{"id":156,"date":"2024-01-28T17:34:45","date_gmt":"2024-01-28T16:34:45","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=156"},"modified":"2024-02-09T18:04:36","modified_gmt":"2024-02-09T17:04:36","slug":"ist-doch-bloss-wasser","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=156","title":{"rendered":"Ist doch blo\u00df Wasser!"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Ist doch blo\u00df Wasser\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<p><i>\nHinter dieser Kurzgeschichte stecken zwei Ideen. Zum einen wollte ich an einem schw\u00fcl-hei\u00dfen Tag gerne eine kleine Erfrischung schreiben, und zum anderen kam mir der Gedanke, einmal den umgekehrten Weg zu gehen, nachdem ich bei meinen letzten beiden B\u00fcchern jeweils rund 30.000 Fotos gesichtet habe, um ein passendes Titelbild zu finden, und nach einem Foto zu schauen, zu dem mir eine Geschichte einf\u00e4llt.\n<\/i><\/p>\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Cover-Ist-doch-bloss-Wasser.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Ist doch blo\u00df Wasser\" \/>\n<p>Es gibt Tage, da frage ich mich, ob die Welt nicht besser dran w\u00e4re, wenn es keine Jungs g\u00e4be, und so ein Tag ist heute. Oma Isolde feiert Geburtstag, und wenn sie feiert, dann immer gro\u00df, egal ob es nun ein runder Geburtstag ist, oder, wie heute, eine ganz krumme Zahl. Kneifen gilt nicht, der Termin f\u00fcr die Feier wird lange im Voraus angek\u00fcndigt, und alle m\u00fcssen antreten. Alle, das sind ihre f\u00fcnf Kinder \u2013 mein Vater ist das zweit\u00e4lteste \u2013 mit Familie, ihre drei Geschwister mit besserer H\u00e4lfte und die dazu geh\u00f6rigen Ableger mit Kind und Kegel. In Summe sind das jedes Mal an die f\u00fcnfzig Leute, das geht eigentlich nur, weil Oma einen gro\u00dfen Garten hat, und au\u00dferdem im Sommer Geburtstag, sodass sie auch drau\u00dfen feiern kann.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Haken an der Sache sind meine insgesamt acht Cousins, die mit ihrem Benehmen irgendwo zwischen Steinzeit und Fr\u00fchmittelalter stehengeblieben sind. Von meinen Bruder Flori mal ganz abgesehen, der hat n\u00e4mlich nichts Besseres zu tun, als daf\u00fcr zu sorgen, dass seine \u201ekleine\u201c Schwester \u2013 auf die acht Minuten, die er mir als erstgeborener Zwilling voraus hat, bildet er sich wunders was ein \u2013 bei der Wasserpistolenschlacht, an der sie nicht mal beteiligt ist, auch ja am meisten abkriegt. Papa hat ihn zwar schon ermahnt, nicht am Tisch rumzusauen, aber sowie ich aufstehe, hat er die Wasserpistole \u2013 eher eine ausgewachsene Kanone mit Drei-Liter-Tank und enormer Schussweite \u2013 im Anschlag, und er zielt verteufelt gut. Am meisten freut ihn der Treffer auf der Hose, der aussieht, als h\u00e4tte ich reingemacht, aber auch meine Bluse ist am R\u00fccken und an der rechten Schulter nass, und mein kleiner Cousin Niko hat mir einen Tellschuss auf den Bauch verpasst. Niko ist sechs und macht Flori alles nach.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einfach am Tisch sitzen bleiben, k\u00f6nnte eine Taktik sein, denn Flori wei\u00df, welche Grenzen er nicht \u00fcberschreiten darf. Das setzt allerdings nicht nur Steh- beziehungsweise in dem Fall eher Sitzverm\u00f6gen voraus, sondern auch Freiheit von inneren und \u00e4u\u00dferen Zw\u00e4ngen, und das hab ich mir mit meinem z\u00fcgellosen Konsum von Cola und Mineralwasser selbst versaut. Bei der Hitze muss man zwar einfach trinken wie verr\u00fcckt, aber das Ergebnis zwingt mich dann eben doch zum Aufstehen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich bl\u00e4st Flori sofort wieder zur Attacke, sobald ich zwei Meter vom Tisch weg bin, aber diesmal geht zum Gl\u00fcck Mama dazwischen und mahnt ihn, mich wenigstens unbehelligt zum Klo gehen zu lassen. Das d\u00fcrfte aber auch die einzige Schonfrist bleiben, die mir verg\u00f6nnt ist, ich wette, sobald ich wieder rauskomme, steht Flori schon bereit, um