{"id":1878,"date":"2025-01-31T17:49:01","date_gmt":"2025-01-31T16:49:01","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=1878"},"modified":"2025-01-31T17:49:01","modified_gmt":"2025-01-31T16:49:01","slug":"hautnah","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=1878","title":{"rendered":"Hautnah"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Hautnah\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Cover-Hautnah.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Hautnah\" \/>\n<p>\u201eSo, fertig!\u201c Anette legte den schwarzen Schminkstift zur\u00fcck in die Box. \u201eUnd, wie findest du\u2019s?\u201c \u201eSpitze!\u201c, freute Felicitas sich. \u201eSieht fast echt aus.\u201c \u201eSetz mal die Ohren auf!\u201c, forderte Anette sie auf. Sie reichte ihrer Cousine einen Haarreif, an dem zwei selbstgebastelte Katzenohren befestigt waren. Felicitas nahm ihn, st\u00fclpte ihn \u00fcber ihr Haar und schob ihn ein bisschen hin und her, bis er die richtige Position hatte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie betrachtete sich im Spiegel und sah eine Katze mit hellem Gesicht, langen Schnurhaaren und puscheligen Ohren. Ihr \u201eFell\u201c bestand aus schwarzen Leggins und einem schwarzen Sweatshirt; aus etwas schwarzem Samt und Watte hatte sie sich noch einen Schwanz gebastelt. Er war mit wenigen Stichen hinten in die Leggins eingen\u00e4ht, die Felicitas sonst zum Sport trug, und w\u00fcrde sich wieder herausnehmen lassen, ohne die Hose zu besch\u00e4digen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war kurz nach neun am Morgen des Rosenmontag, und die beiden M\u00e4dchen bereiteten sich auf den Umzug in der Altstadt vor. Sie waren gleich alt, elf, Cousinen und beste Freundinnen zugleich. Sie besuchten dieselbe Klasse, die 6. eines Gymnasiums in D\u00fcsseldorf.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Karnevalshochburg war der Rosenmontag nat\u00fcrlich schulfrei, eine Schulleitung, die sich dem verweigert h\u00e4tte, w\u00e4re wohl mit Schimpf und Schande aus der Stadt gejagt worden. Anettes und Felicitas\u2019 Klassenlehrerin hatte vorgeschlagen, dass die Klasse zusammen zum Rosenmontagszug gehen k\u00f6nnte. Verpflichtend war das nicht, aber soweit Anette und Felicitas wussten, hatten nur wenige abgesagt. Josefinas Eltern, die ebenfalls freihatten, waren mit ihr \u00fcber das verl\u00e4ngerte Wochenende zu ihrem Campingwagen nach Holland gefahren. Magdalena wusste noch nicht, ob sie zu Hause wegkam, weil auch der Kindergarten ihres kleinen Bruders geschlossen war, ihre Eltern aber arbeiten mussten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Umzug w\u00fcrde erst um elf beginnen, aber Anette und Felicitas machten sie lieber fr\u00fchzeitig auf den Weg. Die Bahnen w\u00fcrden sicherlich voll sein, Versp\u00e4tungen waren da unausweichlich. Dass die Altstadt kn\u00fcppelvoll sein w\u00fcrde, war sowieso klar.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie nahmen ihre Jacken, und Anette schulterte einen Rucksack, der zu essen und zu trinken f\u00fcr beide enthielt. Den gr\u00f6\u00dften Teil des Gewichts machten allerdings einige T\u00fcten mit Mutzenmandeln und Mutzenbl\u00e4ttern aus, typischem Karnevalsgeb\u00e4ck. Ihre Eltern, die eine eigene B\u00e4ckerei hatten, hatten auch noch eine Lage Berliner f\u00fcr die Klasse ausgegeben, aber die h\u00e4tten nicht mehr in den Rucksack gepasst; Felicitas trug sie in einer Baumwolltasche. Geld, Fahrkarten und Handys verwahrten sie in Brustbeuteln, die sie unter den Pullovern trugen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie fuhren mit der S-Bahn bis zum Hauptbahnhof und gingen von dort aus zu Fu\u00df. Das war noch ein St\u00fcck, aber die Zeit hatten sie von vornherein eingeplant. In den U-Bahnen, die in die Richtung fuhren, herrschte sicherlich ein Gedr\u00e4nge, dass einem der Atem wegblieb, das wollten sie sich nicht antun.