{"id":2083,"date":"2026-01-01T18:23:07","date_gmt":"2026-01-01T17:23:07","guid":{"rendered":"https:\/\/renebote.de\/?page_id=2083"},"modified":"2026-01-01T18:23:07","modified_gmt":"2026-01-01T17:23:07","slug":"der-ersatz-weihnachtsmann","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/renebote.de\/?page_id=2083","title":{"rendered":"Der Ersatz-Weihnachtsmann"},"content":{"rendered":"\n<dialog id=\"imgFull\" class=\"coverFullsizeDialog\" style=\"display: none;\" onclick=\"hideFullsizeCoverDialog();\" >\n<img decoding=\"async\" id=\"coverFullsize\" src=\"\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Der Ersatz-Weihnachtsmann\" \/>\n<\/dialog>\n<div class=\"justifyText\">\n<img decoding=\"async\" id=\"coverPreview\" class=\"coverPreview\" src=\"https:\/\/renebote.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Cover-Der-Ersatzweihnachtsmarkt.webp\" onclick=\"showFullsizeCoverDialog();\" alt=\"Cover der Kurzgeschichte Der Ersatz-Weihnachtsmann\" \/>\n<p>Alter, entweder die Geschwindigkeitsvorschriften oder die Mindestflugh\u00f6he, eins von beiden musst du schon einhalten! Der Sportwagen, der da gerade an meinem Bus vorbeikachelt, hat mindestens 80 drauf, mitten in der Stadt! Und als ob das nicht reicht, zieht er direkt vor dem Bus wieder nach rechts. Der Busfahrer hat keine Wahl, er muss voll in die Eisen steigen, sonst landet der Tiefflieger in den H\u00e4usern hinter der Kreuzung.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Selbst mich fegt es fast vom Sitz, ich kann mich gerade noch mit dem Arm an der Lehne des Sitzes vor mir abfangen. Der alte Herr, der gerade erst eingestiegen ist, hat so viel Gl\u00fcck nicht. Er hat eine ziemlich gro\u00dfe Sporttasche bei sich, und er ist noch dabei, die Fahrkarte wegzupacken, die er beim Einsteigen zeigen musste. Das Ende vom Lied: Ihn haut\u2019s der L\u00e4nge nach in den Mittelgang.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bin mir nicht sicher, ob er sich den Kopf st\u00f6\u00dft dabei, aber er tut sich auf jeden Fall weh. Er st\u00f6hnt, versucht, sich hochzuziehen, aber es klappt nicht, obwohl der Bus jetzt steht.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Au\u00dfer ihm und mir ist nur noch der Fahrer im Bus. Sonntagnachmittag, da ist in der Stadt immer tote Hose. F\u00fcr mich ideal, so kann man Fotos machen, ohne dass einem st\u00e4ndig Leute ins Bild rennen. Ich meine, die meisten meinen es nicht b\u00f6se, sie kriegen\u2019s gar nicht mit. Ich hab vor zwei Jahren damit angefangen, so richtig, meine ich. Mir macht\u2019s einfach Spa\u00df, und ab und zu bekomme ich auch mal ein Like oder einen netten Kommentar auf den Fotoplattformen, wo ich die Bilder hochlade. So ganz schlecht bin ich also wohl nicht.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Egal, jetzt geht\u2019s erst mal um den alten Herrn. Ich hoffe, ihm ist nichts Schlimmes passiert! Das geht ja manchmal schnell bei alten Leuten, die Knochen sind nicht mehr so stabil. Ich lege meinen Rucksack zur Seite und laufe durch den Mittelgang nach vorne.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Busfahrer schaltet den Motor aus und den Warnblinker ein und will auch zu dem alten Mann, kann aber nicht. Die F\u00fc\u00dfe von dem Mann sind im Weg, der Fahrer kriegt die T\u00fcr nicht auf, die den Bereich um den Fahrersitz von dem f\u00fcr die Fahrg\u00e4ste trennt. Ich habe auch kaum Platz, der Gang ist ja gerade breit genug, dass man zwischen den Sitzen durchkommt. Ich knie mich vor den Kopf des alten Herrn und ber\u00fchre ihn vorsichtig an der Schulter. \u201eAlles okay?\u201c, frage ich. Bl\u00f6de Frage! Wie soll alles okay sein, so, wie es ihn da gerade hingehauen hat? Aber mir f\u00e4llt nichts anderes ein.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Immerhin, er antwortet. \u201eMein Knie!\u201c, sagte er gepresst. \u201eDas ist \u2026\u201c \u201eHaben Sie sich den Kopf gesto\u00dfen?\u201c, frage ich weiter. Knie kaputt ist bl\u00f6d, klar, tut bestimmt auch saum\u00e4\u00dfig weh, aber Kopfverletzungen sind gef\u00e4hrlicher. \u201eNein\u201c, sagt er. \u201eAber der Arm \u2026\u201c \u201eIch hole einen Krankenwagen!\u201c, entscheidet der Busfahrer. Ich h\u00f6re, wie er seine Zentrale anfunkt, achte aber nicht weiter darauf.