{"id":1030,"date":"2024-03-23T09:05:30","date_gmt":"2024-03-23T08:05:30","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=1030"},"modified":"2024-03-23T09:05:30","modified_gmt":"2024-03-23T08:05:30","slug":"etappenschlaf","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=1030","title":{"rendered":"Etappenschlaf"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Etappenschlaf\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Cover-Etappenschlaf.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Etappenschlaf\" \/>\n<p>Wenn sie gewollt h\u00e4tten, h\u00e4tten Elias und Dominic sich nachts mit Klopfzeichen unterhalten k\u00f6nnen. Sie wohnten im selben Haus, auf derselben Etage, und in den spiegelverkehrt zueinander geschnittenen Wohnungen grenzten ihre Zimmer aneinander. Sogar die Betten standen an der gemeinsamen Wand.<\/p>\n<p>Doch die Wirklichkeit sah anders aus: Die beiden Jungen hatten so gut wie nichts miteinander zu tun. Es war keine Abneigung, die das besorgte, es fehlte schlicht an Schnittstellen. W\u00e4hrend Elias in dem Haus wohnte, solange er denken konnte, war Dominic vor drei Jahren erst nebenan eingezogen. Vorher hatte er in einem anderen Stadtteil gewohnt und eine andere Grundschule besucht als Dominic. Die hatte er nach dem Umzug auch nicht gewechselt, er hatte weiter bei seinen Freunden bleiben wollen. Die Fahrerei, zwanzig Minuten mit dem Bus morgens hin und mittags wieder zur\u00fcck, hatte er daf\u00fcr gern in Kauf genommen. Seit dem letzten Sommer ging er aufs K\u00e4stner-Gymnasium, wie seine Freunde und so ziemlich alle aus seiner Grundschule, wenn sie sich nicht f\u00fcr eine andere Schulform entschieden hatten. Dominic dagegen besuchte das Annette-von-Droste-H\u00fclshoff-Gymnasium, wohin es von seiner Grundschule die meisten zog. So gab es keine gro\u00dfen \u00dcberschneidungen im Freundeskreis, und weil eben beide ihre Freundschaften gehabt hatten, als Dominic eingezogen war, hatte es nie Druck gegeben, sich anzufreunden.<\/p>\n<p>Gelegentlich begegneten sie sich nat\u00fcrlich, im Treppenhaus oder auf der Stra\u00dfe vor dem Haus. In der Regel gr\u00fc\u00dften sie einander dann kurz, mehr nicht. An einem Morgen Ende Februar aber fielen Elias die dunklen Schatten auf, die sich unter Dominics Augen entlangzogen, und das machte ihn stutzig. \u201eWas ist los?\u201c, fragte er spontan. \u201eDu siehst ja aus wie \u2026\u201c Wie ein Zombie, hatte er sagen wollen, aber das verkniff er sich. Dominic verstand ihn trotzdem, und er h\u00e4tte den Vergleich mit einem Untoten auch nicht als Beleidigung aufgefasst. So ungef\u00e4hr f\u00fchlte er sich n\u00e4mlich tats\u00e4chlich, er lief im absoluten Notbetrieb.<\/p>\n<p>\u201eIch hab kaum geschlafen\u201c, beantwortete er Elias\u2018 Frage ehrlich. \u201eIch wache jedes Mal auf, wenn meine Schwester schreit, und im Moment schreit sie ziemlich oft.\u201c \u201eIst sie krank?\u201c, fragte Elias. Er war in seiner Familie das j\u00fcngere Kind, hatte also keine Erfahrung mit j\u00fcngeren Geschwistern. Auch sonst hatte es in Verwandtschaft und Freundeskreis in den letzten Jahren keinen Nachwuchs gegeben. Dominic sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eMama sagt, sie w\u00e4chst gerade schnell, und sie bewegt sich viel. Deshalb hat sie st\u00e4ndig Hunger.