mir die n\u00e4chste Breitseite zu verpassen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich nutze die Zeit, um mir zu \u00fcberlegen, welche Gegenma\u00dfnahmen ich ergreifen k\u00f6nnte. Ich muss gestehen, angesichts der Temperaturen \u2013 wir haben deutlich \u00fcber drei\u00dfig Grad, und trotz Shorts und ganz d\u00fcnner Bluse schwitze ich wie verr\u00fcckt \u2013 h\u00e4tte ich gegen eine Abk\u00fchlung an sich nichts einzuwenden, aber auf Floris Schie\u00dfstand die Scheibe zu geben, habe ich trotzdem keine Lust. Ich analysiere die Lage und versuche, mir einen Plan zurechtzulegen: Wenn es mir irgendwie gelingt, an Floris Rucksack zu kommen und seine \u201eZweitwaffe\u201c zu erbeuten, eine gro\u00dfe Wasserpistole, die zwar nicht ganz so weit reicht wie Floris liebstes Spielzeug, aber doch auch einen ganz ordentlichen Strahl verschie\u00dft, dann k\u00f6nnte ich die Jungs ein bisschen aufmischen, aber wie stelle ich das an? Der Rucksack steht auf der Wiese, relativ nah an der Terrassent\u00fcr, aber nicht total im Blickfeld aller. Wenn ich es au\u00dfenrum versuche, dann vielleicht?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, das k\u00f6nnte hinhauen, ich verlasse also das Haus nicht durch die Terrassent\u00fcr, durch die ich reingekommen bin, sondern durch die T\u00fcr zur Stra\u00dfe. Dann um die Ecke, durch die Einfahrt zur Gartenpforte, wenn ich leise und schnell bin, dann k\u00f6nnte ich an die Wasserpistole kommen, ohne dass Flori mich bemerkt, und sie am Wasserhahn neben der Garage \u201eladen\u201c.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Blick um die Ecke \u2013 Flori und Niko bewachen sch\u00f6n die Terrassent\u00fcr, damit ihnen auch ja nicht entgeht, wenn ich komme. Tja, Jungs, um die Ecke gedacht, oder besser um zwei Ecken! Ich husche in den Garten und erreiche tats\u00e4chlich unbemerkt Floris achtlos abgestellten Rucksack. Ein Griff hinein, ja, da ist sein Wasserpistole, die alte, die er zwar kaum noch benutzt, seit er die neue Kanone hat, die er aber trotzdem meistens mitschleppt, wenn eine Wasserschlacht bevorsteht.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich packe zu und will mich so schnell, wie ich gekommen bin, wieder zur\u00fcckziehen, um am Wasserhahn den Tank zu f\u00fcllen, aber ich habe die Rechnung ohne den Rest der Jungs gemacht. Hannes ist der Erste, der mich bemerkt, er ist neun und ein Cousin zweiten Grades. Sein Ruf alarmiert die anderen, auch Flori, der schreit, sie sollen nicht zulassen, dass ich an seine Wasserpistole komme. Feigling!<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Au\u00dferdem habe ich das neongr\u00fcne Ding ja schon in der Hand, aber das nutzt mir jetzt herzlich wenig, denn mit leerem Tank gegen vier Jungs, die mich stellen und gnadenlos unter Feuer \u2013 pardon: Wasser \u2013 nehmen, bin ich chancenlos. Okay, ich wollte mitmischen, das bringt nat\u00fcrlich die Gefahr mit sich, nass zu werden, aber das, was jetzt kommt, h\u00e4tt\u2019s nun wirklich nicht gebraucht. Aus k\u00fcrzester Distanz werde ich eingedeckt, ein Strahl trifft mich voll ins Gesicht, ich rei\u00dfe die Arme hoch und rolle mich fast zusammen wie ein Igel, aber sie h\u00f6ren nicht auf.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eStop!\u201c, h\u00f6re ich dann jemanden rufen, erst auf den zweiten Blick erkenne ich die Stimme von Micky, der in meinem Alter ist und offenbar als Einziger gemerkt hat, dass das kein Spa\u00df mehr ist. \u201eIhr seht doch, dass sie nicht mehr mitmacht!\u201c Er stellt sich vor mich, f\u00e4ngt ab, was mir zugedacht ist, und windet Niko, der sich jetzt auch noch ins Get\u00fcmmel st\u00fcrzen will, die Kanone aus der Hand. \u201eLass sie!\u201c, wiederholt er.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht er neben mir in die Hocke und zieht vorsichtig meine H\u00e4nde zur Seite. \u201eAlles in Ordnung, Kim?