent, die sie jetzt noch in der Tasche hatte, h\u00e4tte sie sich nur ein kleines Str\u00e4u\u00dfchen zusammenstellen lassen k\u00f6nnen, ein paar von den preiswerten Blumen mit etwas Gr\u00fcn und farbigem Papier drum. Falls sie \u00fcberhaupt noch mal reingelassen worden w\u00e4re, h\u00e4tte die Verk\u00e4uferin sich f\u00fcr sie auch bestimmt keine M\u00fche mehr gegeben.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Finja kettete ihr Fahrrad los, sa\u00df auf und radelte davon. W\u00fctend trat sie in die Pedale, um m\u00f6glichst schnell Abstand zu gewinnen. Nur weg vom Ort ihrer Schmach!<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch schon an der n\u00e4chste Ecke, gerade eben au\u00dfer Sichtweite des Blumenladens, zog sie die Bremsgriffe. Wohin wollte sie \u00fcberhaupt? Nach Hause? Und dann morgen ohne etwas in der Hand dastehen? War es nicht besser, zu schauen, ob sie f\u00fcr das, was sie noch an Geld hatte, nicht doch noch etwas fand, das ihrer Mutter gefallen w\u00fcrde? Aber was?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie stellte das Rad ab, lehnte sich mit der Kehrseite ans obere Rahmenrohr und dachte nach. Was bekam man f\u00fcr neun Euro und zwanzig Cent? In der Buchhandlung gab es Taschenb\u00fccher bestimmt schon f\u00fcr sechs oder sieben Euro, oder irgendwelche Sonderausgaben, aber ihre Mutter las selten, und wenn, dann E-Books. Die konnte man schwerlich in buntes Geschenkpapier einwickeln lassen und nach Hause tragen. Ein Gutschein? Aber daf\u00fcr w\u00fcrde sie sich vermutlich selbst bei einem Onlineshop anmelden m\u00fcssen, das w\u00fcrde mit ihrem Taschengeldkonto nicht funktionieren. Also kein Buch, in welcher Form auch immer.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Finja lie\u00df den Blick weiterschweifen. Von ihrem Standort aus konnte sie einen Teil der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone \u00fcberblicken, vielleicht klingelte ja bei irgendeinem Gesch\u00e4ft was. Die Parf\u00fcmerie? Die warb mit einem gro\u00dfen Aufsteller f\u00fcr Sonderangebote zum Muttertag, aber sehr weit kam man da mit etwas mehr als neun Euro wohl trotzdem nicht. Au\u00dferdem hatte Finja sich nie darum gek\u00fcmmert, welche Parfums ihre Mutter benutzte, die Chance, das falsche zu erwischen, lag bei nahezu hundert Prozent.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den Musikgeschmack ihrer Mutter kannte Finja dagegen, deshalb w\u00e4re eine CD schon eine gute Idee gewesen, aber auch das scheiterte an ihrem engen Budget. Der Elektronikmarkt hatte eine riesige Auswahl an CDs f\u00fcr neun Euro oder weniger, das wusste Finja, aber das, was ihrer Mutter gefallen w\u00fcrde, war vermutlich doch teurer. Trotzdem, ein Versuch konnte nicht schaden, vielleicht war ja gerade was im Angebot.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als sie an den Schaufenstern des Kaufhauses an der Ecke vorbeikam, zuckte ihr jedoch eine andere Idee durch den Kopf. Sie blieb stehen, so pl\u00f6tzlich, dass der Hund, der gerade ihre Wade beschn\u00fcffeln wollte, sich den Kopf stie\u00df. Das Kaufhaus war voll und ganz auf Fr\u00fchling eingestellt und pr\u00e4sentierte nicht nur die passende Mode, sondern hinter einem Fenster auch Klappst\u00fchle und Picknickkoffer. Warum nicht ihre Mutter zu einem Picknick einladen? Sie k\u00f6nnte einen Kuchen backen, und dann fuhr man am Nachmittag irgendwo ins Gr\u00fcne, das