\u201c Mia war am ersten Advent geboren, und mit drei Monaten hatten die meisten Babys noch nicht viel mit geregelten Schlafenszeiten am Hut. Aber seit ein paar N\u00e4chten wachte sie noch \u00f6fter auf, regelm\u00e4\u00dfig vier-, f\u00fcnfmal.<\/p>\n<p>\u201eKann man da nichts machen?\u201c, wollte Elias wissen. \u201eIch meine, deine Eltern kommen dann ja auch nicht zum Schlafen \u2026\u201c \u201eFrag mich nicht!\u201c, sagte Dominic. \u201eIch glaube, sie kriegen\u2019s irgendwie hin, dass sie schnell wieder einschlafen. Kann sein, sie kriegen so noch genug Schlaf. Aber ich brauche dann immer, bis ich wieder schlafe, und kaum dass ich wieder schlafe, geht\u2019s schon wieder los.\u201c \u201eHeftig!\u201c, befand Elias. \u201eIch dr\u00fccke dir echt die Daumen, dass du bald wieder durchschlafen kannst.\u201c F\u00fcr mehr war keine Zeit, sie hatten die Haltestelle erreicht, von der sein Bus fuhr. Dominic musste noch ein St\u00fcck weiter zum S-Bahnhof.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>Eigentlich war das Baby nebenan nicht seine Baustelle, aber Elias\u2018 Gedanken wanderten trotzdem den ganzen Vormittag \u00fcber immer wieder zu seinem gleichaltrigen Nachbarn. Wie es war, gro\u00dfer Bruder zu sein, konnte er sich kaum vorstellen, und er glaubte auch nicht, dass ihm das noch passieren w\u00fcrde. Aber mehrere N\u00e4chte hintereinander mehrfach geweckt zu werden, das musste die H\u00f6lle sein, kein Wunder, dass Dominic so aussah, wie er aussah. Das war eine ganz andere Hausnummer als mal morgens unausgeschlafen zu sein, weil man abends zu sp\u00e4t ins Bett gekommen war. Er erinnerte sich an die Nacht vor zwei Jahren, als die alte Frau Stritzel im dritten Stock einen Anfall gehabt hatte und der Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn gekommen war. Da war er nat\u00fcrlich wach gewesen, und nachdem die betagte Nachbarin erstversorgt worden und der Rettungswagen mit ihr weggefahren war, hatte die Aufregung ihn bestimmt auch noch eine Stunde wach gehalten. Am n\u00e4chsten Morgen war er ziemlich kaputt gewesen, das wusste er noch, und das war nur eine Nacht gewesen, und er war nur einmal geweckt worden. Dominic machte das jetzt seit Tagen versch\u00e4rft durch, und wann die Situation sich wieder bessern w\u00fcrde, stand in den Sternen. Irgendwann sicherlich, aber das war ein schwacher Trost, wenn man sich beim Aufstehen schon aufs Ins-Bett-Gehen freute und gleichzeitig wusste, dass die n\u00e4chste Nacht wahrscheinlich nicht erholsamer werden w\u00fcrde als die gerade vergangene.<\/p>\n<p>In der ersten gro\u00dfen Pause \u00fcberlegte er, ob Dominic nicht einfach mit Ohrenst\u00f6pseln schlafen konnte. Dann w\u00fcrde er das Schreien seiner kleinen Schwester nicht mehr h\u00f6ren, und alles war gut. Es war ja wohl nicht so, dass er irgendwas machen musste, f\u00fcttern oder die Windel wechseln; er hatte einfach das Pech, dass die Wohnungen im Haus so verflixt hellh\u00f6rig waren.