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit dem, was ich \u00fcber Erste Hilfe nicht wei\u00df, k\u00f6nnte man dicke B\u00fccher f\u00fcllen. In der Grundschule hatten wir mal so etwas wie einen Erste-Hilfe-Kurs, aber nur, weil die Mutter von einer aus der Klasse Krankenschwester war. Ich f\u00fchle mich total hilflos, keine Ahnung, was ich machen soll, um dem Mann zu helfen. Soll ich versuchen, ihn hochzuziehen und auf einen der Sitze zu setzen? Oder besser liegen lassen, damit nicht noch mehr kaputtgeht?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eGlauben Sie, Sie k\u00f6nnen aufstehen, wenn ich Ihnen helfe?\u201c, frage ich ihn schlie\u00dflich selbst. Er ist ja bei Bewusstsein, und er scheint auch nicht verwirrt zu sein.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Mann \u00fcberlegt kurz, und ich lasse ihm Zeit. Bringt ja nichts, wenn er auch noch Angst kriegt, weil ich ihn zu sehr dr\u00e4nge, wenn er versucht, aufzustehen, obwohl er sich nicht sicher ist, und dann noch mal f\u00e4llt.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eIch glaube, es geht\u201c, sagt er schlie\u00dflich. \u201eAber du musst helfen.\u201c Versteht sich von selbst, auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, wie. Mist auch, dass der Busfahrer so eingekeilt ist! Zu zweit w\u00e4re es leichter. \u201eK\u00f6nnen Sie da nicht irgendwie rausklettern?\u201c, frage ich ihn. Das ist ja schlie\u00dflich keine Zwei-Meter-Mauer, das Ding ist nicht mal h\u00fcfthoch. Allerdings ist der Fahrer auch kein Ausnahmesportler, mit deutlichem Bauchansatz und wohl nicht sehr beweglich. F\u00fcr einen Moment bef\u00fcrchte ich, er bleibt mit dem Fu\u00df h\u00e4ngen und legt sich neben oder, noch schlimmer, auf den alten Herrn. Zum Gl\u00fcck geht alles gut, schwer atmend steht der Fahrer im Eingangsbereich.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu zweit schaffen wir es irgendwie, den alten Herrn auf die F\u00fc\u00dfe zu stellen. Der Fahrer nimmt mit beiden H\u00e4nden den rechten Arm, der linke hat offenbar was abgekriegt. Ich fasse den alten Herrn an den Achseln, so hieven wir ihn hoch, bis er v\u00f6llig aus der Puste im Mittelgang steht. Das war bestimmt nicht angenehm, und so, wie er sich anlehnt, sieht man schon, dass er nicht gerade sicher auf den Beinen ist. Vielleicht nicht im Allgemeinen, aber er hat ja gesagt, dass sein Knie angeschlagen ist vom Sturz.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend er sich von der ersten Anstrengung erholt, \u00fcberlege ich kurz, wie\u2019s am besten weitergeht. Sitze gibt\u2019s genug, bevor der alte Herr eingestiegen ist, war ich der einzige Fahrgast. Aber das ist alles ziemlich beengt, bei manchen Sitzen ist kaum Platz f\u00fcr die F\u00fc\u00dfe, und wir m\u00fcssen den alten Herrn ja auch irgendwie hinbringen. Ich denke, am besten ist der Klappsitz, da, wo der Platz freigehalten wurde f\u00fcr Rollst\u00fchle und Kinderwagen. Der ist sch\u00f6n breit, und davor ist bestimmt zwei Meter gar nichts, da k\u00f6nnen die Sanit\u00e4ter ihn dann gleich auch vern\u00fcnftig untersuchen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bis die kommen, dauert\u2019s wahrscheinlich noch ein paar Minuten. Der Fahrer setzt sich wieder an seinen Platz und spricht noch mal mit seiner Zentrale. Mit einem Ohr h\u00f6re ich, dass es da auch darum geht, ob er mit der Versp\u00e4tung, die er hier kriegt, bis zur Endstelle fahren oder vorher drehen soll, damit er wenigstens auf der R\u00fcckfahrt wieder im Plan ist. \u201eWie geht\u2019s ihnen?\u201c, frage ich den alten Herrn. Ich glaube, machen kann ich jetzt nicht mehr viel, er sitzt halbwegs bequem, scheint auch nicht so schlimme Schmerzen zu haben, den Rest muss der Rettungsdienst machen. \u201e\u00dcbrigens, ich bin Thabo.\u201c \u201eRichter\u201c, stellt auch der alte Herr sich vor. \u201eFerdinand Richter. Danke, dass du mir geholfen hast.\u201c \u201eIst doch selbstverst\u00e4ndlich!\u201c, murmele ich. Irgendwie macht es mich verlegen, dass er sich bedankt f\u00fcr was, was jeder getan h\u00e4tte. Okay, oder h\u00e4tte tun sollen, gibt ja wirklich welche, die einfach weggucken.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Allzu schlimm hat es Herrn Richter offenbar zum Gl\u00fcck nicht erwischt. Vor allem hatte er wirklich Dusel, dass er sich den Kopf nicht angeschlagen hat. Der Schreck steckt ihm noch in den Knochen, aber davon ab \u2026 Knie und Ellbogengelenk, jeweils auf der linken Seite, tun ihm weh, aber wenn er stillh\u00e4lt, geht\u2019s, sagt er. Bewegen kann er sie auch. Verstaucht, geprellt, so genau kenne ich mich da nicht aus, aber nichts, was nicht bald wieder heilen w\u00fcrde.