w\u00e4re doch was! Da w\u00fcrde ihre Mutter sich bestimmt dr\u00fcber freuen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Entschlossen machte sie kehrt, sprang am Rand der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone in den Sattel und sauste die Stra\u00dfe entlang. Bei Blumen Tigge war immer noch die H\u00f6lle los, aber das interessierte sie jetzt nicht mehr. Sie lie\u00df den Laden links liegen, bog an der n\u00e4chsten Kreuzung ab und hielt dabei Ausschau nach Lian. Ein bisschen schuldig f\u00fchlte sie sich n\u00e4mlich doch, sie hatte sich den Blumenstrau\u00df ja tats\u00e4chlich nicht zur\u00fccklegen lassen, und die sieben Euro, die er hatte zahlen m\u00fcssen, hatten bestimmt auch in sein Budget ein gewaltiges Loch gerissen. Vielleicht stand er jetzt vor dem gleichen Problem wie sie und hatte nicht mehr genug Geld \u00fcbrig, um seiner Mutter etwas zum Muttertag zu kaufen, das ihr auch gefiel. Deshalb wollte sie ihn zumindest an ihrer Idee teilhaben lassen, und wenn er nicht backen konnte, dann w\u00fcrde sie ihm anbieten, ihm zu helfen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ihn zu finden war nicht schwer, denn zu Fu\u00df konnte er so viel Abstand nicht gewonnen haben. In welche Richtung er vom Blumenladen aus gelaufen war, hatte sie gerade noch mitgekriegt, und den Rest konnte sie sich denken. Entweder hatte er aufgeben und wollte den n\u00e4chsten Bus nach Hause nehmen, dann w\u00fcrde sie ihn sp\u00e4testens an der Haltestelle einholen, oder er wollte doch noch mal gucken, ob er etwas fand, dann gab es nicht allzu viel Auswahl. In diese Richtung lagen nur eine Konditorei, die heute nat\u00fcrlich zahlreiche Torten mit muttertagsgerechter Beschriftung im Schaufenster hatte, und der kleine Laden einer \u00e4ltlichen, etwas verschrobenen Frau, die ein buntes Sammelsurium an Zierrat verkaufte. Beide lagen am Weg, und Finja gen\u00fcgte ein Blick durch die Schaufenster, um zu sehen, dass Lian dort nicht war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich holte sie ihn kurz vor der Bushaltestelle ein. Als sie ihn entdeckte, begann er zu rennen, um den Bus noch zu kriegen, der eigentlich schon h\u00e4tte weg sein m\u00fcssen, aber einige Minuten Versp\u00e4tung hatte. Ihr blieb nichts anderes \u00fcbrig, als zu fahren, so schnell sie konnte, ihn zu \u00fcberholen und ihm den Weg zu versperren.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wollte er an ihr vorbei, aber sie erwischte ihn am Arm und hielt ihn fest. Fast w\u00e4re sie dabei hingefallen, denn mit dem Fahrrad zwischen den Beinen hatte sie keinen allzu sicheren Stand. Lian machte eine Bewegung, um ihre Hand abzusch\u00fctteln, blieb aber stehen, wohl auch, weil der Bus gerade anfuhr. \u201eDanke!\u201c, fauchte er. \u201eWie oft willst du mir heute eigentlich noch auf den Sack gehen?\u201c \u201eTschuldige!\u201c, keuchte Finja, noch au\u00dfer Atem von ihrem Sprint mit dem Rad. \u201eAber den h\u00e4ttest du eh nicht mehr gekriegt. Au\u00dferdem muss ich mit dir reden.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lian schien keine gro\u00dfe Lust zu haben, sich anzuh\u00f6ren, was sie zu sagen hatte, und wenn Finja ehrlich war, dann konnte sie ihm das nicht verdenken. Aber er blieb stehen und wartete, bis ihr Atem sich weit genug beruhigt hatte, dass sie ihm ihre Idee vortragen konnte. Wohin h\u00e4tte er auch gehen sollen? Den Bus hatte er ja gerade verpasst, und der n\u00e4chste w\u00fcrde erst in einer guten Viertelstunde kommen. Ob er jetzt gelangweilt am Haltestellenschild lehnte, ziellos durch die Stra\u00dfen schlenderte oder Finja zuh\u00f6rte, kam also aufs gleiche raus.