\u201c, fragt er besorgt. Ich nicke, doch ich sp\u00fcre, dass er mir nicht glaubt, und er hat auch allen Grund dazu, denn nicht wenige der Tropfen, die meine Wange runterlaufen, sind Tr\u00e4nen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Flori, der erst jetzt dazukommt, weil er erst um den Tisch rum musste, dr\u00e4ngt sich an Micky vorbei und hebt zun\u00e4chst mal die Wasserpistole auf, die ich ausborgen wollte, und stopft sie zur\u00fcck in den Rucksack. \u201eDu verstehst auch keinen Spa\u00df!\u201c, brummt er. Vielen Dank auch, ihn hat\u2019s ja nicht getroffen! \u201eDu kapierst gar nichts, du Bl\u00f6dmann!\u201c, fauche ich ihn an. \u201eIch hab das Wasser aus einem halben Meter voll ins Auge gekriegt, wei\u00dft du eigentlich, wie weh das tut bei euren Kanonen?\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nein, wei\u00df er nat\u00fcrlich nicht, denn er hat die gr\u00f6\u00dfte Kanone von allen, egal, ob er hier gegen unsere Cousins antritt oder zu Hause gegen seine Freunde, so nah l\u00e4sst er gar keinen rankommen, dass er nachf\u00fchlen k\u00f6nnte, wie das ist. Allm\u00e4hlich sehe ich wieder klar, aber meine Augen brennen immer noch, und ich muss blinzeln, um die n\u00e4chsten Tr\u00e4nen zur\u00fcckzudr\u00e4ngen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Micky nimmt mein Handgelenk und zieht mich mit sich. \u201eLass ihn, Kim!\u201c, meint er tr\u00f6stend. \u201eKomm, wir hauen ab!\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich hab keine Ahnung, wohin er will, lassen mich aber bereitwillig f\u00fchren. Hauptsache, erst mal weg von diesen Idioten, die noch nie geh\u00f6rt haben, dass man mit einer Wasserpistole nicht aufs Gesicht zielt! Ist ja nicht so, dass Mama und Papa Flori das nicht oft genug eingetrichtert h\u00e4tten, und die anderen haben\u2019s bestimmt auch mehr als einmal von ihren Eltern gesagt gekriegt, aber das geht offenbar zum einen Ohr rein und zum anderen raus.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erst nach ein paar Minuten beginne ich, mich daf\u00fcr zu interessieren, wohin Micky \u00fcberhaupt will, aber da sind wir schon fast da. \u201eIch dachte, eine Abk\u00fchlung ist bei Hitze schon okay\u201c, antwortet er. \u201eAllerdings so, wie wir sie haben wollen. Bitte sehr!\u201c Er f\u00fchrt mich um die Ecke, vor uns \u00f6ffnet sich ein kleiner Platz, und mitten drauf steht ein gro\u00dfer Springbrunnen. Ich sehe ihn zum ersten Mal, denn ich wohne ganz woanders, und wenn ich bei Omas Geburtstag mal aus dem Garten raus bin, dann bisher immer in die andere Richtung zum Spielplatz.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber daran verschwende ich jetzt keinen Gedanken, denn Micky hat recht, bei der Hitze bin ich f\u00fcr eine Abk\u00fchlung wirklich jederzeit zu haben. Nass sind meine Klamotten eh, ich hab auch nichts in den Taschen, was Schaden nehmen k\u00f6nnte, und schneller als Flori seine Kanone auf mich richten k\u00f6nnte, stehen meine Sandalen ohne mich da und ich im Brunnen. Micky, der im Gegensatz zu mir in der N\u00e4he wohnt, erz\u00e4hlt, dass tags\u00fcber hier Babys vom Scho\u00df ihrer M\u00fctter die Patschh\u00e4ndchen ins Wasser baumeln lassen und Kleinkinder planschen, aber um diese Zeit, es ist schon mittlerer Abend, haben wir den Brunnen f\u00fcr uns. Ich wate herum, lasse mich berieseln, wir spritzen uns gegenseitig nass und sind bald v\u00f6llig durchweicht. Ein \u00e4lterer Herr, der seinen Hund Gassi f\u00fchrt, sch\u00fcttelt schmunzelnd den Kopf, aber ich glaube, wenn er nicht Vorbild sein m\u00fcsste, dann w\u00fcrde er sich samt Promenadenmischung dazugesellen. Bei der Hitze gibt es einfach nichts Sch\u00f6neres, und obwohl ich aus dem Alter eigentlich raus bin, mitten in der Stadt im Brunnen rumzuplanschen, setze ich mich einfach in voller Montur ins Wasser und genie\u00dfe es, zum ersten Mal an diesem Tag nicht schwitzen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hinter dieser Kurzgeschichte stecken zwei Ideen. 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