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um sich selbst macht Herr Richter sich auch keine Sorgen, nachdem er erst mal den Schrecken verdaut hat. Aber dass er wohl erst mal mit ins Krankenhaus muss, um sich gr\u00fcndlich untersuchen zu lassen, dass gef\u00e4llt ihm gar nicht. Er ist Rentner, und 364 Tage im Jahr h\u00e4tte er es verschmerzen k\u00f6nnen, f\u00fcr ein paar Stunden aus dem Verkehr gezogen zu werden. Aber ausgerechnet heute war er auf dem Weg zu einem Termin, der ihm wirklich wichtig ist.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon seit zw\u00f6lf Jahren, erz\u00e4hlt er mir, besucht er am 3. oder 4. Advent ein Waisenhaus in der Stadt und tritt dort als Weihnachtsmann auf. Wie er da drangekommen ist, ist schon eine Geschichte f\u00fcr sich, seine Enkelin war damals in der 3. Klasse, und eine Klassenkameradin von ihr musste f\u00fcr ein paar Wochen in dem Heim einziehen. Die Mutter musste operiert werden, Vater gab\u2019s nicht, und sonst war auch keiner da, der sich so lange um sie h\u00e4tte k\u00fcmmern k\u00f6nnen. Der Opa, also Herr Richter, hat das alles von seiner Enkelin erz\u00e4hlt gekriegt, auch dass manche Kinder da kaum je Besuch bekommen. Irgendwie ist daraus dann die Idee mit dem Weihnachtsmann entstanden, und die Heimleitung war begeistert.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tja, und dabei ist er geblieben, er kann sich auch gar nicht mehr vorstellen, nicht hinzugehen. Aber mit den vermurksten Gelenken wird das nichts, das wei\u00df er, und ihm tun die Kinder leid, die jetzt vergeblich warten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eSag mal\u201c, sagte er irgendwann ganz vorsichtig, \u201ekannst du ihnen wenigstens das Kost\u00fcm bringen?\u201c Er bei\u00dft sich auf die Lippen. \u201eNa ja, wenn es kein zu gro\u00dfer Umweg f\u00fcr dich ist. Vielleicht kann dann einer von den Betreuern \u2026\u201c \u201eIch hab Zeit\u201c, antworte ich. \u201eIch wollte ein paar Fotos machen in der Stadt, das l\u00e4uft nicht weg.\u201c \u201eDanke, Junge\u201c, sagt Herr Richter, und ich sehe, dass ihm das wirklich etwas bedeutet. \u201eSolche wie dich, da br\u00e4uchte es viel mehr von.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich merke, dass ich rot werden. Ist Hilfsbereitschaft wirklich so ungew\u00f6hnlich? Aber sagen will ich nichts, das s\u00e4he vielleicht nach \u201eFishing for Compliments\u201c aus.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bis ich mich auf den Weg zum Heim machen kann, vergeht noch mal eine gute Viertelstunde. Der Rettungswagen kommt, die Sanit\u00e4ter untersuchen Herrn Richter und meinen, dass er wohl noch mal gut weggekommen ist. Trotzdem wollen sie ihn mitnehmen, zur Sicherheit. Eine Nacht im Krankenhaus, nur um sicherzugehen, dass sein Kopf nicht doch zu sehr durchgesch\u00fcttelt wurde, auch wenn\u2019s bis jetzt nicht danach aussieht.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Rettungswagen ist noch nicht wieder weg, da meldet sich das n\u00e4chste Auto mit exklusiver Dachbeleuchtung. Die Polizei, die hat wohl auch der Busfahrer angefordert, oder die Leitstelle hat von sich aus angerufen. Klar, die werden versuchen, diesen verhinderten D\u00fcsenjetpiloten zu finden, der schuld ist, dass der Busfahrer so pl\u00f6tzlich bremsen musste. Kann sein, dass Herr Richter eine Mitschuld bekommt, weil er sich nicht richtig festgehalten hat, trotzdem, so ein \u00dcberholman\u00f6ver geht gar nicht.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich muss auch eine Aussage machen, aber viel helfen kann ich den Polizisten nicht. Ein dunkler Wagen war\u2019s, flach und eher was Sportliches oder vielleicht eine Limousine. Das Modell konnte ich nicht erkennen, geschweige denn das Kennzeichen. Ich f\u00fcrchte, sie werden ihn nicht kriegen, es sei denn, es melden sich noch Zeugen, irgendwelche Leute, die drau\u00dfen auf dem B\u00fcrgersteig unterwegs waren, oder andere Autofahrer.