<\/p>\n<p>Gegen das Schreien an sich konnte man wohl nichts machen. Die kleine Mia hatte eben Hunger, und das Schreien war in ihrem Alter das einzige Mittel, das sie hatte, um ihren Eltern zu zeigen, was sie brauchte. Deshalb schienen Elias die Ohrenst\u00f6psel tats\u00e4chlich die beste Abhilfe zu sein \u2013 bis er sie mittags zu Hause ausprobierte. Sein Vater hatte immer einige davon da, um sein Geh\u00f6r bei Arbeiten mit der Bohrmaschine zu sch\u00fctzen. Elias fand, dass sie sich unangenehm anf\u00fchlten, und v\u00f6llig still war es trotzdem nicht. Die Musik, die er als Test aufgedreht hatte, gerade so laut, dass die Nachbarn sich nicht gest\u00f6rt f\u00fchlen konnten, h\u00f6rte er immer noch. Es war irgendwie sogar unangenehmer als ohne Ohrst\u00f6psel, die T\u00f6ne, die noch durchdrangen, waren dumpf und verzerrt. Gut m\u00f6glich, dass die D\u00e4mpfung reichte, um nicht mehr geweckt zu werden, wenn man einmal schlief, aber erst mal einschlafen \u2013 Elias glaubte nicht, dass ihm das gelungen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Er beschloss, Dominic trotzdem zu fragen, ob Ohrst\u00f6psel eine L\u00f6sung sein konnten. Vielleicht st\u00f6rten ihn das Gef\u00fchl in den Ohren und die \u00dcberreste der Umgebungsger\u00e4usche ja nicht, dann konnte er in der n\u00e4chsten Nacht wieder ordentlich schlafen. Es war nat\u00fcrlich auch m\u00f6glich, dass er das schon probiert und gemerkt hatte, dass es f\u00fcr ihn keine Hilfe war. Dann konnte er das ja sagen, und die Idee war gestorben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>Elias passte Dominic nach der Schule ab. Das war nur m\u00f6glich, weil er den k\u00fcrzeren Heimweg hatte und vor allem den Einsatzwagen, der f\u00fcr ihn sehr g\u00fcnstig fuhr. Dominic brauchte mit der S-Bahn eine Viertelstunde l\u00e4nger, deshalb trafen sie sich auf dem Heimweg eigentlich nie. Elias bekam aber regelm\u00e4\u00dfig mit, wann Dominic nach Hause kam, denn zu der Zeit machte er sich dann oft sein Mittagessen, und das K\u00fcchenfenster ging zur Stra\u00dfe raus. <\/p>\n<p>Seine Eltern arbeiteten beide und waren meistens nicht zu Hause, wenn er Schulschluss hatte. Auch an diesem Tag waren sie nicht da, und sein \u00e4lterer Bruder hatte zwei Stunden l\u00e4nger Schule. Eine Viertel- oder halbe Stunde sp\u00e4ter nach Hause zu kommen, war also kein Problem f\u00fcr Elias. Nur sein Magen fragte, wann es denn endlich Essen geben w\u00fcrde; erst als es zu sp\u00e4t war, fiel Elias ein, dass er genug Zeit gehabt h\u00e4tte, um nach Hause zu gehen, sich schnell etwas zu essen zu machen und Dominic dann entgegenzugehen.<\/p>\n<p>Dominic sah immer noch angeschlagen aus, als er die Treppe vom Bahnsteig der S-Bahnstation herunterkam. Elias war ihm bis dorthin entgegengegangen, ohne selbst zu wissen, warum. Es war einfach ein Gef\u00fchl, das es besser war so, vielleicht, weil sie so mehr Zeit hatten zum Reden.<\/p>\n<p>Die \u00dcberraschung weckte f\u00fcr einen Moment Dominics verschollen geglaubte Lebensgeister. \u201eDu?\u201c, wunderte er sich. Elias nickte. \u201eWegen heute Morgen\u201c, sagte er. \u201eMir ist da was eingefallen \u2026 Vielleicht hast\u2019s du\u2019s auch schon probiert, dann \u2026\u201c Dominic l\u00e4chelte m\u00fcde. \u201eSag schon!\u201c, ermunterte er seinen Nachbarn. \u201eIch bin f\u00fcr jeden Tipp dankbar, echt. Ich k\u00f6nnte im Stehen einschlafen.