{"id":1794,"date":"2024-10-31T15:59:30","date_gmt":"2024-10-31T14:59:30","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=1794"},"modified":"2024-10-31T15:59:30","modified_gmt":"2024-10-31T14:59:30","slug":"ein-hauch-geigenspiel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=1794","title":{"rendered":"Ein Hauch Geigenspiel"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Ein Hauch Geigenspiel\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Cover-Ein-Hauch-Geigenspiel.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Ein Hauch Geigenspiel\" \/>\n<p>Wie erkannte man ein falsches Gespenst? Am einfachsten daran, dass es am Halloween-Abend schon kurz nach Einbruch der Dunkelheit umging und verschwunden war, lange bevor es zur Geisterstunde l\u00e4utete.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ellen und Cynthia waren aus dem Alter raus, als Gruselgestalten verkleidet von Haus zu Haus zu ziehen und um S\u00fc\u00dfigkeiten zu heischen; Ellen war vierzehneinhalb, Cynthia fast f\u00fcnfzehn. Trotzdem mochten sie Halloween immer noch, ihnen gefiel die Dekoration an vielen H\u00e4usern, und Cynthia liebte K\u00fcrbisgerichte aller Art. Nachmittags hatten sie zusammen K\u00fcrbiskuchen gebacken, und zum Abendessen w\u00fcrde es K\u00fcrbissuppe geben.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bis dahin war aber noch Zeit, bei Cynthia zu Hause wurde in der Regel sp\u00e4t zu Abend gegessen. Deshalb hatten Cynthias Eltern auch nichts dagegen, dass die beiden M\u00e4dchen um kurz nach sieben noch einmal rausgingen.  Ellen w\u00fcrde bei Cynthia schlafen, und der 1. November war schulfrei.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit den Fahrr\u00e4dern fuhren die M\u00e4dchen aus der Stadt hinaus. Hier und da begegneten ihnen noch Gruppen von verkleideten Kindern, aber die meisten waren schon wieder zu Hause und sichteten die Ausbeute. Wahrscheinlich war keines zu kurz gekommen, auch wenn viele Leute dem modernen Brauch nichts abgewinnen konnten und gar nicht erst die T\u00fcr \u00f6ffneten. Ein paar Nachbarn gab es doch meistens, die etwas \u00fcbrig hatten f\u00fcr den Spa\u00df der Kinder und daf\u00fcr sorgten, dass sie Naschkram f\u00fcr die Gruselgestalten im Haus hatten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kurz hinter dem Ortsausgangsschild bogen Cynthia und Ellen von der Stra\u00dfe ab und folgten einem Feldweg. Auf dem gewalzten Schotter mit seinen Unebenheiten und Auswaschungen mussten sie langsamer fahren, aber es war nicht mehr weit. Nach gut f\u00fcnf Minuten begann der bis dahin flache Weg anzusteigen, hoch auf einen kleinen H\u00fcgel. Oben lag das Ziel der beiden Freundinnen, die Ruine einer kleinen und wohl auch nie besonders bedeutsamen Burg.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Cynthia hatte den kleinen Ausflug vorgeschlagen. Eine kurze n\u00e4chtliche Radtour, ein Hauch von Abenteuer, aber nichts Wildes. Ellen hatte sich nicht lange bitten lassen, sie war eigentlich f\u00fcr jeden Spa\u00df zu haben und musste nicht den ganzen Abend drinnen sitzen. Das Wetter war zwar nicht toll, bew\u00f6lkt und k\u00fchl, aber solange es nicht regnete, war alles okay. Au\u00dferhalb der Stadt waberten leichte Nebelschleier, das gab der Nacht etwas Geheimnisvolles.