{"id":1899,"date":"2025-02-13T21:06:00","date_gmt":"2025-02-13T20:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=1899"},"modified":"2025-02-13T21:06:00","modified_gmt":"2025-02-13T20:06:00","slug":"geschichte-von-zweien-die-kein-paar-sind-und-sich-doch-am-valentinstag-verabreden","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=1899","title":{"rendered":"Geschichte von zweien, die kein Paar sind und sich doch am Valentinstag verabreden"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Geschichte von zweien, die kein Paar sind und sich doch am Valentinstag verabreden\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Cover-Geschichte-von-zweien-die-kein-Paar-sind-und-sich-doch-am-Valentinstag-verabreden.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Geschichte von zweien, die kein Paar sind und sich doch am Valentinstag verabreden\" \/>\n<p>Am Morgen des 14. Februar war auf viel Getuschel zu beobachten auf dem Schulhof der st\u00e4dtischen Gesamtschule. Vor allem in den unteren Jahrg\u00e4ngen sorgte der Valentinstag f\u00fcr Aufregung, die \u00e4lteren gingen damit zumindest nach au\u00dfen hin entspannter um. Etwas versteckter herrschte aber auch bei einigen von denen sicherlich Aufregung, Vorfreude auf eine Verabredung am Nachmittag oder Abend, vielleicht auch Neugier, wenn sie wussten oder zumindest ahnten, dass eine \u00dcberraschung ins Haus stand.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nino blieb davon unber\u00fchrt. Er hatte zurzeit keine Freundin, und es gab auch kein M\u00e4dchen, in das er ernstlich verliebt gewesen w\u00e4re. Auch bei seinen Freunden war das Thema gerade nicht so pr\u00e4sent, nur einer von ihnen war seit ein paar Wochen mit einem M\u00e4dchen aus der Parallelklasse zusammen und w\u00fcrde den Valentinstag mit seiner Freundin begehen; wie, das hatte er nicht verraten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der dritten Stunde hatte Nino eine Freistunde. Das sollte in der Unter- und Mittelstufe eigentlich vermieden werden, aber wegen der Wahlkurse ging es manchmal doch nicht ohne. Meistens nutzte Nino die Zeit, um einen Teil der Hausaufgaben wegzuarbeiten, umso mehr Freizeit hatte er am Nachmittag.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oft waren es dieselben Gesichter, die er im Aufenthaltsraum sah. So war es zumindest im ersten Halbjahr gewesen, da hatten seine Freistunden noch anders gelegen. Das zweite Halbjahr hatte ja gerade erst begonnen, aber Nino war sicher, dass sich auch da immer wieder dieselben Leute zusammenfinden w\u00fcrden; sicherlich teilweise andere als im ersten Halbjahr, aber eben doch immer dieselben, die zur gleichen Zeit eine Freistunde hatten. Zu tun hatte er mit den meisten herzlich wenig, er kannte eben im Lauf der Zeit die Gesichter, mit dem einen oder anderen wechselte er gelegentlich ein paar Worte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine Ausnahme waren die Leute aus seiner Stufe: Elvir aus seiner Klasse, David aus der 8a und Antonia und Ilka aus der 8c. Mit ihnen machte er schon mal Hausaufgaben, quatschte eine Weile oder zockte irgendwas. David hatte meistens ein Kartenspiel dabei, er spielte regelm\u00e4\u00dfig Doppelkopf, war aber beim Mau-Mau nicht besser als die anderen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>An diesem Morgen war nur Antonia da, sie kam kurz nach Nino, und wie sie sich auf das alte Sofa hinten an der Wand fallen lie\u00df, wirkte sie schwer genervt. \u201eWas ist los?\u201c, fragte Nino spontan. \u201e\u00c4rger?