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachdem die Polizisten noch meine Personalien aufgenommen haben, auch meine Handynummer f\u00fcr den Fall, dass sie sp\u00e4ter noch Fragen haben, kann es endlich weitergehen. Aber was hei\u00dft: weiter? Der Bus hat mittlerweile so viel Versp\u00e4tung, eigentlich h\u00e4tte er schon wieder auf dem R\u00fcckweg hier vorbeikommen m\u00fcssen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Busfahrer spricht noch mal kurz mit seiner Leitstelle, jetzt, wo er wei\u00df, wie gro\u00df die Versp\u00e4tung geworden ist. Das Ende vom Lied: Ich bekomme eine Extratour. Der Bus f\u00e4hrt die Strecke weiter, aber nur bis zu der Haltestelle, an der ich aussteigen muss, sodass ich nicht auf den n\u00e4chsten warten muss, der in einer halben Stunde kommt. Weil er ohnehin sehen muss, wo er da drehen kann, das ist ja keine Endstelle normalerweise, f\u00e4hrt der Fahrer kurzerhand direkt am Heim vorbei und setzt mich vor der T\u00fcr ab.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Haus ist ganz sch\u00f6n riesig, drei Stockwerke, bestimmt so breit wie drei Wohnh\u00e4user, Ziegelmauern. Hinter vielen Fenstern brennt Licht, einige sind weihnachtlich geschm\u00fcckt: Sterne aus buntem Transparentpapier, Aufh\u00e4nger in allen m\u00f6glichen Formen. \u00dcber dem Haupteingang h\u00e4ngt eine Lichterkette, sie brennt, wirkt aber nicht so richtig. Es ist einer dieser Tage, die nicht richtig hell werden wollen, grau in grau, wenn man lesen will oder so, braucht man Licht, aber f\u00fcr die Lichterkette ist es dann doch wieder zu hell.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie viele Kinder hier wohl leben? Und wie lange? Vielleicht sind welche dabei, die gar nichts anderes kennen, die hergekommen sind, als sie noch ganz klein waren? Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das ist, niemanden zu haben, keine Eltern, und sonst auch keinen. Klar, manchmal nerven meine Eltern auch, aber ohne sie \u2026<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die T\u00fcr ist zu, aber daneben gibt es eine Klingel. Ich atme tief durch, lege den Daumen auf den Knopf und dr\u00fccke. Eine schrille Schelle ist von drinnen zu h\u00f6ren, die \u00fcberh\u00f6rt man auch nicht, wenn alle Kinder am Rumtoben sind.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bis sich etwas tut, dauert es einen Moment. Irgendwann sehe ich einen Schemen hinter dem Fensterchen in der dicken Holzt\u00fcr, und neben der Kamera unter der Klingel geht ein rotes Licht an. Das bedeutet wohl, dass ich gerade gefilmt werde, und im ersten Reflex will ich mich wegdrehen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eJa, bitte?\u201c, fragt eine Frauenstimme. Das klingt nicht unfreundlich, aber ich glaube, die Frau kann auch energisch sein, wenn\u2019s sein muss. Ich nenne meinen Namen und f\u00fcge hinzu, dass Herr Richter mich schickt. \u201eEr hatte einen Unfall, eben im Bus. Er ist nicht schlimm verletzt, aber er kann nicht kommen heute. Deshalb soll ich die Sachen bringen.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Moment ist Schweigen im Walde. Klar, dass muss sie auch erst mal verdauen. Wahrscheinlich war sie fest davon ausgegangen, dass Herr Richter da ist, er h\u00e4tte ja schon vor einer halben Stunde hier sein sollen. \u201eOkay\u201c, sagt die Stimme dann, \u201ehast du einen Ausweis?\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hui, Fort Knox l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen! Aber die m\u00fcssen hier wohl so aufpassen, damit nichts passiert. Jeder muss sich \u00fcberlegen, wen er reinl\u00e4sst, und hier m\u00fcssen sie ganz besonders vorsichtig sein, sch\u00e4tze ich. Da sind bestimmt auch welche unter den Kindern, die sind hier, weil die Eltern gewaltt\u00e4tig sind, und da muss man dann damit rechnen, dass sie versuchen, die Kinder mit allen Mitteln zur\u00fcckzuholen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es dauert noch mal ein paar Sekunden, dann habe ich die Einlasskontrolle bestanden. Die T\u00fcr geht auf und wird hinter mir gleich wieder ins Schloss gedr\u00fcckt. Ich stehe einer Frau in Jeans und Sweatshirt gegen\u00fcber, sch\u00e4tze, sie wird so an die vierzig sein. Ein bisschen erinnert sie mich an meine Englischlehrerin. Die ist auch meistens freundlich, aber sie kann auch ganz sch\u00f6n streng sein, wenn\u2019s sein muss.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcber den Namen k\u00f6nnte ich schmunzeln, wenn der Grund, warum ich hier bin, nicht so bl\u00f6d w\u00e4re. Fassnacht hei\u00dft sie, Sonja Fassnacht. Sie l\u00e4sst sich genauer erz\u00e4hlen, was Herrn Richter zugesto\u00dfen ist, will vor allem wissen, wie es ihm jetzt geht. Dass er keine schlimmen Verletzungen hat und nur zur Sicherheit eine Nacht im Krankenhaus bleiben soll, beruhigt sie etwas. Sie ist daran gew\u00f6hnt, Krisen zu managen, in ihrem Job muss sie das auch k\u00f6nnen, trotzdem merkt man, dass die Nachricht von dem Unfall sie mitnimmt.