{"id":1597,"date":"2024-05-26T08:12:30","date_gmt":"2024-05-26T07:12:30","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=1597"},"modified":"2024-05-26T08:12:30","modified_gmt":"2024-05-26T07:12:30","slug":"kniffliger-besuch-bei-oma","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=1597","title":{"rendered":"Kniffliger Besuch bei Oma"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Kniffliger Besuch bei Oma\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Cover-Kniffliger-Besuch-bei-Oma.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Kniffliger Besuch bei Oma\" \/>\n<p>Unschl\u00fcssig stand Simon am Eingang des st\u00e4dtischen Friedhofs. Um ihn herum war viel Betrieb, Menschen kamen und gingen. Es war der Nachmittag von Allerheiligen, dem Feiertag vor allem der katholischen Kirche, an dem traditionell die Gr\u00e4ber der verstorbenen Angeh\u00f6rigen besucht wurden.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dasselbe hatte auch Simon vorgehabt, er hatte seiner Gro\u00dfmutter Blumen aufs Grab legen wollen. Doch die st\u00e4dtische Friedhofsverwaltung hatte etwas dagegen: Ein Schild am Eingang verk\u00fcndete neben anderen Verhaltensregeln, dass Kinder unter zw\u00f6lf Jahren ohne Begleitung keinen Zutritt hatten. Simon war zehn, und er sah auch nicht so viel \u00e4lter aus, dass er sich getraut h\u00e4tte, sich reinzuschleichen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun war guter Rat teuer. Unverrichteter Dinge wieder abziehen wollte er nicht, nicht nur, weil die Blumen Geld gekostet hatten. \u00c4rger mit den Aufsehern, von denen an so einem Tag sicherlich viele unterwegs waren, wollte er aber auch nicht. Kurz \u00fcberlegte er, ob er seine Mutter anrufen sollte, verwarf die Idee aber direkt wieder. Seine Eltern lebten schon lange getrennt, und seine Mutter hatte nie einen rechten Vertrag gehabt mit ihrer Schwiegermutter. Sie hatte Simon zwar die Blumen zum gr\u00f6\u00dften Teil bezahlt, weil sie es eigentlich gut fand, dass er seine Gro\u00dfmutter in Ehren hielt, aber gleich gesagt, dass sie nicht mitkommen w\u00fcrde, wenn er zum Grab ging. Von dieser Entscheidung w\u00fcrde sie nicht abr\u00fccken, allein schon, weil sie Angst hatte, dann zuf\u00e4llig ihren Ex-Freund, Simons Vater, zu treffen, wenn er das Grab seiner Mutter besuchte. Die Fetzen geflogen waren bei der Trennung zwar nicht, zumindest konnte Simon sich nicht daran entsinnen, aber eine schwierige Zeit war es trotzdem gewesen, und seine Eltern gingen sich aus dem Weg, so gut sie konnten. Immerhin waren sie zu \u00dcbereink\u00fcnften gekommen, durch die er nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde. Er h\u00e4tte es also schlechter treffen k\u00f6nnen, es gab andere Scheidungskinder und Kinder in noch bestehenden, aber zerr\u00fctteten Ehen, die schlimmer dran waren. Aber in der akuten Situation nutzte ihm das kein St\u00fcck, seine Mutter stand nicht als Begleitung zur Verf\u00fcgung, die ihm den Zutritt zum Friedhof legitimierte. Auch sonst fiel ihm niemand ein, der Rest der Verwandtschaft lebte nicht in der Stadt. Sein Vater war bald nach der Trennung weggezogen; wie Simon ihn kannte, war er schon am Grab gewesen, wahrscheinlich direkt nach dem Fr\u00fchst\u00fcck.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend er unentschlossen dastand, gingen die Leute an ihm vorbei: einzelne Personen, Paare, Familien. Niemand schien gro\u00df Notiz von ihm zu nehmen, sicherlich dachten sie, er w\u00e4re verabredet und wartete.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch es gab eine Ausnahme: ein M\u00e4dchen in seinem Alter, das ebenfalls allein unterwegs war. Zuerst beachtete Simon es nicht, er achtete insgesamt kaum auf seine Umgebung, und es waren ja doch auch einige Kinder unter den Friedhofsbesuchern. Nur waren eben die Eltern dabei, oder andere Erwachsene.