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eSag mal, glaubst du, deine Mama und meine k\u00f6nnen sich gut leiden?\u201c, fragte Finja. Vielleicht war die Idee bescheuert, aber wenn Lian ihren Vorschlag mit dem Picknick \u00fcbernehmen wollte, und wenn sie ihm vielleicht sogar beim Backen half, konnte man sich dann nicht auch gleich zum Picknick treffen?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lian verstand erst mal gar nichts. Er starrte Finja an, als \u00fcberlegte er, wie jemand so verantwortungslos sein konnte, sie frei rumlaufen zu lassen. \u201eV\u00f6llig durchgeknallt!\u201c, sagte sein Blick. Wie sollte er auch verstehen, warum Finja das wissen wollte?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eNaja, ich hab mir \u00fcberlegt, dass ich vielleicht ein Picknick f\u00fcr meine Mama machen k\u00f6nnte\u201c, erkl\u00e4rte Finja z\u00f6gernd. Lians abweisende Haltung machte es ihr nicht leichter, sie f\u00fchlte sich unsicher und hatte Angst, dass er sie am Ende einfach auslachen w\u00fcrde. \u201eUm was zu kaufen, hab ich jetzt nicht mehr genug Geld. Ich w\u00fcrde einen Kuchen backen, und dann halt eine Decke einpacken und was zu trinken und so, du wei\u00dft schon&#8230;\u201c Lian nickte. \u201eUnd? Warum erz\u00e4hlst du mir das?\u201c Es klang immer noch wenig interessiert, aber schon nicht mehr ganz so abweisend wie eben. \u201eIch dachte&#8230;\u201c Finja z\u00f6gerte. \u201eIch dachte, vielleicht k\u00f6nntest du auch so was machen. Oder hast du noch genug Geld \u00fcber? Und wenn du auch ein Picknick machen willst, dann k\u00f6nnten wir es doch vielleicht zusammen machen.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damit erwischte sie Lian eindeutig auf dem falschen Fu\u00df. Sie sah, wie er \u00fcberlegte, wie er erst mal verkraften musste, dass sie nach dem Zoff im Blumenladen hinter ihm hergefahren war, um ihre Idee, wie sie den Muttertag retten konnte, mit ihm zu teilen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich zuckte er mit den Schultern. \u201eVon mir aus. Ich h\u00e4tte noch zehn Euro, da krieg ich eh nichts Passendes f\u00fcr.\u201c Finja atmete auf. Die erste H\u00fcrde war genommen. \u201eMeinst du denn, das klappt mit unseren M\u00fcttern?\u201c \u201eGlaub schon\u201c, meinte Lian nach kurzem Nachdenken. \u201eBei der Weihnachtsfeier haben sie jedenfalls ganz sch\u00f6n lange zusammengesessen.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damit war es beschlossene Sache, und Finja \u00fcberlegte zusammen mit Lian, wie sie das gemeinsame Picknick angehen sollten. Ganz ohne Hilfe w\u00fcrde es nicht gehen, aber beide waren zuversichtlich, dass ihre V\u00e4ter sie unterst\u00fctzen w\u00fcrden. Es ging haupts\u00e4chlich darum, die M\u00fctter zum Ort des Picknicks zu locken, ohne dass sie ahnten, was sie erwartete, das konnten die V\u00e4ter sicherlich besser bewerkstelligen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie verabredeten, sich am Nachmittag bei Finja zu treffen, um alles vorzubereiten. Bei ihr w\u00fcrden sie ungest\u00f6rt sein, denn Finjas Eltern waren bei Freunden zum Kaffee eingeladen und w\u00fcrden erst am Abend zur\u00fcckkommen. Au\u00dferdem konnten sie auf die Backb\u00fccher von Finjas Mutter zur\u00fcckgreifen, und nat\u00fcrlich auf die K\u00fcchenausstattung selbst. Die K\u00fcche bei Lian zu Hause war da nicht so gut best\u00fcckt, denn Lians Eltern buken zwar Brot im Brotbackautomaten, sonst aber so gut wie gar nicht.