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Gedanken ist sie aber schon einen Schritt weiter. Sie betrachtet mich noch mal von oben bis unten, irgendwas schwant mir da schon, ohne dass ich es richtig zu fassen kriege. Erst als sie es ausspricht, merke ich, dass ich das irgendwie schon bef\u00fcrchtet habe: \u201eHast du ein bisschen Zeit? Es w\u00e4re toll, wenn du f\u00fcr Herrn Richter einspringen k\u00f6nntest.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Irgendwie m\u00f6chte ich ihr schon helfen. Ich kann mir ja vorstellen, wie die Kinder auf den Weihnachtsmann warten, wahrscheinlich sind sie schon ganz hibbelig, einmal sowieso, und dann noch mal extra, weil er ja eigentlich viel fr\u00fcher erwartet wurde. Wenn er jetzt gar nicht kommt, sind die Kinder bestimmt todtraurig.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Blo\u00df: Mit mir und Weihnachten, da ist nicht viel. Papa, er ist fast 50, ist noch in der DDR gro\u00df geworden, und da wurde Weihnachten ja von oben umgedeutet. Deshalb hat er da bis heute nicht so die Verbindung zu, sagt er immer. Mum stammt aus Gambia, Papa hat sie kennengelernt in seiner Zeit als Entwicklungshelfer. In dem Dorf, aus dem sie kommt, ist Weihnachten auch kein Thema.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein bisschen feiern wir trotzdem, ich glaube, Mum und Papa haben das angefangen, damit ich nicht der Einzige von meinen Freunden bin, der kein Weihnachten hat. Es gibt Geschenke und ein besonderes Essen, und wir haben einen Plastik-Tannenbaum und ein bisschen Deko. Ich find\u2019s ganz sch\u00f6n, wenn wir dann abends zusammen sind, aber so richtig viel von all dem, was da noch zugeh\u00f6rt, hab ich nicht mitbekommen. Klar kenne ich die Geschichte von Jesus\u2018 Geburt, und dass der Weihnachtsmann eine Werbefigur ist, die sich selbstst\u00e4ndig gemacht hat, wei\u00df ich auch noch, aber danach hakt\u2019s wirklich aus. Wie soll ich da einen \u00fcberzeugenden Weihnachtsmann geben?<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWas muss ich denn da machen?\u201c, stelle ich nach ein paar Sekunden die wohl d\u00fcmmste aller Fragen. Damit sage ich doch fast schon, dass ich will, wenn mir nur einer zeigt, wie\u2019s geht! Aber okay, wenn ich\u2019s nicht machen w\u00fcrde, h\u00e4tte ich auch ein schlechtes Gewissen, also gut. Ich lasse mir von Frau Fassnacht erkl\u00e4ren, was mich erwartet, und schl\u00fcpfe dabei schon ins Kost\u00fcm. Gar nicht mal so bequem! Der Mantel ist eigentlich okay, blo\u00df zu warm f\u00fcr drinnen. Aber M\u00fctze und Bart, das geht echt an die Substanz, ich merke jetzt schon, wie ich schwitze, und das ist nicht nur die Aufregung.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter f\u00fchrt Sonja \u2013 sie sagt, ich soll sie duzen \u2013 mich in einen gro\u00dfen Saal, der weihnachtlich hergerichtet ist. In einer Ecke steht ein gro\u00dfer Baum, voll mit allerlei Schmuck. Mir f\u00e4llt auf, dass es viele unterschiedliche Sachen sind, Kugeln, Strohsterne, Papiersterne, Engelsfiguren aus Pappe und Filz, wahrscheinlich alles, was Generationen von Kindern hier gebastelt haben. Das Licht ist ged\u00e4mpft, nur ein paar Stehlampen brennen, das Deckenlicht ist aus. Kerzen haben sie nicht aufgestellt, das ist wohl auch besser so bei 30, 40 Kindern. Die \u00e4ltesten hier im Saal sind zw\u00f6lf, dreizehn, danach haben sie nicht mehr so viel Interesse an der Weihnachtsfeier, auch das hat Sonja mir verraten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mir \u2013 eigentlich ja Herrn Richter \u2013 ist ein Platz vor Kopf zugedacht, direkt neben dem Weihnachtsbaum. Ein Stuhl mit Armlehnen, komplett verborgen unter einer Wolldecke. Als ich mich setze, sp\u00fcre ich, dass die Armlehnen gepolstert sind.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ganz ehrlich, mir geht ganz sch\u00f6n die Pumpe, und jetzt ist es gut, dass ich den falschen Bart hab. Ansonsten w\u00fcrde man schon in der hintersten Reihe sehen, wie viel Bammel ich habe.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eHallo Kinder!\u201c, begr\u00fc\u00dfe ich die Jungen und M\u00e4dchen, die mich erwartungsvoll anschauen. \u201eGeht es euch gut?\u201c \u201eJa!\u201c, rufen einige, ein paar nicken nur. \u201eWarum kommst du so sp\u00e4t?\u201c, fragt ein Junge mehr neugierig als vorwurfsvoll. \u201eWir haben schon alle Lieder gesungen!