\u201c \u201eNicht wirklich\u201c, antwortete Antonia. Sie schien etwas \u00fcberrascht zu sein, dass er sie ansprach, aber nicht unwillig. Vielleicht tat es ihr einfach gut, mal zu erz\u00e4hlen, was sie so nervte, und er w\u00fcrde nichts weiterquatschen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eEs ist wirklich nichts Schlimmes\u201c, fuhr Antonia nach einer kurzen Pause fort. \u201eAber irgendwie geht mir das Ganze mit Valentinstag und allem auf den Keks. Ich meine, ich g\u00f6nn\u2019s ja allen, ehrlich, aber \u2026 na ja, ich dachte, man k\u00f6nnte heute mal wieder irgendwas drau\u00dfen machen, bei dem sch\u00f6nen Wetter. Die ganze letzte Zeit war\u2019s ja nur so tr\u00fcb und nasskalt, ist das erste Mal seit Wochen, dass es mal wieder so sch\u00f6n sonnig ist.\u201c \u201eAber keiner hat Zeit\u201c, folgerte Nino. Das war ja nun auch nicht mehr schwer zu erraten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Antonia nickte. \u201eEntweder sind sie verabredet, oder sie halten sich den Nachmittag frei, weil sie hoffen, dass \u2026\u201c Sie lie\u00df den Satz in der Luft schweben, wollte offenbar vermeiden, eine ihrer Freundinnen in die Pfanne zu hauen. Aber Nino verstand auch so, mindestens eine von Antonias Freundinnen hoffte darauf, von ihrem Schwarm \u00fcberrascht zu werden. Er wollte gar nicht wissen, um wen es ging, das war die Privatsache der Betreffenden.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eAber alleine macht\u2019s auch keinen Spa\u00df\u201c, schloss Antonia. \u201eMal schauen, vielleicht gehe ich eine Runde spazieren, damit ich nicht den ganzen Tag zu Hause h\u00e4nge.\u201c \u201eDann hast du immerhin frische Luft\u201c, meinte Nino.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damit schien alles gesagt. Aber sich einfach wieder in seine Hausaufgaben zu vertiefen, schaffte Nino auch nicht, es war irgendwie so ein vages Gef\u00fchl, dass er Antonia nicht einfach sich selbst \u00fcberlassen wollte. Sie w\u00fcrde es schon \u00fcberstehen, wenn mal einen Nachmittag keine von ihren Freundinnen Zeit hatte, aber Nino verstand schon, dass es ein bl\u00f6des Gef\u00fchl war f\u00fcr sie gerade.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eHast du eigentlich eine Verabredung heute?\u201c, fragte Antonia nach einer kurzen Pause. Das war ihr wohl rausgerutscht, gleich darauf biss sie sich auf die Lippen. Aber Nino war ihr nicht b\u00f6se; dass er gerade in keiner Beziehung war, war kein Geheimnis. Er sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eWei\u00df auch noch nicht so genau, was ich heute mache.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wieder schien das Gespr\u00e4ch in einer Sackgasse gelandet zu sein. Dann hatte Nino pl\u00f6tzlich eine Idee. \u201eKennst du Geocaching?\u201c, fragte er. Antonia stutzte, der Themenwechsel \u00fcberraschte sie. \u201eIch wei\u00df, was es ist\u201c, antwortete sie. \u201eGemacht hab ich\u2019s nie. Warum fragst du?\u201c \u201eNur so ein Gedanke\u201c, wiegelte Nino ab. \u201eIch hab letztens noch was dar\u00fcber gesehen, ein Video von einem, der hier aus der Gegend kommt. War schon irgendwie cool, und ich dachte, das k\u00f6nnte ich mal ausprobieren. M\u00fcssen ja nicht gleich Caches sein, die wer wei\u00df wie gut versteckt sind und wo man noch durch irgendwelche Ruinen klettern muss. Gibt ja auch einfachere. Ich dachte gerade, wenn du Bock hast, k\u00f6nnten wir\u2019s heute Nachmittag mal versuchen. Das Wetter ist top, hast du ja selbst gesagt, und einen Cache, der nicht zu schwer ist, gibt\u2019s bestimmt irgendwo in der N\u00e4he. Gibt ja mittlerweile \u00fcberall welche.