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bis Lian kam, hatte Finja genug Zeit, schon mal nach einem passenden Rezept zu st\u00f6bern. Ihre Mutter war hinreichend besch\u00e4ftigt, und die K\u00fcche war ja auch keine verbotene Zone, deshalb fiel es Finja nicht schwer, unbemerkt zwei Backb\u00fccher mit in ihr Zimmer zu nehmen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Rezepte, die in Frage kamen, mussten drei Bedingungen erf\u00fcllen: Es durfte nichts drin sein, was Finja, Lian oder einer der Eltern nicht mochte, es musste einigerma\u00dfen einfach sein, weil Finja so gut auch nicht backen konnte, und der Kuchen musste sich auf dem Fahrrad transportieren lassen. Finja und Lian hatten geplant, dass ihre V\u00e4ter die M\u00fctter mit dem Auto mitnehmen w\u00fcrden, aber sie selbst waren auf ihre R\u00e4der angewiesen. Sie hatten sich als Ziel die Burgruine au\u00dferhalb der Stadt ausgeguckt, wo man sehr sch\u00f6n am Fu\u00df des zur H\u00e4lfte abgetragenen Turms sitzen konnte, und da fuhr leider kein Bus hin.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lian, der die heimische K\u00fcche nur von innen sah, wenn er sich was zu trinken aus dem K\u00fchlschrank holte, war dankbar, dass Finja ein wenig die F\u00fchrung \u00fcbernahm. Als er kam, hatte Finja drei Rezepte ausgew\u00e4hlt, die ihrer Meinung nach in Frage kamen, und am Ende einigten sie sich auf einen Obstkuchen mit Beeren und Quark. Daf\u00fcr w\u00fcrden sie nur den Boden backen m\u00fcssen, der Rest musste nur zusammenger\u00fchrt und mit Gelatine versteift werden.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die meisten Zutaten hatte Finja noch im Haus, nur f\u00fcr die Beeren und den Quark mussten sie kurz in den Supermarkt. Die Beeren waren leider nicht frisch, sondern aus der Tiefk\u00fchlabteilung, aber zum Selbstpfl\u00fccken war es leider noch etwas zu fr\u00fch im Jahr.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit der Gelatine taten sie sich etwas schwer, das hatte Finja bislang nur einmal ausprobiert, aber mit der Anleitung auf der Packung klappte es doch einigerma\u00dfen gut. W\u00e4hrend der Boden im Ofen buk, bereiteten Finja und Lian die Fruchtmasse zu, und nach einer knappen Stunde stand der Kuchen im K\u00fchlschrank, damit die F\u00fcllung fest wurde. Das w\u00fcrde eine Weile dauern, ungef\u00e4hr zwei bis drei Stunden, wenn man dem Rezept glauben durfte, und danach musste noch die Quarkmasse aufgestrichen werden.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eigentlich war bis dahin Lians Anwesenheit nicht n\u00f6tig, zu tun gab es ja so lange nichts mehr, aber irgendwie hatte Finja auch keine Lust, ihn nach Hause zu schicken. Stattdessen schlug sie vor, in der Zeit zur Burgruine zu radeln und sich schon mal den besten Platz f\u00fcr das Picknick zu suchen. Au\u00dferdem w\u00fcrden sie dann wissen, wie lange sie mit den R\u00e4dern f\u00fcr die Strecke brauchten, und konnten sich ausrechnen, wann sie am n\u00e4chsten Tag w\u00fcrden losfahren m\u00fcssen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Sonntagmorgen deckte