\u201c Klar, irgendwie musste Sonja die Kinder ja besch\u00e4ftigen. Da macht sich dieser Schumi-Verschnitt wahrscheinlich \u00fcberhaupt keine Vorstellung von. Hoffentlich findet die Polizei ihn!<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber das soll mich jetzt nicht interessieren. Wenn ich schon den Weihnachtsmann spiele, dann sollen die Kinder auch Spa\u00df daran haben. \u201eWir k\u00f6nnen ja trotzdem noch singen\u201c, schlage ich vor, und zum Gl\u00fcck machen die Kinder mit. Die kleinen sind die Treiber, sie schauen sofort zu Sonja, die ihnen sagen soll, mit welchem Lied sie anfangen. Die \u00e4lteren ziehen mit.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das erste Lied ist \u201eStille Nacht\u201c, das kenne ich sogar. Auch wenn wir zu Hause keine Weihnachtslieder singen, ich reise ja nicht vor dem 1. Advent ab zum Mond und komme nach Weihnachten wieder! Man muss ja nur durch die Stadt gehen, und in der Grundschule hatten wir auch Weihnachtsfeiern. Die erste Strophe kann ich, ich singe aber nur leise mit, weil ich mir nicht sicher bin, wie gut ich die Melodie beherrsche. Danach kann ich nur noch mitsummen, aber das ist gar nicht schlimm. Die Kleinen singen begeistert, auch die Gr\u00f6\u00dferen f\u00fchlen sich wohl, auch wenn sie nat\u00fcrlich wissen, dass der Weihnachtsmann nicht echt ist.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr mich f\u00fchlt sich das alles ungewohnt an, aber die Stimmung gef\u00e4llt mir. Die Kinder genie\u00dfen es, ob sie nun noch an den Weihnachtsmann glauben oder nicht, ob sie merken, dass der Weihnachtsmann in diesem Jahr anders aussieht als sonst, oder nicht.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit viel Freude tragen sie nach dem Singen vor, was sie extra f\u00fcr den Weihnachtsmann \u2013 aber eigentlich mehr f\u00fcr sich und ihre Kameraden \u2013 einge\u00fcbt haben. Ich find\u2019s gut, dass niemand allein vor mir stehen muss, da h\u00e4tten wohl einige doch Angst gehabt. Sie machen es in kleinen Gruppen und machen sich so gegenseitig Mut. Sie tragen Gedichte vor, eigene oder gefundene, vier M\u00e4dchen lesen mit verteilten Rollen eine weihnachtliche Geschichte vor. Zwei Jungen jonglieren, das hat zwar auf den ersten Blick nichts mit Weihnachten zu tun, aber das finde ich gar nicht schlimm. Auch die Zaubertricks, die ein Junge und ein M\u00e4dchen einstudiert haben, die beiden m\u00f6gen in der 1. oder 2. Klasse sein, haben ihren Platz bei der Weihnachtsfeier.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Allm\u00e4hlich f\u00fchle ich mich etwas sicherer, und irgendwie macht\u2019s sogar Spa\u00df. Die Kinder haben Freude an der Sache, und ich muss gar nicht mal viel tun daf\u00fcr. Ich klatschte Beifall, und wenn mal was nicht so klappt, gerade bei den Kleineren, muntere ich sie ein bisschen auf. Oft reicht schon ein L\u00e4cheln daf\u00fcr.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Deshalb \u00fcberlege ich auch nicht lange, als Sonja mich nach dem letzten Auftritt fragt, ob ich schnell wieder wegmuss. Ansonsten gibt\u2019s jetzt Kakao, Pl\u00e4tzchen und Christstollen, ich bin herzlich eingeladen, dazubleiben und mitzufuttern. Mit dem Fotografieren wird\u2019s dann heute wohl nichts mehr, aber deswegen bin ich nicht traurig.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Junge kommt zu mir r\u00fcber, sch\u00e4tze mal, er ist zehn oder elf. \u201eDu bist aber nicht der Weihnachtsmann vom letzten Jahr, oder?\u201c, sagt er mir auf den Kopf zu. Erst auf den zweiten Blick sehe ich, dass es derselbe Junge ist, der mich eben gefragt hat, warum ich so sp\u00e4t komme. Soll ich ihm die ganze Geschichte erz\u00e4hlen? Ich will nicht, dass er einen Schrecken kriegt, aber ich will auch nicht l\u00fcgen. \u201eEr hatte einen kleinen Unfall auf dem Weg hierher\u201c, erkl\u00e4re ich. Ich spreche leise, fl\u00fcstere fast, damit die Kinder nichts h\u00f6ren, die noch an den Weihnachtsmann glauben und den Austausch hinter dem Bart nicht bemerkt haben. \u201eNicht Schlimmes\u201c, schiebe ich rasch hinterher. \u201eEr hat sich gesto\u00dfen, als der Bus pl\u00f6tzlich bremsen musste. Wahrscheinlich ist gar nichts, h\u00f6chstens blaue Flecken, aber die Sanit\u00e4ter bringen ihn trotzdem ins Krankenhaus, damit er richtig untersucht werden kann. Manche Verletzungen sieht man nicht so leicht, da braucht man Ger\u00e4te f\u00fcr, manchmal richtige Maschinen, die sind viel zu schwer f\u00fcr den Krankenwagen.