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damit hatte Antonia nicht gerechnet. Wie h\u00e4tte sie auch sollen? Es war Nino ja selbst gerade erst eingefallen, und wenn ihm fr\u00fcher am Morgen jemand erz\u00e4hlt h\u00e4tte, dass er Antonia vorschlagen w\u00fcrde, den Nachmittag zusammen zu verbringen, dann h\u00e4tte er denjenigen ausgelacht. Das war nichts gegen Antonia, Nino fand sie in Ordnung, sie hatten nur einfach nicht viel miteinander zu tun.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Genau aus diesem Grund h\u00e4tte Nino ihr auch nicht verdenken k\u00f6nnen, wenn sie abgelehnt h\u00e4tte. Doch Antonia \u00fcberlegte nicht lange und nickte l\u00e4chelnd. \u201eH\u00f6rt sich gut an\u201c, meinte sie. \u201eWenn\u2019s dich nicht st\u00f6rt, eine totale Anf\u00e4ngerin mitzuschleppen, dann bin ich dabei.\u201c \u201eIch mache das ja auch zum ersten Mal\u201c, beruhigte Nino sie.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damit stand die Verabredung, und die beiden recherchierten gemeinsam, welche Caches, also versteckte \u201eSch\u00e4tze\u201c, es in der Umgebung gab. Da gab es Internetseiten mit Listen, die man nach Ort und Schwierigkeitsgrad filtern konnte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWie w\u00e4r\u2019s mit dem hier?\u201c, schlug Antonia vor und deutete auf einen Eintrag in der Liste. Sie war dicht an Nino heranger\u00fcckt, um mitlesen zu k\u00f6nnen. \u201eDie Ecke kenne ich, da sind meine Eltern oft mit mir spazieren gewesen, als ich noch klein war. War schon eine Weile nicht mehr da, aber das macht ja nichts.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nino rief den Link auf, der zu den Details f\u00fchrte. \u201eSieht gut aus\u201c, meinte er, nachdem er die Beschreibung \u00fcberflogen hatte. Der Cache sollte in einem Waldst\u00fcck liegen, in der N\u00e4he eines einfachen Unterstands, wo Wanderer Schutz vor Regen suchen konnten. Das hie\u00df: Die Einstufung als leicht zu finden stimmte vermutlich, es brauchte keine sportliche H\u00f6chstleistung, um hinzukommen, und man musste nicht auf Gel\u00e4nde, das zu betreten eigentlich verboten war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu sp\u00e4t aufbrechen durften sie allerdings nicht, denn Mitte Februar wurde es immer noch fr\u00fch dunkel. Bei Dunkelheit im Wald herumzutappen, war nicht unbedingt ratsam, und vielleicht w\u00fcrden sie den Cache dann auch nicht finden.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um kurz vor drei trafen sie sich am Busbahnhof in der Innenstadt. Der war f\u00fcr beide gut zu erreichen, und sie hatten zu Hause in Ruhe zu Mittag essen k\u00f6nnen. Nino hatte sogar schon den gr\u00f6\u00dften Teil der Hausaufgaben erledigt, nur f\u00fcr Geografie w\u00fcrde er noch eine Seite lesen m\u00fcssen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er hatte einen kleinen Rucksack dabei, der alles enthielt, was er eventuell brauchen w\u00fcrde. Was vor ihm lag, war eher ein Spaziergang als eine Expedition, trotzdem wollte er nicht auf Regenschutz und etwas Proviant verzichten. Auch die Powerbank f\u00fcr sein Handy hatte er dabei, die GPS-Funktion schlug ziemlich auf den Akku. Die Beschreibung des Caches hatte er gespeichert. In einer Seitentasche steckte ein Schl\u00fcsseletui, das sein Vater irgendwann mal als Werbegeschenk bekommen und direkt in die Kiste mit den Flohmarktsachen gelegt hatte. Das war Bestandteil des Geocachings, jeder, der einen Cache aufsuchte, durfte sich etwas herausnehmen, sollte aber auch selbst eine Kleinigkeit hinterlassen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Antonia hatte sich \u00e4hnlich ausstaffiert. \u201eIch hab eine Thermosflasche Tee dabei\u201c, erz\u00e4hlte sie, w\u00e4hrend sie auf den Bus warteten, der sie an den Stadtrand bringen sollte. \u201eDamit k\u00f6nnen wir uns aufw\u00e4rmen. Ist ja doch recht frisch.