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als sie den vereinbarten Treffpunkt erreichten, war ungef\u00e4hr ein Drittel ihrer Klasse schon da. Frau Nickel hatte vorgesorgt und f\u00fcr sich und die Kinder einen guten Platz reserviert. Sie hatte sich als Bushaltestelle verkleidet, mit einem hellen Trikot mit einem Fahrplan darauf und einem Haltestellenschild aus Pappe, das sie von Zeit zu Zeit in die H\u00f6he hielt. Die Sechstkl\u00e4ssler wussten, wonach sie zu suchen hatten, und fanden so m\u00fchelos zu den anderen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Zeit bis zum Beginn des Umzugs wurde ihnen nicht lang. Die Kinder betrachteten und kommentierten gegenseitig ihre Kost\u00fcme und machten sich nat\u00fcrlich \u00fcber das Geb\u00e4ck her, das Anette und Felicitas mitgebracht hatten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann ging es endlich los. Die Mottowagen rollten langsam die Stra\u00dfe entlang, begleitet von Karnevalisten in bunten Uniformen. Die Kinder fingen die Kamelle auf, die reichlich flogen, und schunkelten zur Musik, soweit sie Platz dazu hatten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich standen die Zuschauer dicht gedr\u00e4ngt, das konnte in so einer Situation gar nicht ausbleiben. Dass es dabei auch mal zu Ber\u00fchrungen mit den Nachbarn kam, lag auf der Hand, und solange das Zufall war, waren Anette und Felicitas da auch nicht empfindlich.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch als sich zwei Arme von hinten um Anette legten und vor ihrer Brust verschr\u00e4nkt wurden, war das ganz bestimmt kein Versehen. Es war auch ganz sicher keine von den Klassenkameradinnen, die zu Anettes engerem Freundeskreis geh\u00f6rten. Die standen alle irgendwo seitlich von ihr, nicht in der Reihe hinter ihr. Au\u00dferdem waren die Arme zu kr\u00e4ftig und kamen von zu weit oben, um einer ihrer Klassenkameradinnen zu geh\u00f6ren.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anette versuchte, sich aus der ungewollten Umarmung zu winden, aber wer auch immer hinter ihr stand, kapierte das Signal nicht. Auch als sie die H\u00e4nde auf die Unterarme des Unbekannten legte, um sie wegzuschieben, hielt er fest. Vielleicht w\u00e4re es ihr doch noch gelungen, wenn sie alle Kraft eingesetzt hatte, aber daf\u00fcr fehlte ihr angesichts der unangenehmen N\u00e4he die Geduld. Also keilte sie mit dem Fu\u00df nach hinten aus, blieb allerdings mit der Hacke in etwas h\u00e4ngen, das sich wie Stoff anf\u00fchlte. Erst im zweiten Anlauf traf der Absatz einen Spann, ein St\u00f6hnen hinter ihr belegte, dass es wehgetan hatte. Der Griff lockerte sich, und Anette kam frei.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Danach musste sie rasch einen Schritt nach vorn machen, um den Schwung abzufangen, sonst w\u00e4re sie gest\u00fcrzt. Es war nur ein kurzer Augenblick, aber das reichte dem Typen, der sie gegen ihren Willen umarmt hatte, um sich zu fangen und seinerseits einen Schritt zur\u00fcck zu machen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>So schauten Anette und Felicitas, als sie sich umdrehten, auf eine Gruppe von sieben oder acht Jugendlichen, die alle zwischen 14 und 16 sein mussten. Alle waren mehr oder weniger fantasievoll kost\u00fcmiert, bei manchen die Gesichter unter Masken verborgen oder so stark geschminkt, dass sie nicht mehr zu erkennen waren. Deshalb konnten Anette und Felicitas nicht mit Sicherheit sagen, ob sie jemanden davon kannten, die halbwegs unverstellten Gesichter waren ihnen auf jeden Fall unbekannt.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mangels Platz und Zeit konnte sich die Reihe nicht nennenswert verschoben haben. Auch dahinter bewegte sich nichts in verd\u00e4chtiger Weise. Also musste irgendeiner aus dieser Gruppe derjenige sein, der Anette bel\u00e4stigt hatte, genauer gesagt kamen nur zwei Jungen infrage: ein rothaariger, der mit Akne zu k\u00e4mpfen hatte und als M\u00f6nch verkleidet war, und ein blonder mit unsortiertem Flaum auf der Oberlippe, der mit Strumpfhose, dunkler Jacke ohne Rei\u00dfverschluss oder Kn\u00f6pfe und Stoffhaube auf dem Kopf wohl einen mittelalterlichen Herold darstellen wollte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die beiden Jungen taten so, als w\u00e4re nichts passiert und als w\u00fcssten sie gar nicht, warum Anette und Felicitas sie so w\u00fctend anstarrten, statt weiter den Umzug zu verfolgen. Gut m\u00f6glich, dass in ihren Augen wirklich nichts von Belang passiert war, bei manchen geh\u00f6rten solche \u00dcbergriffe ja zum guten Ton. Au\u00dferdem schienen sie angeheitert zu sein, auch ihre Begleiter hatten offensichtlich getrunken. Ob sie etwas mitbekommen hatten, war nicht zu erkennen, verraten w\u00fcrden sie den T\u00e4ter so oder so nicht.