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber als das M\u00e4dchen sich n\u00e4herte, erkannte er es. Silvia war mit ihm im Kindergarten gewesen, in derselben Spielgruppe, in der Grundschule in der Parallelklasse, und auch jetzt in der F\u00fcnften war sie auf seiner Schule. \u00dcberm\u00e4\u00dfig viel hatten sie in den letzten Jahren nicht mehr miteinander zu tun gehabt, sahen sich aber oft im Schulbus und gelegentlich auch auf dem Schulhof und konnten sich nach wie vor gut leiden.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Silvia erkannte, dass er nicht ganz freiwillig vor dem Friedhofstor in der Gegend herumstand. Ihre erste Vermutung ging sicherlich in die Richtung, dass er versetzt worden war, seine Verabredung sich zumindest deutlich versp\u00e4tete, und entsprechend sprach sie ihn auch an. \u201eNa, muss der Schnitter noch die Sense schleifen?\u201c, fragte sie scherzhaft. Simon sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eEr will mich nicht reinlassen\u201c, erkl\u00e4rte er und deutete auf das Schild. Das war sogar einen Hauch von schlagfertig, fand er, woher er das in diesem Moment nahm, wusste er selbst nicht so genau.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Silvia folgte dem Fingerzeig, las und sch\u00fcttelte dann ihrerseits den Kopf. \u201eUnd davon l\u00e4sst du dich aufhalten?\u201c, fragte sie verwundert. Simon zuckte mit den Schultern. \u201eGibt doch nur \u00c4rger sonst\u201c, meinte er unsicher. \u201eIch meine, gerade heute, wo so viele Leute hier sind, laufen doch auch jede  Menge Wachleute hier rum, meinst du nicht auch?\u201c \u201eVermutlich schon\u201c, r\u00e4umte Silvia ein. \u201eSchon weil bestimmt auch viele Taschendiebe da sind. Aber ich glaube nicht, dass die was sagen, wenn du dich benimmst.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Simon war sich da nicht so sicher, die Aufpasser wurden schlie\u00dflich daf\u00fcr bezahlt, dass sie die Regeln durchsetzten. Doch Silvia lie\u00df ihm gar keine Zeit, dar\u00fcber nachzudenken. Sie nahm sein Handgelenk und zog ihn mit sich, geradewegs durchs Tor auf den Friedhof. \u201eWohin?\u201c, fragte sie auf dem kleinen Platz hinter dem Tor, an dem eine der beiden Trauerhallen, ein Toilettengeb\u00e4ude und ein Bau der Friedhofsg\u00e4rtnerei lagen. \u201eNach rechts\u201c, antwortete Simon. Nat\u00fcrlich konnte Silvia nicht wissen, wo genau das Grab seiner Gro\u00dfmutter war, also musste er jetzt wohl oder \u00fcbel die F\u00fchrung \u00fcbernehmen. Oder er h\u00e4tte umdrehen m\u00fcssen, aber die Blamage wollte er sich nicht geben, nicht vor Silvia, und nicht vor all den anderen Leuten auf dem Friedhof, denen er damit doch erst recht auffallen musste. Dabei hatte er ohnehin schon das Gef\u00fchl, dass alle ihn anstarrten, obwohl er niemanden entdecken konnte, der ihm oder Silvia tats\u00e4chlich nennenswert Beachtung schenkte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kurz bevor sie das Gr\u00e4berfeld erreichten, auf dem Simons Gro\u00dfmutter begraben lag, begegneten Simon und Silvia tats\u00e4chlich einem Mann, der offensichtlich Streife lief. Zum Gl\u00fcck beachtete er sie nicht und nickte ihnen nur kurz zu, als sie ihn passierten. Es war wohl gut, dass Simon ihn zu sp\u00e4t gesehen hatte, um noch rasch in einen der kleinen Seitenwege zu huschen; wenn sie so offensichtlich versuchten, den Aufpasser zu umgehen, dann h\u00e4tten sie sich doch erst richtig verd\u00e4chtig gemacht.