\u201c \u201eNa ja \u2026\u201c Elias z\u00f6gerte und kam sich pl\u00f6tzlich l\u00e4cherlich vor \u2013 bestimmt hatte Dominic den Vorschlag mit den Ohrenst\u00f6pseln schon ein Dutzend Mal geh\u00f6rt! Aber zur\u00fcck konnte er nicht mehr. \u201eIch dachte, vielleicht helfen Ohrenst\u00f6psel\u201c, sagte er schlie\u00dflich rasch. \u201eAber auf die Idee bist du wahrscheinlich selbst schon gekommen, oder?\u201c \u201eSchon\u201c, best\u00e4tigte Dominic, aber er schien nicht b\u00f6se zu sein, dass Elias mit einem Vorschlag um die Ecke gekommen war, der keinen Neuigkeitswert mehr hatte. \u201eFunktioniert aber nicht.\u201c \u201eH\u00f6rst du sie trotzdem?\u201c, wollte Elias wissen. \u201eEin bisschen\u201c, antwortete Dominic. \u201eAber das f\u00fchlt sich einfach so komisch an mit dem Zeug in den Ohren. Au\u00dferdem hab ich Angst, dass ich den Wecker dann auch nicht h\u00f6re.\u201c Er grinste schief. \u201eWenn\u2019s so weitergeht, h\u00f6re ich den aber bald auch ohne St\u00f6psel nicht mehr.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDann hilft wohl nur eins:\u201c Die Idee kam Elias ganz pl\u00f6tzlich. \u201eDu pennst heute Nacht bei mir. Dann kannst du mal wieder ausschlafen.\u201c \u201eDas w\u00e4re cool\u201c, meinte Dominic. \u201eAber meinst du, deine Eltern erlauben das?\u201c<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hatte Elias sich keine Gedanken gemacht. Wann h\u00e4tte er auch sollen? Die Idee war ihm ja gerade erst gekommen. Er glaubte aber nicht, dass es Probleme geben w\u00fcrde, normalerweise sperrten seine Eltern sich nicht, wenn er einen Freund bei sich \u00fcbernachten lassen wollte. Unter der Woche sahen sie das zwar nicht so gern, sie bef\u00fcrchteten, dass die Jungs ewig wach blieben und dann in der Schule durchhingen, aber das war mit Dominic derzeit nicht zu bef\u00fcrchten. Okay, dass er am n\u00e4chsten Morgen durchhing, war abzusehen, egal, wo er schlief, aber das lag daran, dass man den Schlaf, der ihm mittlerweile fehlte, in einer Nacht gar nicht wieder reinholen konnte. Wahrscheinlich w\u00fcrden die Eltern sich auch wundern, dass er Dominic einladen wollte, wo sie doch sonst nie etwas zusammen machten. Aber sie w\u00fcrden verstehen, warum, und es war ja nicht so, dass sie Dominic gar nicht kannten.<\/p>\n<p>Um das zu kl\u00e4ren, rief Elias seine Mutter auf dem Handy an. Er wusste, dass er das nur tun sollte, wenn es einen triftigen Grund gab, denn seine Mutter wurde nicht f\u00fcr private Gespr\u00e4che bezahlt und w\u00fcrde die Zeit hinten dranh\u00e4ngen m\u00fcssen. Aber die Sache schien ihm wichtig genug; theoretisch h\u00e4tte es gereicht, die Frage nach Feierabend zu kl\u00e4ren, aber Elias nahm an, dass es Dominic schon guttun w\u00fcrde, zu wissen, dass er mal wieder eine Nacht w\u00fcrde durchschlafen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Seine Mutter klang zun\u00e4chst leicht besorgt, als sie sich meldete. \u201eDarf Dominic heute bei uns schlafen?\u201c, fragte Elias direkt. \u201eDominic?\u201c, wunderte sich seine Mutter. \u201eSeit wann \u2026?\u201c \u201eNa ja, ich hab ihn auf dem Weg zum Bus getroffen\u201c, erkl\u00e4rte Elias. \u201eEr hat mir erz\u00e4hlt, dass er total platt ist, weil er nachts immer aufwacht, wenn seine kleine Schwester schreit.\u201c  \u201eOje!\u201c, meinte seine Mutter. \u201eDas glaube ich, dass er dann m\u00fcde ist.\u201c Sie \u00fcberlegte kurz. \u201eWas sagen denn seine Eltern?