\u201c Das war keine Beschwerde, sie freute sich auf die Schatzsuche und \u00fcberlegte sicherlich nicht, ob sie es nicht doch bleiben lassen sollten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Busfahrt dauerte knapp zwanzig Minuten. Als sie ausstiegen, war es zehn vor halb vier, Nino sch\u00e4tzte, dass ihnen noch anderthalb bis zwei Stunden Tageslicht bleiben w\u00fcrden. Das sollte reichen, sie hatten ungef\u00e4hr zweieinhalb Kilometer Fu\u00dfweg vor sich. Sie mussten nat\u00fcrlich auch an den R\u00fcckweg denken, aber wenn es da schon d\u00e4mmerte, war das nicht ganz so schlimm. <\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDann mal los!\u201c, meinte Nino, w\u00e4hrend sich die T\u00fcren des Busses hinter ihnen schlossen und der Bus anfuhr. Antonia und er waren die Einzigen, die ausgestiegen waren, die Haltestelle lag mehr oder weniger im Nirgendwo. Ein St\u00fcck die Stra\u00dfe hoch und runter gab es jeweils zwei oder drei H\u00e4user, ansonsten erstreckten sich auf der einen Seite Felder, auf der anderen der Wald.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein paar Meter vom Haltestellenschild entfernt begann ein Waldweg, gerade breit genug, dass ein Auto ihn befahren konnte. Reifenspuren verrieten, dass das zumindest gelegentlich auch passierte; allerdings verwehrte wenige Meter von der Einm\u00fcndung in die Stra\u00dfe entfernt eine Schranke Unbefugten die Weiterfahrt.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nino und Antonia umrundeten die Schranke und tauchten in den Schatten der B\u00e4ume ein. Nino hatte sein Handy in der Hand, auf dem Display wurde eine Karte der Umgebung angezeigt. Das Ziel hatte er in Form von GPS-Koordinaten eingegeben, wenn er etwas herauszoomte, war am oberen Bildschirmrand der Punkt zu sehen, der es markierte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um sie herum war alles still. Sobald sie die Stra\u00dfe ein St\u00fcck hinter sich gelassen hatten, schluckten die B\u00e4ume die Ger\u00e4usche der vorbeifahrenden Autos. Au\u00dfer den Schritten der Jugendlichen auf dem gewalzten Boden war nur gelegentlich das Rascheln eines kleinen Tieres im Laub zu h\u00f6ren.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWie weit seid ihr fr\u00fcher hier gelaufen?\u201c, erkundigte Nino sich unterwegs. \u201eDen Weg hier kenne ich gar nicht\u201c, gab Antonia zu. \u201eWir sind immer bis zu einem Parkplatz gefahren und von dort aus dann losgewandert. Meistens so eine Stunde, glaube ich, viel mehr war\u2019s wohl nicht. Ich war ja noch im Kindergarten damals. Manchmal stand im Sommer ein Eiswagen auf dem Parkplatz, das wei\u00df ich noch.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach einer halben Stunde hatten Nino und Antonia den Unterstand erreicht, bei dem der Cache irgendwo versteckt sein sollte. Jetzt mussten sie schauen, die GPS-Koordinaten nutzten ihnen nun nichts mehr.  Auf der digitalen Karte wurde der Punkt zehn Meter hinter dem Unterstand im Wald angezeigt, aber das musste nicht stimmen. GPS hatte gewisse Abweichungen, die durch unterschiedliche Faktoren bestimmt wurden, das konnten schon um die zehn Meter sein.