Finja den Fr\u00fchst\u00fcckstisch, wie sie es jedes Jahr am Muttertag und auch am Geburtstag ihrer Mutter zu tun pflegte, tat aber ansonsten so, als ob es ein ganz normaler Sonntag w\u00e4re. Das fiel ihr nicht leicht, einerseits, weil sie aufgeregt war beim Gedanken an den Nachmittag, und zum anderen, weil sie Verwunderung und vielleicht sogar ein kleines bisschen Entt\u00e4uschung bei ihrer Mutter sp\u00fcrte. Ihre Mutter sah ein Geschenk zum Muttertag zwar nicht als etwas an, das ihr zustand, aber sie hatte doch schon lange jedes Jahr etwas bekommen. Schon im Kindergarten hatte Finja ihr ein Bild gemalt, sp\u00e4ter in den ersten beiden Jahren in der Grundschule dann etwas gebastelt, und zuletzt hatte sie neben viel Liebe eben auch etwas von ihrem Taschengeld in ihre Gaben zum Muttertag gesteckt.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Finja war froh, als sie dieser merkw\u00fcrdigen Atmosph\u00e4re am Mittag entfliehen konnte. Offiziell war sie mit einer Freundin verabredet, der einzigen, die sie auch sonntags besuchen durfte, weil ihre Eltern genau wussten, dass die Eltern der Freundin da wirklich nichts gegen hatten. In Wahrheit holte sie den Kuchen bei einer Nachbarin ab, die ihn f\u00fcr sie aufbewahrt hatte, damit Finjas Mutter ihn nicht fand, und machte sich auf den Weg zum Treffpunkt, den sie mit Lian verabredet hatte. Die Springform mit dem Kuchen steckte in einem Karton, der lie\u00df sich besser auf dem Gep\u00e4cktr\u00e4ger befestigen als die Form allein und sch\u00fctzte den Kuchen vor Verschmutzung. Das h\u00e4tte gerade noch gefehlt, dass ein Vogel auf den Kuchen kackte! Au\u00dferdem verhinderte Finja so, dass ihre Mutter den Kuchen vorzeitig zu sehen kam, falls sie ihr durchs Fenster nachschaute. Wenn ihre Mutter sich \u00fcber den Karton wunderte, dann w\u00fcrde ihr Vater nur mit den Schultern zucken, und Finja selbst war au\u00dfer Reichweite, sobald sie einmal auf dem Rad sa\u00df und losstrampelte. In einem Rucksack hatte sie Teller, Becher und Kuchengabeln dabei, Lian w\u00fcrde die Getr\u00e4nke und eine gro\u00dfe Wolldecke mitbringen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie traf Lian kurz vor dem Stadtrand. Der Treffpunkt war so gew\u00e4hlt, dass sie den gr\u00f6\u00dferen Teil des Wegs zusammen radeln konnten, ohne dass deswegen einer von beiden einen nennenswerten Umweg h\u00e4tte machen m\u00fcssen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eHat alles geklappt?\u201c, erkundigte Lian sich, w\u00e4hrend sie nebeneinander die wenig befahrene Stra\u00dfe entlangradelten. Finja nickte. \u201eUnd bei dir?\u201c \u201eAuch. Hat deine Mutter was gemerkt?\u201c Finja sch\u00fcttelte den Kopf. Sie glaubte nicht, dass ihre Mutter etwas gewittert hatte. Bis jetzt klappte alles wie am Schn\u00fcrchen, auch das Wetter spielte mit, sie konnten echt zufrieden sein.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bis zur Burg war es ein ganzes St\u00fcck zu radeln, und auf den letzten paarhundert Metern schoben Finja und Lian die R\u00e4der lieber. Da ging es einerseits ziemlich steil bergauf, weil die Burgruine oben auf einem H\u00fcgel stand, und andererseits war der Weg auch voller Unebenheiten und Schlagl\u00f6cher. Finja bef\u00fcrchtete, dass der Kuchen nur noch Matsche sein w\u00fcrde, wenn sie da durchrumpelte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie hatten die Zeit aber gut bemessen und