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bin mir nicht sicher, ob der Junge das versteht, aber er ist aufgeweckter, als ich dachte. Vielleicht fehlt mir auch einfach die Erfahrung, um einzusch\u00e4tzen, was Kinder in dem Alter alles wissen und was nicht. Wusste ich damals schon, was f\u00fcr Kl\u00f6tze das sein k\u00f6nnen, MRT und alles? Keine Ahnung. \u201eEin R\u00f6ntgenger\u00e4t?\u201c, sagt er. Er sieht wohl meinen verwunderten Blick und deutet quer durch den Raum auf ein rothaariges M\u00e4dchen, das im selben Alter zu sein scheint. \u201eHelene ist letztes Jahr vom Fahrrad gefallen\u201c, erz\u00e4hlt er. \u201eMit dem Kinn auf den Boden gefallen ist sie. Sie musste auch ins Krankenhaus zum R\u00f6ntgen.\u201c Klar, wenn er das mitgekriegt hat, wei\u00df er das nat\u00fcrlich. \u201eVersteht ihr euch gut?\u201c, frage ich ihn. Wei\u00df gar nicht warum, f\u00fchlt sich irgendwie richtig an, und ich hab den Eindruck, dass er sie mag.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er erz\u00e4hlt mir, dass er Helene schon so lange kennt, wie er hier ist, und das ist sehr lange. Schon als Baby ist er ins Heim gekommen, an seine Eltern kann er sich nicht entsinnen. Ich will nicht nachfragen, aber er erz\u00e4hlt mir von ganz allein, dass sie keine Ahnung hatten, wie sie mit einem Baby umgehen sollten, dass sie sich aber auch von niemandem helfen lassen wollten. So hatte das Jugendamt ihn wegnehmen m\u00fcssen, und seitdem bekommt er zweimal im Jahr eine Karte von ihnen, zum Geburtstag und zu Weihnachten. Gesehen hat er sie nie, sie sind weit weg gezogen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Helene war schon da, als er kam, auch das verr\u00e4t er mir. Ihre Eltern sind bei einem Autounfall gestorben, eine Weile war sie dann bei ihren Gro\u00dfeltern, bis die einsehen mussten, dass sie nicht mehr gesund genug sind, um sie gro\u00dfzuziehen. Weil sie fast gleich alt sind, Helene ist eine Woche \u00e4lter als er, haben sie viel zusammen gemacht, und solange sie denken k\u00f6nnen, sind sie ein unzertrennliches Gespann. Der Junge \u2013 Marvin hei\u00dft er, wie ich inzwischen wei\u00df \u2013 will gar nicht mehr weg hier, denn dann m\u00fcsste er Helene zur\u00fccklassen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Irgendwie ist das bedr\u00fcckend, vor allem, wenn man bedenkt, dass alle Kinder hier eine \u00e4hnlich traurige Geschichte mit sich herumtragen. Aber Marvin macht einen fr\u00f6hlichen Eindruck, auch die anderen wirken ganz normal und nicht irgendwie melancholisch oder so. Gut, dass es Menschen gibt wie Sonja, die versuchen, ihnen ein gutes Zuhause zu geben!<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich wieder auf die Stra\u00dfe trete, ist es schon dunkel. Die Zeit ist echt vergangen wie im Flug, und ich bin froh, dass ich nicht nein gesagt hab \u2013 erst zu Herrn Richter wegen der Sachen, dann zu Sonja. Es hat Spa\u00df gemacht, und den Kindern hat\u2019s offensichtlich gefallen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bis der n\u00e4chste Bus kommt, dauert es noch, ich beschlie\u00dfe, zwei oder drei Haltestellen zu laufen, je nachdem, wie weit ich komme. Das kann nicht schaden, ich bin ziemlich vollgefuttert. Also, backen k\u00f6nnen sie da im Heim, oder sie haben einen guten Lieferanten.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Entsprechend wenig Hunger habe ich beim Abendessen. Sp\u00e4testens da w\u00e4re aufgefallen, dass irgendwas nicht ist wie sonst, aber ich erz\u00e4hle meinen Eltern direkt, als ich zu Hause bin, wie ich den Nachmittag verbracht habe. Sie finden\u2019s klasse und meinen, wenn ich\u2019s nicht gemacht h\u00e4tte, h\u00e4tte es bestimmt viele Tr\u00e4nen gegeben. Ich denke, sie haben recht, die Kinder waren echt gl\u00fccklich, als der Weihnachtsmann doch noch gekommen ist.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Schule erz\u00e4hle ich nichts davon, was ich am Sonntagnachmittag erlebt habe. Glaube nicht, dass das so gut ankommen w\u00fcrde, Weihnachtsmann spielen, das ist doch was f\u00fcr alte Leute, werden sie sagen.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber irgendwie ist die Geschichte durchgesickert, keine Ahnung, wie. Irgendjemand, der eines der Kinder aus dem Heim kennt, vielleicht hat Sonja auch ein Foto von der Feier an die Lokalredaktion der Tageszeitung geschickt. \u201eWo hast du denn deinen Bart gelassen?