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Genau daf\u00fcr gab es die Beschreibung, die die Schatzsucher auf dem letzten St\u00fcck f\u00fchren sollte. Dass die Leute ein bisschen suchen mussten, war allerdings Teil des Spiels, deshalb gab es keine Schritt-f\u00fcr-Schritt-Anleitung zum Cache. Am Unterstand sollte er sein, hie\u00df es, und weder vergraben noch in einem Baum oder Busch versteckt.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Unterstand war \u00fcbersichtlich: Ein Spitzdach mit achteckigem Grundriss, gehalten von h\u00f6lzernen Pfosten, eine Wand aus Brettern, die den Unterstand zur H\u00e4lfte umschloss, B\u00e4nke aus halbierten Baumst\u00e4mmen. Wo sollte da etwas versteckt sein?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hinter den B\u00e4nken lag nichts, das w\u00e4re auch zu einfach gewesen. Aber es war das einzige Versteck, das Nino einfiel, ansonsten war der Unterstand ja leer. Auf Hohlr\u00e4ume in den W\u00e4nden brauchte man kaum zu spekulieren, das waren einfache fingerdicke Holzbohlen, garantiert nicht in doppelter Reihe mit Abstand dazwischen. Er umrundete den Unterstand und arbeitete sich in den Wald vor, versuchte, den Punkt zu finden, der auf der digitalen Karten markiert war. Vielleicht gab es ja dort noch etwas, einen Zaun, einen gro\u00dfen Stein, irgendwas, was weder Baum oder Busch noch Erdboden war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weit kam er nicht, denn wenige Schritte hinter dem Unterstand begann ein Ilex-Verhau. \u201eHier ist der Cache garantiert nicht\u201c, legte er sich fest. \u201eDie, die den angelegt haben, waren bestimmt keine Fakire.\u201c \u201eVor allem h\u00e4tten sie dann nicht geschrieben, er w\u00e4re einfach zu finden\u201c, pflichtete Antonia ihm bei.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eIch glaube, ich hab was!\u201c, rief sie einen Moment sp\u00e4ter. Nino hatte sich gerade anschicken wollen, den Weg ein St\u00fcck weiterzugehen, um zu schauen, ob dort etwas war. Jetzt kehrte er um und lief zu Antonia, die au\u00dfen an der R\u00fcckwand des Unterstands stand.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eHier, schau mal!\u201c Antonia deutete auf eine Schnur, die von irgendwo unter dem \u00fcberstehenden Dach zum Boden f\u00fchrte. Das untere Ende war mit einem Stein beschwert, und als Nino ihn anhob, sahen sie, dass die Schnur noch ein gutes St\u00fcck l\u00e4nger war. Der Rest war aufgerollt, das Ende an einem Holzst\u00fcck befestigt, das wohl eine Art Griff darstellen sollte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Antonia presste die Wange an die nur grob gegl\u00e4tteten Bretter und sp\u00e4hte nach oben. \u201eIch sehe ihn!\u201c, verk\u00fcndete sie. \u201eDie Schnur geht oben \u00fcber den Balken, am anderen Ende h\u00e4ngt er. Komm, wir lassen ihn runter!\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das war schnell getan, sobald Nino der Schnur etwas Spiel gab, sp\u00fcrte er, wie der Cache als Gegengewicht auf der anderen Seite nach unten zog. Antonia fing ihn auf, eine mit Acrylfarbe bemalte Gefrierdose.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit dem \u00d6ffnen wartete sie, bis Nino bei ihr war. Gold und Edelsteine waren nat\u00fcrlich nicht zu erwarten, wer Reicht\u00fcmer ernten wollte, war beim Geocaching falsch. Nino und Antonia fanden ein buntes Sammelsurium von kleinen Spielzeugen, einen d\u00fcnnen, golden gl\u00e4nzenden Armreif, der sicherlich nicht aus echtem Gold war, zwei T\u00fctchen Sammelbilder von der letzten Fu\u00dfball-WM, Buntstifte, Aufkleber und noch ein paar andere Sachen. Ein d\u00fcnnes Holzbrett, das offensichtlich mit einer Hei\u00dfklebepistole befestigt worden war, teilte an der Seite ein