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anette und Felicitas musterten die beiden Jungen, von denen einer der T\u00e4ter sein musste. Aus den Mienen war kein Schuldbewusstsein herauszulesen, und viele Anhaltspunkte hatten die M\u00e4dchen nicht. Anette hatte von dem Jungen, der sie bel\u00e4stigt hatte, nur die Arme gesehen, die in weiten, dunklen \u00c4rmeln gesteckt hatten. Da taten sich die M\u00f6nchskutte des einen und die Jacke des anderen nicht viel, der Farbton unterschied sich nur minimal. Felicitas hatte noch weniger gesehen, war erst durch die Gegenwehr ihrer Cousine aufmerksam geworden und hatte sich dann unwillk\u00fcrlich auf Anette konzentriert.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anette schaute auf Gesichter und Haltung der Jungen: Gab es einen Hinweis, dass einer von beiden noch Schmerzen hatte? Sie sah nichts, der T\u00e4ter hatte den Tritt weggesteckt, vielleicht war es von Anfang an mehr Schreck als Schmerz gewesen. Sie lie\u00df den Blick nach unten gleiten, zu den Schuhen, doch auch diese Hoffnung zerschlug sich. Blitzblank waren die Schuhe zwar nicht gerade, bei beiden, aber eine Spur, die sich mit einiger Wahrscheinlichkeit ihrer Sohle zuordnen lie\u00df, entdeckte sie nicht. Es war k\u00fchl und trocken, auch in den letzten Tagen hatte es nicht geregnet, deshalb waren die Sohlen von Anettes Schuhen leidlich sauber.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch als der Blick wieder nach oben wanderte, hatte sie pl\u00f6tzlich eine Idee. Klar, das war der Beweis!<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p><i>Wei\u00dft du, woran Anette erkannt hat, welcher der beiden Jungen sie bel\u00e4stigt hat?<\/i><\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"alternateEndHeader\" onclick=\"toggleElement('solution');\">Aufl\u00f6sung<\/p>\n<div id=\"solution\" style=\"display:none;\">\n<p>\u201eDieser falsche Heilige hier hat mich angepackt!\u201c, erkl\u00e4rte Anette der Lehrerin, die auf den kurzen Tumult aufmerksam geworden war und sich zu ihr durchgedr\u00e4ngelt hatte. Dabei deutete sie auf den Rothaarigen in der M\u00f6nchskutte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eStimmt gar nicht!\u201c, behauptete der Junge und deutete auf seinen Nebenmann. \u201eDer war\u2019s!\u201c Wer solche Freunde hatte, brauchte keine Feinde mehr, ging es Felicitas durch den Kopf, w\u00e4hrend der Herold kund und zu wissen tat, dass die Anschuldigung nat\u00fcrlich gelogen war.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Frau Nickel schaute vom einen zum anderen. Sie stand vor demselben Problem wie Anette zuvor. \u201eBist du sicher, dass du dich nicht irrst?\u201c, fragte sie, womit sie aber keineswegs die Bel\u00e4stigung an sich infrage stellen wollte. \u201eIch meine, hast du gesehen, dass er es war?\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eGesehen nicht\u201c, gab Anette zu. \u201eAber ich hab nach hinten getreten, damit er mich losl\u00e4sst, und dabei bin ich mit dem Fu\u00df h\u00e4ngen geblieben. Ich bin mir sicher, dass das Stoff war, wo ich gegen getreten hab, das muss die Kutte gewesen sein. Bei dem da\u201c, sie deutete auf den Herold, \u201eh\u00e4tte ich die Beine getroffen, das h\u00e4tte ich gemerkt, und er auch.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<style>\n\t.alternateEndHeader {\n\t\twidth: 100%;\n\t\tpadding: 5px;\n\t\tmargin-bottom: 5px;\n\t\tborder: 1px solid darkgrey;\n\t\tborder-radius: 5px;\n\t\tcursor: pointer;\n\t}\n<\/style>\n\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eSo, fertig!\u201c Anette legte den schwarzen Schminkstift zur\u00fcck in die Box. \u201eUnd, wie findest du\u2019s?\u201c \u201eSpitze!\u201c, freute Felicitas sich. \u201eSieht fast echt aus.\u201c \u201eSetz mal die Ohren auf!\u201c, forderte Anette sie auf. Sie reichte ihrer Cousine einen Haarreif, an dem zwei selbstgebastelte Katzenohren befestigt waren. Felicitas nahm ihn, st\u00fclpte ihn \u00fcber ihr Haar und schob [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1878","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1878","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1878"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1878\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1880,"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1878\/revisions\/1880"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/renebote.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1878"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}