\u201c \u201eDie haben wir noch nicht gefragt\u201c, gab Elias zu. \u201eIst mir gerade erst eingefallen. Ich hab ihn erst gefragt, ob er vielleicht mit Ohrst\u00f6pseln schlafen k\u00f6nnte, aber mit denen kann er nicht schlafen.\u201c<\/p>\n<p>Seine Mutter z\u00f6gerte, und Elias konnte sich denken, warum. Auf der einen Seite wollte sie nicht nein sagen, weil sie sich vorstellen konnte, wie es Dominic ging, wenn er in seinem Zimmer regelm\u00e4\u00dfig vom Schreien seiner Baby-Schwester geweckt wurde. Auf der anderen Seite kannte sie ihn aber nicht so gut wie Elias\u2019 Freunde, die h\u00e4ufiger zu Besuch kamen, und wusste, dass Elias Dominic so viel besser auch nicht kannte.<\/p>\n<p>\u201eAlso gut\u201c, sagte sie schlie\u00dflich. \u201eWenn seine Eltern einverstanden sind, dann von mir aus. Ich schaue mal, dass ich nachher noch mit Rieke\u201c \u2013 Dominics Mutter, man duzte sich immerhin \u2013 \u201espreche. Vielleicht f\u00e4llt mir noch was ein, so eine Phase kann dauern, und dauernd bei uns schlafen kann Dominic ja auch nicht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>Dominics Mutter hatte keine Einw\u00e4nde, dass Dominic bei Elias schlief. Sie wusste, dass die beiden Jungen keine so enge Verbindung hatten, aber ein bisschen kannte man sich ja schon. Au\u00dferdem w\u00fcrde Dominic in der Nachbarwohnung auch nicht aus der Welt sein.<\/p>\n<p>Der Rest blieb den beiden Jungen \u00fcberlassen. Elias und Dominic verabredeten, dass Dominic gegen halb acht r\u00fcberkommen w\u00fcrde. Dann w\u00fcrden beide Familien fertig sein mit dem Abendessen, es w\u00fcrde aber auch noch etwas Zeit bleiben bis zur \u00fcblichen Schlafenszeit. Elias fand, dass es sch\u00f6ner w\u00e4re, wenn sie noch ein bisschen was zusammen machen konnten, ehe sie sich bettfertig machten. Er w\u00fcrde aber auch nichts sagen, wenn Dominic lieber gleich schlafen wollte, es war ja nicht zu \u00fcbersehen, wie m\u00fcde er war.<\/p>\n<p>Im Nachhinein \u00e4rgerte er sich, dass er seine Mutter nicht gefragt hatte, ob Dominic schon zum Abendessen kommen durfte. Eigentlich w\u00e4re das besser gewesen, vor allem h\u00e4tte es sich f\u00fcr Dominic sicherlich besser angef\u00fchlt, irgendwie normaler, als wenn er nur zum Schlafen kam. Doch daf\u00fcr konnte er seine Mutter nicht noch mal bei der Arbeit st\u00f6ren.<\/p>\n<p>Die hatte aber offensichtlich denselben Gedanken. Noch ehe Elias und Dominic zu Hause angekommen waren, schickte sie eine Nachricht, dass Dominic ruhig schon vor dem Abendessen kommen konnte. \u201eWillst du?\u201c, fragte Elias, nachdem er die Information weitergegeben hatte. \u201eGerne\u201c, antwortete Dominic. \u201eSehr viel fr\u00fcher kann ich aber nicht, ich hab Training.\u201c \u201eTennis, oder?\u201c vergewisserte Elias sich. Dar\u00fcber gesprochen hatten sie nie, aber er hatte Dominic schon einige Male mit einer Sporttasche aus dem Haus gehen sehen, aus der der Griff des Schl\u00e4gers geragt hatte. Dominic nickte und erz\u00e4hlte, wann und wo er trainierte. \u201eViel fr\u00fcher bin ich auch nicht zur\u00fcck\u201c kommentierte Elias die genannte Uhrzeit. \u201eBandprobe.\u201c \u201eDu spielst in einer Band?\u201c, wunderte Dominic sich. \u201eAber zu Hause \u00fcbst du nicht, oder? Das h\u00e4tte ich bestimmt mal geh\u00f6rt.