\u201c, begr\u00fc\u00dft mich Mirko lautstark, sobald ich das Klassenzimmer betrete. Mirko h\u00e4lt sich f\u00fcr den Coolsten, und ein paar stehen tats\u00e4chlich auf seine Witze. Wenn die lachen, gibt ihm das was, und er legt gleich den n\u00e4chsten nach. Finn hat mal gesagt, Mirkos Humor w\u00e4re was f\u00fcr Bergleute, tief unterirdisch n\u00e4mlich. Finn ist eher ein ruhiger Typ, l\u00e4sst sich nicht von Mirko reizen, aber wenn er seine Meinung sagt, dann deutlich.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass ich bedingt durch die Busfahrpl\u00e4ne fast jeden Morgen einer der Letzten bin, die kommen, spielt Mirko nat\u00fcrlich in die Karten: So hat er ein sch\u00f6n gro\u00dfes Publikum, genau das, was er liebt.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr den Moment erwischt er mich auf dem falschen Fu\u00df, und ich wei\u00df nicht, was ich sagen soll. Aber Mirko erwartet auch keine Antwort, er will einfach nur spotten. \u201eHast du ein Foto davon?\u201c, fragt er provokant. \u201eDas w\u00fcrde ich gerne mal sehen. Sieht bestimmt total albern aus, so richtig kitschig.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er wirft einen Blick zu den hinteren Reihen am Fenster. \u201eHey, Nele, kannst du dir das vorstellen, Thabo mit so einem roten Mantel mit Kissen drunter und allem?\u201c Ich glaube, dass ich Nele mag, wei\u00df er schon eine ganze Weile, auch wenn ich versucht habe, es zu verbergen. Er hat bis jetzt nur keinen Dreh gefunden, was daraus zu machen, jetzt hat er was. Er wei\u00df, dass es mich trifft, wenn er mich speziell vor ihr l\u00e4cherlich macht. Das Bl\u00f6de ist, ich kann es nicht verhindern, h\u00f6chstens mit Gewalt. Aber das geh\u00f6rt sich nicht und w\u00fcrde mir bei Nele auch keine Pluspunkte einbringen. Ich denke sogar, sie wei\u00df auch, dass ich was von ihr will, ahnt es zumindest, aber sie h\u00e4ngt mich nicht hin.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ganz langsam legt Nele den Stift weg, mit dem sie irgendwas in ihr Heft geschrieben hat, und steht auf. \u201eDu kommst dir mal wieder irre witzig vor, was?\u201c, sagte sie zu Mirko. \u201eBist du irgendwo als Weihnachtsmann aufgetreten?\u201c, will sie dann von mir wissen. Ich kann nur nicken. \u201eIm Kinderheim\u201c, setzt Mirko sie an meiner Stelle ins Bild. \u201eWie \u2026\u201c \u201eWie was?\u201c, hakt Nele nach. Ihre Stimme klingt immer noch ruhig, aber gleichzeitig wirkt die Frage so scharf wie eine Diamantklinge. \u201eWie cool, dass er das macht?\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der sitzt, und ich bin Nele einfach nur dankbar. Das m\u00fcsste sie nicht, sich so f\u00fcr mich einsetzen. Mirko kaut an den Worten, Nele hat\u2019s gemacht wie beim Judo und seine eigene Kraft gegen ihn verwendet. Jetzt wei\u00df er nicht, was er sagen soll, aber ich f\u00fcrchte, er wird gleich mit irgendwas zur\u00fcckkommen, das ganz tief unter die G\u00fcrtellinie geht, um sich zu \u201erehabilitieren\u201c.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eSpar dir die M\u00fche!\u201c, sagte Nele, die das nat\u00fcrlich auch wei\u00df. \u201eWenn du meinst, du m\u00fcsstest Thabo jetzt blamieren, weil er \u2026 Das wei\u00df ich, und da brauchst du gar nicht dr\u00fcber zu lachen.\u201c<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich schlucke. Jetzt wei\u00df es die ganze Klasse, das kann sie doch eigentlich nicht wollen, oder? Okay, ich bin blamiert, nicht sie, aber trotzdem. Auf mitleidige Blicke kann sie auch verzichten, da bin ich mir sicher.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erst als sie sich zu mir umdreht und auf mich zukommt, ahne ich, dass da noch etwas ist, was ich noch nicht ganz fassen kann. \u201eIch hab auf den perfekten Moment gewartet\u201c, sagt sie sanft. \u201eGanz ehrlich, ich hab\u2019s mir ganz anders vorgestellt.\u201c Noch w\u00e4hrend sie spricht, greift sie nach meinen H\u00e4nden. \u201eAber wenn\u2019s so sein soll, dass ich es dir jetzt sage, dann ist es auch richtig.\u201c Ich betrachte ihr Gesicht, ihr L\u00e4cheln, und pl\u00f6tzlich f\u00fchle ich mich ganz leicht. Tsch\u00fcss, Mirko, ich bin dann mal auf den Wolken schweben!<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alter, entweder die Geschwindigkeitsvorschriften oder die Mindestflugh\u00f6he, eins von beiden musst du schon einhalten! 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