schmales Fach ab f\u00fcr ein Notizbuch nebst Bleistift. Dort sollten Besucher sich eintragen, sodass sich im Lauf der Zeit eine Historie ergab, wie oft und zu welchen Zeiten der Cache ge\u00f6ffnet worden war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Antonia \u00fcberflog die Namen, aber die meisten hatten sich nur mit den Vor- oder Spitznamen eingetragen. Es war also nicht festzustellen, ob jemand darunter war, den sie kannte. Ein paar Eintr\u00e4ge in gro\u00dfen, unbeholfenen Buchstaben stammten sicherlich von Kindern, die gerade erst schreiben lernten. Die letzten Besucher, zumindest die letzten, die sich auch eingetragen hatten, waren im Advent da gewesen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Antonia nahm den Stift, um ihren Besuch zu vermerken. \u201eSchreib ruhig f\u00fcr mich mit\u201c, meinte Nino. Antonia nickte, schrieb das Datum und dann <i>Nino<\/i><i> <\/i><i>+<\/i><i> <\/i><i>Antonia<\/i> darunter. \u201eUps, das kann man auch falsch verstehen\u201c, stellte sie fest, und ihre Wangen f\u00e4rbten sich leicht rosa. \u201eEgal, wei\u00df ja keiner, dass wir das sind.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie verstaute Stift und Notizbuch und schaute, was sie im Austausch f\u00fcr ihr Freundschaftsarmband mitnehmen sollte. \u201eDas hab ich vorhin extra noch gemacht\u201c, erz\u00e4hlte sie. \u201eWer wei\u00df, vielleicht treffe ich ja irgendwann jemanden, der es tr\u00e4gt.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich nahm sie den Armreif. \u201eIch glaube, der steht mir\u201c, meinte sie. \u201eWas nimmst du?\u201c Nino lie\u00df kurz unschl\u00fcssig die Hand \u00fcber der Gefrierbox kreisen und griff sich dann die Buntstifte. Er hatte daf\u00fcr keine Verwendung, aber seine Schwester w\u00fcrde sich freuen. Janine war zehn und zeichnete ganz gern.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter sa\u00dfen Nino und Antonia auf der Schranke, die die Einfahrt in den Waldweg blockierte. Der Bus zur\u00fcck in die Stadt fuhr nur einmal in der Stunde, bis der n\u00e4chste kommen w\u00fcrde, hatten sie noch eine ganze Weile Zeit. Aber langweilig wurde ihnen nicht, sie tranken Tee, a\u00dfen Pl\u00e4tzchen und redeten \u00fcber alles M\u00f6gliche.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWar eine klasse Sache!\u201c, fasste Antonia das Erlebte zusammen, als sie ihre Sachen zusammenr\u00e4umten, um rechtzeitig an der Bushaltestelle zu sein. \u201eIch h\u00e4tte echt Lust, das noch \u00f6fter zu machen.\u201c \u201eIch auch\u201c, stimmte Nino ihr zu. \u201eHat wirklich Spa\u00df gemacht. Die Suche, und auch, dass wir das zusammen gemacht haben.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er bemerkte, dass Antonia ihn von der Seite ansah, und sp\u00fcrte, dass er leicht rot wurde. Aber h\u00e4tte erl\u00fcgen sollen? Es hatte ja wirklich Spa\u00df gemacht, und das hatte ganz viel auch an Antonia gelegen. Er mochte ihre Art, und ja, es w\u00fcrde ihm gefallen, \u00f6fter etwas mit ihr zu unternehmen. Was sich daraus entwickelte \u2026 Wer wusste das schon? Vielleicht w\u00fcrde das Schicksal ja Gefallen daran finden, wahr werden zu lassen, was seit einer Dreiviertelstunde im Notizbuch des Caches stand. Und vielleicht war es schon der erste Schritt in diese Richtung, dass Nino dar\u00fcber nachdachte und den Gedanken nicht v\u00f6llig abwegig fand.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Morgen des 14. Februar war auf viel Getuschel zu beobachten auf dem Schulhof der st\u00e4dtischen Gesamtschule. 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