\u201c \u201eIst so was im Jugendtreff\u201c, erkl\u00e4rte Elias. \u201eEinmal die Woche treffen wir uns zum \u00dcben, und manchmal spielen wir, wenn da irgendwelche Partys sind. Bei einem Schulfest durften wir auch schon mal auftreten. Ich mache das Schlagzeug.\u201c \u201eUnd was spielt ihr so?\u201c, erkundigte Dominic sich. \u201eQuerbeet\u201c, antwortete Elias bereitwillig. Er z\u00e4hlte ein paar Titel auf, wirklich ein buntes Sammelsurium verschiedener Stilrichtungen. \u201eDu kannst ja Bescheid sagen, wenn ihr das n\u00e4chste Mal auftretet\u201c, meinte Dominic. \u201eDann komme ich zuh\u00f6ren. Vorausgesetzt, ich bin bis dahin wieder in einem Zustand, wo ich nicht sogar zu Heavy Metal schlafe.\u201c \u201eKriegen wir hin\u201c, versprach Elias, und er w\u00fcrde auf jeden Fall dran denken, Dominic zum n\u00e4chsten Auftritt einzuladen. Er sp\u00fcrte, dass Dominic nicht nur aus H\u00f6flichkeit gefragt hatte, \u00fcberhaupt waren sie ganz locker ins Quatschen gekommen, obwohl sie sich nur fl\u00fcchtig kannten. Ein langer Abend wie sonst, wenn einer seiner Freunde bei ihm \u00fcbernachtete, w\u00fcrde es nicht werden, aber er freute sich trotzdem darauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>Um viertel nach sechs klingelte Dominic bei den Nachbarn, und Elias lie\u00df ihn ein. \u201eGenau richtig\u201c, meinte er. \u201eIn zehn Minuten oder so gibt\u2019s Essen.\u201c   <\/p>\n<p>Das roch man schon, denn da Elias\u2019 Eltern mittags nicht da waren, wurde abends warm gegessen. Elias witterte Kn\u00f6del und hoffte, dass es wirklich nicht mehr l\u00e4nger dauerte; er hatte ordentlich Hunger.<\/p>\n<p>Dominic konnte das nicht von sich behaupten, obwohl er beim Training wie immer viel gerannt war. Die M\u00fcdigkeit schlug ihm auf den Appetit, mehr als einen Kn\u00f6del schaffte er nicht, w\u00e4hrend Elias gleich drei nahm und sich zum Schluss noch einen mit seinem Vater teilte. Zum Gl\u00fcck schienen Elias\u2019 Eltern nicht verstimmt, weil er als Gast so wenig a\u00df. Sie konnten sich wohl vorstellen, dass der Magen auch keine Lust hatte, wenn der Rest des K\u00f6rpers auf Sparflamme lief.<\/p>\n<p>Nach dem Essen nahm Elias Dominic mit in sein Zimmer. \u201eWillst du gleich schlafen?\u201c, fragte er. \u201eNa ja\u201c, antwortete Dominic vorsichtig, \u201eso sehr lange m\u00f6chte ich nicht mehr machen.\u201c Er sehnte sich nach einer ganzen Reihe von Stunden ungest\u00f6rten Schlafs, aber gleichzeitig wollte er seinen Gastgeber nicht vor den Kopf sto\u00dfen. \u201eV\u00f6llig klar\u201c, sagte Elias und meinte es auch so. \u201eHier kannst du dich ausbreiten.\u201c Er deutete auf die Fl\u00e4che vor seinem Schreibtisch, die er freiger\u00e4umt hatte, damit Dominic dort seine Isomatte und seinen Schlafsack ausrollen konnte. Ein G\u00e4stebett oder eine Schlafcouch gab es bei ihnen nicht. \u201eSt\u00f6rt\u2019s dich, wenn ich noch ein bisschen zocke? Den Ton mache ich aus.\u201c \u201eMach ruhig\u201c, antwortete Dominic, nicht nur aus H\u00f6flichkeit dem Gastgeber gegen\u00fcber. Das Flackern des Bildschirms w\u00fcrde ihn nicht st\u00f6ren, er konnte sich ja in die andere Richtung drehen.