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die M\u00e4dchen stellten die Fahrr\u00e4der dort ab, wo einmal das Burgtor gewesen war. Von der \u00e4u\u00dferen Umfassung war nur noch wenig \u00fcbrig, halbwegs unbeschadet hatte nur der Turm den Niedergang der Burg \u00fcberstanden. Im Sommer konnte man an wenigen Tagen hochsteigen, sonst war er abgesperrt. Cynthia und Ellen hatten die Chance genutzt, als kurz nach den Sommerferien ein Mittelaltermarkt an der Burg stattgefunden hatte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>An diesem Abend waren sie allein an der Burg. Etwas anderes hatten sie nicht erwartet, der H\u00fcgel war nicht hoch genug, um Aussichtspunkt zu sein, und sonst gab es nichts, was gro\u00dfartig Ausfl\u00fcgler h\u00e4tte anziehen k\u00f6nnen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie setzten sich auf eines der verbliebenen Mauerst\u00fccke, das sich dazu geradezu aufdr\u00e4ngte; es hatte genau die richtige H\u00f6he, die Oberseite war breit genug zum Sitzen und einigerma\u00dfen glatt. Weil ihnen klar gewesen war, dass die Steine kalt und eventuell auch etwas feucht sein w\u00fcrden, hatte Cynthia auf dem Gep\u00e4cktr\u00e4ger ein Polster mitgebracht, das eigentlich zu einem Liegestuhl geh\u00f6rte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWusstest du, dass hier mal ein Mord passiert sein soll?\u201c, fragte Cynthia ihre Freundin. \u201eVor fast 900 Jahren war das.\u201c \u201eNa ja\u201c, antwortete Ellen bed\u00e4chtig, \u201edas kann ich mir vorstellen. Ich meine, das Mittelalter war nichts f\u00fcr Warmduscher, ein Menschenleben war da nicht viel wert. Da gab\u2019s \u00fcberall Stra\u00dfenr\u00e4uber, und die Adeligen mit ihren ganzen Intrigen \u2026\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eStimmt\u201c, musste Cynthia zugeben. \u201eKann gut sein, dass es sogar noch mehr Morde gegeben hat. Aber ich meine einen ganz bestimmten, da hab ich letztens von gelesen. Also, wie gesagt, das muss vor bald 900 Jahren gewesen sein. Damals lebte hier auf der Burg ein Graf, ein kleinerer. Also nicht kurz von der Gr\u00f6\u00dfe her, aber seine Grafschaft war nicht besonders gro\u00df, und er hatte bei den anderen Adeligen auch nicht viel zu melden. Aber er hatte eine Tochter, die hat er verg\u00f6ttert. Sie konnte gut Geige spielen, und er war so stolz auf sie \u2026 Nur, in einem Dorf in der N\u00e4he gab es ein anderes M\u00e4dchen, eine Bauerntochter, die hat von einem alten Mann, der als Musiker durchs Land gezogen ist, eine alte Geige geschenkt bekommen. Marianne hie\u00df sie, und sie hatte wohl unglaublich viel Talent. Sie hat sich das selbst beigebracht, und es hat nicht lange gedauert, da hat sie noch besser gespielt als die Tochter vom Grafen.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDas hat dem bestimmt gar nicht gepasst\u201c, warf Ellen ein. Die Vermutung lag ja auf der Hand, und sie ahnte auch schon, dass die Sache kein gutes Ende genommen hatte f\u00fcr die Bauerntochter. \u201eGenau\u201c, best\u00e4tigte Cynthia. \u201eDer Graf konnte es nicht ertragen, dass jemand besser Geige spielt als seine Tochter. Er hat das M\u00e4dchen besucht und auf seine Burg eingeladen. Angeblich sollte es zusammen mit seiner Tochter spielen, ein Konzert mit zwei ganz tollen Geigerinnen, hat er behauptet.\u201c \u201eIch ahne!\u201c, meinte Ellen, und Cynthia nickte. \u201eKaum dass Marianne auf der Burg war, hat er sie von seinen Schergen packen und in den Kerker werfen lassen. Man hat sie nie wieder gesehen, wahrscheinlich ist sie bald verdurstet und verhungert.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie machte eine bewusste Pause. \u201eAber es gibt Dinge, die kann man nicht beherrschen, egal, wie viel Macht und Geld man hat\u201c, fuhr sie dann fort. \u201e\u00dcber den Grafen redet heute keiner mehr, aber es hei\u00dft, Mariannes Geigenspiel k\u00f6nnte man immer noch h\u00f6ren, wenn man nachts hierherkommt und ganz still ist.