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Grab blieb Silvia zwei, drei Schritte zur\u00fcck. Sie besa\u00df genug Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen, um zu wissen, dass es ein ganz privater Moment war, als Simon vor dem Grab kurz innehielt und dann die Blumen ablegte. Sie schwieg und wartete geduldig ab, bis er sich nach einer kurzen Weile wieder zum Gehen wandte.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDu hattest sie sehr lieb, oder?\u201c, erkundigte sie sich, als sie schon wieder einige Schritte vom Grab entfernt waren. Simon war sicher, dass sie ihm nicht b\u00f6se gewesen w\u00e4re, wenn er nicht geantwortet h\u00e4tte, nickte aber. Dass er seine Gro\u00dfmutter \u2013 der letzte verbliebene Gro\u00dfelternteil, den er gehabt hatte \u2013 gern besucht hatte, war kein Geheimnis, er sah keinen Grund, Silvia nicht davon zu erz\u00e4hlen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Silvia gefiel das gute Verh\u00e4ltnis, das er zu seiner Gro\u00dfmutter gehabt hatte, und sie fand es gut, dass er von sich aus ihr Grab besuchte. \u201eIch glaube, das h\u00e4tte ich auch gerne gehabt\u201c, bekannte sie. \u201eDann hast du auch keine Gro\u00dfeltern mehr?\u201c, folgerte Simon. \u201eOder hattest nie welche?\u201c \u201eEine von meinen Omas lebt noch\u201c, antwortete Silvia. \u201eAber ich hab sie noch nie gesehen, und ich sch\u00e4tze, ich werde sie auch nicht mehr kennenlernen.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ihre Mutter hatte Silvia vergleichsweise sp\u00e4t bekommen, und sie war selbst eine Nachz\u00fcglerin, die beiden Schwestern waren 13 und 15 Jahre \u00e4lter. Die Gro\u00dfeltern waren schon vor Silvias Geburt gestorben, und Silvias Vater hatte seinen Vater bereits als kleiner Junge durch einen Unfall verloren. Die noch lebende Gro\u00dfmutter v\u00e4terlicherseits wohnte in Hamburg, von wo Silvias Vater stammte, in einem Altenheim. Gelegentlich fuhren Silvias Eltern sie besuchen, doch Silvia durfte nie mit, obwohl sie jedes Mal fragte. Sie hatten Angst, das Zusammentreffen k\u00f6nnte Silvia \u00fcberfordern, die Gro\u00dfmutter war gesundheitlich schon lange nicht mehr gut zurecht und inzwischen auch ziemlich dement. Silvia hatte keine Angst davor, hatte ihre Eltern aber nicht \u00fcberzeugen k\u00f6nnen, dass sie den Besuch im Altenheim verkraften w\u00fcrde. Sie f\u00fcrchtete, wenn ihre Eltern noch lange z\u00f6gerten, w\u00fcrde es zu sp\u00e4t sein.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">*** Epilog ***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eUnd, wie war\u2019s?\u201c, fragte Simon vorsichtig. Zusammen mit Silvia schlenderte er \u00fcber einen Hamburger Weihnachtsmarkt, eine Stunde hatten sie, ehe Silvias Eltern die R\u00fcckfahrt antreten wollten. \u201eSch\u00f6n\u201c, antwortete Silvia. \u201eIrgendwie komisch, dass ich ihre Enkelin bin, hat sie nicht begriffen, sie hat mich die ganze Zeit f\u00fcr meine Mama gehalten, als sie so alt war wie ich, aber ich fand\u2019s gar nicht schlimm.\u201c \u201eToll\u201c, befand Simon. Silvia nickte. \u201eAber ohne dich h\u00e4tte es nicht geklappt.\u201c Das war nicht einfach dahergesagt, ihre Eltern hatte ihre Meinung tats\u00e4chlich nur ge\u00e4ndert, weil sie mit Simon jemanden hatte, mit dem sie \u00fcber ihre Gef\u00fchle reden konnte. Silvias Freundinnen hatten sie das nicht zugetraut; die kannten einfach keine ansatzweise vergleichbare Situation. \u201eIch bin echt froh, dass wir uns am Friedhof getroffen haben. Und das n\u00e4chste Mal gehen wir gleich zusammen, oder?\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unschl\u00fcssig stand Simon am Eingang des st\u00e4dtischen Friedhofs. Um ihn herum war viel Betrieb, Menschen kamen und gingen. 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