<\/p>\n<p>Er rollte Matte und Schlafsack aus und machte sich bettfertig. Auch Elias zog sich schon mal um und putzte sich die Z\u00e4hne, weil er im Lauf des Abends auch nichts von Belang mehr machen w\u00fcrde. Au\u00dferdem sch\u00e4tzte er, dass er so sp\u00e4ter weniger L\u00e4rm machen w\u00fcrde, wenn er sich selbst schlafen legte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Dominic in den Schlafsack schl\u00fcpfte, startete Elias die Spielekonsole, stellte den Ton ab und rief dann ein Rennspiel auf. Zu seiner \u00dcberraschung streckte Dominic sich und angelte sich den zweiten Controller von dem Tischchen, auf dem Konsole und Bildschirm standen. \u201eEine Runde fahre ich mit\u201c, meinte er. \u201eFalls du nichts dagegen hast.\u201c \u201eKennst du das Spiel?\u201c, folgerte Elias, der ganz und gar nichts dagegen hatte, gegen ihn zu fahren. Zu zweit machte es ihm definitiv mehr Spa\u00df.<\/p>\n<p>Dominic nickte; er spielte das Spiel auch, allerdings in der PC-Version. Es gab kleine Unterschiede, was das Fahrverhalten der Boliden betraf, dadurch war Elias etwas im Vorteil, aber damit konnte Dominic leben. Vielleicht w\u00fcrde es ja irgendwann mal ein \u201eR\u00fcckspiel\u201c geben, bei ihm am PC, dann h\u00e4tte er den Vorteil. Vor allem aber ging es nur um den Spa\u00df, zu einem Rennen auf h\u00f6chstem Niveau h\u00e4tte er gar nicht mehr die Konzentration aufbringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>Dominic hatte Spa\u00df am Rennen gegen Elias und durchaus Lust, noch mehr davon zu fahren oder vielleicht auch andere Spiele auszuprobieren, die man gemeinsam spielen konnte. An diesem Abend aber behielten Vernunft und M\u00fcdigkeit die Oberhand, Dominic fuhr nur das eine Rennen und verzichtete nach der knappen Niederlage auf die Revanche. Danach legte er sich schlafen, und ob Elias noch ein neues Rennen startete oder etwas anderes machte, bekam er schon nicht mehr mit.<\/p>\n<p>Das wurde belohnt, denn taufrisch f\u00fchlte er sich zwar nicht, als am n\u00e4chsten Morgen der Wecker klingelte, aber doch deutlich besser als in den letzten Tagen. \u201eWar doch eine coole Sache!\u201c, meinte Elias, als Dominic sich auf dem Weg zur Bushaltestelle noch einmal bei ihm f\u00fcr die Einladung bedankte. \u201eUnd wenn wir das noch mal machen, h\u00e4ltst du vielleicht ein paar Runden l\u00e4nger durch.\u201c \u201eWenn Mia durchschl\u00e4ft, mache ich dich komplett ein!\u201c, k\u00fcndigte Dominic an, und beide lachten.<\/p>\n<p>Es war schon merkw\u00fcrdig \u2013 drei Jahre lang hatten sie nebeneinander gewohnt, ohne wirklich Kontakt zu haben, und doch f\u00fchlte es sich so v\u00f6llig normal an, zu reden und zusammen Spa\u00df zu haben. Vielleicht hatten sie einfach den Ansto\u00df gebraucht, um zu merken, wie gut sie sich verstanden. So gesehen mussten sie Mia fast dankbar sein, auch wenn sie noch viel zu klein war, um zu ahnen, was sie losgetreten hatte.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn sie gewollt h\u00e4tten, h\u00e4tten Elias und Dominic sich nachts mit Klopfzeichen unterhalten k\u00f6nnen. Sie wohnten im selben Haus, auf derselben Etage, und in den spiegelverkehrt zueinander geschnittenen Wohnungen grenzten ihre Zimmer aneinander. Sogar die Betten standen an der gemeinsamen Wand. 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