waren fr\u00fch genug dran, um noch alles vorzubereiten, ehe die Eltern kamen. Sie hatten mit ihren V\u00e4tern verabredet, dass die erst mal einen Spaziergang mit den M\u00fcttern machen w\u00fcrden, ehe sie sie zur Burgruine lotsten. Sonst w\u00fcssten die M\u00fctter wahrscheinlich sofort, dass an der Burg eine \u00dcberraschung auf sie wartete, und dann w\u00e4re es irgendwie gar keine \u00dcberraschung mehr gewesen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Finja stellte den Karton mit dem Kuchen in den Schatten, damit die Sonne die Beerenf\u00fcllung und den Quark nicht zerlaufen lie\u00df. Sie hatte auch daran gedacht, noch zwei K\u00fchlakkus vorzubereiten, der Kuchen w\u00fcrde die halbe Stunde, die es wohl noch dauern w\u00fcrde, bis die Eltern kamen, gut \u00fcberstehen. Auch die Limonade, die Lian mitgebracht hatte, fand noch Platz im Karton und w\u00fcrde sich nicht unn\u00f6tig aufheizen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>An einer Stelle, die einigerma\u00dfen eben und mit weichem Gras bewachsen war, breiteten Finja und Lian die Decke aus und deckten den nicht vorhandenen Tisch. Die Stelle war gut gew\u00e4hlt, man hatte einen sch\u00f6nen Blick ins Tal, war aber weit genug weg von anderen Ausfl\u00fcglern, die ebenfalls picknicken wollten und teils sogar Grills mitgebracht hatten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die \u00dcberraschung war gelungen. Finjas Mutter fiel genauso aus allen Wolken wie Lians, als sie Finja und Lian sah. Die beiden Elternpaare waren sich schon unterwegs begegnet, aber das hatten die M\u00fctter f\u00fcr reinen Zufall gehalten. Geplant gewesen war die vorzeitige Begegnung ja tats\u00e4chlich nicht, aber nat\u00fcrlich hatte man damit rechnen m\u00fcssen. Weil man sich kannte und sch\u00e4tzte, und weil man offensichtlich das gleiche Ziel hatte, war man eben zusammen weitergegangen, und die beiden V\u00e4ter hatten sich wahrscheinlich nur mit viel M\u00fche ein breites Grinsen verkneifen k\u00f6nnen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Finja und Lian hatten die Eltern umgekehrt schon fr\u00fcher gesehen und Zeit genug gehabt, den Kuchen auszupacken. Jetzt stand er da in seiner ganzen Pracht, am Vorabend von Finja und Lian noch mit einem aus Beeren gelegten Herz verziert, und wartete darauf, verspeist zu werden.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Finja verteilte den Kuchen, nachdem Lian ihn angeschnitten hatte, nahm den ersten Bissen und fand, dass der Kuchen richtig gut geworden war. Dass es auch den Eltern schmeckte, und dass es ihnen gefiel, auf der Wiese vor der Burgruine zu sitzen, Kuchen zu essen und sich die Fr\u00fchlingsluft um die Nase wehen zu lassen, war nicht zu \u00fcbersehen, da brauchte es gar nicht die lobenden Worte, mit denen die Kinder bedacht wurden. Finja wechselte einen Blick mit Lian, der l\u00e4chelte und ihr leicht zunickte. Ja, zusammen hatten sie die sch\u00f6nste Muttertags\u00fcberraschung hinbekommen, die sie ihren M\u00fcttern jemals gemacht hatten.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Geschichte h\u00e4tte fast schon genug L\u00e4nge, um sie als E-Book zu vertreiben. Trotzdem bleibt sie kostenlos und vollst\u00e4ndig \u00f6ffentlich hier auf der Seite. Wer Lust auf ein kleines Lesevergn\u00fcgen zum Muttertag (oder auch sonst) hat, ist hier also richtig. 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