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ellen l\u00e4chelte und sagte kein Wort. Auch Cynthia schwieg, nichts war zu h\u00f6ren au\u00dfer den entfernten Ger\u00e4uschen der Stadt, dem Motor eines Autos, das auf der Landstra\u00dfe vorbeifuhr, und den Tieren, die nachts durchs Gras und durch die B\u00fcsche streiften.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und noch etwas mischte sich darunter \u2013 eine leise Melodie, die wie aus weiter Ferne zu kommen schien. Die M\u00e4dchen lauschten, ja, Geigenmusik, wie ein Hauch. Ellen kannte das St\u00fcck nicht, hatte auch keine Ahnung, wer es komponiert haben k\u00f6nnte, aber eine Idee, wer daf\u00fcr verantwortlich war, dass es gerade zu ihnen her\u00fcberwehte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eSch\u00f6n inszeniert\u201c, sagte sie nach ein paar Augenblicken. Cynthia breitete die Arme aus und schaute sie gro\u00df an: \u201eIch?\u201c, sollte das hei\u00dfen. Aber nat\u00fcrlich war das ihr Ding, sie war mittags, ehe Ellen zu ihr gekommen war, schon mal hier gewesen und hatte ihr altes Handy versteckt.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eIch dachte, ein bisschen was f\u00fcr die Stimmung\u201c, sagte sie. \u201eAber die Geschichte hab ich mir nicht ausgedacht. Die steht im Internet, auf dem Blog von einem Hobbyhistoriker, der die Geschichte der Stadt erforscht. Ist nat\u00fcrlich nur eine Sage, aber den Grafen hat\u2019s wirklich gegeben, und die Tochter auch, und sogar dass sie sehr musikalisch war, wird irgendwo erw\u00e4hnt. Nur das mit der Bauerntochter Marianne, da muss man die Quellen mit Vorsicht genie\u00dfen, das sind wohl \u00dcberlieferungen, die erst viele Jahre sp\u00e4ter aufgeschrieben worden sind.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie stand auf und holte das Handy aus der Fenster\u00f6ffnung des Turms, wo sie es Stunden zuvor deponiert hatte. Sie musste sich strecken daf\u00fcr, nur so gerade eben reichte sie heran. Dass es gestohlen werden w\u00fcrde, war nicht zu bef\u00fcrchten gewesen, sie hatte es mit Bl\u00e4ttern getarnt, sodass es auch jemand, der ein St\u00fcck gr\u00f6\u00dfer war, nicht h\u00e4tte sehen k\u00f6nnen. Au\u00dferdem kam im Herbst ohnehin kaum jemand her. Cynthias gr\u00f6\u00dfte Sorge war gewesen, dass sie den Timer, der die Musik startete, auf die falsche Zeit eingestellt hatte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit dem Handy in der Hand kehrte sie zu Ellen zur\u00fcck. Sie schaltete die Musik ab und dann gleich auch das Handy, das hatte seinen Dienst f\u00fcr diesen Abend getan. Ein paar Augenblicke sitzen bleiben w\u00fcrden sie aber noch, sie hatten noch mehr als genug Zeit.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein paar Sekunden lang war es still, w\u00e4hrend Cynthia das Handy einsteckte. Dann stutzte Ellen pl\u00f6tzlich. Sie schaute zu Cynthia und sah, dass die es auch geh\u00f6rt hatte und genauso erschrocken war. Cynthia wusste, was ihre beste Freundin dachte, und sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eNein\u201c, sagte sie, und sie konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme zitterte dabei, \u201eDas ist wirklich nicht von mir.\u201c<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie erkannte man ein falsches Gespenst? 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